Zum Selbst finden in unwirtlichem Gelände, in lebensfeindlichen Abgründen
Mit „Die letzte Patientin“ legt Ulrike Edschmid ein weiteres ihrer lebensprallen Kurzromankunstwerke vor
Von Günter Helmes
Ulrike Edschmidt, „auf Geschichten von Frauen abonniert“, wie es an dieser Stelle 2007 in einer Besprechung ihres Romans Die Liebhaber meiner Mutter (2006) hieß, machte erstmals mit dem Sachbuch Diesseits des Schreibtischs. Lebensgeschichten von Frauen schreibender Männer (1990) auf sich aufmerksam. Die editionsphilologisch nicht unproblematische Herausgabe des Briefwechsels zwischen der vielseitigen Künstlerin Erna Pinner und Edschmids vormaligem Schwiegervater, des vor allem als Erzähler, Novellist und Romancier bedeutenden Kasimir Edschmid unter dem Titel Wir wollen nicht mehr darüber reden, ließ 1999 vor allem die germanistische Fachwelt aufhorchen. 2013 gelang Edschmid mit dem wie ihre anderen Romane auch (zeit-)geschichtlich gesättigten und (auto-)biographisch grundierten Roman Das Verschwinden des Philip S. der literarische Durchbruch. Für diesen Roman wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Mit dem Liebesroman Ein Mann, der fällt (2017) und dem Amalgam aus Familien- und ‚Künstler‘roman Levys Testament (2021) festigte sie ihren Ruf als hochgradig sprachbewusste, brillante Stilistin und Meisterin erzählerischer Verknappung.
Die zuletzt angesprochenen stilistischen und erzählerischen Auszeichnungen sind auch ihrem jüngsten, der Erzählhaltung nach passagenweise kaddischhaften Roman Die letzte Patientin zuzuschreiben. Dieser ist eine Art Doppelroman, erzählt er doch eigentlich zwei Geschichten: diejenige einer vielsagend zur Weihnachtszeit an Krebs versterbenden, auf ihre Weise vom Leben versehrten und in Barcelona ansässigen ca. sechzigjährigen Trauma-Therapeutin luxemburgischer Herkunft nämlich – hier geht es auch um Mentalitäten, Reflexionen und Lebensläufe, die den ’68ern und generell Aus- und Aufbrüchen lebensweltlicher oder politscher Art jener Zeit zuzuordnen sind – und diejenige von deren letzter Patientin, einer anfangs sechzehnjährigen Deutschen mit einer traumatisierenden Vater-Beziehung. Hier geht es einlässlich um psychologische Begriffe wie „Trauma“, „Grauen“ und „Dissoziation“ und um Formen psychotherapeutischen Handelns wie „Desensibilisierung und Verarbeitung traumatischer Ereignisse durch Augenbewegung“. Wie diese beiden Geschichten des Näheren miteinander zusammenhängen und den Roman zu einem Ganzen machen, darauf wird zurückzukommen sein.
Mit einer den Blick auf das Wesentliche, auf das den Eckdaten nach Unverzichtbare und auf das aussagekräftig Kontingente richtenden, neusachlich-lapidaren, präzise protokollierenden Sprache werden in 52 Kapiteln von ein bis zwei Seiten Länge filmisch Take auf Take, Einstellung auf Einstellung, Szene auf Szene zu Lebens- und Beziehungskaleidoskopen aneinandergereiht. Dabei stützt sich die zuweilen quasi als Stimme aus dem Off kommentierende oder mutmaßende Ich-Erzählerin – sie lebte von 1973 bis 1976 mit der in den folgenden 4 Jahren als Sprachlehrerin in Barcelona arbeitenden, späteren Therapeutin in einer Frankfurter Wohngemeinschaft zusammen und blieb mit ihr bis zu deren Tod um 2010 herum befreundet – auf Briefe der Freundin an sie, auf Tonbandmitschnitte gemeinsamer Gespräche und auf erinnerte „tägliche[] Ferngespräche“ am Lebensende der Freundin. Häufig wird dabei im historischen, epischen oder szenischen Präsens und in indirekter Rede erzählt, was den z.T. Jahrzehnte zurückliegenden Ereignissen und der zum Zeitpunkt des Erzählens bereits verstorbenen Protagonistin ebenso Präsenz wie Prägnanz verleiht. Was auf diese Weise entsteht, sind in öffentliche Räume eingebettete Psychogramme fragiler Existenzen, die in den Bann schlagen, auch deshalb, weil die Art des Sprechens, des Erzählens eine gewisse immersive Hast erzeugt.
Dem Leben dieser Freundin bzw. ersten Protagonistin gehören die ersten 23 Kapitel des Romans, aber auch die restlichen berichten aus ihrer Perspektive nicht nur über die Schauergeschichte der „letzten Patientin“ und deren Therapie, sondern gleichgewichtig auch über ihre eigenen extremen Belastungen. Eingangs heißt es über sie zur Frankfurter Zeit in den 1970er Jahren:
Wenn sie mit Zigarette, Kaffee und „Le Monde“ am Küchentisch saß, umgab sie ein lasziver Lebensüberdruss, wie man ihn aus den Filmen der Nouvelle Vague kennt. Dahinter aber verbarg sich Rastlosigkeit und zugleich eine unverrückbare Standfestigkeit.
Neben „Rastlosigkeit“ und „Standfestigkeit“ ist es eine existentielle, paradoxerweise mit einem Abwehr- bzw. Fluchtreflex einhergehende „Heimatlosigkeit“, die sie, die mit familialer Vergangenheit und hier insbesondere mit einem gestörten Verhältnis zur Mutter bebürdete, ausmacht. Stets auf der sehnsüchtigen, doch eben auch angstbesetzten und mit Albträumen einhergehenden Suche nach Angenommensein, Geborgenheit und Sicherheit, lebt sie lange Zeit das Leben eines „gefangene[n] Tier[es]“, „auf das im Käfig wie auch in Freiheit“, in der „Einsamkeit“ wie in der „Zweisamkeit“ „nichts als Qualen warten.“ Auf immer wieder politisch-gesellschaftlich konnotierten und zwischen abenteuerlich und skurril changierenden, doch niemals touristisch-banalen Reisen durch Nord-, Mittel- und Südamerika zwischen Juni 1980 und August 1982 erleidet sie von daher ein sich „stets erneuerndes Liebesunglück“ zwischen „Verliebtsein“, „Ernüchterung“ und „Fall“. Dem entspricht auch der Aufbau der vor allem sie betreffenden, chronikalisch an Affären und damit einhergehenden Orten orientierten Kapitel bzw. Erzähleinheiten: „Was sich zwischen ihr und den Männern abspielt, bleibt ein verzweifelter Kampf, den sie gnadenlos unter die Lupe nimmt.“ Zu diesem Kampf gehören auch Todesgefahr, Abtreibungen und Vergewaltigungen, gehört als freilich bitteres ‚Erweckungserlebnis‘ aber auch – „was sie liest, ist so wirklich wie das, was sie sieht“, heißt es über sie als einer Lesewütigen, die sich beispielsweise mit Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit, Wildes Dorian Gray und Maryse Holders Give Sorrow Words auseinandersetzt – die Lektüre von Erich Fromms Die Kunst des Liebens:
Eigentlich, schreibt sie, habe sie es schon immer gewusst. Liebe sei eine Kunst, die sie nicht beherrsche. […] Für sie gebe es nirgendwo einen Platz, nicht in einer Familie, nicht in einer Gruppe, nicht innerhalb der Gesellschaft oder einer anderen sozialen Ordnung. Sie finde sich nirgends wieder, auch nicht in der eigenen Schaffenskraft. / Am schlimmsten jedoch sei ihre Unfähigkeit, das Leben Tag für Tag mit einem Menschen zu teilen.
Zurück wieder in Barcelona im Sommer 1982, sieht sich die Protagonistin mit dem „Gefühl einer allgemeinen Lebensniederlage, eines andauernden, unaufhaltsamen Verlusts und einer Einsamkeit ohne Notausgang“ konfrontiert. Diverse Affären, die sie auf kürzeren Reisen nach Frankreich, Italien, Griechenland und England eingeht, helfen ebenso wenig wie eine längere Reise durch die mongolische Wüste, auf der sie flüchtig den Dalai Lama sieht.
Erst ein „Knoten in ihrer Brust“, ein „psychischer Krebs […], der in ihr wütet“, verhilft ihr – paradoxerweise –, ihrem Leben eine andere, seelisches Genesen in Aussicht stellende Richtung zu geben. Mit dem auf die Krebsdiagnose folgenden, über etliche Jahre betriebenen Studium der Psychologie nämlich tut sich ihr „ein Kosmos auf“, „der sich nicht mehr als Kulisse für ihre Schwermut eignet“, und ein Weg, „den eigenen Dämonen“ zu begegnen. Dank einer Erbschaft – ihre Eltern in Luxemburg versterben in dieser Zeit – kann sie sich schließlich eine eigene psychotherapeutische Praxis mit dem Schwerpunkt „Traum-Forschung“ einrichten.
Erweiterung der Perspektive: Ab dem 24. Kapitel geht es dann auch um die zweite Protagonistin und „letzte Patientin“, von der bis dahin nur in einem Satz ganz zu Anfang als eine „junge Frau“ die Rede war. Diese, von der Therapeutin „N. wie Niemand“ genannt, heißt mit bürgerlichem Vornamen wie „zum Fluch“ Kassandra. Wie „zum Fluch“, glaubt sie doch niemandem mehr, auch sich selbst nicht.
N., schon als Vierzehnjährige im „Drogenmilieu“ und in „familiären Katastrophen verloren“, kommt um 2000 herum allwöchentlich von weit her in die Praxis der Therapeutin. In den ersten fünf Jahren schweigt sie, ihr „Inneres angefüllt mit Schreckensbildern“ und von jeder Berührung, jedem etwaigen eigenem Sprechen in „Todesangst“ versetzt, „hart und unerbittlich“, was die mit dem Krebs ringende Therapeutin „zu Tode erschöpft“ und beinahe „zugrunde“ richtet. Aber in Erinnerung an die eigene Lebensgeschichte und dabei insbesondere an ihre ihr gegenüber stumm gebliebene Mutter hält sie „die schrecklichste Therapie aller Zeiten“ mit „Hass und Wut“ durch, zumal sich N. trotz aller diesbezüglichen Versuche einfach „nicht loswerden“ lässt.
Im 6. Jahr dann und im „virtuellen Raum der elektronischen Medien“ gelingt es N., sich der Therapeutin gegenüber schriftlich anzuvertrauen. „Und was sie schrieb, öffnete die Tür zu apokalyptischen Szenen von Tod, Gewalt und Verderbnis. […] Ein Absturz in vergangene Albträume, die zur Gegenwart geronnen waren.“ Im Zentrum dieser Albträume: der Vater, der „seine Tochter liebt und zerstört“, der, ein Psychopath, ihr und anderen schreckliche Gewalt angetan hat – Stichwort: Mädchenhandel. Bis N. dann mit der Therapeutin reden kann, gar bei ihr einzieht, vergehen weitere, zuweilen mit „katatonischen“ Zuständen und mit allerlei Dramatik – Entführung, Vergewaltigung, Flucht, Schwangerschaft, Abtreibung – verbundene zwei Jahre. Und weitere zwei Jahre braucht es, bis N. sich „vertraut und selbstverständlich“ im Haus der nunmehr auf den Tod kranken Therapeutin bewegt, Pflegerin, Freundin, Hauswirtschafterin und Hausmeisterin in einem.
Bliebe abschließend zu fragen, was diesen kunstvoll gebauten Roman aus zwei Lebens(abschnitts)geschichten (und hier ausgeblendeten Passagen, die von gemeinsamen Insel-Urlauben der Therapeutin und der homodiegetischen Erzählerin handeln) über das bloße krankheits- bzw. professionell bedingte Aufeinandertreffen der beiden Protagonistinnen hinaus „im Innersten zusammenhält“, und ob und inwiefern der Titel Die letzte Patientin angesichts der zugunsten der Therapeutin ausfallenden Erzählanteile dennoch gut gewählt ist.
Neben Offensichtlichem – erzählt wird wie skizziert von zwei aller Niederschläge zum Trotz starken, ein „Schicksal“ wie eine Abtreibung mit „Millionen“ anderen teilenden Frauen, die beide auf ihre Weise (einander) Patientinnen sind und mit aller ihnen zu Verfügung stehenden Macht einen Weg (zurück) in ein gelingendes Leben suchen – ist zunächst darauf hinzuweisen, dass die beiden Protagonistinnen als Opfer über die Jahre einander zu so etwas wie heilenden, sinnstiftenden Täterinnen werden. Beider Lebens(abschnitts)geschichte könnte im Sinne von zu sich selbst finden nicht versöhnlich enden ohne die jeweils andere in ihrer komplexen Eigenart.
Dann ist es so, dass es Ulrike Edschmid vermutlich auch darum gegangen ist, an prononcierten Beispielen von sich über Generationen so oder so fortschreibenden Frauenlosen zu erzählen. Ohne die Schicksale der beiden Protagonistinnen gegeneinander ausspielen zu wollen, hat es zudem den Anschein, als falle das Schicksal von N. wider alle gesellschaftlichen Fortschrittsbehauptungen zunächst einmal härter aus als dasjenige der Therapeutin, deren Krebserkrankung in ihrer Ambivalenz eigens zu gewichten wäre. Umso erstaunlicher, dass es die genesende N. ist, die ihrer Therapeutin schließlich jene „Geborgenheit“, „Nähe“ und „Fürsorge“ geben kann, die nicht fordern oder als Bedrängnis empfunden werden. Darin liegt die optimistische ‚Botschaft‘, liegt der utopische Vorschein des Romans begründet, und insofern, aber nur insofern, ist der Romantitel gerechtfertigt.
Freilich, wie das wirkliche Leben als das dialektische Zugleich von Für und Wider, von Oben und Unten, von zuträglich und nachteilig usw. so ist: Die Therapeutin kann ihrem Glück, das zudem im Zusammenhang mit ihrer Hinfälligkeit steht, nur noch eine gewisse Zeit lang innewerden. Und gegen den erklärten, aber testamentarisch nicht mehr festgehaltenen Willen wird N. nach dem Tod der Therapeutin voraussichtlich nicht in deren Haus bleiben können, in dem allein sie sich „sicher“ fühlt. Wie also wird es für sie weitergehen?
Das erzählt die große, formsichere Realistin Ulrike Edschmid selbstverständlich nicht mehr. Selbstverständlich nicht mehr, weil sie den Roman nicht nur schon im ersten Wort mit der Therapeutin und deren letztem Weg ins Krankenhaus beginnen, sondern ihn auch mit deren zeitnah folgendem Todestag und einer Erinnerung an mit der Ich-Erzählerin verbrachte Urlaubstage enden lässt. Aber müsste der Roman dann nicht doch beispielsweise den Titel „Die Therapeutin“ tragen?
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