Bild einer Freundin – Annäherungen an Sophie von La Roche

Eine von Gudrun Loster-Schneider und Barbara Becker-Cantarino herausgegebene literaturwissenschaftliche Aufsatzsammlung porträtiert die erste deutsche Romanautorin aus verschiedenen Blickwinkeln

Von Nadja UrbaniRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nadja Urbani

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Würde sie heute leben, hätte sie sicher einen großen Freundeskreis auf Facebook. Sophie von La Roche pflegte ihr soziales Netzwerk – und das schon vor über 200 Jahren. Geistiger und kultureller Austausch waren der empfindsamen Aufklärerin eine Herzensangelegenheit, weshalb sie die wenigen, zu ihrer Zeit gegebenen Möglichkeiten des „Networking“ voll ausschöpfte: La Roche betätigte sich nicht nur als fleißige Briefeschreiberin, sondern führte auch eine Art Salon, in dem literarische Größen und die Hofgesellschaft rege diskutierten, zum Beispiel über den Literaturbetrieb oder die gesellschaftlichen Umwälzungen im Umfeld der Französischen Revolution. Zudem sorgte sie als Herausgeberin einer Zeitschrift dafür, dass erstmalig Frauen unterschiedlicher Herkunft mit ihren Meinungen, Sorgen und Fragen an die Öffentlichkeit treten konnten. War La Roches Zeitschrift „Pomona für Teutschlands Töchter“ etwa eine Vorreiterin des freien Publizierens, wie es heutzutage im virtuellen Raum zur Selbstverständlichkeit geworden ist?

Das mag vielleicht ein wenig übertrieben erscheinen, doch La Roche war tatsächlich auf vielen Gebieten eine „Pionierin“, wie die Herausgeberin Gudrun Loster-Schneider sie beispielsweise auf dem Feld der Amerika-Romane nennt. Und tatsächlich sind es die „modernen Züge“ dieser zukunftsweisenden Schriftstellerin, die bei der Lektüre des vorliegenden Bandes immer wieder faszinierend aufscheinen. Die Aufsatzsammlung geht zurück auf ein viertägiges Symposium zum Gedenken des 200. Todesjahres von La Roche, das passenderweise in Bönnigheim, wo La Roche große Teile ihrer „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ schrieb, und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach gehaltenen wurde. Internationale Literaturwissenschaftler aus den USA, Kanada, England, Frankreich, Italien und Deutschland folgten den Spuren der Schriftstellerin, die als erste Frau in Deutschland einen „originalen“ Roman veröffentlichte – das heißt keine Übersetzung, sondern durch und durch das Werk einer Verfasserin. Die aus 18 verschiedenen Perspektiven hervorgegangenen Aufsätze entwerfen nun ein erfrischtes, bunt eingefärbtes Bild von Sophie von La Roche und erheben sich gegen die Marginalisierung dieser Autorin. Allerdings ohne ihr dabei verherrlichend Verdienste zuzuschreiben, die sie zu ihrer Zeit, zumal als Frau, gar nicht geleistet haben konnte.

Obwohl nämlich La Roche das literarische Feld für schreibende und auch lesende Frauen geöffnet hat, ist sie fast ausschließlich in Fachkreisen bekannt und selbst hier oft nur als die Autorin der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“. So ist es umso sinnvoller, dass dieser Band mit einer Einführung durch Gerhard Sauder in die „Empfindsamkeit im Werk Sophie von La Roches“ beginnt. Sauder deutet die Tatsache, dass La Roches Werke nicht zum Kanon der empfindsamen Literatur gehören – wie etwa Johann Wolfgang von Goethes „Werther“ – als Indiz für eine abweichende weibliche Art der Empfindsamkeit: eine „moralische“ oder „Tugend-Empfindsamkeit“. Um zu begreifen, was damit gemeint ist, analysiert das Buch im Folgenden – anders als der Großteil der Forschung – nicht nur den „Sternheim“-Roman, sondern bezieht sich vor allem auf das Spätwerk der „alten La Roche“, das gleichermaßen fiktionale wie faktuale und pragmatische Textsorten umfasst.

Dieses Spektrum ermöglicht es dem Leser, auch ohne ausgeprägte Vorkenntnisse, La Roche als Person und als Literatin sukzessiv kennenzulernen. Die Beiträge spannen einen so großen thematischen Bogen, dass sich ein Wissenskosmos über La Roche und ihr Werk erschließt. Besonders interessant ist es dabei zu erfahren, wie La Roche zu der empfindsamen, moralisch tugendhaften Frau wurde, die von Goethe in späteren Jahren belächelt wurde, wie Becker-Cantarino erläutert. So machen die Aufsätze von Kevin Hilliard und Ulrike Böhmel-Fichera auf die „Urszenen“ in La Roches Leben aufmerksam, welche sie in ihrem Spätwerk „Melusinens Sommer-Abende“ 1806 beschrieb. Väterlicherseits gibt sie sich geprägt durch die frühkindliche Erfahrung der Bibliotheksatmosphäre, welche ihren Wissensdurst erweckte. Mütterlicherseits wies ihr das Erleben der Schönheit der Natur die Richtung. Zur traumatischen Verlusterfahrung wurde dieses angelegte Konzept der harmonischen Bildung von Kopf und Herz, als der Vater dem adoleszenten Mädchen nicht nur die weitere gelehrte Ausbildung verwehrte, sondern auch die Heirat mit dem italienischen Gelehrten Bianconi zu verhindern wusste. Von ihm hatte sich La Roche die Kultivierung ihres Geistes versprochen. Doch stattdessen musste sie die Grenzen weiblicher Existenz kennenlernen und verlagerte ihren Schwerpunkt fortan vom Geist auf das Herz – die Empfindsamkeit.

Weil ihr die Rolle der systematisch Gelehrten verschlossen blieb, fand La Roche einen anderen Weg, ihr Leben dennoch der Wissensvermittlung und dem kulturellen Austausch zu widmen: Sie wurde zur ‚Freundin‘ und engagierten ‚Liebhaberin‘ des Wissens. Ihr ganzes Sein und Schaffen war auf eine empfindsam-moralische, produktive, kenntnisvermittelnde Geselligkeit ausgerichtet. Und das ist auch die Summe der Beiträge des vorliegenden Bandes, welche veranschaulichen, dass dieses Programm keine leichte Aufgabe war für eine im 18. Jahrhundert geborene Frau. La Roches Texte erhalten besonders vor dem Hintergrund, dass es zu ihrer Zeit noch kein Schulsystem und schon gar keinen institutionellen Bildungsweg für Frauen gab, eine große Bedeutung: Sie fungierten als Wissensspeicher, der an andere Frauen weitergegeben werden konnte. Die eigene Bibliothek war La Roches ganze Welt – und diese wollte sie in ihren Texten weitergeben. So enttarnt Loster-Schneider zum Beispiel die Exilbibliothek aus La Roches Amerika-Roman „Erscheinungen am See Oneida“ als die „eigentliche Heldin“ dieser Geschichte, weil mit ihr Wissen an die Figuren und an die Leserinnen übertragen werden konnte.

Als Frau war La Roche aber per se darauf festgelegt, didaktisch zu schreiben, sich zum Beispiel auch in ihrer Zeitschrift „Pomona“ und den „Briefen an Lina“ nicht selbst darzustellen und zu „verkaufen“, sondern den Leserinnen vielmehr eine mütterliche Hilfe zu sein. Die Beiträge von Nina Birkner und York-Gothart Mix sowie von Reiner Wild verdeutlichen, dass La Roche die geschlechtlichen Grenzen stets einhielt: Ihr fiktionales wie faktuales Schreiben bezieht sich auf weibliche Interessensbereiche. Das Wissen, das sie anderen Frauen weitergeben möchte, erstreckt sich dabei bis auf andere Kulturen. So machen unter anderem das Vorwort der Herausgeberinnen und der Beitrag von Wilfried Barner wie auch Loster-Schneiders Untersuchungen zu La Roches Amerika-Roman noch eine weitere ihrer Gesinnungen deutlich, die bislang wenig beachtet worden ist: La Roche war eine Kosmopolitin, eine Weltbürgerin.

Barner liefert einen höchst informativen Exkurs über dieses philosophische Konzept, wobei augenfällig wird, wie visionär La Roches Kosmopolitismus auf die heutige globalisierte Welt verweist. La Roche wünschte sich eine Stiftungsprofessur zum Vergleich der Kulturen: „Ach, wie wünschte ich mir Geld genug, um eine Professur zu stiften, wo junge Leute […] den Unterschied der Nationalcharakter studieren könnten, wie diese in Frieden und Streit sich zeigen. […] O mein Freund! sagen Sie: Würde dieser Lehrstuhl unnütz sein für die Zukunft?“ – Ein Zitat, das so sehr ihr fortschrittliches Denken erkennen lässt, dass es diesem Band zum Titel geworden ist. Es sei also wohlgemerkt: La Roche und die vorliegenden Aufsätze über sie geben Anregungen! Denn vielleicht kann ihr empfindsamer Kosmopolitismus sogar ein Wegweiser in der aktuellen Integrationsdebatte sein. Für La Roche und die Figuren ihrer Werke stellt das Fremde keine Bedrohung dar, sondern eine Bereicherung. Die Begegnung mit fremden Kulturen ist für sie immer auch eine Wissenserweiterung.

Es gäbe noch viele weitere Aspekte aus dem reichen Repertoire der vorgenommenen Betrachtungen hervorzuheben, in denen La Roche als eine ‚Allrounderin‘ präsentiert wird: Mutter, Hausfrau, Gesellschaftsdame, zeitweilig Sekretärin ihres Mannes und Schriftstellerin, die ihre Berufung hinter einem Strickknäuel verstecken musste, wenn unerwartet Besuch hereinschneite. So facettenreich La Roche war, so umfassend ist auch dieser Band. Er ist sicherlich ein Muss für alle La Roche-Kenner, die an dem hier gezeichneten bunten Porträt ihrer alten Freundin bestimmt Freude und auch neue Erkenntnisse finden werden. Da die Beiträge teilweise recht kurz sind, bieten sie Ansätze zum Weiterforschen. Das Buch kann aber auch für Nicht-Wissenschaftler eine geistige Anregung sein, beispielsweise im pädagogischen und philosophischen Bereich.

Durchaus gelungen ist, dass der Band selbst die Struktur eines Netzwerks hat. Die Aufsätze greifen ineinander, nehmen implizit Bezug und ergänzen sich (zum Beispiel Jürgen Vorderstemanns Erforschung des Briefwechsels, welche Bezüge aufweist zu Becker-Cantarinos Ausführungen zu La Roche und Goethe). Die La Roche findet sich nicht in dem einen oder in dem anderen Teil, sondern ihr Bildnis ergibt sich aus dem Geflecht. Es wird deutlich, dass La Roches Leben und Wirken nur in einem Netz aus Beziehungen und Freundschaften bestehen konnte. Die Netzwerkerin des 18. Jahrhunderts erhielt es aufrecht per Brief, Zeitschrift, Reisebericht und über ihr Erzählwerk. Damit hat sie es heute übrigens auch zu einem Bild bei Facebook gebracht.

Kein Bild

Gudrun Loster-Schneider / Barbara Becker-Cantarino (Hg.): "Ach, wie wünschte ich mir Geld genug, um eine Professur zu stiften". Sophie von La Roche (1730-1807) im literarischen und kulturpolitischen Feld von Aufklärung und Empfindsamkeit.
Francke Verlag, Tübingen 2010.
327 Seiten, 49,00 EUR.
ISBN-13: 9783772082962

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