Über die Grenzen von Medien hinweg analysiert

Florian Schwarz untersucht Dürrenmatts "Das Versprechen" und zwei seiner Verfilmungen

Von Andreas Mair am TinkhofRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Mair am Tinkhof

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den frühen Tagen des Kinos, als die Bilder vor mehr als hundert Jahren gerade zu laufen gelernt hatten, erfreute es sich bei Filmschaffenden großer Beliebtheit, ein literarisches Werk für die Leinwand zu adaptieren. So stand zum Beispiel schon 1902, als mit Georges Méliès "Die Reise zum Mond" das Genre des Science-Fiction-Films aus der Taufe gehoben wurde, Jules Vernes "Von der Erde zum Mond" Pate: Mit dem gut viertelstündigen Streifen war ein erster internationaler Filmerfolg entstanden.

Bis zum heutigen Tag hat sich die Neigung der Produzenten für Literaturverfilmungen erhalten - und als einschlägiges, aktuelles Beispiel mag Tom Tykwers Verfilmung von Patrick Süskinds "Das Parfüm" genügen. Hinter dieser Vorliebe steht freilich nicht unbedingt die Kunst- und Literatursinnigkeit der Filmfinanziers, sondern handfestes ökonomisches Interesse: Filmemachen ist teuer, ein Kinoerfolg nicht sicher kalkulierbar - da kommt es gerade recht, wenn ein Filmstoff neben einer guten Geschichte gleich noch eine durch die literarische Version bereits eroberte Fangemeinde mitbringt.

Literaturverfilmungen sind also eine feste Größe in der Kino- und Fernsehlandschaft, und in seiner Untersuchung "Der Roman 'Das Versprechen' von Friedrich Dürrenmatt und die Filme 'Es geschah am hellichten Tag' (1958) und 'The Pledge' (2001)" beschäftigt sich Florian Schwarz mit einem besonders interessanten Fall des Wechselspiels von Buch und Film: "Es geschah am hellichten Tag" wurde 1958 eben nicht als Verfilmung von "Das Versprechen" produziert - sondern Dürrenmatt schrieb den Roman erst, nachdem er maßgeblich am Filmdrehbuch mitgewirkt hatte. Dürrenmatts Roman und den nach seinem Drehbuch produzierten Film vergleicht Schwarz nach inhaltlichen sowie formalen Aspekten - und zieht noch den 2001 unter der Regie von Sean Penn hergestellten "The Pledge" hinzu, der eine Literaturverfilmung im klassischen Sinn ist.

Schwarz' Ergebnisse beim inhaltlichen Vergleich von "Das Versprechen" und "Es geschah am hellichten Tag" stellen den am wenigsten überraschenden Teil des Buches dar: Dürrenmatt verfolgte unterschiedliche Absichten, als er Drehbuch bzw. Roman schrieb, und von daher setzte er andere Akzente bzw. variierte das Ende. Zwar erzählen sowohl Buch als auch Film die Geschichte eines Polizisten, der auf eigene Faust nach einem Kindermörder sucht und auf seiner Jagd nach dem Verbrecher ein kleines Mädchen als Köder verwendet - der Film jedoch sollte nach dem Willen des Produzenten als Lehrstück vor der Gefahr durch Kindermörder warnen, während Dürrenmatt mit dem Roman (wie es schon im Untertitel des Buches formuliert ist) ein "Requiem auf den Kriminalroman" vorlegen wollte. Der entscheidende Unterschied zwischen Buch und Film ist dabei die Rolle des Zufalls: In "Es geschah am hellichten Tag" schnappt Matthäis Falle zu und er stellt den Kindermörder, in "Das Versprechen" bleibt die Falle leer - weil der Mörder, kurz bevor sie zuschnappen soll, zufällig Opfer eines Verkehrsunfalls wird. Weil der Ermittler das nicht weiß, zweifelt er an sich und verzweifelt an der Welt. Dass sich, wie Schwarz solide herausarbeitet, aus diesen unterschiedlichen Ansprüchen Dürrenmatts und Zufallskonfigurationen in der Geschichte auch Unterschiede in der Figurenzeichnung des Protagonisten Matthäi ergeben, ist unmittelbar einleuchtend.

Besonders interessant wird Schwarz' Buch vor allem dann, wenn der Autor "The Pledge" unter die Lupe nimmt: In Sean Penns Werk entdeckt er primär das Psychogramm eines Ermittlers, der in der amerikanischen Fassung Black heißt. Wenngleich Schwarz mehr noch als den Abgesang auf das Genre des Hollywood-Films die Demontage der Detektiv-Gestalt als Hauptziel von Sean Penns Film identifiziert, interpretiert er "The Pledge" doch auch als "Requiem auf den Hollywood-Film". Bei diesen Fragen über die Verbindung der literarischen Vorlage "Das Versprechen" und der Verfilmung "The Pledge" hätte man sich ein noch längeres Verweilen des Autors gewünscht.

Insgesamt macht Florian Schwarz formale und inhaltliche Analyse geschickt für einander nutzbar, und so ist ihm eine interessante Studie gelungen, die am Beispiel von Literatur und Film zeigt, wie Erzählanalysen über die Grenzen von Medien hinweg durchgeführt werden können. Als solche ist sie sowohl für film- wie literaturwissenschaftlich Interessierte durchaus lesenswert.


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Florian Schwarz: Der Roman "Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt und die Filme "Es geschah am hellichten Tag" (1958) und "The Pledge" (2001).
LIT Verlag, Berlin 2006.
163 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3825892999

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