Vom Versuch, eine Mitte zu finden
Mit „Stoische Gangarten“ zieht Helmut Lethen eine intellektuelle Bilanz
Von Günter Rinke
In unserer Zeit im Gleichgewicht zu bleiben, seine Mitte zu finden, fällt schwer. Das, was es schon immer gab, Krisen, Konflikte, Gewalt, tritt heute verschärft auf – oder scheint es nur so? Hinzu kommen persönliche Krisen wie Krankheiten, die man mit zunehmendem Alter zu bewältigen hat. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen, dessen Buch Verhaltenslehren der Kälte (1994) zum Klassiker geworden ist, der aber in Fachkreisen vor allem mit Publikationen zur Neuen Sachlichkeit auch vorher längst eine Autorität war, sucht auf zwei Wegen nach einer Überlebensstrategie. Zum einen, indem er prägende Lektüren heranzieht und nach Gründen für ihre fortwirkende Kraft fragt, zum anderen durch autobiographische Rückblenden, die allerdings eng mit Lektüreerlebnissen verbunden sind. Sein neues Buch verbindet also persönliche Erfahrungen mit durch Bücher und Bilder vermittelten Erkenntnissen.
Lethen verkündet einen „Abschied von den Verhaltenslehren“, aber allzu wörtlich sollte man das nicht nehmen. Denn wenn er auch in diesem neuen Buch einige Lehrsätze aus Baltasar Graciáns Handorakel von 1647 zitiert, das einer der Referenztexte für die Verhaltenslehren war, kann man beim Lesen nur zustimmend nicken: Ja, richtig, das ist eine Möglichkeit, in schwierigen Zeiten mental zu überleben. Gleiches gilt für den zweiten Referenztext, Helmuth Plessners Grenzen der Gemeinschaft aus dem Jahr 1924. Würden die in diesem Buch beschriebenen Spielregeln eines distanzierten, zivilen Umgangs miteinander in unserer Zeit beherzigt, gäbe es weniger Schmähungen, Beleidigungen bis hin zu Drohungen, wie sie heute allenthalben beklagt werden. Allerdings kannte Plessner noch nicht die durch fehlende Filter, Kontrollverlust und Anonymität charakterisierten sozialen Medien, die zu emotionalen Eruptionen und Rücksichtslosigkeiten aller Art verleiten. Als älterer Herr bezieht sich Lethen aber mehr auf traditionelle Medien wie Bücher, Fotografie, Filme und Fernsehen, abgesehen von einer ernüchternden Erfahrung mit ChatGPT.
In Lethens langem Leben kam es zu einigen Wendungen, die heute überraschend anmuten mögen, vielleicht aber auch konsequent erscheinen. Ging er 1959 als Freiwilliger zur Bundeswehr, wo er es zum Leutnant der Reserve brachte, so gehörte er zehn Jahre später als „Kader“ einer maoistischen Organisation an – einer von vielen, die sich nur durch ihre merkwürdigen Kürzel unterschieden und Zeitungen wie den Arbeiterkampf herausgaben. Eine mögliche Kontinuität zwischen beiden Erfahrungswelten deutet Lethen an. Bei der Bundeswehr lernte er Bergarbeiter kennen, die anders auf die dortigen Lebensumstände reagierten als die Abiturienten: „Vielleicht stammt meine Idealisierung der ‚Proletarier‘ später als Kader einer maoistischen Partei von dieser Erfahrung mit den jungen Bergarbeitern.“
Die Abwendung vieler Politaktivisten vom linksradikalen Milieu endete mit einer Wendung nach innen, die in der Literatur die „neue Subjektivität“ hervorbrachte, im wirklichen Leben Selbsterfahrungsgruppen und verschiedene Therapieansätze, über die wiederum Bücher geschrieben wurden. Lethen nennt als Beispiel das Buch Erfahrungshunger (1980) von Michael Rutschky, das schon in seinem Titel den „Kult der Betroffenheit“ auf einen Begriff bringt. Gracián, Plessner und die aus ihren Schriften abgeleiteten Verhaltenslehren taugen tatsächlich als Gegenentwurf zu diesen Strömungen der siebziger Jahre, wobei zu bedenken ist, dass Lethen mit den Verhaltenslehren kein aktualisierendes, sondern ein historisches Buch geschrieben hat. Es bezieht sich auf die Nachkriegsjahre nach dem Ersten Weltkrieg und verwendet neben den genannten ein Konzept, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist: David Riesmans auf die USA bezogene Studie Die einsame Masse (zuerst 1950), was Lethen für seine stoischen Gangarten offenbar nicht mehr als relevant erachtet. Die darin ausgebreitete Typenlehre, insbesondere der dort beschriebene „Radartyp“, könnte aber in unserem Zeitalter der ‚Influencer‘ und ihrer ‚Follower‘ durchaus wieder interessant sein.
Sehr wichtig ist dem Autor ein Satz aus Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod, der zu einem Leitmotiv seines Buchs wird. Der Journalist Mercier, eher eine Randfigur im Stück, hält den Dantonisten, die nun selbst im Gefängnis sitzen und auf ihre Hinrichtung warten, vor: „Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.“ Natürlich waren es nicht die Phrasen, die sich 1792 in den sogenannten Septembermorden materialisierten, aber sie vernebelten die Sinne derer und vieler anderer, die solche Morde begingen. In der aufgeregten Zeit der Studentenbewegung, steckten die Phrasen in den „ungeheuren linken Textmassen der sechziger und siebziger Jahre“. Heute fragt sich Lethen, wie er und andere Intellektuelle (Gerd Koenen, Götz Aly) Maoisten sein konnten, die nicht wissen wollten, was im China der Kulturrevolution vor sich ging. Auf das heutige Deutschland übertragen, lautet Lethens Frage, wie die Parolen von der „Zeitenwende“ und notwendiger „Wehrhaftigkeit“, von der dieses Land lange weit entfernt war, „bei den Körpern der Achtzehn- bis Sechsundzwanzigjährigen“ ankommen.
Diese Frage spart sich Lethen unter der Überschrift „Einsamkeit und Rheinmetall“ für das letzte Kapitel seines Buches auf. Vorher klopft er verschiedene Autoren daraufhin ab, inwiefern sich aus ihren Texten Lehren für „stoische Gangarten“ gewinnen lassen. Nicht nur die politische Lage, sondern auch die eigene Lebenssituation animiert ihn zu dieser Suche: das Erlebnis Intensivstation, der er glücklich entkommen konnte, und der Tod guter Freunde, durch den ihm wichtige Gesprächspartner verloren gingen. Mit dem 2008 verstorbenen Historiker Heinz Dieter Kittsteiner stritt Lethen über die soldatischen Texte von Ernst Jünger, die ihn bis heute teils faszinieren, teils abstoßen und die sein Freund damals vehement ablehnte. Ist es Stoizismus, der es Jünger ermöglichte, nicht nur den Krieg scheinbar gelassen zu überstehen, sondern ungerührt über das zu schreiben, was er täglich beobachtete? Oder ist es nur ein Habitus, den er sich zulegte, um sein narzisstisches Ich zu streicheln? Um der Antwort auf die Frage näherzukommen, liest Lethen Jüngers Kriegstagebuch sehr genau, entdeckt Disparates, Unerwartetes (sogar „aufblitzende Antikriegsreflexionen“) und ist plötzlich wieder ganz bei sich als Literaturwissenschaftler, der Texte einordnet, interpretiert und daraus Schlüsse zieht.
Vielleicht ist auch das eine „stoische Gangart“, sich in sein Arbeitszimmer oder in die Bibliothek zurückzuziehen und die Literatur zu erforschen. Die für Lethen wichtige Begegnung mit Nietzsche fand allerdings auf einer Urlaubsreise in freier Natur statt: in der Tarnschlucht in Südfrankreich, am Flussufer, wo er die Aphorismensammlung Morgenröte las und vor allem von den Aphorismen über den Schmerz und über die Liebe fasziniert war. Der Schmerz mobilisiert Kraftreserven oder motiviert, wie es bei Nietzsche heißt, zur „Dislokation der Kraftmengen“, und die Liebe ermöglicht ein Glück zu zweit, wenn wir nicht der Illusion der Einheit erliegen, sondern die Zweiheit anerkennen. Hier kommt der Autor auf seinen offenbar besonders geschätzten Roman Lehrjahre des Herzens von Flaubert zurück, mit dem er sein Buch eröffnet hat. Das Liebesverhältnis zwischen dem Protagonisten Frédéric und der verheirateten Madame Arnoux erfüllt sich nicht im landläufigen Sinn und überdauert doch den Roman, der als Geschichte des Scheiterns gelesen werden kann – aber auch als Modell einer stoischen Lebensführung, wie Lethen es tut.
Man kann sein Buch als Leseliste nehmen und wird reich belohnt werden, denn Lethens Übersicht über seine Lektüren ist anregend und unterhaltsam zugleich. Anregend, weil die Lust geweckt wird, dieses oder jenes Buch selbst zu lesen oder wieder zu lesen, unterhaltsam, weil der Autor es versteht, die Begegnungen mit Büchern wie Geschichten zu erzählen, die Spannungsbögen und „Kipppunkte“ haben. Selbst die Lektüre von Kants Kritik der Urteilskraft kann da zu einem Erlebnis werden. Allerdings gelingen nach der real erlebten Operation am Kopf die „Gleichgewichtsübungen mit dicken Romanen“ nur so halb. Einen Versuch war es jedenfalls wert.
In Anlehnung an frühere Forschungen widmet sich der Kulturwissenschaftler Lethen noch einmal der Fotografie der zwanziger Jahre, insbesondere dem Porträtfotografen August Sander, von dessen Schaffen ausgewählte Beispiele gezeigt und interpretiert werden. Faszinierend ist der Versuch, „den im Foto als ‚Fakt‘ eingefrorenen Zeitfluss aufzutauen und das ‚Gewoge‘ in einer Erzählung wieder aufleben zu lassen“. Man sieht drei Bauern im Sonntagsstaat mit Spazierstöcken, den Fotografen herausfordernd bis gelangweilt anblickend – unterwegs wohin? Das kann man erzählen. Dagegen vermittelt das Fehlen von auch nur angedeuteter Bewegung auf dem Foto eines Arbeitslosen von 1928 an einer menschenleeren Straßenecke den Eindruck purer Aussichtslosigkeit. Es folgt ein Abschnitt über die „knipsenden Landser“ an den Fronten im Zweiten Weltkrieg.
Damit ist das letzte Kapitel vorbereitet: der auf Militärisches fokussierte Überblick eines in der Nachkriegszeit Aufgewachsenen über die Jahrzehnte seit 1945. Er endet vorläufig damit, dass den individualistischen Deutschen („Einsamkeit“) ein neues Gemeinschaftsgefühl („Wehrhaftigkeit“) abverlangt wird. Dass Lethen mit dieser Situation nur schwer zurechtkommt, ist verständlich. Der „ewig gesunde Sound des Kapitals“, der aus den Reden des Konzernchefs von Rheinmetall anklingt, bereitet ihm Unbehagen. Die Notwendigkeit, „die Aggression des Stalin-Verehrers Putin mit seiner Sehnsucht nach den erweiterten Grenzen der Sowjetunion“ abzuwehren, kann er ebenso wenig zurückweisen wie die Gründe, die für einen „strukturellen Pazifismus“ sprechen. So ergibt sich am Schluss der Suche nach stoischen Gangarten eine „Handlungslähmung“, für die symbolisch der von der nahegelegenen U-Bahn-Station herübergewehte Satz steht: „Steigen Sie nicht mehr ein!“
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