Übersetzungen von Tolstojs „Anna Karenina“ ins Deutsche – eine Einladung zum Vergleich

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Folgenden präsentieren wir die ersten Sätze des Ersten und des Zweiten Teils von Tolstojs „Anna Karenina“ in verschiedenen Übersetzungen – ohne Angaben dazu, von wem sie stammen. Welche Übersetzung das am besten lesbare Deutsch bietet, darüber mögen unsere Leser, soweit  dies anhand der exemplarischen Ausschnitte möglich ist, selbst urteilen. Begründungen in Form von Leserbriefen sind willkommen. Wer nach der Beurteilung wissen möchte, welche Übersetzung von wem stammt und in welcher Romanausgabe steht, kann dies auf einer gesonderten Seite erfahren.

Übersetzung 1

Erster Teil

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich. Der ganze Haushalt der Familie Oblonski war in Unordnung geraten. Die Hausfrau hatte erfahren, daß ihr Mann mit einer französischen Gouvernante, die sie früher im Hause gehabt hatten, ein Verhältnis unterhielt, und hatte ihm erklärt, sie könne nicht länger mit ihm unter einem Dache wohnen. Drei Tage schon währte nun dieser Zustand, und er wurde sowohl von den Ehegatten selbst wie auch von den übrigen Familienmitgliedern und dem Hausgesinde als eine Qual empfunden. […]

Zweiter Teil

Gegen Ende des Winters fand bei Schtscherbazkis eine ärztliche Beratung statt, durch die festgestellt werden sollte, wie es mit Kittys Gesundheit stehe und was zur Hebung ihrer dahinschwindenden Kräfte zu unternehmen sei. Sie war krank, und mit dem Herannahen des Frühlings verschlimmerte sich ihr Gesundheitszustand nur noch mehr. Der Hausarzt hatte ihr Lebertran, dann Eisen, darauf Höllenstein verordnet; aber da weder das erste noch das zweite noch das dritte Mittel geholfen und da er geraten hatte, zum Frühjahr ins Ausland zu reisen, so wurde noch eine erste Kraft zu Rate gezogen. Dieser berühmte Arzt, ein noch nicht alter, sehr schöner Mann, forderte eine Untersuchung der Patientin. Energisch und, wie es schien, mit besonderem Vergnügen sprach er seine Ansicht aus, daß mädchenhafte Scham nur ein Überrest altbarbarischer Vorurteile sei, und es erschien ihm als die natürlichste Sache von der Welt, daß ein noch nicht bejahrter Mann den nackten Körper eines jungen Mädchens betaste. Er fand das natürlich, weil er es jeden Tag tat und dabei, seiner Ansicht nach, weiter nichts Schlimmes fühlte und dachte, und darum hielt er Schamhaftigkeit bei einem jungen Mädchen nicht nur für einen Überrest von Barbarentum, sondern auch für eine gegen ihn gerichtete Beleidigung. […]

Übersetzung 2

Erster Teil

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.

Im Hause der Oblonskis war alles aus dem Geleise geraten. Die Frau des Hauses hatte erfahren, daß ihr Mann mit der Französin, die früher bei ihnen als Gouvernante angestellt war, ein Verhältnis unterhielt, und hatte ihm erklärt, sie könne mit ihm nicht weiter unter demselben Dache leben. Dieser Zustand dauerte nun schon den dritten Tag an und bedrückte sowohl die Eheleute selbst als auch alle Familienmitglieder und das ganze Personal. […]

Zweiter Teil

Gegen Ende des Winters fand im Hause der Stscherbazkis ein Ärztekonsilium statt, das über Kittys Gesundheit befinden und darüber entscheiden sollte, was zu unternehmen sei, damit der bei ihr eingetretene Schwächezustand überwunden werden könnte. Sie war krank, und mit dem Herannahen des Frühlings verschlechterte sich ihr Befinden weiter. Der Hausarzt hatte zuerst Lebertran, dann Eisen und schließlich Lapis verordnet; da aber durch keins dieser Mittel eine Besserung eingetreten war und er es nicht für ratsam hielt. die Kranke im Frühling in Moskau zu lassen, sondern eine Reise ins Ausland empfahl, hatte man sich entschlossen, eine Kapazität hinzuzuziehen. Diese, ein berühmter Arzt, ein sehr gut aussehender, noch junger Mann, hielt eine eingehende Untersuchung der Patientin für erforderlich. Er schien mit besonderem Vergnügen darauf zu pochen. daß mädchenhafte Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel einstiger Unkultur sei und daß es nichts Natürlicheres in der Welt gebe, als daß ein noch junger Mann den entblößten Körper eines jungen Mädchens abtaste. Er hielt dies für natürlich, weil er es jeden Tag tat, und da er sich dabei seiner Ansicht nach weder von schlechten Gefühlen noch von schlechten Gedanken leiten ließ, sah er in der Schamhaftigkeit des jungen Mädchens nicht nur ein Überbleibsel einstiger Unkultur, sondern betrachtete sie auch als eine Beleidigung für sich selbst. […]

Übersetzung 3

Erster Teil

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.

Drunter und drüber ging es bei den Oblonskis. Die Frau des Hauses hatte erfahren, dass ihr Mann eine Liaison hatte mit einer Französin, die als Gouvernante im Haus gewesen war, und hatte ihrem Mann verkündet, dass sie nicht mehr im selbem Haus mit ihm leben könne. Diese Situation dauerte schon den dritten Tag und wurde sowohl von den Eheleuten wie von allen Familienmitgliedern und Hausgenossen als qualvoll empfunden. […]

Zweiter Teil

Ende des Winters fand bei den Schtscherbazkis ein Konsilium statt, welches zu einem Schluss kommen sollte, wie es um Kittys Gesundheit stehe und was zur Wiederherstellung ihrer schwindenden Kräfte zu unternehmen sei. Sie war krank, und beim Heraufziehen des Frühjahrs verschlechterte sich ihr Zustand. Der Hausarzt hatte ihr Lebertran, dann Eisen, dann Lapis verabreicht, aber da weder das eine noch das andere, noch das dritte half und da er riet, ab dem Frühjahr ins Ausland zu reisen, wurde ein berühmter Arzt zugezogen. Der berühmte Arzt, ein noch nicht alter, höchst gutaussehender Mann, bestand auf einer Untersuchung der Kranken. Mit besonderem Vergnügen, so schien es, beharrte er darauf, dass mädchenhafte Schamhaftigkeit lediglich ein Überrest von Barbarei sei und dass es nichts Natürlicheres gebe, als dass ein noch nicht alter Mann ein junges, entblößtes Mädchen betaste. Er fand das natürlich, weil er es tagtäglich machte und dabei nichts empfand und nichts Schlimmes dachte, wie ihm schien, deshalb hielt er die Schamhaftigkeit eines jungen Mädchens nicht nur für einen Überrest von Barbarei, sondern auch für eine Beleidigung seiner selbst.  […]

Übersetzung 4

Erster Teil

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Im Hause Oblonskij war alles durcheinander. Die Frau hatte erfahren, daß ihr Mann ein Verhältnis mit einer französischen Gouvernante unterhielt, die früher bei ihnen im Haus gewesen war, und hatte ihm erklärt, sie könne nicht länger unter einem Dach mit ihm wohnen. Diese Situation dauerte nun schon drei Tage und wurde sowohl von den Ehegatten selbst als auch von allen Familienmitgliedern und der Dienerschaft als eine Qual empfunden. […]

Zweiter Teil

Gegen Ende des Winters fand bei Schtscherbatzkijs eine ärztliche Beratung statt, die feststellen sollte, wie es um Kittys Gesundheit stehe und was man unternehmen müsse, um ihre geschwächten Kräfte wiederherzustellen. Sie war krank, und mit dem Herannahen des Frühlings verschlimmerte sich ihr Zustand. Der Hausarzt hatte ihr Lebertran, dann Eisen und Lapis verordnet; da aber weder das erste noch das zweite und dritte Mittel anschlug, und da er riet, im Frühling ins Ausland zu reisen, wurde noch ein berühmter Arzt zugezogen. Die Berühmtheit, ein noch nicht alter, sehr stattlicher Mann, wollte die Patientin untersuchen. Er behauptete energisch und anscheinend mit besonderem Vergnügen, mädchenhafte Scham sei nur ein barbarisches Vorurteil, und tat, als sei es die natürlichste Sache der Welt, daß er, ein noch nicht alter Mann, den nackten Körper eines jungen Mädchens betaste. Er fand das ganz natürlich, weil er es jeden Tag tat und dabei nichts Schlechtes fühlte und dachte, wie er meinte, und darum hielt er die Schamhaftigkeit junger Mädchen nicht nur für ein barbarisches Vorurteil, sondern für eine Beleidigung seiner Person. […]

Übersetzung 5

Erster Teil

Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.

Bei den Oblonskijs herrschte allgemeine Verwirrung. Die Frau des Hauses hatte von der Liebschaft ihres Mannes mit der früheren Gouvernante ihrer Kinder Kenntnis erhalten und erklärt, daß sie unter diesen Umständen nicht länger mit ihm unter einem Dache leben könne. Qualvoll lastete diese Situation nun schon drei Tage nicht nur auf den Ehegatten selbst, sondern auch auf den anderen Familienmitgliedern und den übrigen Hausgenossen. […]

Zweiter Teil

Als der Winter zu Ende ging, fand im Schtscherbazkijschen Haus ein ärztliches Konsilium statt, das Kittys Gesundheitszustand begutachten und festlegen sollte, was zur Wiederherstellung ihrer geschwächten Kräfte zu geschehen habe. Sie war krank, und je mehr sich das Frühjahr näherte, um so mehr verschlimmerte sich ihr Zustand. Der Hausarzt hatte ihr Lebertran, Eisen und schließlich Lapis verschrieben; aber weder das erste noch die beiden anderen Medikamente hatte eine Besserung herbeigeführt. Als er nun im Frühjahr eine Reise ins Ausland vorschlug, wurde ein berühmter Arzt hinzugezogen. Der, ein zwar schon bejahrter, aber trotzdem noch sehr schöner und stattlicher Mann, verlangte die Kranke zu untersuchen. Anscheinend mit besonderem Vergnügen verfocht er die Behauptung, die jungfräuliche Schamhaftigkeit stelle lediglich ein Überbleibsel aus der Barbarei dar, und nichts sei natürlicher als das Abtasten eines nackten jungen Mädchens durch einen noch nicht alten Mann. Er fand das selbstverständlich, zumal er es täglich tat und dabei, wie er versicherte, nichts empfand und nichts Schlechtes dachte. Aus diesem Grunde hielt er auch die Prüderie des Mädchens nicht nur für unkultiviert, sondern sah darin eine Beleidigung seiner Person. […]

Quellengaben zu den zitierten Texten

Redaktion literaturkritik.de (TA)

Titelbild

Leo Tolstoi: Anna Karenina. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Fred Ottow.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998.
1024 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3423124946
ISBN-13: 9783423124942

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Titelbild

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Hermann Asemissen.
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2008.
1227 Seiten, 12,95 EUR.
ISBN-13: 9783746661117

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Titelbild

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Roman in acht Teilen.
Übersetzt und kommentiert von Rosemarie Tietze.
Carl Hanser Verlag, München 2009.
1284 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783446234093

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Kein Bild

Leo Tolstoi: Anna Karenina. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Hermann Röhl.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
1308 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783596901500

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Titelbild

Lew Tolstoj: Anna Karenina. Roman.
Hg. von Gisela Drohla.
Insel Verlag, Berlin 2010.
1204 Seiten, 12,50 EUR.
ISBN-13: 9783458351849

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