Ein anderer Blick auf Giacomo Casanova
Lothar Müller porträtiert eine der schillerndsten Figuren der Kulturgeschichte
Von Ulrich Klappstein
Aus Anlass des 300. Geburtstags von Giacomo Casanova (geboren am 2. April 1725) fand in Paris eine Ausstellung statt, die in zehn großen Episoden die Lebensgeschichte dieses umfassend gebildeten Literaten und Philosophen anhand seiner Autobiographie nacherzählte. Frankreichs Bibliothèque Nationale präsentierte dort die kostbare Handschrift, die der französische Staat im Jahr 2010 für mehr als sieben Millionen Euro gekauft hatte.
Ziel der Ausstellung war es, deutlich zu machen, wie Casanova, der es bestens verstand, sich selbst zu inszenieren und sich so zum Mythos zu erheben, an vielen Orten der höfischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts reüssierte. Er diente sich den Mächtigen als brillanter Macher an und verfasste für Friedrich den Großen sogar eine mathematische Abhandlung, um in die Berliner Akademie aufgenommen zu werden, was jedoch nicht zustande kam. Darüber hinaus stand er mit vielen großen Denkern seiner Zeit in Kontakt: mit D’Alembert und Diderot, den Autoren der berühmten Enzyklopädie, mit Goethe und Rousseau bis hin zu Voltaire, den er ganz besonders schätzte.
Allerdings stand er der Philosophie der Aufklärung skeptisch gegenüber, auch der Französischen Revolution konnte Casanova so gar nichts abgewinnen. Sie stellte für ihn so etwas wie eine persönliche Katastrophe dar, hatte sie doch sein Wirkfeld nachhaltig zerstört. Im Revolutionsjahr 1789 begann Casanova seine Memoiren zu schreiben, deren Manuskript seine Erben im Jahr 1821 an den Leipziger Verlag F. A. Brockhaus verkauften. Bis heute gibt es einige Übersetzungen, jedoch noch keine Gesamtausgabe aller zu Lebzeiten publizierten Schriften Casanovas.
Nun hat der Kultur- und Literaturwissenschaftler Lothar Müller das klischeehafte Bild Casanovas hinterfragt und aufgefrischt. Für sein Buch hat er eine neuere in Frankreich erschienene Edition der Werke Casanovas verwendet und deren Anmerkungsapparate herangezogen. In der Edition des Wagenbach Verlags entfaltet Müller eine informative, an der Chronologie orientierte Gesamtdarstellung über Casanova, der die letzten dreizehn Jahre seines abenteuerlichen Lebens auf dem nordböhmischen Schloss Duchcov/Dux des Grafen Waldstein verbrachte, wo er am 4. Juni 1798 starb, nachdem er zuvor noch die deutschen Städte Leipzig, Weimar, Berlin und Dresden bereist hatte.
Vier große Kapitel umfasst die Feuerschrift, die vom Leben und Wirken Casanovas berichtet. Müller zeichnet darin zahlreiche Facetten dieses „Abenteurers im Ancien Régime“ nach, den er allerdings zunächst als ein projektemachendes „Chamäleon“ vorstellt. Erst danach schildert er dessen „große Bewerbungstour“, die ihn von Berlin über Petersburg bis nach Warschau geführt hat. So stellte er sich am Petersburger Hof auch bei der „Semiramis des Nordens“ vor, als die er Katharina II. in Verkörperung aufgeklärter Herrschaft in seinen Schriften stilisiert hat (Voltaire hatte sie zuvor noch „Stern des Nordens“ genannt).
Wie die russische Zarin trat auch Casanova für eine „Verwestlichung Russlands“ ein, um die „Versüdlichung“ Russlands bis nach Griechenland und Konstantinopel zu ergänzen. In einem Rückblick auf den polnischen König Jan Sobieski, der die Stadt Wien am 12. September 1683 in der Schlacht am Kahlenberg befreite und die Osmanen in die Flucht schlug, plädierte Casanova für die Souveränität Polens und riet dazu, die Russen in ihren „angestammten Grenzen zu halten“.
Anschaulich ergänzt Müller dieses Kapitel aus Casanovas Leben durch den Abdruck eines Auszugs aus dessen bisher noch nie ins Deutsche übersetzten Geschichte der polnischen Wirren vom Tod Elisabeth Petrownas bis zum Frieden zwischen der Osmanischen Pforte und Russland, in der alle für die Revolution dieses Reiches ursächlichen Ereignisse zu finden sind. Casanova hatte diese historische Arbeit, die erst 1775 in drei Bänden erschienen ist, schon 1772 während eines Aufenthalts in Bologna begonnen.
So komplettiert Müller das Bild des „Zeit- und Militärhistorikers“ Casanova, dessen Wirken als „konterrevolutionärer Pamphletist“ auf Schloss Dux und dort als Bibliothekar endet. Den Bücherbestand, der ihm vom Grafen Waldstein als Arbeitsbibliothek großzügig zur Verfügung gestellt wurde, ergänzte er, wie Müller unter Hinweis auf Casanovas große Belesenheit belegt, durch die Anschaffung zahlreicher literarischer, politischer und philosophischer Werke. Darunter die Mémoires de Beaumarchais, des Librettisten von Mozarts Figaros Hochzeit, eine Horaz-Übersetzung ins Französische von Batteux, eine Abhandlung über die Philosophie Pierre Bayles und auch ein schmales Werk, das 1795 in Göttingen erschienen war, das Addendum zum Dictionnaire de l’Académie Française vom Juristen und Zeitzeugen der Französischen Revolution Leonard Snetlage,der den Verlauf der politischen Revolution auch als „Sprachrevolution“ auffasste, was Casanovas privaten „kleinen Feldzug gegen jegliche Revolution“ sehr unterstützt haben dürfte.
Denn aus dieser Lektüre ging Casanovas einzige Publikation der letzten Lebensjahre hervor, ein Pamphlet in französischer Sprache, die Schrift À Leonard Snetlage, die noch 1797 in Dresden erschienen ist.
Müller plädiert dafür, diese Replik auf den Beobachter der Folgen der Französischen Revolution als das „politische Vermächtnis“ Casanovas zu begreifen und als ein „Selbstporträt im Spiegel der Sprachreflexion“, gewidmet dem Grafen Waldstein. Das Fazit Müllers lautet, dass Casanovas „Illusionen eines Konterrevolutionärs“ an keiner anderen Stelle seines Werks einen beredteren Ausdruck gefunden haben. Müller ordnet Casanova als einen frühen Verfechter der Erkenntnis ein, dass Sprachnormen durch den Sprachgebrauch bestimmt werden, mehr als durch die Regelungsversuche der Grammatiker und Philologen. Für Müller ist Casanova, der in seinem letzten Werk auch um Nachsicht für seine früheren zahlreichen Ausschweifungen gebeten hat, ein moderner Bildungsintellektueller, der sich besonders in seinen letzten Publikationen als Angehöriger einer Gelehrtenrepublik und Verteidiger eines literarischen Kosmos erwiesen hat. Seine frühere Libertinage habe der eigentlich wertkonservative Casanova also eher als „Medium der Überbrückung von Standesunterschieden und Brücke in die Sphäre der Politik“ benutzt, so Müller. In der auf 71 Bände geplanten „Feuerschrift seiner Memoiren“, so resümiert Müller, „gingen die Französische Revolution, die Expansion des russischen Imperiums, die Untergänge Polens und der Republik Venedig ein.“ Als Casanova im Juni 1798 starb, gab es das Europa nicht mehr, dem er entstammte.
Das Buch Lothar Müllers, der seine Leserschaft in einer flüssig zu lesenden Darstellung am Beispiel Casanovas souverän durch das höfische Europa des 18. Jahrhunderts führt, zieht aspektreich Querverbindungen zu Zeitgenossen wie Goethe und Cagliostro. Müller stellt uns Casanova auch, aber nicht nur als einen Genussmenschen vor, und ihm ist eine Beispiel gebende Biografie gelungen. Hinzu kommt die opulente Ausstattung des Bandes durch den Verlag mit vielen zeitgenössischen Illustrationen und einem sehr ansprechenden Cover, einer Collage eines Porträts Giacomo Casanovas und einer historischen Karte Europas aus dem Jahr 1750.
Ergänzt wird das Werk durch eine ausführliche Bibliographie der Primärliteratur von Casanova, seiner im Buch erwähnten Zeitgenossen und eine die Recherche unterstützende Zusammenstellung der einschlägigen Sekundärliteratur, die Müller auf den neuesten Stand gebracht hat.
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