Geschichte als politischer Thriller

Rüdiger Barth und Hauke Friederichs beschäftigen sich in „Die Totengräber“ mit dem letzten Winter der Weimarer Republik

Von Stefan TuczekRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Tuczek

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichte ist manchmal spannender als jede Fiktion – vor allem die Bühne der Politik mit ihren unerwarteten Wendungen und Protagonisten gibt immer wieder Anlass zum Staunen und Mitfiebern. Gerüchte, Rufmord, politische Straßenkämpfe, Streitereien, Intrigen und tatsächliche Morde begleiten die Politik schon seit der Antike: die Ermordung Gaius Iulius Caesars, der Gang nach Canossa von König Heinrichs IV., die von Lüsten und Gier dominierte Herrschaft der Borgias oder auch die politischen Verwicklungen und Skandale eines Donald Trump sind nur einige Beispiele, die uns die Politik bietet, die nicht mit Gier und Herrschaftslust geizt. Vor allem dort, wo ein Machtvakuum entsteht, ist die Gier nach Macht am größten: So auch in der Weimarer Republik, die in den 1930er Jahren ihre instabile Phase erlebte und Platz bot für allerlei machtbesessene und skrupellose Personen.

Genau hier setzt das Buch Die Totengräber von Rüdiger Barth und Hauke Friedrichs ein. Sie nehmen die letzten Wochen der Weimarer Republik genau ins Auge und erzählen im prosaischen Stil die Machtübernahme durch Adolf Hitler und – mehr oder weniger – den Kampf der Opposition. Der Titel ist dabei Programm: Diejenigen, die die Weimarer Republik zu Grabe tragen, sind Hitler, Joseph Goebbels, Paul von Hindenburg, Kurt von Schleicher und Franz von Papen, und sie sind auch die Hauptprotagonisten in Barths und Friedrichs leicht verdaulichem Text. Der Inhalt beziehungsweise das Geschehen ist altbekannt und bietet wenig Neues. Der Jahreswechsel 1932/33 wird in bunten Bildern geschildert: Die Linken und Rechten kämpfen nicht nur auf politischer Ebene um die Herrschaft der am Boden liegenden Republik – Straßenkämpfe und körperliche Auseinandersetzungen gehören zum Alltag. Die Arbeitslosenzahl steigt drastisch an, weil die Wirtschaft nicht richtig funktioniert. Die NSDAP unter Hitler und Goebbels macht politischen Druck und hetzt gegen die „aufgezwungene Demokratie“, und der Reichskanzler Franz von Pappen steht dem machtlos und unentschieden gegenüber. Derweil wird der Reichspräsident Paul von Hindenburg von allen Seiten umgarnt. Das Ende der Geschichte ist die Machtübernahme durch Hitler und damit das Ende der Weimarer Republik.

Die Autoren versuchen darzustellen, dass die Herrschaft Hitlers vermeidbar gewesen wäre, wenn man mehr politisches Engagement, Rückgrat und Einigkeit gezeigt hätte; sie bringen ein paar neue Impulse, die aber letztendlich nicht allzu aufregend sind. Letztendlich ist lediglich der Stil des Sachbuches überzeugend, dieser verleiht dem Text auch Spannung: Nicht in trockenen Fakten und Statistiken wird Geschichte erzählt, sondern in geschliffener Prosa und Anekdoten. Der Zeitraum vom 17. November 1932 bis zum 30. Januar 1933 wird akribisch untersucht: Jedem Tag wird ein Abschnitt gewidmet, der mit Schlagzeilen zeitgenössischer Zeitungen wie Völkischer Beobachter oder Die Rote Fahne eingeleitet wird. Anschließend wird erzählt, was die „Totengräber“ an diesem Tag machen. Der mosaikhafte und plauderhafte Stil erinnert stark an die Prosa Walter Kempowskis oder auch Alexander Kluges. Einzeln betrachtet ergeben die Mosaikstücke kaum Sinn, erst im Ganzen entsteht ein großes Ganzes.

Die Idee, einen kleinen Zeitabschnitt sehr genau in den Fokus der Betrachtungen zu rücken, ist sehr lobenswert. Auch um einzelne Probleme oder Entwicklungen zu analysieren oder zu beschreiben, ist dieses Vorgehen sehr sinnvoll – jedoch geht dieser Methode im vorliegenden Buch schnell die Luft aus. Das Thema, der Untergang der Weimarer Republik, ist zu komplex, als dass man sich nur die letzten Tage ansehen müsste, um sich ein genaues Bild darüber verschaffen zu können. Auch wenn man das Buch nur als eine Art Tageschronik betrachtet, bleibt das Verständnis auf der Strecke, denn zu viele Entwicklungen und Affären gehen der Machtübernahme Hitlers voraus, auf die hier nicht eingegangen wird. Auch werden viele Ereignisse lediglich geschildert, nicht aber kommentiert, analysiert oder gar eingeordnet. Die Totengräber eignet sich daher nicht als Einführungsbuch in die Thematik, dazu wirkt es viel zu sehr aus dem historischen Kontext herausgelöst. Wer aber das Wissen mitbringt, wird keine größeren Schwierigkeiten damit haben.

Dass sich Barth und Friederichs nur auf einige wenige wichtige Personen konzentrieren, die den Umsturz brachten, ergibt in der Konzeption durchaus Sinn, doch scheint auch den Autoren beim Schreiben des Buches aufgefallen zu sein, dass die Figuren nicht allzu viel hergeben, denn die versprochenen Intrigen und politischen Ränkespiele gehen schnell in den alltäglichen Beschreibungen unter. Die Protagonisten verlieren schnell an Farbe, weshalb die Figurenriege um Nebenfiguren wie Harry Graf Kessler oder Oskar Loerke ergänzt wird. Damit ist gegeben, dass das Buch nicht nur vom politischen Untergang erzählt, sondern auch vom kulturellen und gesellschaftlichen. Das aber wirkt wiederum sehr überhastet. Es wird versucht, einen großen Bogen zu spannen, was jedoch aufgrund der selbst auferlegten Schranken des kurzen Zeitraums nicht gelingt. Denn der große Witz ist: Das, was uns die Autoren auf knapp 400 Seiten zu erzählen versuchen, fassen sie selbst in einer Zeitliste auf exakt vier Seiten zusammen. Es ist deshalb verständlich, dass man versucht, die mangelnden Ereignisse durch Nebenhandlung aufzublasen. Wenn hier von Protagonisten, Figuren und Nebenhandlungen die Rede ist, geschieht das absichtlich, denn es handelt sich hier nicht um eine herkömmliche Geschichtsstudie, Fußnoten oder weiterführende Erklärungen respektive Aussichten oder Analysen sucht man vergeblich, es ist eher ein Historienroman, der Hitler und Co. mehr als Figuren denn als historische Personen aus der Geschichte entrückt. Man kann bezüglich dieser stilistischen Entscheidung misstrauisch sein, ob jeder Gedankengang und jeder Dialog wirklich so stattgefunden hat, wie uns die Autoren in Monologen und Dialogen erzählen.

Das Buch ist wohl eher als Versuch zu werten, für die Genration YouTube ein Buch zu schreiben, dass die komplexen Zusammenhänge stark vereinfacht, nicht nach links oder rechts schaut, und die historischen Personen zu Romanfiguren stilisiert. Herausgekommen ist ein leicht verdaulicher Politthriller à la Hollywood. Egon Friedell forderte zu seinen Lebzeiten auch schon, dass Geschichtsbücher leicht verständlich über wichtige Personen, Anekdoten und geschliffene Prosa präsentiert werden, aber er hat nicht den Kontext vergessen oder den Kern des Erzählenden aus den Augen verloren. Die Autoren schreiben in ihrem Nachwort auch selber, dass sie sich von der TV-Serie House of Cards haben inspirieren lassen und in dem darin geschilderten Plot Parallelen zur deutschen Geschichte gesehen haben. So liest sich das Buch denn auch – eben als Thriller auf TV-Niveau, bei dem man die Zuschauer beziehungsweise Leser nicht überfordern will. Das Niveau von Trash-TV wird dabei zwar nicht erreicht, aber es ist leicht verdauliche Kost – und man hat den Eindruck, dass sich dieser Trend in Zukunft auch auf andere Sachbuchbereiche übertragen wird, sodass wir bald TV in Buchform genießen können werden. Es bleibt zu hoffen, dass man diesem Trend angemessen begegnen wird, denn zu oft wird die Wirklichkeit und die Wissenschaft aus den komplexen Zusammenhängen gerissen, pauschalisiert und leicht bekömmlich als unkritische Meinung präsentiert. Die Totengräber zeugt von diesem Umstand.

Titelbild

Rüdiger Barth / Hauke Friederichs: Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Demokratie.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018.
410 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783103973259

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