Eine Tipp- und Schicksalsgemeinschaft

Aus dem Briefwechsel zwischen Gotthold Ephraim Lessing und Eva Catharina König, dieses Mal von Michail Krausnick

Von Franziska MünzbergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franziska Münzberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gotthold Ephraim Lessing ist ein Theatermensch, ein Hallodri und ein Spieler: „Ich komme auf unser gemeinschaftliches Projekt, glücklich – wollte ich sagen, reich zu werden“, so das Zitat aus seinem Brief an Eva Catharina König vom Sommer 1770 – ohne die Kürzung, die dem Bändchen zu seinem gelungenen Titel verholfen hat. Ein Lottogewinn würde sie beide reich machen. Reich werden müssen der 41-jährige Lessing und die 34-jährige Heidelbergerin Eva Catharina König, um heiraten zu können. Heiraten wollen sie, nachdem Königs verstorbener Ehemann, der Hamburger Kaufmann Engelbert König, sie und ihre Kinder dem Freund Lessing anempfohlen hat – dem Theatermenschen, Hallodri und Spieler. Immerhin hat Lessing 1770 schon mehr Bindungswillen denn je bewiesen und sich in eine feste Anstellung begeben.

„Ach, ich stecke jetzt in Arbeit über die Ohren und quäle und püffle mich den ganzen Tag“, berichtet der Wolfenbütteler Bibliothekar am 1. Mai 1772 – als Sachse schreibt er büffeln vorsichtshalber mit p. Damit meint er freilich nicht, dass er die „hunderttausend Bücher“ in der ehrwürdigen Bibliothek auswendig lernen möchte, sondern in etwa das, was der Lexikograf Johann Christoph Adelung unter büffeln versteht, nämlich „grobe schwere Arbeit verrichten“ (Albrecht zu diesem Brief Nr. 94 „püffle mich: Ich plage mich ab, bin belastet“): Lessing hat sich vorgenommen, all diese Bücher neu zu ordnen. Königs Empathiebekundung vom 25. Mai 1772 kommt aus Wien, wo sie ein Seidenlager aus dem Erbe ihres verstorbenen Gatten verkaufen will: „Hundertmal des Tages kommen Sie mir vor, wie Sie unter den Büchern herum kramen. Wie gern wollte ich Ihnen helfen, lieber[,] als den Großen aufwarten. Ihre Arbeit wird Ihnen wohl sauer, aber glauben Sie nur, daß die meinige mir noch saurer wird.“ Und die Unternehmerin wider Willen strickt, weil ihre schlechten Augen ihr das Lesen bei künstlichem Licht verbieten, seidene Strümpfe für ihren Bibliothekar wider Willen.

Zum gemeinsamen Lotteriespiel lässt Eva Catharina König sich noch überreden. Doch als Lessing im Frühjahr 1776 auch bei seinen Gehaltsverhandlungen mit dem Herzog und Erbprinzen von Braunschweig-Wolfenbüttel va banque spielen will, bittet König ihn eindringlich, „sich nicht zu übereilen, und bei kaltem Blute zu überlegen, was Sie tun wollen, ehe Sie anfangen zu handeln.“ Lessing richtet sich nicht ganz nach ihrem Rat, was er in seiner Antwort an sie dann auch noch ehrlich zugibt (10. März 1776): „Ich habe ihn doch getan, den Schritt, den Sie so sehr befürchteten. Aber freilich habe ich ihn mit mehr Behutsamkeit getan, als Sie aus meinem Schreiben urteilen konnten, dass ich es tun würde“. Der Bibliothekar hat mit einer Kündigungsdrohung hoch gepokert – und gewonnen: Als Hofrat wird er weiterhin für die wertvollen Schriften in der Wolfenbütteler Bibliothek verantwortlich sein, aber besser verdienen und eine familientaugliche Wohnung beziehen. Wohl auch der zuvor schon geglückte Verkauf der König-Fabriken in Wien ermöglicht endlich die Hochzeit im Oktober 1776.

Schon Weihnachten 1777 endet das gemeinschaftliche Projekt brutal. 24 Stunden nach der Zangengeburt stirbt ihr gemeinsamer Sohn. Silvester 1777 – so jedenfalls das Datum im zweiten Band der Lessing-Gesamtausgabe von Helmuth Kiesel – muss Lessing damit rechnen, dass auch seine Frau die Geburt nicht überleben wird. „Ich wollte es auch einmal so gut haben[,] wie andere Menschen“, schreibt er an den Shakespeare-Übersetzer Johann Joachim Eschenburg, seinen Freund, der später auch Werke aus Lessings Nachlass herausgeben wird. „Aber es ist mir schlecht bekommen …“ Am 10. Januar 1778 berichtet er unverhüllt nach seiner Art: „Lieber Eschenburg, Meine Frau ist tot: und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen; und bin ganz leicht.“

Ohne die erschütternden Briefe an Eschenburg und an den Bruder um die Jahreswende 1777/1778 wäre diese Briefauswahl unvollständig. Im strengeren Sinn unvollständig will und muss sie freilich sein: Der Buchautor, Kabaretttexter und Rundfunkredakteur Michail Krausnick hat sie nach einem seiner Fernsehfeatures aus dem Jahr 1980 gestaltet. Bei diesem Projekt kam es dem studierten Literaturwissenschaftler offenbar nicht darauf an, jeden einzelnen Brief kritisch zu edieren. Vielmehr sollte eine Auswahl von Briefen so weit mit hilfreichen Begleittexten ausgestattet werden, dass sie auch ohne den Kindler auf dem Schoß und die Wikipedia auf dem Display gelesen werden kann. Eine aufschlussreiche, manchmal amüsante und insgesamt dann doch heillos betrübende Lektüre für Zug und Wartezimmer, die in keiner Manteltasche aufträgt und deren schmaler Buchrücken auch SchülerInnen nicht erschrecken würde. Reizvoll für den Deutschunterricht wäre die Aufgabe, einige Teile aus der Korrespondenz, zum Beispiel Briefe über Alltagssorgen oder die wiederkehrenden gegenseitigen Vorwürfe, der/die andere schreibe zu selten, mit gegenseitigen Vorhaltungen in einen Mailwechsel umzuschreiben. Wenn dabei außer einigen Vokabeln nicht gar so viel zu ändern wäre, so wäre das immerhin auch ein Ergebnis.

Den Deutschunterricht, die Deutsche Bahn und das Wartezimmer lässt man auch gern als Argument dafür gelten, dass dem Bestand eine weitere Ausgabe dieser Briefe hinzugefügt worden ist: Neben den Bänden 11/1, 11/2 und 12 der Lessing-Gesamtausgabe von Helmuth Kiesel – abgedruckt sind darin allerdings nur Lessings, nicht Königs Briefe in Bd. 11/2 – stehen auch Meine liebste Madam (Schulz) oder die Briefe aus der Brautzeit mit einem Essay von Walter Jens zur Auswahl.

Auf eine dieser drei anderen Ausgaben, am besten auf Band 11/2 der Gesamtausgabe oder auf Meine liebste Madam von Günter und Ursula Schulz, sollte zurückgreifen, wer sich für ausführliche Anmerkungen interessiert. Erst recht gilt das für alle, die den Unterschied zwischen den folgenden Auszügen sehen oder gar hören:

„Ach, ich stecke jetzt in Arbeit bis über die Ohren und quäle und püffle mich den ganzen Tag“

„Auch ich stecke itzt in Arbeit bis über die Ohren, und quäle und püffle mich den ganzen Tag“ (Brief Nr. 94 vom 1. Mai 1772)

„Diesen Zahnschmerzen, meine Liebe, müssen Sie es auch zuschreiben, wenn ich Ihnen diesmal ein wenig lüderlich und verwirrt schreibe.“

„Diesen Zahnschmerzen, meine Liebe, müssen Sie es auch zuschreiben, wenn ich Ihnen dasmal ein wenig sehr lüderlich und verwirrt schreibe“ (Brief Nr. 90 vom 15. März 1772)

Michail Krausnick, geboren 1943 in Berlin, lebt als freier Autor bei Heidelberg. Seit seinem Studium der Literaturwissenschaft publiziert er eifrig, z. B. Dichter- und andere Biografien, er bietet Lesungen an und arbeitet fürs Theater, fürs Kabarett, für den Rundfunk. Die Briefausgabe selbst ist nach einem Drehbuch für die Fernsehreihe „Absender“ gestaltet; 1980 soll der Beitrag im SDR ausgestrahlt worden sein. In der gleichnamigen Reihe des Wellhöfer-Verlags ist „Unser gemeinschaftliches“ Projekt eines von vier Bändchen mit Dichter- und Musikerbriefwechseln.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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Gotthold Ephraim Lessing / Eva Catharina König: Unser gemeinschaftliches Projekt, glücklich zu werden. Eine Liebe in Briefen.
Ausgewählt und nacherzählt von Michail Krausnick.
Wellhöfer Verlag, Mannheim 2014.
64 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783954281565

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