„Glück kommt, Glück geht“

Das Leben als Flickenteppich in Nina Lykkes Roman „Aufruhr in mittleren Jahren“

Von Liane SchüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liane Schüller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Was hat es für einen Sinn, sich in der Schule zu quälen und abzumühen, nur um irgendwann einen Job, ein Haus und Kinder zu haben und sich dann weiterzuquälen, bis man stirbt? (…) Warum zieht man nicht einfach in einen Wohnwagen und lebt von Sozialhilfe?“ Mit den altklug-resignativen Fragen eines Dreizehnjährigen startet der erste auf Deutsch erschienene Roman der norwegischen Autorin Nina Lykke Aufruhr in mittleren Jahren.  An diese Sätze ihres inzwischen erwachsenen Sohnes Jakob erinnert sich Ingrid, in deren „Aufruhr“ die Leser zu Beginn des Romans hineinkatapultiert werden. Durch Ingrids Perspektive erhält man Einblick in die Lebenssituation ihrer norwegischen Mittelstands-Familie, die nicht nur auf der Oberfläche von Durchschnittlichkeit geprägt ist: Ein Ehepaar um die fünfzig, das nach fünfundzwanzig Ehejahren gemeinsam mit den beiden erwachsenen Söhnen in einem Vorort von Oslo sein gutbürgerliches Leben fristet. Ingrid arbeitet als Lehrerin und Jan ist Ministerialbeamter, der soeben zum stellvertretenden Referatsleiter befördert wurde. Alle haben alles im Überfluss und könnten – zumindest was den materiellen Background betrifft – zufrieden sein. Aber Ingrid ist im Wortsinn lebensmüde und fühlt sich kaum noch imstande, ihr Leben so weiterzuführen. Mit einer Schuld aus der Kindheit belastet, die sie als Erbe des „Nichtlebenstüchtigen“ an ihre Kinder weitergegeben zu haben glaubt, rekapituliert sie die Jahre der Ehe und des Familienlebens. Die gutbürgerliche und adrette Fassade des Wohlgeordneten hängt nur noch an einem seidenen Faden. Überdruss, Langeweile und Tristesse dominieren Ingrids Leben. Sie navigiert durch ihre immer gleichen Alltags-Orte Schule, Haus und Lesezirkel, die für sie allesamt sinnentleert sind. Das Verhältnis zu Jan ist rein funktional und mit einmal wöchentlichem Beischlaf ritualisiert, der abgehakt wird wie alles andere auch: „So, dachte sie, das wäre erledigt. Eine Woche war der Rhythmus, der sich in all den Jahren etabliert hatte, so wie alles seinen Rhythmus hatte: Rasen mähen, Schnee fegen, Glühbirnen auswechseln (…)“. In Ingrid schlummert das Potential zum Amoklauf, die Zumutungen des Alltags machen sie zu einer tickenden Zeitbombe, was sie sich nach jahrelanger Übung im Schein-Wahren allerdings nicht anmerken lässt. Die Fassade bröckelt lediglich von innen. Neben ihrer Wut spürt sie eine bleierne Müdigkeit und ist dem Burnout nah. Und nicht nur die Beziehung des Ehepaars ist an ihrem Endpunkt, sondern auch das Verhältnis zu den Söhnen, die zu schmarotzenden Nutznießern im eigenen Haus herangewachsen sind und nur noch freundlich tun, wenn sie sich pekuniäre Unterstützung erhoffen: „Es ist wie das Leben in einer WG", sagt Ingrid, „nur dass du für alle zahlst. Und auch noch hinter ihnen aufräumst und putzt". Ingrid kommt nicht heraus aus ihrem ständigen Gedankenkarussell, das sie kaum mehr schlafen lässt: Was hätten sie in der Erziehung anders machen können? Und wäre die Entwicklung der Kinder überhaupt beeinflussbar gewesen? Zu spät, darüber nachzudenken, sind die Kinder mittlerweile „geformt", nichts von dem, was Ingrid und Jan sich erhofft und durch eine dem Zeitgeist geschuldete Erziehung forciert hatten – von gesunder Ernährung, über wohl dosierten Körperkontakt bis zu abwechslungsreichem Förderangebot –, ist aus ihnen geworden. Für Ingrid ist das (Familien-)Leben ein einziger großer Abgrund, ohnehin „hatte [sie] es schon oft bereut, dass sie Kinder bekommen hatte“.

Just in dieser Phase beginnt Jan, der „ergraute Referatsleiter“, der vor vielen Jahren noch von einer Musikerkarriere geträumt, sich inzwischen aber in seinem wohlsortierten, wenn auch langweiligen Leben eingerichtet hat, auf einer Bürofeier mehr durch Zufall eine Affäre mit einer Kollegin, der fünfzehn Jahre jüngeren Hanne. Diese leidet an akuten Bindungsängsten, spürt jedoch den Druck ihrer „biologischen Uhr“ und muss sich beeilen, wenn sie den Anschluss an ein normiertes Leben mit Familie, Haus, Wohlstand und gesellschaftlicher Anerkennung bekommen möchte. Während der nun folgenden langen Liaison mit allen erwartbaren Konflikten, Hoffnungen und Wünschen, Vorwürfen und Schuldzuweisungen, kann sich Jan lange nicht für Hanne und gegen seine Ehe entscheiden. Dabei geht es weniger um seine Gefühle für Ingrid als vielmehr um seine Bequemlichkeit und die Befürchtung, die Annehmlichkeiten des Ehe-Alltags aufgeben zu müssen. Am liebsten würde er freilich beides haben: das wohlgeordnete Ehe-Heim als Ruhepol am Wochenende und die aufregend-vitalisierende Affäre als Abwechslung nach Feierabend.

Als er schließlich die Entscheidung für Hanne trifft, kann daraus nichts Gutes mehr werden. Jan erkennt, dass ihm Spiel und Heimlichkeiten wichtiger waren als die Realität des gelebten Alltags. Der vermeintliche Neuanfang entpuppt sich als Farce und Jans Euphorie wird peu à peu abgelöst durch das bittere Ergebnis seiner Entscheidung, die ihn dazu verurteilt, all das bereits Gelebte zu reproduzieren, sein altes Leben im neuen zu führen, nur mit einer anderen Frau: „Er hätte Hanne vorbeiziehen lassen sollen, wie ein kluger alter Fisch einen bunten Köder vorbeiziehen lässt“. Auch für Hanne, die jahrelang ihre Neurosen kultiviert hat, wird das Leben zunehmend unerträglich, ihr fehlen die Schuldgefühle während der Affäre, das „Unerhörte“ der Heimlichkeiten. Die „alte Version ihrer Selbst“ hatte sich nach etwas gesehnt, dass sich als Chimäre entpuppt.  Nach Ingrids Auszug zieht sie in Jans Haus und sieht sich dazu verurteilt, die Lücke im Haus einer anderen Frau füllen. Als Hanne schwanger wird, nimmt Jan vor der Rolle des deutlich gealterten, Windeln wechselnden Vaters Reißaus, indem er diesmal Hanne mit seiner Arbeitskollegin Julie betrügt und sich nach einem kultivierten Leben ohne Familienverpflichtung sehnt.

So weit, so wenig gut. Das altbekannte Tableau einer (scheiternden) Dreiecksgeschichte nutzt Nina Lykke als Hintergrundfolie, auf der sie mit teils ironisch-humorvollem, teils bitterbösem Gestus Handlungsmöglichkeiten und -grenzen für ihre Figuren auslotet und realitätsnahe Perspektiven entwickelt. Im Wechsel gibt sie allen drei Hauptfiguren eine authentische Stimme und leuchtet facettenreich deren Positionen, Beweggründe und Gefühlsabgründe aus. Schonungslos zeichnet die Autorin aus verschiedenen Blickwinkeln die Folgen einer Entscheidung nach, die zur Demontage einer Familie und der Suche nach neuen Identitätskonzepten führt. Konsequent legt sie Altes und Neues in die Waagschale: Was tauschen wir wogegen ein? Was verleiht dem Leben überhaupt Sinn? Ist ein Neuanfang möglich und was ist der Gewinn? So spielt der Text mit Adornos zeitlosen Überlegungen zum richtigen Leben im falschen, reflektiert aber noch mehr dessen ursprünglichen Kern: „Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben“. Lykke dokumentiert, dass weder Ingrids Verhältnis zu Jan noch das zu ihren Kindern auf unlösbaren Problemen fußt, sondern die eingefahrenen Strukturen sich als höchst erwartbar, allgegenwärtig und normal herausstellen und dadurch etwas Modellhaftes bekommen.

Im Original legt der Titel des Romans – anders als in der deutschen Übersetzung, die die Midlife-Crisis in den Blickpunkt rückt – einen deutlichen Fokus auf das revolutionäre Potential, die Sprengkraft von Gedanken und auf das Aufbegehren der Figuren, die sich nicht abfinden wollen mit der Endgültigkeit ihres einmal eingeschlagenen Lebenswegs. Im Originaltitel Nei og atter nei („Nein und wieder nein“) liegt eine Ablehnung des Gewohnten, der konstruktiver Protest und Änderungspotential bestehender Verhältnisse innewohnt. Das Buchcover der deutschen, bei Nagel & Kimche erschienenen Ausgabe bildet aussagekräftig die Ambivalenz von Altem und Neuem und die Dekonstruktion von überkommenen bürgerlichen Werten ab: Das in Flammen stehende Haus, das sich bei näherem Hinsehen als gestrickte Handarbeit erweist, wird zum Inbegriff des Scheiterns im Privaten.

Bemerkenswerterweise ist die betrogene Ehefrau Ingrid am Ende des Romans die einzige der drei Hauptfiguren, der ein Ausweg aus dem Midlife-Elend zu gelingen scheint. Hier schließt sich der Kreis, da Ingrid die pessimistischen Gedanken ihres Sohnes vom Beginn des Romans ins Positive verkehrt und eine individuelle Lebensform findet, die ihre Sehnsucht nach Ferne und „Downsizing“ vereint und ihre Kritik an sinnloser Wohlstandsgier, Maßlosigkeit und Konsum nicht ins Leere laufen lässt. Die Trennung von allem Unnötigen – emotional und materiell – wird ihr Befreiungsschlag. Sie reduziert fortan ihr Leben aufs Wesentliche, schläft nur noch im hierfür umgerüsteten Auto, reist durch die Welt und findet ihr Glück in der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse. Vor allem aber tut sie nach jahrzehntelangem Dienst an Mann und Kindern eines: sie kümmert sich um sich selbst.

Man kann Aufruhr in mittleren Jahren als Mixtur von Wohlbekanntem mit einem dem neuen Zeitgeist von Entschleunigung, „Flow“ und Achtsamkeit geschuldeten Seitenblick lesen. Lykke lässt ihren Figuren viel Raum und den Lesern Zeit, ihre unterschiedlichen Gemütszustände und Handlungsmotivationen nachzuvollziehen. Ohne sich zu verzetteln, verbindet sie auf unterhaltsame Weise eine facettenreiche Familien-, (Dreiecks-)Beziehungs-, Alltags- und Ehe(bruchs)geschichte mit einem modernen Lebens- und Liebesreigen um Hoffnungen, Schuld und Träume, der sich einreiht in die Klassiker dieser verschiedenen Genres und ihnen einen offenen, schonungslosen Ton hinzufügt und mit bitterbös-satirischem Blick den Finger in gegenwärtige Lebenswunden legt. Dass dem Roman ein Zitat aus einer Parlamentsdebatte aus den 1950er Jahren voransteht, in der die „Unzufriedenheit der hohen Erwartungen“ fokussiert wird, dürfte dabei kein Zufall sein.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren.
Ina Kronenberger, Sylvia Kall .
Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2018.
272 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783312010714

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