Arbeit am Begriff der Wirklichkeit

Zu Hans Blumenbergs Konvolut „Realität und Realismus“, aus dem Nachlass herausgegeben von Nicola Zambon

Von Maria BehreRSS-Newsfeed neuer Artikel von Maria Behre

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In Franz Josef Wetzs jetzt in fünfter Auflage neu bearbeitet erschienener Einführung zu Hans Blumenberg im Junius-Verlag wird als „Grundgedanke“ des riesigen philosophischen Opus die Auseinandersetzung mit der „Wirklichkeit“ benannt. Somit sollte man sich freuen, wenn zum 100. Geburtstag Blumenbergs Nachlass-Konvolut unter der Sigle „REA“, datiert von 1970–1984, veröffentlicht wird. Der Herausgeber Nicola Zambon, der bereits Blumenbergs Phänomenologische Schriften. 1981–1988 (2018) ediert hat, beschreibt die Nachlasslage in einem recht kurzen Nachwort von fünfeinhalb Seiten. Der Titel Realität und Realismus soll in einer Liste Blumenbergs vom 6. September 1972 vorzufinden sein. In wichtigen Artikeln des Philosophen, oft Vorbereitungen zu größeren Büchern, wird der Terminus „Realität“ aber nicht gewählt, sondern von „Wirklichkeit“ bzw. „Wirklichkeiten“ gesprochen. Auch hat Blumenberg seine einzige Zusammenstellung von Schriften als Vermächtnis im Reclam-Verlag, also für ein breites Publikum, direkt nach der Emeritierung (1986) unter den Titel Wirklichkeiten in denen wir leben gestellt und in der Einleitung die „Schwierigkeiten mit dem Wirklichkeitsbegriff“ benannt, obgleich dieser nicht explizit in den Aufsätzen behandelt wird. Diese Informationen hätten diesem Band hinzugefügt werden sollen, um die Genese zu erkennen und auch die Struktur, bzw. die Termini im Verhältnis zueinander zu diskutieren.

Der mit Blumenberg als Autor sehr vertraute FAZ-Redakteur Henning Ritter hat in seinen Erinnerungen (2012) überliefert, dass er, 18jähriger Sohn des Philosophen Joachim Ritter, Vorgänger Blumenbergs auf dem Münsteraner Lehrstuhl bis 1968, einen Vortrag Blumenbergs im Dezember 1961 in Münster hörte und nie vergaß. Er schildert den „Grundgedanken“ brillant in aller Knappheit. Es geht um die epochengeschichtliche Unterscheidung von vier unterschiedlichen Wirklichkeitsbegriffen. Auf diese erste Stufe der Werkgenese geht der Herausgeber Zambon leider nicht ein. Er nennt nur die erste Veröffentlichung im Rahmen des ersten Tagungs-Bandes der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ von 1964: Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans, darüber hinaus den Aufsatz Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotential des Mythos im vierten Band von 1971 sowie einen Vortrag in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, Vorbemerkungen zum Wirklichkeitsbegriff von 1973, im Rahmen einer gemeinsamen thematischen Sitzung „Zum Wirklichkeitsbegriff“, mit Beiträgen eines Kunstgeschichtlers, eines Naturwissenschaftlers und eines Literaten wie Dieter Wellershoff sowie – in Zambons Nachwort nicht verzeichnet – auch Hans Erich Nossacks, der vom 15.–17. Februar 1973 dabei war, weil Blumenberg ihn in einem Brief vom 19. Januar 1973 dazu ermutigt hatte.

Die Bedeutung des Wirklichkeitsbegriffs für die Literatur der Gegenwart hätte angesichts der vorliegenden Ausgabe entfaltet werden müssen, denn der vom Herausgeber als letzter Text veröffentlichte mit der Nummer IX, versehen mit der Sigle „REA I“ in Blumenbergs Anordnung, steht unter dem Titel Der Realist als Indexfigur für Realismus. Darin finden sich klare Rückbezüge auf die Akademie-Begegnung mit den Autoren, da sowohl Nossack als auch Wellershoff an entscheidenden Stellen mit eindrucksvollen literarischen Zeugnissen zitiert werden, einer „pseudoautobiographischen“ Glosse über die Wirklichkeit des Traums und einer „fiktive Verschärfung“ integrierenden Theorie des realistischen Romans. Während die bekannten, ja berühmten, da wirkungsmächtigen Aufsätze Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans und Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotential des Mythos gut zugänglich sind in den Ästhetischen und metaphorologischen Schriften Blumenbergs, herausgegeben von Anselm Haverkamp (Frankfurt 2001), gilt das für den Akademie-Vortrag nicht. Offensichtlich gehört er zum Konvolut mit der Sigle „ANW“, das der Herausgeber Zambon, wie er ausdrücklich betont, auf Grund seiner Entscheidung dem Konvolut „REA“ zuordnet, obgleich keine Verweise aufeinander bestehen. Das kann sinnvoll sein, trotzdem wünscht man sich doch in diesem Band die Hinweise zu lesen, die Rüdiger Zill in seiner auch gerade erschienenen Werkbiographie Der absolute Leser gibt. Der Begriff „Wirklichkeit“ ist eine Umdeutung des Begriffs, den Blumenberg in seiner Habilitationsschrift vom Juni 1950, die auch erst jetzt veröffentlicht wurde, titelbildend verwendete, die „ontologische Distanz“, das Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit, das sich jeweils historisch ändert. Zill betont, dass Blumenberg erst 1961 wieder auf den Wirklichkeitsbegriff zurückkommt, als er am 8. Februar in der Joachim-Jungius-Gesellschaft in Hamburg einen Vortrag mit dem Titel Antiker und neuzeitlicher Wirklichkeitsbegriff hielt, den er variiert wiederholte und auch in dem Aufsatz von 1964 mit genauem Bezug auf den Hamburger Vortrag zitierte, bis hin zur Münsteraner Freitags-Vorlesung Realität und Realismus, die Blumenberg dreimal anbot: im Sommersemester 1974, 1977 und 1984.

So wie der Vortrag von 1961 heißt dann auch das erste Kapitel von neun im gerade veröffentlichten Buch. Erst auf dieser Ebene wird verständlich, warum der Herausgeber dem Konvolut „REA“ das Konvolut „ANW“ = „Antiker und neuzeitlicher Wirklichkeitsbegriff“ vorgeordnet hat und die Typoskripte mit chronologischen Datierungen nennt: ANW I „Dez. 60/ Jan. 61“, ANW I „Januar 61“, ANW III „verfasst zwischen Ende 1972 und Anfang 1973“, vorgetragen in der Mainzer Akademie am 16. Februar 1973, das müsste doch dann das Einleitungsreferat zur Sitzung als Veröffentlichung der Akademie im Jahrgang 1973, Nr. 4 (S. 3–10) im Wiesbadener Verlag Franz Steiner sein. (Der mir jetzt vorliegende Druck des sehr gut lesbaren Akademie-Vortrages weist aber außer einschlägigen Zitaten und Gedanken keine wörtlich umfassenderen Ähnlichkeiten in Textpassagen auf.) Diese Fassung wählt der Herausgeber für den vorliegenden Band, obgleich eine weitere Fassung ANW IV zwischen 2. Juni und 23. Juli 1977 vorliegt, also der Zeitraum der Vorlesung im Sommersemester 1977 (Vorlesungsbeginn 18. April 1977, Vorlesungsende 15. Juli 1977).

Eine wichtige wissenschaftliche Quelle zur Einschätzung des Blumenbergschen Ansatzes und Textkorpus nennt Zambon leider nicht, Manfred Sommers Artikel zum Begriff „Wirklichkeit“ im Band Blumenberg lesen. Ein Glossar (2014). Sommer zieht die siebenseitigen Vorbemerkungen (1973) heran, die solche nur in Bezug auf die darauf folgenden Akademie-Vorträge sind, in Bezug auf Blumenbergs Werk aber eine ‚Nachbemerkung‘ zu bereits betätigten Veröffentlichungen, ihre Zusammenfassung (aus den Ästhetischen und metaphorologischen Schriften die ersten acht Seiten des Aufsatzes von 1964, bevor eine Anwendung auf das Kunstwerk, den Roman, erfolgt). Diesen Zusammenhang nennt Zambon nur im Nachwort, er ist aber die entscheidende Struktur zur Lektüre des gesamten Nachlass-Bandes, nach Sommers Übersicht: „(1) Wirklichkeit aus ‚momentaner Evidenz‘ (Antike), (2) Wirklichkeit kraft ‚Garantie‘ (Mittelalter), (3) Wirklichkeit als ‚offener Kontext‘ (Neuzeit), (4) Wirklichkeit als ‚Widerstand‘ [Moderne].“

Obgleich Blumenberg innerhalb der vier epochalen Wirklichkeitsbegriffe, innerhalb dieser „Geschichte des Wirklichkeitshorizontes“, vorzüglich den antiken und neuzeitlichen behandelt, beginnt er mit dem modernen, indem er auf die Maxwellsche Theorie der Kraftfelder eingeht, die als wirklich bezeichnet werden, obwohl sie einen anderen Grad von Wirklichkeit haben als die Körper in Isaac Newtons Theorie. Das Attribut „wirklich“ ist somit eine ‚implizite Behauptung‘, vor der Berufungsinstanz Sprache, nicht naiv-realistisch; und das Attribut wird pragmatisch verwendet, da verbindlich, verlässlich, vorgegeben als verhaltensbestimmend und praktisch entschieden. ‚Wirklich‘ wird ‚unwirklich‘ als Kontrastbegriff zur Seite gestellt, denn ein Wirklichkeitsbegriff entsteht erst durch die Auseinandersetzung mit einer akuten geschichtlichen Krisenerfahrung, in der das Unwirkliche so „durchschaut und durchstoßen, entzaubert und bloßgestellt“ wird, dass ein gewandelter Begriff von Wirklichkeit zur Geltung kommt. Dies geschieht in der metaphorologischen Gestalt der Umwendung oder Umkehr.

Das wird in den jetzt vorliegenden Texten sehr anschaulich entwickelt, wenn Blumenberg wiederum zuerst auf die Moderne eingeht, Ludwig Wittgensteins Parabel vom Menschen, der auf eine Wand mit gemalten Scheintüren blickt und sich aber nicht umwendet, um zu sehen, dass sich in seinem Rücken die einzige echte Tür befindet, und dann Platons Höhlengleichnis ausführlich als einen Umwendungsprozess analysiert. Dass die Krise eines Zustandes erst zur Frage nach der Wirklichkeit führt, ist die philosophische Ausgangssituation, die Klärung des Begriffs „Wirklichkeit“ durch den „Kontrastbegriff“ in der heuristischen Formel: „Wirklich ist, was nicht unwirklich ist“.

Historisch bettet Blumenberg das Höhlengleichnis in die Krise der griechischen Polis ein, in der eine Auseinandersetzung mit der Sophistik notwendig wurde, um deren Behauptung einer „Wirklichkeit“ durch reine Machtentscheidung und rhetorischen Schein abzuwehren. Im ersten Wirklichkeitsbegriff der Antike ist somit die Unterscheidung von Idee und Erscheinung bei Platon grundlegend: „Momentane Evidenz“ bedeutet eine Wahrnehmung, die von der Idee bestimmt ist. Sehen heißt hier – in optischer Metaphorik – Einsicht in das, was sich zeigt, in einem Bild. Blumenberg wählt als biblisch analoges Beispiel den Apostel Paulus, der nach seiner Umkehr und Bekehrung vor Damaskus sagt, er habe Christus gesehen, obgleich er Jesus nicht gesehen hat. Der zweite Wirklichkeitsbegriff des Mittelalters ist weniger entfaltet, es geht um die Etablierung eines „Garantiegottes“ als dritte, metaphysische Instanz im Dualismus zwischen Subjekt und Objekt, der erst durch Leibniz in einem dritten Wirklichkeitsbegriff der Neuzeit abgelöst wird, indem Wirklichkeit und Möglichkeit gleichwertig in einem horizontalen Kontext stehen, statt Evidenz eine Konsistenz, die einstimmig (nach Newton), immanent, aber niemals endgültig oder absolut, deshalb offen ist.

Dass keine lineare Chronologie in der Abfolge besteht, wird erkennbar, wenn der zweite Wirklichkeitsbegriff an René Descartes und der dritte an Edmund Husserl erläutert wird, dennoch wären hier Hilfestellungen des Herausgebers sehr sinnvoll, wenn der Übergang zum vierten Wirklichkeitsbegriff des Widerstandes in der Moderne aufgebaut wird. Es ist die Wirklichkeit, die Blumenberg in einer kurzen Anmerkung als „Kontrast“ statt Konsistenz benennt, als das für das Subjekt Nicht-mehr-Verfügbare, anhand der Begriffe „Illusion“, „Traum“, „Wunsch“ (Freud, in abgrenzender Aufeinanderbezogenheit von Lustprinzip und Realitätsprinzip), „Schmerz“ (Nietzsche, im Sinne der Tragik der Hiatus zwischen den auseinanderdriftenden Wirklichkeiten im Bewusstsein und im Leib). Mit Nietzsches Ästhetik als „Realität der Dissonanz im Unterschied zur Idealität der Konsonanz“ bis hin zum Paradox der Wirklichkeit der Unwirklichkeit ist die Wirklichkeit im Kunstwerk aufgerufen.

In Bezug auf diese letzte Stufe wären die Hilfestellungen aus dem Aufsatz von 1964 unverzichtbar, denn Blumenberg zieht für die Moderne die Quantentheorie heran, indem er Werner Heisenbergs Unschärferelation deutet, nach der erst „das Spielen mit zwei einander ausschließenden Bildern schließlich den richtigen Eindruck von einer bestimmten Realität geben könne“. Dies bedeutet das Zugleich der Bilder/ Metaphern von Welle (bzw. Kraftfeld bei James Clerk Maxwell) und Teilchen (bzw. Körper/ Korpuskel bei Newton), um einen „richtigen Eindruck von der Realität“ des Lichtes zu gewinnen. Licht hat eine doppelte, gleichwertige Wirklichkeit, je nach Blick auf Orts- oder auf Impuls-Messung, d. h. Welle- oder Teilchen-Bild. Dieser vierte Wirklichkeitsbegriff der Moderne kann aus dem vorliegenden Band kaum erahnt werden. Allerdings wäre dies das Interessante und die Blumenberg-Forschung Weitertragende. Denn Zills Biographie zeigt, dass Hans Blumenberg schon als Schüler und dann in allen universitären Gruppen, in denen er tätig war, sowie in seiner Mitwirkung an Universitätsaufbau (Gießen), -Reformen (Bochum) und -Neugründungen (in Bielefeld und Konstanz) viel an der Überwindung der Kluft zwischen den sogenannten „Zwei Kulturen“ von Natur- und Geisteswissenschaften lag. Dies galt lebenslang, sowohl in Kiel (im „Kieler Nichtordinarienklüngel“) zu Beginn als auch in Konstanz (im Gespräch mit Hans Robert Jauss und anderen der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ etc.) am Ende seiner öffentlichen Tätigkeit.

Schon vor dem Erscheinen von C. P. Snows einflussreichem Buch The Two Cultures and the Scientific Revolution (1959) hat Blumenberg die „Gratwanderung“ (Zill) zwischen Wissenschaft und Philosophie sowie Natur- und Geisteswissenschaften gewagt. Lässt man sich auf diesen komplexen vierten Wirklichkeitsbegriff der Moderne ein, in dem sich Geistes- und Naturwissenschaften treffen, so kann man durchaus auf einfache Weise auch das erste Zitat in Blumenbergs Text nachweisen, welches Zambon mit dem Hinweis „[Der Nachweis fehlt.]“ so stehen lässt. Es stammt von Heisenberg (Physik und Philosophie, 1959), der neben der Wirklichkeit der Newtonschen Teilchen die Wirklichkeit des Unwirklichen, die Maxwellschen Wellen, etabliert.

Das Nachlass-Werk Realität und Realismus verdient es, durch Kommentare in den Kontext des Werkes gestellt zu werden. Erst dann kann es auf der Ebene des Blumenbergschen Erfolgsprogramms des vierdimensionalen Wirklichkeitsbegriffs nachvollzogen werden und dieses entscheidend veranschaulichen.

Titelbild

Hans Blumenberg: Realität und Realismus.
Herausgegeben von Nicola Zambon.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
232 , 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783518587461

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