Djangos weiße Brüder

Katharina Rögglas „Critical Whiteness Studies“ ist eine (selbst)kritische Analyse von Whiteness und ihrer allzu durchdringenden Wirksamkeit

Von Jürgen WeberRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Weber

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rassismus, Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit – die scheinbare Vielfalt dieser Begriffe täusche darüber hinweg, dass der Terminus „Ausländerfeindlichkeit“ eigentlich nur ein Hilfsbegriff sei, der seinen Ursprung verschleiern solle. Mit Hilfe dieses Terminus sei diese Ausprägung des Rassismus nämlich nicht mit dem Antisemitismus, der Auschwitz verantwortet hatte, in Verbindung zu bringen, sondern könne als bloßes Phänomen der Skepsis/Antipathie abgetan werden, so Röggla in einer Extrapolation Christoph Butterweges.

Die scheinbare naturwissenschaftliche Fundierung des „Rasse-“begriffes stamme von dem Schweden Carl von Linné aus dem 18. Jahrhundert und habe zur Stigmatisierung Menschen anderer Kontinente beigetragen, bis die UNESCO 1995 den Begriff endlich konsensualisierte und auch die Naturwissenschaft Abstand von der Einteilung der Menschen in „Rassen“ nahm. Stuart Hall prägte dann auch das Axiom, dass es biologisch gesehen gar nicht möglich sei, Menschen in Rassen aufzuteilen, da die auftretenden genetischen Unterschiede zwischen diesen Gruppen immer noch viel kleiner seien als innerhalb dieser Gruppen. Ausgehend von dem Umstand, dass es sich aber auch beim Begriff Rasse um „umkämpfte und ständigem Wandel unterliegende Kategorien“ handle, will Katharina Röggla nun den Prozess der Inklusion und Exklusion bezüglich der Weißen Rasse klären.

Die „läppische Natur des Negers“

„Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege“, zitiert sie den „großen“ Philosophen, Aufklärer und Humanisten Immanuel Kant, der durch die schwarze Kontrastfolie, das „ethisch-Weiß gefärbte Gefühl des Schönen und Erhabenen umso reiner und höherwertiger“ erscheinen habe lasse wollen. Aber auch in der Aufklärung sei Whiteness keine eindeutige Kategorie gewesen, sondern stets verhandelbar. Rassismus funktioniere eben auf drei Ebenen: der sozio-kulturellen, der individuellen und der institutionellen. Der Rassismus produziere binäre Bilder, in denen Eigenes und Fremdes re-reoproduziert werde. Weißsein sei ein Konzept und teile die Menschen in zwei Gruppen: jene die davon profitieren und jene, die durch es unterdrückt würden. Wer die Neuinterpretation des Western-Klassikers „Django“ durch Regie-König Quentin Tarantino gesehen hat, wird wissen, wovon die Autorin spricht. In „Django-Unchained“ gibt es Weiße und Schwarze, aber es gibt auch Weiße, die nicht ganz so schwarz/weiß denken und dadurch Schwarze, die weiß denken. Der von Samuel L. Jackson dargestellte „Hausneger“ Stephen, eine klassische geradezu archetypische Figur im Diskurs der Bürgerrechtsbewegung, wird auch bei Tarantino zum Weißen, da er es ist, der die ganze Befreiungsaktion von Django vereitelt und nicht etwa der von Leonardo di Caprio tadellos gespielte grausame Gutsherr Calvin Candie. Das divide et impera Prinzip sorgt hier dafür, dass selbst Schwarze sich mit der weißen Ordnung identifizieren und wesentlich zu ihrem Erhalt und Fortbestand beitragen, obwohl sie doch ebenso Opfer des Systems sind.

Gegen kulturellen Rassismus in EU-ropa

Katharina Röggla distanziert sich zwar vom Begriff „Rasse“, benützt allerdings den Begriff „rassifiziert“, um eindeutig auf den Vorgang der sozialen Konstruktion und daraus folgender Hierarchisierungen hinzuweisen. In diesem Kontext ist auch ihre Aussage zu verstehen, dass weiße Literatur grundsätzlich als „universell“ und eben nicht „rassifiziert“ angesehen werde, obwohl doch bestimmte Annahmen „weiß“ sind und dennoch universalisiert werden. Nach Seshardi-Crooks seien Weiße aber eben auch beides: Bezeichnendes und Bezeichnetes, Rassifizierendes und Rassifiziertes. Normalität Whiteness, sei ein gesellschaftlicher Zwang, dem sich aber immer weniger Gruppen – selbst die Weißen selbst – nicht mehr unterwerfen würden wollen. Die „Critical Whiteness Studies“ würden nun – ähnlich dem Okzidentalismus – weg von dem Konstruierten hin zu den Konstruierenden analysieren, wie Herrschaft funktioniere. Kontinuitätslinien zwischen deutscher Kolonialpolitik und dem Nationalsozialismus seien feststellbar, und die Kriegsführung gegen die Herero und Nama könne durchaus als Grundlage für den Vernichtungskrieg in Polen und der Sowjetunion bezeichnet werden, so Röggla in Anlehnung an Gerbing/Torenz. Gerade im Zeitalter der Europäisierung Europas, in der seine Identität zunehmend keine politische sondern primär kulturell und religiös begründet sei, würden zusätzliche kulturalistische und differentialistische Rassismen entstehen, gegen die sich die „Critical Whiteness Studies“ wenden würden.

Django or the „Treason to Whiteness is Loyality to Humanity“

Das historisch gewachsene Konstrukt „Whiteness“ habe eine enorme gesellschaftliche Wirkmächtigkeit und lasse sich im Wesentlichen durch drei Faktoren bestimmen: „Whiteness“ ist ein Standpunkt, von dem aus andere betrachtet und bestimmt werden. Ein Ort, der selbst unsichtbar, unbenannt und unmarkiert ist und dennoch Normen setzt und ein Ort struktureller Vorteile und Privilegien (Wachendorfer). Weiter bestehe die Erfahrung, weiß zu sein, vorrangig darin, die eigene Erfahrung und Position nicht als abweichend, sondern als Norm wahrzunehmen. Die Macht der „Whiteness“ liege auch darin, andere zu bezeichnen, ohne selbst bezeichnet zu werden/sein. Im zweiten Teil ihrer Darstellung der „Critical Whiteness Studies“ sucht Röggla auch nach Strategien und Perspektivenwechseln. Die von Ignatiev und Garvey in ihrem gleichnamigen Magazin „Race Traitor“ formulierten politischen Maxime gipfeln in dem Satz „Treason to Whiteness is Loyality to Humanity“. Wer also seine eigene Weißheit verrate, helfe der Menschheit, da dadurch die vorherrschende Ungleichheit beseitigt werde. Aber wer verzichtet schon gerne auf seine Privilegien? Eben! Den Club der Weißen zu verlassen, könne aber durchaus genau darin bestehen, was Dr. King Schultz (Christoph Waltz) in „Django“ macht. Er sucht den schwarzen Sklaven zwar vorerst aus eigennützigen Motiven, nämlich um die drei Brüder zu identifizieren, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Doch als er dann merkt, wie gut sich Django selbst bei der Verfolgung der Peiniger macht, adoptiert er ihn. Auch wenn dies ein sehr paternalistischer Zugang zur Befreiung der Schwarzen von der Sklaverei ist, opfert sich der von Waltz dargestellte Dr. Schultz für das Eheglück von Django und Broomhilda von Shaft (Kerry Washington), indem er Calvin Candie erschießt und dabei sogar selbst draufgeht. Treason to Whiteness is Loyality to Humanity würde als Untertitel für „Django 2“ zwar etwas sperrig wirken, hätte aber durchaus seine Berechtigung, wenn man sich als Student der Critical Whiteness Studies auch in Filmanalyse versuchen dürfte.

„To break with ‚sivilisation‘“

„Ich bin nicht weiß, ich sehe nur so aus“, wäre eine ebenso wirksame wie nützliche Entgegnung auf den Vorwurf des Verrats, den wohl auch weiße Bürgerrechtler in den Sechzigern zu hören kriegten. Röggla sieht in den langen Haaren mancher Aktivisten der damaligen Zeit selbst gewählte Symbole von Zugehörigkeit oder wie es Ignatiev/Garves es ausdrücken: „It was a badge of membership in a brotherhood cast out from official society – exactly the function of color for Afro-Americans“ (Hervorhebung durch Röggla). Dass Afro-Amerikaner ihre weißen ungewaschenen Mitkämpfer allerdings teilweise sogar verachteten und lange Haare eben eine gewählte und keine angeborene vermeintliche „Insuffizienz“ darstellen, bleibt von Röggla ausgespart. Außerdem kann man den revolutionären Gehalt einer Modeerscheinung, die eigentlich nichts anderes ist als eine Verkleidung und in die Irre führt, bezweifeln. Denn ein Weißer bleibt auch mit langen geföhnten Haaren immer noch weiß – und selbst wenn sie so fettig sind wie die von Keith Richards, wird damit keine einzige schwarze Seele vor dem tagtäglichen Rassismus gerettet. „When Huck Finn decides to brake with what Huck calls ‚sivilisation‘ and takes the steps that will lead to Jim’s and their own freedom“, zitiert Röggla Ignatiev/Garvey nochmals bezüglich des initialen Moments des „Projekts Race Traitor“. Man könne also durchaus auch als Weißer ein guter Mensch sein, vorausgesetzt man rebelliere gegen die herrschenden Konventionen. Sicherlich war der relativ schnelle Erfolg der Bürgerrechtsbewegung im Süden der USA einem Bündnis aus Schwarzen und progressiven Weißen zu verdanken, wie es auch bei Lillian Smithe in der „Address to Intelligent White Southeners“ heißt. Die To-Do-Liste appelierte schon 1942 an einen fairen Umgang miteinander und vor allen Dingen an Kooperation. Die Kritik an Ignatiev/Garveys Konzept ist nämlich von Röggla vor allem dahingehend formuliert, dass sie nicht die Vorzüge des interkulturellen Dialogs und Zuhörens in den Vordergrund stellen, sondern wieder nur weißes, individuelles Protestverhalten. So gesehen ist auch Quentin Tarantino’s „Django“ nur eine weiße Fantasie, die zwar radikal revolutionär argumentiert, aber in politischer Praxis ebenso reaktionär agiert. Zumindest wissen wir jetzt, gegen wen sich die Pistole Djangos in erster Linie richten sollte.

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Katharina Röggla: Critical Whiteness Studies. Intro.
Mandelbaum Verlag, Wien 2012.
130 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783854766179

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