Dandy in Nöten
In seiner Romanbiografie „Das Bildnis des Oscar Wilde“ erzählt Stephen Alexander von den letzten Jahren des berühmten Schriftstellers
Von Günter Rinke
Literarische Gattungsbezeichnungen verlieren in unserer Zeit zunehmend an Bedeutung und vor allem an Trennschärfe. Längere erzählende Prosatexte werden mit Vorliebe als ‚Roman‘ bezeichnet, obwohl auch Bezeichnungen wie ‚Autobiografie‘ oder ‚Biografie‘ in Frage kämen. An letztere darf ein Wahrheitsanspruch gestellt werden, an Romane streng genommen nicht. Wie steht es mit einem Buch, das als „Romanbiografie“ erscheint, im Innentitel allerdings die Gattungsbezeichnung „Roman“ trägt? So verhält es sich mit Stephen Alexanders Buch über Oscar Wilde, dessen Titel, wie übrigens auch der Vorgänger von Philippe Jullian (1972), auf Wildes bedeutenden Roman Das Bildnis des Dorian Gray (1890) verweist. Im Unterschied zu einer Biografie enthält das Buch keinen Anhang mit Quellenverzeichnis. Auch Zitate werden nicht belegt. Trotzdem wird man wegen der Nennung des Dichters Oscar Wilde Authentizität erwarten, ähnlich wie bei einer Filmbiografie, die oft auch ‚Biopic‘ genannt wird.
Tatsächlich trägt das Buch Züge dieses Filmgenres. Erzählt wird, anders als in einer Biografie, nicht das ganze Leben der berühmten Person, sondern ein Ausschnitt, in diesem Fall die letzten acht Jahre aus dem Leben des Oscar Wilde. Zweitens gibt das Devianz-Modell die Handlung vor und macht sie interessant. Der gefeierte Dichter gerät auf die schiefe Bahn und rutscht schließlich hoffnungslos ins Elend. Die Romanhandlung endet mit seinem frühen Tod, der teils durch Schicksalsschläge, teils durch eigenes Verschulden verursacht ist. Beim Lesen sind wir hin und hergerissen zwischen Mitleid und Unverständnis darüber, dass sich ein Mensch so verhält wie dieser schon in jungen Jahren berühmt gewordene, über lange Zeit gefeierte Autor. Geboren 1854 in Dublin, war er um 1890 in London auf der Höhe seines Ruhms, dabei immer auch skandalumwittert und wegen seiner extravaganten Kleidung und seiner Schlagfertigkeit, die manchen Zeitgenossen als loses Mundwerk erschien, auch skeptisch beäugt. Gerade war sein Roman erschienen und wurde wie sein Autor zugleich bewundert und als unmoralisch verdammt. Stephen Alexanders Erzählung setzt ein, als Wilde mit der Komödie Lady Windermeres Fächer einen Theatertriumph feiert.
Seine äußerlich bürgerliche Existenz mit Ehefrau Constance und zwei Söhnen ist mehr als nur Fassade, er liebt Frau und Kinder wirklich. Andererseits führt er ein zweites Leben, in dem er sich mit schönen jungen Männern umgibt und sich nächtlichen Vergnügungen hingibt. Zum Verhängnis wird ihm seine enge Beziehung zu dem wesentlich jüngeren Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, Sohn des Marquess of Queensberry, der zu seinem Todfeind wird. Zwischen ihm und Wilde entwickelt sich bald ein dramatischer Konflikt, der einer antiken Tragödie entstammen könnte. Der Marquess schwört, nicht eher zu ruhen, bis Wilde unter der Erde liegt. Dass er schließlich noch vor seinem Opfer den Weg in die Ewigkeit geht, ist nur ein Zufall. Er weiß, dass Oscar Wilde längst physisch und psychisch ruiniert ist, vor allem durch die zwei Jahre im Gefängnis in Reading, in der er Zwangsarbeit leisten musste.
Wie aber kam er in diese Lage? Auch die Macht eines Hochadeligen wie Queensberry, der wegen seiner Gotteslästerungen das Oberhaus hatte verlassen müssen und dem außerdem das Gerücht anhaftete, er habe seinen ältesten Sohn ermordet, ist begrenzt. Wildes Absturz war teilweise selbst verschuldet, und gerade das ist es, was seinen Fall so interessant macht. Die Peripetie, der Umschlagpunkt der Tragödie, von dem an es unweigerlich in die Katastrophe geht, wird vom sonst sehr zurückhaltenden Erzähler im Roman benannt: „ Konnte der treue Concierge wissen, dass er gerade das Schicksal Oscar Wildes für immer besiegelt hatte?“ Diese Vorausdeutung steht exakt in der Mitte des Romans. Erfolgsgeschichte und Abstieg des Dichters halten sich also im Text die Waage, was für eine austarierte erzählerische Ökonomie spricht. Der Concierge hatte geschwankt, ob er Wilde die von Queensberry geschickte Karte übergeben solle, auf der der ungeheuerliche Satz stand: „für Oscar Wilde, posierend als Sodomit“. Indem er seine Zweifel besiegte und dem Dichter die Karte übergab, habe der Concierge also dessen Schicksal besiegelt.
Man darf das bezweifeln. Denn es war Wilde selbst, der sich aus freiem Entschluss in den Kampf stürzte. Hätte er den Rat seiner Freunde befolgt und die Karte einfach ignoriert, sprich: in den Kamin geworfen, wäre er seinem Unglück entgangen, hätte weiter Erfolge gefeiert und wäre irgendwann hochbetagt als Ehemann gestorben, denn womöglich wäre auch seine Frau Constance nicht unheilbar krank und früh dahingerafft geworden. Wilde aber ignorierte die Karte nicht, verklagte Queensberry wegen Beleidigung, setzte sich in zwei Prozessen unwürdigen Befragungen aus und wurde wegen seiner „unsittlichen“ Beziehungen zu mehreren jungen Männern zur zulässigen Höchststrafe verurteilt. Die Prozessakten sind überliefert und fordern Interpreten heraus, die die Motive Wildes ergründen wollen.
Die hier noch einmal referierten Fakten sind alle bekannt oder können in einschlägigen Lexika nachgelesen werden. Der Rezensent verrät also nicht zu viel, wenn er sie noch einmal darstellt, denn die Spannung richtet sich, ganz im Sinne Brechts, nicht auf den Ausgang, sondern auf den Gang der Geschichte. In dieser Hinsicht gibt es mehrere Gründe, den Roman zur Lektüre zu empfehlen. Erstens ist er gut geschrieben, vor allem dialogstark, so dass die erzählerische Distanz zum Geschehen meist gering ist. Man wird hineingezogen in die Welt des Fin de Síècle, das London des ausgehenden viktorianischen Zeitalters, das Milieu der Theaterleute, der Cafés und Clubs und später in die Sphäre einer unerbittlichen Justiz, die den Helden regelrecht zerstört. Des Weiteren wird eine unerhörte Begebenheit erzählt, die aber dem Muster so mancher Künstlerbiografie entspricht. Es erscheint unfassbar, wie eine Gesellschaft einen großen Schriftsteller, der allein schon wegen seines einzigen Romans aus heutiger Sicht unbestritten zur Weltliteratur zählt und der zu damaliger Zeit vor allem wegen seiner Theaterstücke gefeiert wurde, einfach fallenlassen konnte. Die Fallhöhe ist enorm, sie galt schon zu Lessings Zeiten als Kriterium für wirkungsvolle Tragödien.
Schließlich ist die Tragödie des Oscar Wilde vielschichtig und bietet mehrere Anlässe zur Reflexion: über die Bedeutung der Schönheit, über das Verhältnis von Kunst und Leben, über die Ursachen und Auswirkungen von Skandalen, über Dandytum, Erotik und Sexualmoral und nicht zuletzt über das Verhältnis von Recht und Moral sowie Sinn und Praktiken des Strafvollzugs. Wilde, so lautet eine gängige Deutung seines Falls, opferte sein Leben der Kunst. Auch sein Roman handle, so schrieb einmal R. W. Leonhardt, „von der Freiheit des Künstlers, an seiner Kunst zugrunde zu gehen, sowie von der moralfreien Kunst, die im Leben als Unmoral gilt“. Im Prozess bewies Wilde ein letztes Mal seinen Geist, seinen Witz und seine Schlagfertigkeit. Die Repliken, die er dem Staatsanwalt und dem Richter gab, sind zu klassischen Sentenzen geworden, die die Kunstauffassung des Ästhetizismus im Kern enthalten. Gefragt, ob er einen bestimmten Text für unmoralisch halte, antwortete Wilde: „Er war schlimmer als das. Er war schlecht geschrieben.“
Wilde war kein Kämpfer um sein Recht wie Michael Kohlhaas, sondern er war ein Verteidiger der Schönheit, auch gegen Wächter der Moral. Seinen Roman Das Bildnis des Dorian Gray eröffnet er mit dem Satz: „Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge.“ Der Ästhetizismus wollte das Leben durch die Kunst übertreffen. Der Verdacht ist nicht fernliegend und wird im Roman bestätigt, dass Wildes Leidenschaft für Alfred Douglas vor allem dadurch ausgelöst wurde, dass er den Lord für ein Kunstwerk der Natur hielt. Der junge Mann beutet seinen Freund aus, er verachtet ihn, wenn er arm, krank und unglücklich ist, aber Wilde ist hingerissen und bringt keinerlei Widerstandskraft auf, als er ihn nach längerer Zeit wiedersieht: „Wie hatte er vergessen können, dass dieser Mensch so schön war? In langen Locken quoll sein Haar unter dem Hut hervor.“ Die Erinnerung an Gustav von Aschenbach in Thomas Manns Der Tod in Venedig drängt sich auf, an das lange Platon-Zitat aus Phaidros über die Schönheit, an August von Platens Verse „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben“. Es ist tragisch, aber konsequent, dass Wilde den bodenständigen, treuen Freund Robbie Ross, der ihm in jeder Lebenslage hilft, immer wieder zurückstößt: „Du bist der Einzige, der noch zu mir hält, Robbie, aber du besitzt weder genügend Format, das mich beeindrucken, noch genügend Brutalität, die mich erregen könnte.“
Der Fall Oscar Wilde weist über den speziellen Fall hinaus auf bis heute interessante Fragen. Wilde besteht darauf, dass die Kunst eigene Gesetze hat, sein Roman sei eine fiktionale Geschichte, die nicht an Normalitätsvorstellungen der Gesellschaft zu messen sei. Gerichtsprozesse, die in jüngerer Zeit in Deutschland stattgefunden haben, zeigen, dass der Status von Aussagen in fiktionalen Texten bis heute nicht abschließend geklärt ist. Aktuell ist auch Wildes aufklärerische Aufforderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen: „Alles ist förderlich, was das Denken anregt.“ Und Skandale wirken vor allem deshalb ansteckend, weil sie Gefühle, aber nicht das selbstständige Denken anregen.
Stephen Alexanders Buch ist das, was der Klappentext verspricht: eine packende Romanbiografie, die, das sei hier ausdrücklich angemerkt, einmal nicht im modischen, oft aufdringlichen Präsens, sondern ganz traditionell im Präteritum erzählt ist.
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