Eine Berliner Nachkriegs-Kindheit

Michael Reicherts gelingt mit „Nullstunde“ eine faszinierende literarische Collage, die sich zu einem beeindruckenden Roman verdichtet

Von Peter ZanderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Zander

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Berlin 1957. Die Folgen von Krieg und nationalsozialistischem Terror sind trotz Wiederaufbau und Wirtschaftswunder unübersehbar: zerstörte Stadtlandschaften, körperlich und seelisch gezeichnete Menschen, Verlorene und Verlierer, Rückwärtsgewandte und Unbelehrbare, Schweigen und Verdrängung. Doch mehren sich die Zeichen eines Wandels – einer Zeit des Umdenkens, des Neubeginns und des Aufbruchs in eine ungewisse, noch offene Zukunft, eine „neue Zeit“.

Tomas, der Protagonist von Nullstunde, reist als junger Mann zurück nach Berlin. Es ist zugleich eine „innere Reise“, auf die er sich in die Welt des Elfjährigen, der er damals war, begibt. In Form einer fiktiven autobiografischen Collage fügen sich Erlebnisse, Eindrücke und Beobachtungen mosaikartig zusammen.

Die Mutter ist eine labile, psychisch kranke Frau, deren Alltag von massiven Stimmungsschwankungen bestimmt wird. In depressiven Phasen – „Mama muss nachdenken“ – zieht sie sich vollständig zurück, versinkt in innere Leblosigkeit. In euphorischen Momenten hingegen überschüttet sie Tomas mit einer obsessiven Zuneigung, die nicht selten eine grenzüberschreitende, fast inzestuöse Intensität annimmt. Tomas ist für sie „mein kostbarer Schatz“, ist Projektionsfläche und Besitz zugleich. Die schulische Zuschreibung als „Wunderkind“ bringt ihn vollends ins Zentrum ihrer übersteigerten Mutterliebe – macht ihn zum „Ein und Alles“, auf das sie mit übergroßem Stolz blickt. Die Umarmungen dieser Liebe sind eng, überwältigend, und Tomas wagt kaum, sich daraus zu lösen.

Und der Vater? Er ist ein psychisch Versehrter des Krieges, über den er vermeidet zu reden. Er trinkt. Seine Frau betrügt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die Liebe zu Tomas bringt er in gemeinsamen Spielen und Unternehmungen zum Ausdruck. Die Ehe der Eltern ist ein dysfunktionales Gefüge aus Kränkung, Schweigen und gegenseitiger Verachtung. Immer wieder erlebt Tomas ihren zerstörerischen Streit. In diesem Trümmerfeld muss Tomas sich zurechtfinden, sich mit Mutter und Vater arrangieren, sonst wird er zwischen den beiden Polen zerrieben. „Mama und Papa tragen ihre Kämpfe in mir aus“ – Ein Satz, der exemplarisch für die innere Zerrissenheit des Jungen steht.

Doch der Roman geht weit über die enge Bedrohlichkeit der familiären psychischen Verstrickungen mit einer schließlich tragischen Katastrophe hinaus. Er weitet den Blick und spiegelt in zahlreichen Episoden zentrale soziale und gesellschaftliche Themen.

Da ist der liebenswerte Herr Winkler, der seine Mitgliedschaft in der NSDAP lieber verschweigt – eine schlichte Seele, kein gefährlicher (Ex)Nazi, keineswegs bösartig, sondern gutmütig. Ganz anders der Blockwart von nebenan oder Lehrer Becker, ein Altnazi alter Schule, der deutsche Pünktlichkeit einprügelt und rassische Überlegenheit predigt.

Die Vergangenheit liegt wie ein Nebel über allem – diffus, verschwommen, selten offen angesprochen, totgeschwiegen. Auch Tomas’ Vater redet nicht gerne über die Vergangenheit, lieber zeigt er seinem Sohn die Zeichen der Zukunft. So besuchen die beiden die Interbau, eine Ausstellung über die „Stadt der Zukunft“ mit Bauten bekannter Architekten wie Gropius und Le Corbusier. Ein architektonischer Neuanfang, kein Wiederaufbau. Am Bahnhof Zoo kommen sie an großen Werbeflächen vorbei, den Symbolen einer neuen Zeit und den bunten Vorboten des Wirtschaftswunders.

Es ist der Übergang von den Trümmern der Vergangenheit in eine noch unklare aber mit Hoffnung und Zuversicht verknüpfte Zukunft, den Reicherts überaus facettenreich und in zahlreichen miteinander verflochtenen Episoden collagiert. Das Bild einer Gesellschaft im Zwischenzustand, tastend auf dem Weg nach vorn.

Auch Tomas und die Jungen seiner kleinen „Gang“ entwickeln – weit entfernt von großen politischen Begriffen – ihre eigene Vorstellung davon, was Zukunft bedeuten könnte. Zwischen den Resten zerbombter Häuser errichten sie auf ihrem Trümmerterritorium eine Skulptur aus Fundstücken, Überbleibseln, Überresten. Sie nennen sie „Totem“ – ein selbstgeschaffenes Zeichen, das nicht nur Zugehörigkeit stiftet, sondern auch Sinn. „Totem“ wird zum Symbol einer kindlich-ernsthaften Selbstermächtigung im „Kampf um die neue Zeit“. Es markiert eine Form von Gegenwart, die nach vorne weist: Ein kollektives Versprechen, als Insel der Sicherheit im „Meer der Ungewissheit“ – um ein Bild von Hannah Arendt aufzugreifen. Ein Wegweiser in eine Zukunft, die weder nostalgisch rückschauend noch ideologisch überformt ist, sondern offen und voller Hoffnung.

All das erzählt Nullstunde in leisen Tönen – ohne demonstrative Interpretation, ohne moralische Anklage, ohne programmatisches Pathos. So entsteht ein erzählerischer Raum, der die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen der frühen Bundesrepublik durch Alltagsbeobachtung und Figurenzeichnung deutlich hervortreten lässt. Es ist ein Blick, der nicht verklärt und sich ebenso wenig dem klagenden Ton rückwärtsgewandter Nostalgie hingibt.

Doch ebenso fern bleibt der Text dem euphorischen Zukunftsoptimismus jener Jahre, der im Ton vieler Zeitzeugnisse des Wirtschaftswunders mitschwingt. Nullstunde verweigert sich beiden Extremen – der Roman erzählt mit stiller Genauigkeit von einer Zwischenzeit, die weder abgeschlossen ist, noch neu begonnen hat. Und gerade in dieser Spannung entfaltet er seine stille, eindrückliche Kraft.

Die einzelnen, teils kurzen Episoden haben Überschriften, stehen für sich und nicht in unmittelbarem Bezug. Jedoch verweisen sie in einem komplexen Geflecht der Themen aufeinander, werden vervollständigt und nuanciert. Die Collage gelingt in so meisterhafter Weise, dass die vielen ineinander verwobenen Fragmente sich zu einem spannungsreichen Roman verdichten.

Reicherts‘ feinfühlige, elaborierte und nuancierte Sprache macht das Lesen zu einem literarischen Vergnügen. Immer wieder finden sich bildhafte Passagen, die Szenen nicht bloß beschreiben, sondern erfahrbar machen:

Häuserwände bunt wie ein Flickenteppich, eine Collage aus Stockwerken und Zimmern. Auch Kacheln mit eingebrochenen oder herausstehenden Rohren und Installationen, eine Häuserwand wie ein riesiges, verletztes Puppenhaus.

Das ist eine Form des literarischen Sehens, die Wahrnehmung und Empfindung verbindet. Auch in Momenten der Gewalt – als die Mutter auf Tomas eindrischt – bleibt die Sprache bei der sinnlichen Genauigkeit – ohne Empörung, ohne Pathos: „Ich sah den Tisch, die Maserung, die Tischdecke fortgezogen. Die hölzerne Tischplatte erschien mir seltsam nackt, und ich spürte den bitteren Geschmack, den meine Spucke auf der Oberfläche hinterließ.“ Die Sprache fordert nicht, sie klingt nach, öffnet einen inneren Resonanzraum. Als der Vater sich Tomas öffnet, „war es, als würde er den Faden verlieren, seine Aufmerksamkeit brach weg, er ging sich verloren, in ihm selbst, schien es“.

Es ist nicht die Sprache eines Elfjährigen, die diesen Roman trägt. Es ist die Stimme des erwachsenen Tomas, der sich erinnernd in die Perspektive seiner Kindheit zurückversetzt – und dabei nicht kindlich klingt, sondern reflektierend, tastend, mit der Distanz und der Sprachmächtigkeit eines Erwachsenen.

Nullstunde ist ein komplexer, intellektuell anspruchsvoller Roman, dem dennoch eine erstaunliche Leichtigkeit im Ton eigen ist. Die Sprache ist klar, oft von stiller Schönheit, stellenweise poetisch, aber nie manieriert. Ihre Zugänglichkeit steht nicht im Widerspruch zur thematischen Tiefe. Mancher Leser, manche Leserin mag Kritik üben an der „Rastertechnik“ mit den kurzen Kapiteln, die mit ihren Titeln den Lesefluss unterbrechen können. Doch wer sich auf diese Erzählweise einlässt, wird letztlich reich belohnt. Nullstunde entfaltet seine Kraft nicht im Schnelllesen, sondern in der genauen Lektüre. Immer wieder treten Zusammenhänge erst viel später hervor. Ein Blick ins ausführliche Kapitelverzeichnis erweist sich dabei als hilfreich; gelegentliches Zurückblättern ist lohnend! Wer aufmerksam liest, stößt möglicherweise auf den einen oder anderen lakonischen Witz oder auf leisen Humor. Etwa wenn klar wird, dass Margot Bessemer, die auf der ersten Seite als Schauspielerin im Stück Verführung für Fortgeschrittene vorgestellt wird, die Margot ist, die sich dem kleinen Tomas auf der „Bühne“ ihres Fensters nackt präsentiert.

Hatte Reicherts in seinem vorherigen Roman Stoffwechsel die Fähigkeit bewiesen, hochaktuelle Themen – in diesem Fall Alter, Pflege, Würde – mit großer sprachlicher Feinfühligkeit, Genauigkeit und psychologischer Kompetenz literarisch zu fassen, zeigt er sich in Nullstunde als präziser Beobachter, als stiller Chronist einer Zeit, die in uns nachwirkt, die noch nicht Geschichte ist, aber auch nicht mehr Gegenwart.

Titelbild

Michael Reicherts: Nullstunde. Roman.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
166 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783826091599

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