Expandierendes Forschungsfeld

Ein Sammelband lotet die Perspektiven der Pietismusforschung aus

Von Wolfgang BreulRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wolfgang Breul

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit seiner Gründung 1993 hat sich das Interdisziplinäre Zentrum für Pietismusforschung in Halle zu einem Mittelpunkt des seit den 1960er-Jahren aufblühenden Forschungsfelds entwickelt. So war es folgerichtig, dass das Pietismuszentrum unter der Führung von Udo Sträter 2001 zum ersten großen Internationalen Pietismuskongress in den Franckeschen Stiftungen einlud. Die Beiträge dieser interdisziplinären Tagung sind in zwei Bänden erschienen, die den gegenwärtigen Stand der Pietismusforschung in vorzüglicher Weise wiederspiegeln.

In geografischer Hinsicht hat sie den mitteleuropäischen Raum längst überschritten; der Doppelband versammelt Vorträge zu Ost- und Südosteuropa, zu Russland und dem Baltikum, Skandinavien, Nordamerika und Indien. Ebenso haben die Theologen die Vorherrschaft in der Pietismusforschung verloren. Lediglich eine der sieben Sektionen des Kongressbandes ist dem "Pietismus als theologische und frömmigkeitsgeschichtliche Erscheinung" gewidmet. Die übrigen Abteilungen thematisieren seine Beziehungen zu Staat und Gesellschaft, zu den Künsten, zu Pädagogik, Psychologie und Medizin; sie fragen nach den internationalen Beziehungen und insbesondere seinen missionarischen Aktivitäten und stellen abschließend "Projekte zur Erschließung von pietistischen Quellen" vor. Aus der Fülle der in diesem Doppelband versammelten Arbeiten kann hier nur eine kleine subjektive Auswahl vorgestellt werden, die den Akzent auf die Hauptvorträge und literaturwissenschaftlich orientierte Beiträge legt.

Die vorangestellte Gruppe der Hauptvorträge wird eröffnet durch eine Bilanz der Pietismusforschung. Hartmut Lehmann skizziert den Aufschwung des Forschungsfeldes nicht nur mit Blick auf die inzwischen erreichte Internationalität und Interdisziplinarität, sondern auch hinsichtlich des Zeitrahmens. Während ältere Gesamtdarstellungen des Pietismus sich auf das späte 17. Jahrhundert und das 18. Jahrhundert beschränken, setzt das neueste Gemeinschaftswerk "Die Geschichte des Pietismus" bereits um 1600 mit dem englischen Puritanismus und dem niederländischen Präzismus ein und führt bis zu den evangelikalen Bewegungen und zum christlichen Fundamentalismus im 19. und 20. Jahrhundert, eine in der Forschung diskutierte Konzeption. Lehmann formuliert von dem erreichten Stand ausgehend weiterführende Aufgaben wie die Frage nach der Erinnerungskultur und Identitätsbildung, nach dem Zusammenhang der Krise des 17. Jahrhunderts mit der neu aufkommenden Frömmigkeit und nach den Netzwerken von Innerer und Äußerer Mission. Ein soziologischer Blick auf die Formen und Praxis religiöser Vergemeinschaftung sei ebenso nötig wie eine neue Auseinandersetzung mit der Periodisierung des Pietismus. Lehmanns anregende Aufgabenstellung zielt darauf, neue innovative Fragestellungen der historischen Disziplinen für die Pietismusforschung fruchtbar zu machen.

Udo Sträter platziert das Reformprogramm August Hermann Franckes und des Halle'schen Pietismus "zwischen Utopie und Weltgestaltung". In Weiterführung der älteren Arbeiten von Carl Hinrichs zeigt Sträter die Bezüge Franckes zu den utopischen Reformentwürfen des 17. Jahrhunderts (Rosenkreuzer, J.V. Andreae, Comenius, Leibniz) auf, markiert aber zugleich die Differenz darin, daß Franckes Entwurf nicht mehr U-Topie, nicht mehr ohne Ort sei. Vor dem Hintergrund der Spener'schen "Hoffnung besserer Zeiten" habe Francke den außerordentlichen Erfolg der von ihm gegründeten "Anstalten" (Waisenhaus, Schulen etc.) in Glaucha bei Halle als "Brückenkopf des expandierenden Reiches Gottes auf Erden" gesehen. Die im Archiv der Francke'schen Stiftungen zahlreich überlieferten "Projekte" versteht Sträter als Ausdruck dieses Brückenschlags zwischen chiliastisch grundierter pietistischer Zukunftserwartung und konkret handhabbaren Entwürfen. Sträters eindrückliche Skizze vermag genauer als bislang zu erklären, aus welchen Impulsen sich der "charismatische Aufbruch" in Halle speiste - ein für die künftige Erforschung des Halle'schen Pietismus wichtiger Beitrag.

Auch der Genfer Germanist Hans-Jürgen Schrader formuliert einen grundlegenden Forschungsauftrag ("Die Sprache Canaan, Auftrag der Forschung"). In Anknüpfung an die von ihm ausführlich gewürdigte Arbeit von August Langen ("Der Wortschatz des deutschen Pietismus", 1968) plädiert Schrader für eine weiterführende und differenzierende Untersuchung der in ihrer Wirkungsgeschichte kaum zu unterschätzenden pietistischen "Sprache Canaans". Dabei müsse anders als bei Langen eine größere geografische und zeitliche Varianz in Rechnung gestellt, eine größere Zahl an Begriffen und insbesondere der polemische Wortschatz einbezogen und methodisch moderner verfahren werden.

Zu den literaturwissenschaftlich interessanten Beiträgen gehört der Aufsatz von Bettina Volz über die Kritik des frühaufklärerischen Baseler Theologen Johann Jakob Spreng (1699-1768) an den Herrnhutern in der von ihm herausgegebenen Wochenschrift "Der Eidsgenoss" (1749). Spreng nahm vor allem die sprachlichen Eigenheiten, die die Herrnhuter insbesondere in der ekstatischen "Sichtungszeit" entwickelt hatten, aufs Korn. Seine Kritik an der eigenwilligen christologischen Metaphorik der Herrnhuter Sprache, ihrer Emotionalisierung und ihren Diminutiva stieß jedoch wegen ihrer polemischen Schärfe auf Widerspruch. Spreng musste seine Wochenschrift bereits nach einem Jahr wieder aufgeben. Sein publizistischer Versuch weist aber auf die enorme Resonanz, welche die Herrnhuter offenkundig in Basel und insbesondere unter Frauen hatten. Die Beiträge von Susanne Komfort-Hein und Horst Weigelt fragen nach pietistischen Wurzeln im Werk von Lenz und Novalis. Komfort-Hein ("Literarische Reflexionen einer 'Sprache des Herzens': Jakob Michael Reinhold Lenz' Prosaschriften") geht den Spannungen zwischen pietistisch-religiöser und aufklärerisch-rationalistischer Selbst- und Weltdeutung anhand der Rhetorik des Herzens in den bislang weniger beachteten moralisch-theologischen Schriften und den Prosawerken des Sturm-und-Drang-Schriftstellers nach. Der Diskurs des Herzens als Ort "einer authentischen Instanz der Selbst- und Weltvergewisserung" lasse spannungsvoll sowohl Züge einer pietistischen Demut des Herzens als auch deren entschiedener Widerlegung in einem anthropologisch begründeten Genieentwurf erkennen, stehe also zwischen "pietistischer Orthodoxiekritik und kulturkritischen Impulsen des Sturm und Drang". Horst Weigelt ("Das Elternhaus von Novalis und die Herrnhuter Brüdergemeine") weist die Verbindungen der Eltern Friedrich von Hardenbergs zu den Herrnhutern überwiegend anhand von Quellen aus dem Unitätsarchiv nach; die daraus von Weigelt gezogenen Rückschlüsse auf die Erziehung des Sohnes im Geist der Brüdergemeine bleiben freilich etwas vage. Weigelt schließt mit einer differenzierenden Würdigung dieser Einflüsse auf das Werk von Novalis.

Ulrike Gleixner charakterisiert in einem knappen Überblick das autobiografische Schreiben Württemberger PietistInnen als eine "wesentliche Form der Lebensbewältigung und des individuellen Trostes" und als "wirksame Methode [...], eine Gruppenkultur und Gruppenidentität zu entwickeln". Mit einem ähnlichen Quellentypus befasst sich Thomas K. Kuhn. Seine kleine, aber feine Analyse von Lebensläufen aus Leichenreden von Frauen der Herrnhuter Brüdergemeine skizziert für einen Zeitraum von fast 200 Jahren die Entwicklung dieser Gattung am Baseler Beispiel. Die von Kuhn herausgestrichenen Entwicklungen wie Individualisierung, Historisierung, Profanisierung und Zunahme der Selbstreflexion erlauben einen Blick auf die Entwicklung pietistischer Religiosität in der Moderne, gerade weil diese Quellenform auf Originalität weitgehend verzichtet.

In der abschließenden siebten Sektion des Doppelbandes werden Projekte zur Erschließung pietistischer Quellen vorgestellt. Detlef Haberland gibt einen Überblick über den Stand der Pietismusforschung zum schlesischen Raum mit einem Schwerpunkt auf der Buch- und Druckgeschichte. Brigitte Klosterberg stellt die in den Francke'schen Stiftungen erhaltene und knapp 500 Titel umfassende Teilbibliothek des mystischen Spiritualisten und radikalen Kirchenkritikers Friedrich Breckling (1629-1711) vor, die ein erstaunlich breites, über den persönlichen Standpunkt und über Konfessions- und Epochengrenzen weit hinausgehendes Sammelinteresse erkennen lässt. Gleich vier Beiträge befassen sich mit dem von J.A. Freylinghausen erstmals 1704 herausgegebenen "Geist=reichen Gesang=Buch". Wolfgang Miersemann und Dianne M. McMullen stellen das von ihnen geleitete Editionsprojekt vor, das die neben dem Gesangbuch der Herrenhuter Brüdergemeine wichtigste pietistische Liedsammlung in vier Text- und zwei Apparatbänden herausgeben will (der erste Band erschien 2004). Suvi-Päivi Koski analysiert die Zusammenstellung der Lieddichter. Das "Geistreiche Gesangbuch" zeigt sich als "buntscheckige" Mischung, die neben einem leichten Übergewicht vororthodoxer und barocker Lieddichtung pietistische Lieder einschließlich der radikalen Gottfried Arnold und Johann Wilhelm Petersen enthält. Angesichts der jahrelangen Kritik orthodoxer Theologen wurde 1718 ein entschärfter "Auszug" des Gesangbuchs herausgegeben. Ada Kadelbach befasst sich mit der "Gesangbuchvorrede als Erkenntnisquelle" mit Schwerpunkt auf der Freylinghausen'schen Sammlung, und Ilsabe Seibt untersucht deren Rezeption bei Friedrich Schleiermacher, dem bedeutendsten Theologen des frühen 19. Jahrhunderts, und dem Berliner Gesangbuch von 1829.

Auch wenn Hartmut Lehmann in seinem einleitenden Forschungsüberblick Lücken in den für den Kongress eingereichten Themenvorschlägen benennt (insbesondere für die Randbereiche des Forschungsfelds), gibt der vorliegende Doppelband in seiner Interdisziplinarität, Internationalität und in seiner Vielfalt der Themen und methodischen Ansätze doch einen ausgezeichneten Eindruck von der imponierenden Entwicklung, welche die Pietismusforschung in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten genommen hat.


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Udo Sträter / Hartmut Lehmann / Thomas Müller-Bahlke / Johannes Wallmann (Hg.): Interdisziplinäre Pietismusforschungen. Beiträge zum Ersten Internationalen Kongress für Pietismusforschung 2001, 2 Bände.
Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2005.
968 Seiten, 96,00 EUR.
ISBN-10: 348484017X

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