Kriegsdarstellungen, interkulturell gelesen – einige Hinweise zu aktuellen historiografischen sowie literaturwissenschaftlichen Sammelbänden zum Thema

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Literaturwissenschaftliche Publikationen, die das zeitlose Thema des Kriegs und seiner Darstellungen aufgreifen, haben stets auch mit dem Thema der „Interkulturalität“ umzugehen. So zeigen zum Beispiel Überblickdarstellungen wie der 2010 von dem an der University of Exeter lehrenden Historiker Jeremy Black im Primus Verlag herausgegebene Bild-Band über „Die Kriege des 20. Jahrhunderts“, wie wichtig eine Problematisierung von Samuel Huntingtons Diktum des „Clash of Civilisations“, also der Vorstellung eines Aufeinandertreffens statischer Weltanschauungen oder auch von „Zivilisationen“ für die Analyse sogenannter „asymmetrischer Kriege“, unabdingbar ist.

Denn Kulturen werden genauso konstruiert, sind genauso schwer vorhersagbaren Wandlungen unterworfen wie die „neuen Kriege“ selbst. Wer dies leugnet und die Chancen ignoriert, welche eine solche Erkenntnis für den Frieden bietet, leistet weiteren Kämpfen und deren unabsehbaren Folgen Vorschub. In seinem abschließenden Ausblick über den „Krieg im 21. Jahrhundert“ spricht Black von der praktischen „Unvorhersagbarkeit“ heutiger Konflikte – und gerade dieser Tage und Wochen liefert uns die vollkommen überraschend gewandelte Situation im Nahen Osten sowie im gesamten arabischen Raum neue Belege für diese These – nicht zuletzt auch die ganz aktuelle, dramatische Entwicklung in Libyen.

Es ist darüber hinaus auffällig, dass auch neuere literaturwissenschaftliche Publikationen das Thema von Kriegen und den damit zusammenhängenden kulturellen Projektionen beziehungsweise Wandlungen aufzugreifen beginnen. Zumindest legen sie entsprechende Untersuchungen verstärkt nahe, auch wenn diese nicht immer explizit im Zentrum des Interesses stehen sollten. So dokumentiert etwa das bereits 2009 erschienene „Jahrbuch für Internationale Germanistik“ ein in Saarbrücken abgehaltenes Alfred-Döblin-Colloquium, welches insbesondere die ‚interkulturelle‘ Zone des Saarlandes und des Elsass’ zum Thema hatte: „Im Banne von Verdun. Literatur und Publizistik im deutschen Südwesten zum Ersten Weltkrieg von Alfred Döblin und seinen Zeitgenossen“. Gerade in solchen ‚hybriden Zwischenräumen‘ oder auch ‚Grenzbereichen‘ entstanden keineswegs nur provinzielle Hardliner-Ideologien, sondern auch erste Visionen der europäischen Integration, wie etwa Günter Scholdt in seinem Beitrag „Der Erste Weltkrieg und die Autoren im deutsch-französischen Grenzraum“ unterstreicht.

Noch viel weiter gefasst sind dagegen die Forschungsperspektiven des von Marco Formisano und Hartmut Böhme herausgegebenen Bands „War in Words. Transformations of War from Antiquity to Clausewitz“. Von der „Narrativierung und komischen Destruktion antiker Kriegslehren“ (Werner Röcke), dem Thema von „Liebe und Krieg in der Literatur der Antike“ (Katharina Volk) bis hin zur Transformation der Kriegskunst bei Carl von Clausewitz (Hartmut Böhme) reicht hier das Spektrum der Untersuchungen: „Schlachtbeschreibungen, historische Analysen, philosophische Spekulationen, Gedichte, Traktate, Lehrbücher über Taktik und Festungsbau ­– all diese Textsorten und viele mehr konstituieren den Diskurs des Krieges, der sich durch alle Kulturen und Epochen zieht“, wie es Volk in ihrem Beitrag zusammenfasst. Ihr Aufsatz geht übrigens auch auf Heinrich von Kleist ein – jenen Jubilar des Jahres 2011, der noch radikaler als seine antiken Vorgänger „Küsse“ auf „Bisse“ reimte.

Interkulturelle Ansätze sind aufgrund solcher ästhetischer und historischer Verschränkungen der Sphären von Gewalt, Liebe, Erotik und Sexualität auch gut mit geschlechtertheoretischen Untersuchungen von Kriegsdarstellungen kombinierbar, obwohl solche Betrachtungen lange Zeit außer Acht gelassen wurden. Barbara N. Wiesinger etwa thematisiert in einem Beitrag über „Militär, Krieg und Geschlecht in der Frühen Neuzeit“ den Umstand, dass Frauen in den Kriegen nicht nur Opfer waren, sondern dort bereits auch früh als Handelnde und als Kämpferinnen mit in Erscheinung traten. Besonders aber das Thema sexueller Gewalt gegen Frauen in Kriegen ist eines, das auf furchtbare Weise nahelegt, wie sehr „Geschlechterordnung, Militärwesen und Krieg miteinander verflochten sind“.

Wiesingers zitierter Aufsatz findet sich in einem weiteren Band, dessen Lektüre gewissermaßen an den von Formisano und Böhme anschließbar ist, wenn auch eher aus militär- und sozialgeschichtlicher Perspektive: Thomas Kolnberger und Ilja Steffelbauer haben darin Aufsätze zum „Krieg in der europäischen Neuzeit“ versammelt. Angesichts der aktuellen und hitzigen Diskussionen um den Begriff der „Islamophobie“ kann in dieser Publikation etwa auch Yigit Topkayas Beitrag „Der ‚Türke‘ als Feindbild des christlichen Abendlands“ von Interesse sein – womit wir bereits wieder bei der These eines Aufeinanderprallens vollkommen unterschiedlicher Kulturen angekommen wären, deren historische Genese auch in diesem Beitrag wieder einmal kritisch unter die Lupe genommen wird.

J.S.

Titelbild

Jeremy Black: Die Kriege des 20. Jahrhunderts.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Haupt.
Primus Verlag, Darmstadt 2010.
288 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783896788399

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Titelbild

Thomas Kolnberger / Thomas Kolnberger / Ilja Steffelbauer / Ilja Steffelbauer (Hg.): Krieg in der europäischen Neuzeit.
Mandelbaum Verlag, Wien 2010.
542 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783854763475

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Thomas Kolnberger / Thomas Kolnberger / Ilja Steffelbauer / Ilja Steffelbauer (Hg.): Krieg in der europäischen Neuzeit.
Mandelbaum Verlag, Wien 2010.
542 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783854763475

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Titelbild

Hartmut Böhme / Marco Formisano (Hg.): War in Words. Transformations of War from Antiquity to Clausewitz.
Aus der Reihe Transformationen der Antike Band 19.
De Gruyter, Berlin 2010.
431 Seiten, 79,95 EUR.
ISBN-13: 9783110245417

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