Aus Liebe zu Vincent

Kubiela und Welchman schaffen Filmkunst nach Pygmalion

Von Sarah MausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sarah Maus

Mit ihrem bereits 2017 in Deutschland angelaufenen Kunstfilm Loving Vincent haben Dorota Kubiela (Das fliegende Klavier, 2011) und Hugh Welchman (La vie en rose, 2007) ein außergewöhnliches Stück Filmkunst geschaffen. Unterstützt von 125 Malern aus aller Welt werden Vincent van Goghs Gemälde in 80 Minuten und 65 000 Einzelbildern als biografischer Krimi zum Leben erweckt. Das Referenzmaterial wurde zuvor mit Starbesetzung vor dem Greenscreen gedreht.

Protagonist der Filmhandlung ist Armand Roulin, der vielen von dem gleichnamigen Gemälde bekannt sein dürfte (Museum Folkwang, Essen). Ein Jahr nach van Goghs Suizid erhält der junge Mann mit der markanten gelben Jacke von seinem Vater, dem Postmeister Joseph Roulin (Das entsprechende Portrait hängt im Kunstmuseum Winterthur), einen Brief van Goghs an seinen Bruder Theo. Diesen letzten, nie zugestellten Brief soll Armand nun Theo van Gogh zukommen lassen. Es wird schnell deutlich, dass der Postmeister als Freund van Goghs nicht nur das starke Bedürfnis hat, die Interessen des Toten zu vertreten, sondern auch bezweifelt, dass es sich bei van Goghs Tod tatsächlich um einen Suizid handelt. Widerwillig macht sich der junge Armand auf den Weg, muss allerdings bald feststellen, dass Theo in der Zwischenzeit verstorben ist – ein halbes Jahr nach seinem Bruder Vincent.

Auf der Suche nach einem anderen Adressaten, dem er den Brief zustellen könnte, landet der junge Mann in dem Dorf Auvers-sur-Oise, wo Vincent seine letzten Wochen verbrachte. Im Gespräch mit den Dorfbewohnern stellt sich heraus, dass die Geschichte komplizierter ist, als es zunächst den Anschein hatte. Die Angaben der Dorfbewohner, die allesamt Figuren aus van Goghs Gemälden darstellen, zeichnen das Bild eines sensiblen Mannes, den ein ständiges Gefühl der Unzugehörigkeit, der Isolation und vor allem des sozialen und beruflichen Versagens schließlich in den Selbstmord getrieben hat. Nach und nach gelingt es Roulin, die letzten Wochen in van Goghs Leben zu rekonstruieren – um den Selbstmord des Künstlers jedoch häufen sich Ungereimtheiten.

Wer tötet sich schon durch einen Schuss in den Rumpf? Und ist der Winkel nicht auch etwas unrealistisch? Haben eventuell die Jugendlichen, von denen der empfindsame Maler regelmäßig schikaniert wurde, etwas mit seinem Tod zu tun? Oder vielleicht der Streit mit seinem Freund, Gönner und Neider, Dr. Gachet? Handelt es sich letztendlich vielleicht gar nicht um Suizid?

Was zunächst wie eine seichte Künstlerbiografie anmutet, entwickelt sich nach und nach zu einem Krimi und bringt dem Zuschauer die instabile Psyche van Goghs emotional nahe. Die Handlung basiert auf über 800 Briefen, die van Gogh an diverse Personen schrieb und die nicht nur historisch, sondern auch literarisch interessant sind. Aus ihnen wird im Film immer wieder zitiert.

Der Zuschauer erfährt nicht nur Daten und Fakten über Leben und Sterben des Vincent van Gogh, sondern erhält auch Einblick in seine Gefühlswelt und seine privaten Lebensumstände. Von den Dorfbewohnern als Sonderling abgelehnt, bei seinem Bruder verschuldet und als Maler talentiert aber erfolglos, immer wieder an Schüben psychischer Erkrankungen leidend und unfähig seine Weltsicht an Außenstehende zu vermitteln, fristet er ein Leben als Eigenbrötler in ärmlichen Verhältnissen und verkörpert auf diese Weise das Klischee des künstlerischen Genies. Die Geschichte ist dementsprechend auratisch inszeniert und wird, ähnlich dem Geniekult des Sturm und Drang, erzählerisch glorifiziert. Die musikalische Kulisse steuert Clint Mansell (Black Swan, 2010) bei, der mit seinen sanften, gefühlvollen Melodien den Grundton der Geschichte spiegelt. Gekrönt wird das ganze schließlich durch den Song Vincent von Don McLean, der einen außergewöhnlich informativen Abspann begleitet.

Es wäre leicht, hier von Kitsch zu sprechen, allerdings hieße das, den Film nur zur Hälfte zu bewerten. Die Geschichte allein ist sicher nicht herausragend und würde, als herkömmlicher Spielfilm inszeniert, nicht nachhaltig begeistern, doch dafür ist die Form umso innovativer.

Die ungewöhnliche Animationstechnik, die in ihrer Machart stark an die Animationsfilme des südafrikanischen Künstlers William Kentridge erinnert, ist die eigentlich herausragende Qualität des Films und grenzt ihn von herkömmlichen filmischen Biografien ab. Wie bei den Kentridge-Filmen werden auch hier Bilder durch minimale Veränderungen Frame für Frame umgemalt, sodass der Eindruck von Bewegung entsteht. Für Loving Vincent wurde das Referenzmaterial zuvor mit hochkarätigen Schauspielern vor dem Greenscreen gedreht und anschließend an sogenannten PAWS (Painting Animation Work Studios), die eigens für den Film entwickelt wurden, von je 30 Malern im Stile van Goghs übermalt. Dementsprechend ist es gar nicht so einfach, selbst relativ populäre Schauspieler, wie Douglas Booth (Säulen der Erde, 2010), Jerome Flynn (Game of Thrones, seit 2011) oder Chris O‘Dowd (Die Insel der besonderen Kinder, 2016), auf Anhieb zu identifizieren.

Insgesamt waren an der Produktion 125 Maler beteiligt, die die Mammutaufgabe von rund 65000 Einzelbildern zu bewältigen hatten. Insgesamt 850 Motive fanden Eingang in den Film und wer sich im Werk van Goghs auskennt, erkennt einiges wieder: 120 Gemälde van Goghs wurden komplett oder in Ausschnitten wiedergegeben, und der aufmerksame Zuschauer sieht sich so mehrmals für einige Sekunden mit der nahezu exakten Kopie eines bestehenden Gemäldes konfrontiert. Die Bildübergänge werden durch ineinander verschmelzende Motive und Farben markiert und beflügeln zusätzlich die Vorstellungskraft des Zuschauers.

 Es ist die Mischung aus der träumerischen Fantasie vom bewegten, lebendigen Kunstwerk, die die Menschheit seit Pygmalion und Galatea begleitet und der tragischen Geschichte eines Künstlers, der für sein Werk lebte, die hier mit einem gefühlvollen Soundtrack und einem starken Cast eine fruchtbare Symbiose eingeht.

Da sich der Großteil der Filmqualität auf Animationstechnik und die Bezüge zum Werk van Goghs verteilt, ist der Film trotz allem in erster Linie etwas für Liebhaber von Kunst und Kunstfilmen, experimenteller und innovativer Filmtechnik oder schlicht van Gogh-Ethusiasten. Ein Zielgruppenfilm, der mit großer Liebe zur Kunst und zum Künstler begeistert.

 

Loving Vincent

Deutschland 2018
Regie: Dorota Kubiela, Hugh Welchman
Spieldauer: 91 Minuten

Figuren, Standorte der Gemälde und Darsteller*innen:

Armand Roulin            (Portrait von Armand Roulin, 1888, Museum Folkwang, Essen – Douglas Booth)

Maguerite Gachet       (Maguerite Gachet am Klavier, 1890, Kunstmuseum Basel – Saoirse Ronan)

Joseph Roulin             (u.a. Bildnis Joseph Roulin, 1888, Kunstmuseum Winterthur – Chris O‘Dowd)

Dr. Gachet                  (Portrait des Dr. Gachet, 1890, Privatbesitz – Jerome Flynn)

Père Tanguy               (Bildnis des Farbenhändlers Père Tanguy, 1887/88,  Musèe Rodin, Paris – John Sessions)                               

Adeline Ravoux          (Prtrait der Adeline Ravoux, 1890, Privatbesitz – Eleanor Tomlison)

Louise Chevalier        (Frau mit Strohhut vor einem Getreidefeld sitzend, 1890, Privatbesitz – Helen McCrory)

u.v.a.

Künstler: Dorota Kobiela, Cleone Clarke, Sean M. Bobbitt, Matthew Button, Claudia Bluemhuber, Jennifer Duffy, Dorota Roqueplo, Tristan Oliver, Jonathan Feroze, Justyna Wierszynska, Ian Hutchinson, Ivan Mactaggart, Lukasz Zal, Hugh Welchman, Jacek Dehnel, Richard Londesborough, Edward Noeltner, David Parfitt, Gerd Schepers, Charlotte Ubben, Laurie Ubben

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Weitere Filmrezensionen hier