Umbau und Ende einer Weltmacht

In „Zwischen Dschungelkrieg und Atombombe“ betrachtet Dierk Walter britische Kriegsplanungen nach 1945

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Militär gehört zu den Institutionen, die den größeren Teil von Zeit und Mühe für die Vorbereitung auf einen Fall aufwenden, von dem meist unbekannt ist, ob, wann und unter welchen Umständen er eintritt. Kriegsplanung nach 1945 war zudem mit einer besonderen Unbekannten versehen: Die beiden Atombomben, deren Wirkung die USA ganz am Ende des Zweiten Weltkriegs vorgeführt hatten, ließen es fraglich erscheinen, in welchem Maße Erfahrungen aus vergangenen Kriegen in einem künftigen noch von Wert sein mochten.

Kriegsplanung im Kalten Krieg ist also ein ergiebiges Thema. Sie am britischen Fall zu untersuchen bietet den weiteren Vorteil einer komplexen Lage. 1945 war Großbritannien, mit seinem Kolonialreich, oberflächlich betrachtet eine Weltmacht. Der Krieg gewonnen, nach Fläche und Bevölkerungszahl an der Spitze – es war für die Zeitgenossen nicht ohne weiteres einsichtig, in welchem Maße erstens die Anstrengungen aus zwei Weltkriegen die britische Wirtschaft untergraben hatte, wie bald zweitens die Entkolonialisierung zum Abstieg der Weltmacht führen und nur das Commonwealth als inhaltsarmes Substitut übriglassen sollte.

Aus dem Verlauf der Entkolonialisierung ergibt sich das Schlussdatum der Untersuchung von Dierk Walter, die britische Kriegsvorstellungen zwischen 1945 und 1971 zum Thema hat. Mit dem Verzicht auf globale Präsenz der Streitkräfte zog die Politik schließlich die Konsequenz aus dem Verlust eines Weltreichs.

Die Zeit dazwischen war durch eine permanente Überspannung der verfügbaren Kräfte gekennzeichnet. Die Verteidigung der britischen Inseln, die Sicherung der Kolonien, die Fähigkeit zum Erst- oder sogar Zweitschlag in einer atomaren Auseinandersetzung, ein nennenswerter Beitrag zur befürchteten großen Schlacht in Mitteleuropa, Partisanenbekämpfung im Kalten Krieg – dies alles zusammen hätte die Ressourcen eines Imperiums erfordert. Tatsächlich aber schrumpfte der britische Einfluss, und der Anteil der Militärausgaben am Bruttosozialprodukt ging langfristig stark zurück, während die neue Waffentechnik immer teurer wurde. Die Diskussion über den künftigen Krieg war also auch eine über Schwerpunktsetzungen und nicht zuletzt über die Verteilung des Geldes unter den Waffengattungen, die in einem Konkurrenzverhältnis zueinander standen.

Walter nutzt für die Rekonstruktion dieser Auseinandersetzungen eine interessante Quelle: militärische Fachzeitschriften, in denen sich vor allem Offiziere und nur zuweilen Wissenschaftler oder aufs Thema spezialisierte Politiker äußerten. Viele dieser Titel sind an Teilstreitkräfte gebunden, wie etwa Royal Air Forces Quarterly oder Naval Review; in ihnen wurde dann die besondere Bedeutung der Luftwaffe oder der Marine begründet, was nicht ohne Belang für die Karriereaussichten der Autoren war. Die Positionen, die im Detail eingenommen wurden, decken allerdings ein breites Spektrum ab. Überzeugend argumentiert Walter, dass man es nicht mit offiziösen Organen zu tun hat, die die Meinung der Regierung, der Militärspitze ode einer bestimmten Waffengattung wiedergeben. Im Einzelfall wurden Beiträge niederrangiger Offiziere unter Pseudonym veröffentlicht, um – besonders im Falle unorthodoxer Positionen – Karrierenachteile zu vermeiden. Kontroversen um einzelne Artikel belegen, dass tatsächlich um die beste Strategie gerungen und nicht bloß Propaganda betrieben wurde.

Wie wertvoll Zeitschriften für ein Fachpublikum als historische Quelle sein können, belegt auch Walters Abgleich mit den verfügbaren Dokumenten über die Strategieplanung der militärischen Führung. Insofern Walter sein Material nach Themen und Diskursen gruppiert, veranschaulicht er die Breite der Diskussionen und die Relevanz der Artikel.

Der atomare Krieg und die verschiedenen Vorstellungen über Vernichtungsschläge, flexible response und einem möglicherweise auf taktische Atomwaffen begrenzten Einsatz; die Meinungen dazu, ob ein schrumpfendes Kolonialreich mit immer weniger Stützpunkten durch geografisch weit verteilte Truppen mit Ortskenntnis oder durch eine zentral stationierte Interventionsstreitmacht besser zu kontrollieren sei; Fragen nach Eskalationsstufen eines Krieges in Mitteleuropa, nach der strategischen Bedeutung des mittleren Ostens, nach der jeweils günstigen Verteidigungslinie; Taktiken und politisch-ideologische Implikationen der Guerillabekämpfung; die Rolle von Armee und Wehrdienst für die innere Ordnung und Disziplinierung Großbritanniens und die Frage, welche Werte das Militär zu vermitteln habe: all dies sind Themen, über die gestritten wurde.

Walter referiert die Diskurse recht ausführlich und verdeutlicht auch, wie vielfältig die Meinungen waren. Die Fülle der Zitate erweckt den Eindruck, dass es kaum eine Position gab, die nicht irgendwann von irgendwem vertreten wurde. Dabei nennt Walter zwar meist auch, wie sich im Lauf der Jahre Mehrheiten verlagerten, wie manche Themenstellungen in den Vordergrund traten und andere an Bedeutung verloren. Doch geht diese Strukturierung oft in der Flut der Meinungen unter. Zudem gibt es Fragen, die aufgrund der Gliederung offen bleiben.

So geht Walter nur selten darauf ein, ob und wie die Themen verknüpft wurden. Zwar dürfte die Mehrzahl der Artikel, schon aus Gründen des möglichen Umfangs, tatsächlich auf eine Frage beschränkt gewesen sein; doch wäre es vielleicht möglich gewesen, über den Abgleich verschiedener Beiträge eines Autors, über genauere Profile der Zeitschriften und auch darüber, wie die Autoren aufeinander Bezug nehmen oder nicht, explizite und implizite Bezüge deutlicher herauszuarbeiten.

Insofern Walter sich auf britische Beiträge beschränkt, muss offen bleiben, welchen Einfluss internationale Diskussionen hatten. Zwar ist gleich im ersten Satz betont, welch geringe Rolle die NATO noch zwanzig Jahre nach ihrer Gründung in der britischen Ausbildung spielte und wie lange das Selbstbewusstsein, ein Imperium zu repräsentieren, nachwirkte. Dennoch scheint kaum vorstellbar, dass die Militärpublizistik der Verbündeten und die alltägliche Zusammenarbeit mit ausländischen Offizieren in den verschiedenen regionalen Allianzen keine Spuren im Denken der britischen Autoren hinterlassen haben sollten. Hier wenigstens nachzuforschen, und sei es mit negativem Ergebnis, hätte den Wert der Studie entschieden vergrößert. So aber hinterlässt das Buch einen etwas unbefriedigenden Eindruck: Walter hat zweifellos wichtige Quellen akribisch ausgewertet und im einzelnen so kenntnisreich wie überzeugend eingeordnet. Doch ergibt sich aus den vielen Details nur schwer der Zusammenhang, auf den es auch ankäme.

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Dierk Walter: Zwischen Dschungelkrieg und Atombombe. Britische Visionen vom Krieg der Zukunft 1945-1971.
Hamburger Edition, Hamburg 2009.
538 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783868542028

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