Nur Bananen?

Die Biografie Josephine Bakers bietet mehr, eine Ausstellung der Bundeskunsthalle Bonn zeigt Bilder davon

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das ikonografische Bild Josephine Bakers (1906–1975) – und es ist bemerkenswert, dass es ein solches Bild überhaupt gibt – zeigt eine junge schwarze Tänzerin, die, das Haar fest an den Kopf geklebt, bis auf einen fast schamhaft zu nennenden Kranz aus Bananen, nackt ist. Ein Ereignis und ein Affront in einer Gesellschaft, in der Nacktheit tabuisiert ist. Und ein auffallendes Phänomen in einer Gesellschaft, in der Schwarze nicht nur „Exoten“ sind, sondern eine ursprüngliche Form der menschlichen Existenz vorzustellen schienen, die „Schwarze Wilde“. Aber die war vor allem ein Kunstprodukt (bis hin zu den 1927 erschienenen Memoiren einer 21jährigen Varietekünstlerin, im Fischer-Taschenbuch von 1980 immer noch antiquarisch greifbar): Es gibt eine Fotografie Bakers aus dem Jahr 1928, auf dem Baker vor ihrem überlebensgroßen Abbild, das auf einem Vorhang angebracht ist, tanzt.

Berlin 1928. Baker kommt nach Berlin und die Stadt ist hingerissen. Wie nicht anders zuvor Paris – die Stadt, in der ihr ungemein großer Erfolg begründet wurde. Im Jahr 1925 trat Baker das erste Mal in Paris auf, im Rahmen einer Revue Nègre, mit der wohl halbwegs alle Vorurteile, die ein europäisches Publikum von Schwarzer Kultur haben kann, erfüllt wurden. Baker war nicht die erste Nackttänzerin ihrer Zeit, sie war auch nicht die einzige Schwarze Varietékünstlerin in Europa. Aber sie wurde ein Ereignis, ja eben auch skandalöses Ereignis, das man nicht verpassen sollte. Aber auch wenn die zugleich charismatische wie skandalisierte Tänzerin der 1920er Jahre das Bild der Baker bis heute bestimmt – sie geht darin nicht auf, Baker ist weit mehr, und zwar eben gerade als öffentliche Person, und vielleicht reicht es auch, sich darauf zu beschränken.

Der anlässlich einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle (Bonn) erschienene Katalog nimmt nun gerade diese öffentliche Folie auf und breitet sie vor den Betrachtern aus. Offensichtlich als Vorbild, als Respekt verlangende Persönlichkeit. Josephine Baker, wie sie sich öffentlich präsentiert hat und eben auch präsentiert wurde, war eine zweifellos beeindruckende und vielfältige Gestalt: Sie war eine Avantgardistin der Unterhaltungskunst und moderner Markenstrategien, zugleich eine Protagonistin der weiblichen und Schwarzen Emanzipation, eine entschiedene NS-Feindin, die auch persönliche Risiken einging, eine Verfechterin der Patchworkfamilie und eine entschlossene Vorkämpferin der menschlichen Freiheit. Das ist deutlich mehr, als die meisten von uns auf dem Zettel haben. Und ihre Verdienste sind derart groß, dass jeder Versuch, diese Fassade – um die es sich eben auch handelt – zu durchbrechen, sich den Verdacht einhandeln muss, die Vorbildlichkeit dieser Persönlichkeit untergraben zu wollen.

Der von Mona Horncastle, die jüngst noch eine Biografie Bakers veröffentlicht hat, und Katharina Chrubasik bearbeitete Katalog zur Ausstellung ist freilich (und leider) nicht, wie in den letzten Jahren häufig, als eigenes Forschungskompendium angelegt, sondern als – zweifellos beeindruckende – Zusammenschau vor allem der Schwarzen Künstlerinnen, die im Paris des frühen 20. Jahrhunderts reüssierten (eine Pilotin ist auch dabei): In dem kaum mehr als 100 Seiten umfassenden Band stellen sie zahlreiche Protagonistinnen dieser Jahrzehnte vor, darunter – in order of appearance – die Pilotin Bessie Coleman (1892-1926, bei einem Flugunglück umgekommen), die Autorin Gwendolyn Bennett (1902-1981), die Bildhauerin Selma Burke (199-1995), die Sängerin Lilian Evans-Tibbs (1890-1967) oder die Redakteurin, Autorin und Bürgerrechtlerin Jessie Fauset (1892-1961). Kaum einer der Namen, die hier im Katalog auftauchen, sind im deutschen Sprachbereich bekannt, sie zeigen aber das Spektrum, in dem vor allem afroamerikanische Frauen in Paris reüssieren konnten, in einem Land, das eine der großen Kolonialmächte noch des 20. Jahrhunderts war und sich erst viel später und gegen großen Widerstand davon verabschiedete. Der Widerspruch zwischen dem Erfolg nicht nur Bakers und der kolonialen Wirklichkeit, die in derselben Zeit etwa vom berühmten französischen Journalisten Albert Londres einer harschen Kritik unterzogen wurde, ist offensichtlich.

Die Katalogmacherinnen zeigen die verschiedenen Phasen im Leben und Werk Bakers, ihre Begegnungen mit den Großen der Kunst wie Picasso, der sie zeichnete, oder der Architektur wie Adolf Loos („Ornament ist Verbrechen“!), der sogar ein Haus für sie entwarf. Sie zeigen Baker allerdings auch in einer französischen Uniform 1944, bei einem Auftritt im besetzten Paris, in Harlem, und wie sie auf Einladung Martin Luther Kings beim Walk on Washington im Jahr 1963 sprach. Dass Schwarze Künstlerinnen wie Grace Jones oder das Model Naomi Campbell später Anleihen bei Baker nahmen, zeigt ihre anhaltende Wirkung eben nicht nur in der Unterhaltungskunst.

Es ist also ein breites Spektrum der öffentlichen Person Josephine Baker, das die beiden Bearbeiterinnen im Katalog entfalten – auch wenn sie sich dabei (bewusst?) auf diese Folie beschränken. Das ist einerseits verwunderlich, da wir in einer Zeit leben, in der die (private) Person für die öffentliche Vorstellung, die wir haben, einstehen muss. Andererseits konsequent in Zeiten, die sich anscheinend wieder nach Vorbildern sehnt.

Dieter Kühn hat bereits 1976 in seiner „öffentlichen Biografie“ Bakers betont, dass sie in dem Bild aufgehe, das in der Öffentlichkeit von ihr präsentiert, nicht zuletzt von ihr gepflegt und weiterentwickelt wurde. Josephine Baker, wie wir sie kennen, ist so gesehen identisch mit der persona, mithin mit der in der Öffentlichkeit präsenten Fassung der Persönlichkeit, von der wir nicht wissen, nicht wissen können, ob sich dahinter anderes oder mehr verborgen hat. Sie ist wahlweise vor allem eine Marke oder eine Ikone. Freilich wäre auch das hinzunehmen, denn am Ende ist ihre private Person ihre ureigene Sache, die uns eigentlich nichts angeht. Anders als das, wofür sie in der Öffentlichkeit steht: Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit.

Titelbild

Mona Horncastle / Katharina Chrubasik (Hg.): Josephine Baker. Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH.
Distanz Verlag, Berlin 2023.
160 Seiten, 24 Euro EUR.
ISBN-13: 9783954765775

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