Ernst Haeckels Wiederkehr

Über Wolfgang Welschs tausendseitige Studie „Homo mundanus“

Von Stefan DiebitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Diebitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Den Menschen als „Homo mundanus“, als ein weltverbundenes Wesen darzustellen, das diese Welt dank seiner Weltverbundenheit so erkennen kann, wie sie wirklich ist – das ist das Ziel einer tausendseitigen Untersuchung, die der Jenenser Philosoph Wolfgang Welsch gleichzeitig mit einer Kurzfassung seiner Überlegungen vorgelegt hat. Sein Generalvorwurf an die Adresse der Philosophie der letzten zweihundert Jahre lautet „Anthropismus“ – sie habe dem Menschen eine einzigartige Stellung zugewiesen, die ihm Welsch zufolge keinesfalls zukommt.

Um seine Gedanken plausibel zu machen, hat der Autor in „Homo mundanus“ (auf dieses Buch geht die Besprechung im Folgenden immer dann ein, wenn nichts anderes vermerkt ist) eine historische Darstellung gewählt, die mit den Vorsokratikern beginnt und in der Gegenwart endet. Dem Leser wird auf den ersten 500 Seiten und auch noch später eine Menge Geduld abverlangt, wenn eine Fülle historischer Positionen an ihm vorüberzieht. Dabei ist dem mit auffallender Sorgfalt gearbeiteten Text die Autorschaft eines erfahrenen Hochschullehrers anzusehen, der im Laufe der Jahre zu einer eigenen Sprache fand und imstande ist, die großen Linien einer Argumentation souverän nachzuzeichnen. Trotzdem hätte der Autor gut daran getan, seine Darstellung der „historischen Spuren der Thematik“ (350 großformatige Seiten!) und im Anschluss daran seine detaillierte Kritik an der analytischen Philosophie (noch einmal 140 Seiten) in Spezialstudien zu veröffentlichen, um den Text dieses Buches zu entlasten. Von Hilary Putman, den er ausführlich kritisiert, sagt Welsch selbst, dessen Argumentation sei „extrem repetitiv“ – warum mutet er dem Leser seines eigenen Buches dann deren minuziöse Darstellung zu?

Gelegentlich schreibt Welsch im Stile eines Meisters, der sich nicht auf die Forschung, sondern generell allein auf eigene Lektüre stützt. Besonders überzeugend ist er einerseits bei Aristoteles, andererseits bei den Denkern des deutschen Idealismus. Großartig ist die energische Zeichnung des Hegel’schen Systems, das im parallel erschienenen „Mensch und Welt“ mit drei nichtssagenden Sätzen abgefertigt wird, so dass man sich fragen muss, wozu dieses Büchlein eigentlich nützlich sein soll. In ihm ist es Welsch an keiner Stelle gelungen, die weitschweifig vorgetragenen Überlegungen des großen Buches abzukürzen und ihnen eine systematische Form zu geben.

So schön und lesenswert die Passagen über Kant, Hegel, Heidegger und andere sein mögen, andere Teile sind schlicht langweilig und weniger als Philosophie- denn als Geistesgeschichte zu beurteilen. Manche erscheinen sogar ärgerlich, zum Beispiel die auf drei Seiten vollzogene beiläufige Abfertigung eines so ungemein anregenden und vielseitigen Denkers wie Max Scheler. Dessen Hinweis auf die Lebensfeindlichkeit des Geistes hätte es wohl verdient, ausführlich diskutiert und gegebenenfalls widerlegt zu werden – schließlich stellt diese Lebensfeindlichkeit einen wichtigen Einwand gegen das von Welsch vertretene Konzept des Evolutionismus dar, ja, widerlegte dieses sogar, wenn Scheler tatsächlich Recht hätte.

Dass der Genius eines Nicolai Hartmann keinerlei Erwähnung, geschweige denn Würdigung findet, kann unter diesen Umständen nicht wundern. Dabei hätte gerade Hartmann, dessen Lebenswerk in einer Zusammenschau von Erkenntnistheorie und Ontologie bestand, zum Vorhaben von Welsch einiges zu sagen. Hätte es nicht nahegelegen, auf einen metaphysischen Realisten einzugehen, wenn man sonst mehr oder weniger sämtlichen Denkern des 20. Jahrhunderts Idealismus vorwirft? Und was ist mit der Lebensphilosophie, mit Dilthey, Bergson, Simmel und Klages, oder den Klassikern der philosophischen Anthropologie? Sie alle, die sowohl über den Menschen als auch über den Begriff der Wirklichkeit Entscheidendes zu sagen hatten, passen offenbar nicht in das philosophiegeschichtliche Schema und sehen sich deshalb links liegengelassen.

Ganz anders steht es um den Respekt, den Wolfgang Welsch dem populärsten Jenenser Professor aller Zeiten, Ernst Haeckel, entgegenbringt, denn den Vordenker des Monismus sieht er als sein Vorbild an, ja er übernimmt geradezu dessen Philosophie. Schon den Begriff des „Anthropismus“ führt Welsch auf Haeckel zurück und schließt sein Haeckel-Kapitel mit den folgenden Worten, die das Programm seines eigenen Buches umschreiben: „Man könnte versuchen, den Menschen von der Evolution her zu verstehen – und gar von deren weitester Dimension, nicht bloß von der biologischen, sondern von der kosmologischen Evolution her. […] Darin könnte der Gedanke zum Tragen kommen, dass wir, als Wesen, die durch die Einschreibungen der Evolution geprägt sind, der Welt, die ebenfalls ein Produkt dieser Evolution ist, nicht fremd gegenüberstehen, sondern grundlegend mit ihr verbunden sind. Das könnte ein neues Licht auf unseren Weltbezug und dessen Leistungen werfen.“ Ganz beiläufig wird auch von der Evolution des Kosmos gesprochen und damit dieser Begriff um ganze Dimensionen erweitert. Ob es überhaupt Sinn ergibt, von der Evolution des Kosmos anstatt von seiner Entstehung zu sprechen, wird an keiner Stelle kritisch hinterfragt.

Dem historischen Teil folgt zunächst ein kurzes, „Indizien einer grundlegenden Verbundenheit mit der Welt“ überschriebenes Kapitel, bevor in „Mensch und Welt im Licht der Evolution“ der Philosoph sein Glaubensbekenntnis formuliert, das auf nichts als auf die Evolution hinausläuft. Mit ihr gedenkt der Monist Welsch auf buchstäblich sämtliche Fragen zu reagieren. Die Antwort aller Antworten sieht er wie weiland Ernst Haeckel darin, das Wesen der Welt insgesamt „von seiner Genese her“ zu beschreiben, und eben dies unternimmt er dann auch, wobei er mit dem Urknall, nicht etwa irgendwann später beginnt. Im Grunde referiert dieser Abschnitt nichts als den Mainstream der Naturwissenschaften und hat eher Sachbuchcharakter, als dass er wirklich philosophisch argumentiert. Originell ist Welschs Position nun eben nicht.

In einer Fußnote gibt der Autor zu, dass mit der Möglichkeit gerechnet werden muss, dass selbst die Naturkonstanten invariant sein könnten. Die Folgerungen daraus sind dramatisch. Die Varianz der Konstanten würde bedeuten, dass alle Hypothesen über die Geschichte des Weltalls ins Leere zielen, denn „die übliche Rekonstruktion der Geschichte des Kosmos basiert auf der Invarianz-Annahme. […] Und manches spricht dafür, dass etliche Parameter zumindest in der heißen Frühphase des Kosmos bemerkenswert anders waren als im heutigen, vergleichsweise kalten Stadium.“ Mit anderen Worten: Auch seine eigenen Darstellung der Entstehung des Weltalls („Urknall“) steht auf tönernen Füßen.

Philosophisch viel interessanter ist aber eine andere Frage, nämlich die nach der Bedeutung der Geschichte für die Ontologie. Welsch geht davon aus, dass „dass die Genese seinsbildend ist“ – deshalb „kommt es auch epistemisch für ein zureichendes Begreifen eines Seinstyps darauf an, ihn aus seinem Hervorgang zu verstehen.“ Trotz der Plausibilität dieses Ansatzes muss man die Frage stellen, ob der Satz auch wirklich bewiesen ist. Und ein zweites kommt hinzu: Was fügt eine genetische Betrachtungsweise dem schlichten Hinweis darauf hinzu, dass unser Leib als ein Körper wie jeder andere den Gesetzen der klassischen Mechanik und der anorganischen Chemie unterliegt? Und nun gar der Urknall! Dieser Urmythos der modernen Physik ist keine philosophische Einsicht, sondern eine (wohl prinzipiell unbeweisbare und, wie gesehen und von Welsch eingestanden, eventuell falsche) Hypothese im Kontext einer Einzelwissenschaft. Er ist ganz überflüssig, wenn man erklären will, warum der Mensch etwa um die Schwere von Gegenständen weiß. Ähnlich steht es um den Anteil des Pflanzlichen und Animalischen an der menschlichen Existenz, der von Helmuth Plessner in seinen „Stufen des Organischen“ in bislang unübertroffener begrifflicher Schärfe beschrieben wurde – ohne jeden Hinweis auf die Naturgeschichte, die hinter diesen Fakten stehen mag. Wenn Welsch Recht hätte, dann wären „Die Stufen des Organischen“ philosophisch wertlos.

Der von Welsch angesprochene Grundsatz dürfte erst mit steigender Seinshöhe an Geltung gewinnen: Es ist nicht mit irgendeinem philosophischen Erkenntnisgewinn verbunden, sich die Genese der Materie vorzustellen (oder besser: auszurechnen), denn die Materie zeigt uns deshalb kein anderes Gesicht. Dagegen gewinnt bereits der Blick auf niedere Lebensformen an Tiefe, wenn wir über ihre Entstehung nachdenken, und das gilt noch viel mehr für alles Menschliche, für dessen Verständnis das Wissen um seine Genese essentiell ist.

Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich für Welsch wie für alle Evolutionisten daraus, dass sich keinerlei Zeugnisse für die meisten der von ihnen behaupteten Entwicklungen finden und auch gar nicht finden können. Denn selbst wenn versteinerte menschliche Gehirne gefunden worden wären oder je gefunden werden sollten, gäbe es für die folgende Schilderung nicht den Schatten eines Belegs: Das „menschliche Gehirn“, schreibt Welsch und tut so, als besäße er dafür belastbare Funde, „hat sich in Rückkopplung mit den durch es ermöglichten Tätigkeiten weiterentwickelt. Die gestiegene Leistungsfähigkeit des vergrößerten Gehirns ermöglichte neuartige Tätigkeiten; diese zu beherrschen, bedeutete einen selektiven Vorteil; dadurch wurde wiederum die Vergrößerungstendenz bestärkt. So haben sich Gehirnoptimierung und Tätigkeitsinnovation gegenseitig hochgeschaukelt.“

Immer wieder betont Welsch, dass auch der Mensch animalische Aspekte aufweist, und argumentiert in beiden Büchen durchgängig so, als verträte die Hauptmasse der Philosophen nach wie vor die Ansicht des Descartes, dass Tiere seelenlose Wesen seien, in toto vom Menschen unterschieden. Aber welcher ernstzunehmende Philosoph nimmt heute noch eine solche Position ein? Und: Gibt es wirklich keine lebenden Philosophen außer Welsch, die die Menschen als weltverbundene, als „weltimprägnierte Wesen“ darstellen? Mit anderen Worten: Es scheint, als ob Welsch tausend Seiten lang mit Lust offene Türen einrennt.

Das tut er besonders dann, wenn er gegen Descartes ficht und großartig zeigt, dass Kommunikation mit einem Seehund möglich ist – eine Behauptung, die doch kein Mensch mit Verstand bezweifeln wird. Allerdings wird man in diesem Zusammenhang besser auf eine nichtssagende Allerweltsvokabel wie „Kommunikation“ verzichten, die man sogar ungestraft bei Röhren verwenden kann. Welsch spricht wohl deshalb von Kommunikation, weil er sie auf buchstäblich alles ausdehnt, also auch auf Steine, Handwerkszeug oder Wolken. Dabei ließe sich leicht demonstrieren, dass ein Handwerker, der mit seinem Hammer spricht (eines seiner Beispiele), beileibe nicht mit diesem kommuniziert – vorausgesetzt, dass es dem Handwerker noch wirklich gut geht. Vielmehr zeigt Welsch selbst in einer späteren Passage, dass „Werkzeugtechniken gerade reflexive Fähigkeiten“ und deshalb vor allem interne Prozesse erfordern. Wenn also ein Handwerker kommuniziert, dann zunächst und vor allem mit sich selbst. Ebenso wenig kommunizieren wir mit Wolken, wenn wir gelegentlich Figuren in ihnen entdecken – Beobachtung ist nicht Kommunikation.

Welsch, der hier wie meist auch sonst auf jede Analyse verzichtet, geht es um „Verschmelzungserfahrungen“, um das „ozeanische Gefühl“, und er steuert mit dieser Rhetorik direkt hinein in die Mystik – ein Vorgang, der mit dem übertriebenen Gradualismus zu tun hat, der seine Argumentation wie jene vieler seiner Vorgänger und Zeitgenossen prägt. Betonte ein Descartes die Unterschiede zu scharf, so werden sie heute nicht allein von Welsch verwischt – so sehr, dass endlich irgendwie alles eins ist. Der Gradualismus führt fast zwangsläufig zu dieser Position, und Welsch ist deshalb nicht der einzige Anhänger der Evolution, der sich zu einer mystischen Philosophie bekennt und der Evolutionstheorie, die bei ihm wie bei den Monisten des 19. Jahrhunderts nichts weniger als alles erklären soll, einen religiösen Status zuspricht. Das Zitat von Dobzhansky, das dem 4. Teil der Untersuchung vorangestellt ist („Nothing makes sense […] except in the light of evolution.“), ist dem Leser in allerlei Abwandlungen schon oft begegnet, und jedes Mal möchte man „in the light of evolution“ durch „Jesus“ ersetzen.

Mystisch ist vielleicht auch der Anspruch, den Welsch an das Erkennen stellt. Was bedeutet für ihn eine „1: 1-Einsicht in die Dinge“? Soll dieser wiederholt auftauchende Ausdruck sagen, dass das Erkennen die Welt ausschnittsweise oder gar in toto wiederholt? Das wäre eine ganz sinnlose Vorstellung. Was also meint Erkennen im Zusammenhang dieses Buches? Welsch spricht von der „Außenbindung unserer Welterfahrung“ oder über unser Verhältnis „zur Welt draußen“ – das aber ist etwas, das nur jemand sagen kann, der seiner eigenen Überzeugung nach vorwiegend, wenn nicht gar ganz in seinem Innern lebt. Was Welsch damit zu überwinden versucht, ist die von ihm behauptete Frontstellung des Menschen zur Welt. Offenbar hat er nicht verstanden, dass Erkennen in nichts anderem besteht als darin, sich der Welt entgegenzustellen. Jedes Lebewesen, das etwas erkennt (also auch das primitivste), hat eben dies getan und sich von der Welt geschieden. Ließe sich denn überhaupt noch etwas erkennen, wenn man mit einem Objekt verschmolzen wäre? Man ist nicht mehr eins mit der Welt, wenn man zu erkennen begonnen hat.

Wenn Welsch in den ersten Passagen des zweiten Teils des Buches sagt, „Argumentation wird nicht mehr in allem an vorderster Stelle stehen können“, dann wird der Leser schon aufmerksam – deutet sich hier nicht an, dass der Autor das Gebiet der Philosophie hinter sich zu lassen gedenkt, um sich als ein (krypto-) religiöser Denker zu profilieren? Dass ausgerechnet der Pazifik sein „Lehrmeister“ gewesen sein soll, deutet in dieselbe Richtung: Dieses Buch zielt letztlich auf mehr oder auf anderes als Philosophie.

Immerhin, Welsch formuliert niemals aggressiv oder anmaßend, sondern stets auf Ausgleich bedacht und ohne jede Polemik, und davon profitieren auch die Passagen, in denen er die Gesetze der Evolution auf die Kultur überträgt. Welsch ist weit davon entfernt, die „Eigenständigkeit und Irreduziblität des Kulturellen“ zu leugnen, sondern versucht vielmehr zu zeigen, in welcher Weise die kulturellen Leistungen des Menschen auf seiner Natur basieren, ohne sich allein aus ihr heraus erklären zu lassen. So schreibt er über unsere kreatürlichen Voraussetzungen: „Was als Autonomisierung erscheint, ist in Wahrheit nicht ein Prozess ihres Irrelevantwerdens oder der Abstoßung von ihnen, sondern ein Fortgang ihrer weiteren Entfaltung.“

Der interessanteste Teil des Buches ist der (leider zu kurze) Entwurf einer genetischen Ontologie, in dem Welsch vorschlägt, „Wirklichkeit als Wirkgefüge“ zu verstehen. In dem den Band abschließenden Kapitel über Erkenntnistheorie bestimmt er das Sein entsprechend als ein „Gefüge von Beziehungs- und Antwortformen“. Die Komplexität eines solchen Systems, dessen Abhängigkeiten und Wirkungen sich ja in alle Richtungen bewegen, bringt ihn dazu, mit der Anpassung einen der zentralen Begriffe der Evolutionstheorie abzulehnen. Denn Anpassung ist ein eindimensionaler Vorgang (ein Organismus passt sich seiner Umwelt an), wogegen Welsch einwendet, dass jeder Organismus selbst seine Umgebung verändert. Anpassung ist also, wenn viele Organismen zusammenleben, ein vieldimensionaler und chaotischer Vorgang.

Wie erklärt man die Verbindung von Geist und Materie? Wie kann die Materie den Geist hervorbringen? Der Trick von Welsch (und nicht von Welsch allein) besteht darin, einen Hiatus nicht anzuerkennen, sondern die Anfänge des Geists bereits der Materie zuzusprechen, so dass sich der Geist aus ihr heraus in unmerklich kleinen Schritten entwickelt. Beispielsweise sieht Welsch bereits im Zusammengehen der Elementarteilchen zu einem Atom einen Vorgang, welcher der Reflexivität verwandt ist und damit die Subjektivität vorbereitet. Ein solcher Materialismus, wie er auch von anderen Philosophen vertreten wird, leugnet aber nur den Hiatus, ohne eine ernsthafte Lösung vorschlagen zu können. Da wirkt es doch ehrlicher, ihn und die damit verbundene Aporie zu akzeptieren, wie es etwa Nicolai Hartmann getan hat, der von einem „hiatus irrationalis“ gesprochen hat und eine grundsätzlich unüberwindbare Heterogenität zwischen den psychischen Vorgängen und dem Organismus feststellte.

Welsch behauptet, dass die Evolution mit der Selbstorganisation der Materie begann, einer Selbstorganisation, die sich im organischen Leben nur fortsetzt und differenziert, um endlich bis zum Bewusstsein und Selbstbewusstsein fortzuschreiten – wie er selbst in „Mensch und Welt“ schreibt, eine „kühne These“ (die ich aber nichtsdestotrotz schon bei anderen Philosophen gelesen habe, etwa bei Mario Bunge). Für Welsch erschöpft sich Geist in Selbstbezüglichkeit, und diese Selbstbezüglichkeit will er bereits in der Gravitation, in der Bildung von Galaxien oder auch im Zusammengehen von Elementarteilchen zu einem Atom entdecken. „Geist“, so fasst Welsch in „Mensch und Welt“ zusammen, „ist das Ergebnis und Emergenzprodukt dieses grundlegenden ontologischen Musters, das sich zu immer höheren und selbsthafteren Formen gesteigert hat. […] In der menschlichen Reflexion wendet sich die von Anfang an reflexiv verfasste Natur auf sich selbst zurück.“

„Homo mundanus“ schließt mit Bemerkungen zur Erkenntnistheorie, in der jetzt etwas überraschend vom „Sein“ die Rede ist, dem er nun doch einen „Stufencharakter“ zuspricht, als habe er heimlich Nicolai Hartmann oder Helmuth Plessner gelesen und sich die Sache mit dem Gradualismus noch einmal überlegt.

Insgesamt leidet „Homo mundanus“ unter vielem: Das Buch ist schlecht komponiert, denn die von beneidenswert großer Belesenheit kündenden philosophiehistorischen Passagen tragen kaum etwas zur Argumentation bei und nehmen insgesamt viel zu viel Raum ein. Welschs Position ist wenig originell, denn sein Buch ist, wie er selbst eingesteht, die Fortschreibung des Haeckel’schen Lebenswerks, und sein Gradualismus findet sich heute bei einer ganzen Reihe von Autoren, etwa jenen der Giordano-Bruno-Gesellschaft. Welsch ist viel gelehrter, kann besser formulieren und argumentiert ausgewogener und sachlicher – aggressive Polemiken wie von Dawkins oder dessen deutschen Nachbetern finden sich an keiner einzigen Stelle, und die (allerdings auch wirklich abstruse) Memtheorie von Blackwell und Dawkins wird von ihm schlagend widerlegt. Aber er bringt nichts Neues, sondern setzt allenfalls einige Akzente (die interessantesten dort, wo er von seiner intimen Aristoteles- und Hegel-Kenntnis profitiert); und die Art, in der von ihm die größten Geister des 20. Jahrhunderts unter den Teppich gekehrt werden, finde ist mehr als anstößig.

Kein Bild

Wolfgang Welsch: Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne.
Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2012.
1004 Seiten, 78,00 EUR.
ISBN-13: 9783942393416

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Titelbild

Wolfgang Welsch: Mensch und Welt. Philosophie in evolutionärer Perspektive.
Verlag C. H. Beck, München 2012.
191 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783406630828

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