Götter und Dichter im demiurgischen Parallelschwung
Mit „Flacons / Irritationen / Umwege“ legt Jürgen Brôcan ein einfühlsames lyrisches Breitband-Analgetikum gegen das Verzweifeln vor
Von Marcus Neuert
Die magische Zahl Neun, der man schon im letzten, Gottesdeponie betitelten Gedichtband von Jürgen Brôcan immer wieder begegnen konnte, begleitet einen auch in seinem aktuellen, dem – passenderweise – neunten Buch des Autors. In Flacons / Irritationen / Umwege werden neunmal jeweils drei Gedichte zu kleinen Einheiten zusammengefasst: das erste ein langes, sich über mehrere Seiten erstreckendes Gespinst, gefolgt von einem mittellangen, welches auf einer Seite Platz findet und einem kurzen, oft nur wenige Verse umfassenden dritten Text.
So ergibt sich schon aus der formalen Anlage der Gedichte der Hinweis auf eine zunehmende Konzentration des jeweiligen Sujets. Man fühlt sich an den von der ersten Notiz ausgehenden weiteren Dreischritt Notat – Verdichtung – Gedicht erinnert, mit welchem José F. A. Oliver den Prozess lyrischen Arbeitens beschreibt. Doch auch die längeren Gedichte entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Zusammensetzungen aus drei bis neun Teilen, in welchen jeweils die Ideen zunächst frei flottieren, um dann einem Sonatensatz nicht unähnlich in Variationen und Durchführungen verarbeitet zu werden.
Die mittellangen Gedichte weisen ebenfalls Gemeinsamkeiten auf: sie beschäftigen sich mit dem Sehen und sind jeweils einer Farbe gewidmet. Diese erweist sich als motivisches Bindeglied für die langen und kurzen Texte der einzelnen Dreiergruppen. Der Autor gibt im Anhang einen wertvollen Hinweis auf die Kulturgeschichte der Farben des britischen Kunsthistorikers James Fox, der unter anderem die verschiedenen kulturellen Zuschreibungen und physischen Wirkungsweisen von Farbe und Licht untersucht. Von diesen Erkenntnissen inspiriert sind alle mit ancient lights (sowie der jeweiligen Farbe) überschriebenen mittellangen Texte.
Die kurzen Gedichte schließlich wirken wie eine Essenz aus den vorangegangenen Destillations-, Mazerations-, Extraktions- und Enfleurage-Prozessen – und von diesen der Parfumherstellung entlehnten Begriffen ist es nicht mehr weit zu den titelgebenden flacons des Buches. Diese Analogisierung von Düften und Sprache offenbart auf eigene Weise den Zugang zu den Brôcanschen Texten, der stets nicht nur allein durch den Logos, sondern auch durch die Anrufung unserer sinnlichen Existenz erfolgen soll. Dass sich dadurch die ebenso titelgebenden Irritationen und Umwege ereignen können und diese für den Prozess der persönlichen Durchdringung der Gedichte gar unvermeidlich sind, ergibt sich daraus fast zwangsläufig.
Hinter all den beschriebenen Formalien tritt freilich der Inhalt der Gedichte in keiner Weise zurück. Er wird nur gebändigt und strukturiert, um umso eindrucksvoller seine wortgewaltige Welthaltigkeit entfalten zu können. In Brôcans Gedichten geht es nie nur um einen Teilaspekt von Anschauung, den man in Kategorien wie Natur-, Beziehungs- oder gesellschaftskritisches Gedicht einsortieren könnte. Es finden stattdessen zahlreiche Verknüpfungen aller menschlicher Erlebens-Ebenen statt, immer in den Kontext des schöpferischen Arbeitens gestellt. „die natur ein meer des werdens, eingebettet das erdlebenbild / und jeder ein ‚fragment seines eigenen selbst‘. drinnen / und gegenüber sein zugleich“.
Wenn überhaupt, so könnte man als leitendes Thema die beständige Reflexion über die Parallelen von Göttern und Dichtern als Demiurgen ihres jeweiligen Stoffes ausmachen.
: oder ein gott käme und sagte: / ersetze mich, werde besser als ich / es je war, dafür gebe ich dir fünf augen / […] /aber eines gebe ich dir nicht: / die erlaubnis, mich / nach deinem bild zu formen, so erbarmungslos –
Was zunächst wie ein größenwahnsinniges Experiment anmutet wird jedoch in Brôcans Diktion zu einer ungemein plausiblen Bestandsaufnahme unseres Daseins, die so treffende Formulierungen hervorbringt wie „zu viele handeln, als wäre ihr geist / ein kollateralschaden der körper- / funktionen“ oder „vielerorts / leerstände, doch nirgends platz für die schrift“. Die Ebenen der geistigen und sinnlichen Existenz durchdringen sich und definieren das Aufgabenfeld: „es bleibt immer etwas zu tun: / den atem destillieren zu silben, / die asche der toten abwiegen, / den griesgrämigen uhren eins auswischen, / am stellwerk der ängste sich zu schaffen machen.“
Das Handwerkszeug dazu sind ein scharfer Verstand, wache Sinne und eine Spielfreude an und für Sprache, in welcher Jürgen Brôcan Begriffe wie das „errungenschaftswort“ einführt oder einfühlsame Permutationen von Bekanntem kreiert: „wie / hauchschicht auf hauchschicht trifft, haut- / dünn“. Dazu gesellen sich Fundstücke von originellem Sprachmüll, der selbst noch in den Anmerkungen zitiert wird: „BGB §919: ‚wenn ein Grenzzeichen verrückt … geworden ist.‘ (!)“.
In diesem Anhang verrät der Dichter seiner Lesegemeinde neben zahlreichen Lektüreanregungen auch „die für mich wichtigsten Funktionen der Lyrik“. Es sind – wie könnte es anders sein – neun, welche vom „Gespräch“ über „Abwägung und Reflexion“ bis hin zum „Lobpreis“ reichen. Gerade dieser bestimmt vor allem das Ende des Gedichtbands und beschert so wunderbare und tröstliche Einsichten wie „schön ist, was man liebt / und das gemeinsame / ein unermüdlicher generator“ oder „trotzdem ist die zukunft das, was wir am ehesten besitzen“. Beim Gang durch die Welt und ihren Urgrund entpuppt sich diese Lyrik nicht zuletzt auch als Breitband-Analgetikum gegen das Verzweifeln, als verlässlicher Reiseführer durch die Unwägbarkeiten von Raum und Zeit.
Jürgen Brôcans Gedichte sind stets voll von Bezügen, Verweisen und Anklängen an alle Regionen des Geisteslebens. Wer sich mit ihnen beschäftigt, sieht sich oftmals mit literarischen, philosophischen, historischen, aber auch naturwissenschaftlichen Verknüpfungen konfrontiert, die eine ungemein bereichernde weiterführende Recherche anbieten. Man kann aber auch – und das ist das vielleicht Schönste an dieser Lyrik – sich einfach den eigenen Assoziationen überlassen, denn auch für Jürgen Brôcans Lesegemeinde gilt das Wort des Meisters: „der kopf ist keine datenbank, / sondern eine höhle, durch die es tröpfelt.“
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