Es beginnt und endet mit einem Verbrechen

Joe Thomas‘ fulminanter Roman „Brazilian Psycho“ ist weit mehr als die Geschichte einer sich über 16 Jahre erstreckenden Mordermittlung

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit American Psycho hat Bret Easton Ellis im Jahr 1991 einen verstörenden Roman vorgelegt, der seine Leserinnen und Leser mitnimmt auf die Kehrseite des „amerikanischen Traums“. Sein Held, Patrick Bateman, ist ein New Yorker Investmentbanker, dessen äußerlich erfolgreiches Leben konterkariert wird durch innere Leere und Langeweile. Als Korrektive für die sich ständig wiederholenden Routinen seiner konsumorientierten Existenz dienen ihm Sex und Gewalt. Einen Ausweg aus seinem Leben, der auch darin bestehen könnte, dass er für seine zahlreichen Mordtaten, die von ihm als zunehmend verdient erachtete Strafe kassiert, findet Bateman nicht.

Joe Thomas‘ Thriller Brazilian Psycho knüpft nicht von ungefähr bereits in seinem Titel an den Vorgänger an. Der im Original 2021 erschienene Roman eines Autors, der gut ein Jahrzehnt lang in São Paulo gelebt hat und als Lehrer an der renommierten internationalen St. Paul’s School arbeitete, die Verhältnisse dort also aus eigener Anschauung kennt, thematisiert eine andere Art von tagtäglichem Wahnsinn – den einer von Korruption auf allen Ebenen geprägten Gesellschaft, die nach einem 15 Jahre andauernden linken Experiment in die Hände der Clique um den ultrarechten Jair Bolsonaro fiel.

Als „fiktionales Werk, das auf Tatsachen beruht“, wie sein Autor es in einer Vorbemerkung ausdrückt, setzt der Roman am 7. Oktober 2018 ein – es ist der Tag der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahlen, in der Bolsonaro die absolute Stimmenmehrheit noch verfehlte, die ihm dann aber drei Wochen später eine Stichwahl gegen den Vertreter der Arbeiterpartei PT brachte – und schlägt von dort aus über sechs Romanteile einen Bogen zurück bis ins Jahr 2003. Auch damals fand eine historische Präsidentschaftswahl statt, nämlich die des Gründungsmitglieds der brasilianischen Arbeiterpartei PT, Luiz Inácio Lula da Silva. Der, ein linker Politiker, hatte sich die Beseitigung der gravierenden Unterschiede zwischen Arm und Reich in seiner Heimat auf die Fahnen geschrieben.            

Brazilian Psycho beginnt mit zwei Morden. Am jenem Oktobertag des Jahres 2018, an dem sich bereits abzeichnet, dass der Populist Jair Bolsonaro auf dem besten Wege ist, die Macht in Brasilien an sich zu reißen, tötet das 16-jährige Mitglied einer Straßengang einen zufällig ihm über den Weg laufenden Homosexuellen. Die Stimmung auf den Straßen der Millionen-Metropole São Paulo ist aufgeheizt, was besonders die Vertreter der LGBTQ-Gemeinde zu spüren bekommen, vor allem wenn sie, wie das Opfer des ersten Mordes, mit einem Anti-Bolsonaro-T-Shirt ein klares politisches Bekenntnis zum Ausdruck bringen.

Das zweite Opfer ist der aus Großbritannien stammende Direktor einer vornehmen Privatschule in São Paulo. Einen Tag nachdem Lula da Silva sein Amt als neuer Präsident Brasiliens 2003 mit dem Versprechen angetreten hat, alles dafür zu tun, die soziale Ungerechtigkeit in dem lateinamerikanischen Land zu beseitigen, findet man den Mann erschlagen in seiner Villa. In den knapp 16 Jahren zwischen diesen beiden Gewaltverbrechen, die letztlich mehr miteinander zu tun haben, als man als Leser auf den ersten 50 von alles in allem über 600 Seiten ahnt, lässt Thomas seinen Roman spielen.

In dessen Mittelpunkt steht zunächst Mario Leme, Detective der Polizei São Paulos, dem zusammen mit seinem Freund und Partner Ricardo Lisboa die Aufklärung des Verbrechens an dem Leiter der British International School anvertraut wurde. Allerdings haben die Vorgesetzten der beiden Polizisten bereits genaue Vorstellungen davon, welche Resultate am Ende der Ermittlungen zu stehen haben: „Reicher weißer Mann wird brutal von skrupellosem Kleinkriminellen ins Jenseits befördert.“ Für den gewissenhaften Leme eine typische „Lose-lose-Situation“, wie sie in der Arbeit der Ermittlungsbehörden immer wieder vorkommt. Und als am Ende der Untersuchungen tatsächlich ein armer Tropf aus den Favelas ins Gefängnis wandert, gibt der Detective den Fall, der seinen Intellekt mit zahlreichen Rätseln herausfordert, nicht auf. Er wird bis zu seinem eigenen Tod weiter versuchen, dem ermordeten Schulleite Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Rund um diesen Handlungsstrang – Mario Leme spielt auch in drei weiteren, bis dato noch nicht ins Deutsche übersetzten Romanen, die zusammen mit Brazilian Psycho Thomas‘ sogenanntes São-Paulo-Quartett bilden, eine Rolle – hat der Autor ein vielschichtiges Bild des Lebens in jener brasilianischen Metropole gezeichnet, in der die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche des zerrissenen Landes mit besonderer Härte ausgefochten werden. Er nimmt seine Leserinnen und Leser mit in die Favelas, in denen die organisierte Kriminalität bestimmt, was Recht ist und was nicht, in Börsensäle, Brokerbüros, Zeitungsredaktionen und Regierungspaläste, wo man auf höchst unterschiedliche Weise versucht, an der neuen Politik der linken Regierung Lulas zu partizipieren, Gewinn zu  schlagen aus Wohnungsprojekten für Unterprivilegierte, weder Korruption noch Gewalt scheut, um ein Stück von dem großen Kuchen der sozialen Umverteilungsprogramme für sich ganz persönlich zu sichern.

Indem er den Weg von einem guten Dutzend Protagonisten durch die Lula-Jahre begleitet, gelingt es Joe Thomas, hinter die Kulissen eines Landes zu schauen, in dem plötzlich ein neuer Wind weht, Hoffnungslosigkeit vom Glauben an die Realisierbarkeit eines Traumes verdrängt wird, der neue Perspektiven für alle verspricht, bis diese Zukunftsvision schließlich allmählich der Erkenntnis weicht, dass auch die neuen Herren auf Dauer nicht in der Lage sind, Eigennutz, Klüngelei und das Bestehen auf dem Recht des jeweils Stärkeren aus dem gesellschaftlichen Miteinander zu verbannen. Und so scheitern in der Welt von Brazilian Psycho selbst diejenigen, die ehrlich an die neue Politik der linken Regierung glauben und sich dafür einsetzen, die tiefen Gräben zwischen dem Oben und dem Unten der Gesellschaft zu beseitigen.

Feine Fäden sind es zumeist, die die Schicksale der Personen, an denen Joe Thomas seine Geschichte entlangerzählt, miteinander verbinden. Da ist Ray Marx, ein amerikanischer Geschäftsmann mit Verbindungen zur CIA, der überall da auf der Welt auftaucht, wo sich neue Chancen bieten, mit Investitionen horrende Gewinne zu erzielen. Da ist Renata Sanchez, Anwältin bei einem der größten Finanzkonzerne Südamerikas. Da ist der Reporter Francisco Silva, „ein Kreuzritter, ein unbeugsamer Querkopf, dem es eine wahre Freude ist, das System in die Pfanne zu hauen“. Und da ist nicht zuletzt Rafa, Rafael Nascimento, die vielleicht unschuldigste Figur des Romans, ein Junge aus São Paulos größter Favela mit dem trügerischen Namen „Paraisópolis“, Stadt des Paradieses, der eingangs als Bote für einen Gangsterboss arbeitet, schließlich selbst zu einer Art Kleinunternehmer im Dunstkreis des seine Wohngegend beherrschenden Verbrechersyndikats aufsteigt und sowohl über seine Familie als auch über die Clique seiner Freunde mit den Geschehnissen rund um den Mord an dem Schuldirektor Paddy Lockwood verbunden ist.

Sie alle machen die Welt von Brazilian Psycho aus, erfüllen sie mit ihrem Leben, ihren Hoffnungen und ihren Verwicklungen in die kleinen Niederlagen und großen Katastrophen der Zeit. Damit sich seine Leserinnen und Leser nicht in der Fülle der historischen Fakten und der zahlreichen Figuren der Zeitgeschichte, die entweder persönlich auftreten oder auf die angespielt wird, verirren, hat der Autor seinem Buch ein ausführliches Personenverzeichnis angehängt sowie in einem Nachwort stichpunktartig die von der Handlung berührten gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen, sozialen und mentalen Probleme erläutert. Leserinnen und Lesern mit diesem fulminanten Roman eine leichte, unterhaltsame (Krimi-) Lektüre zu versprechen, würde dem Buch allerdings nicht gerecht. Dass sich die Lektüre lohnt und gleichzeitig Lust auf Mehr von diesem im deutschsprachigen Raum noch nahezu unbekannten Autor macht, der gerade an einer im London der 1970er Jahre spielenden Thriller-Trilogie arbeitet, darf allerdings an dieser Stelle versichert werden. 

Titelbild

Joe Thomas: Brazilian Psycho. Thriller.
btb Verlag, München 2024.
640 Seiten , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783442773862

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