Heinrich Bosse über Lebensverhältnisse in Livland des 18. Jahrhunderts und die Anfänge des Dichters Jacob Lenz
Mit Recherchen zum Pfarrhaus und zur Schule in Dorpat unter russischer Herrschaft
Von Rüdiger Scholz
Zu berichten ist über eine außergewöhnlich kenntnisreiche sozialgeschichtliche Darstellung der Geschichte Dorpats und Livlands an der Leitlinie der Kinder- und Jugendzeit von Jacob Lenz von der Geburt bis zu seiner Abreise ins Studium nach Königsberg 1768.
Das Buch von Heinrich Bosse hat zwei miteinander verwobene Teile: Der kurze Abriss der gesamten Biographie am Beginn von 22 Seiten und die publizistischen Anfänge von Lenz – 110 Seiten – sind der eine Teil, der andere – 152 Seiten – stellt die Lebensverhältnisse in Dorpat dar, die dank intensiver Archivarbeit mit großer Detailgenauigkeit ausgebreitet werden. Die Stärke des Buches liegt auch in der Heranziehung von entlegener historischer Forschungsliteratur. Bosse fügt die Quellen und die gedruckt vorliegenden Detailerkenntnisse zur Geschichte des Baltikums zu einem Gesamtbild von bemerkenswerter Dichte zusammen, das darüber hinausgreift auf die Sozialgeschichte des Bildungswesens in ganz Deutschland.
Das Verfahren besteht in einer in sechs Kapitel gegliederten Erzählung der Geschichte der Stadt Dorpat aus dem Blickwinkel des Pfarrhauses des Vaters Cristian David Lenz. Themen sind dessen pastoral-soziales Netz, Hausvater und Pastor, Kirche (Pietismus) und Schulsystem. In diese Erzählung sind Exkurse in Kleindruck eingefügt: die bäuerlichen Besitz- und Eigentumsverhältnisse in Livland, die Geschichte der Universität Dorpat, Christian David Lenz‘ Abschied von Dorpat, das Katechisieren, Lateinunterricht, Religion und Dichtung, Predigtnachschriften und deren Publizierung, die sog. Gegenwartsliteratur. Die Pfarrer in den Dörfern waren nicht nur Seelsorger, sondern auch Bauern.
Diese gedrängten Sachinformationen, vorbildlich z. B. über die Leibeigenschaft in Livland, die verwickelte Glaubensverhältnisse im damals russischen Dorpat zwischen Pietismus und Luthertum, über den Konfirmandenunterricht oder die Praxis der Beichte im Protestantismus, sind detailgenau; sie greifen auch über Dorpat hinaus auf deutsche und europäische Sozialverhältnisse in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wozu Bosse vor allem Karl Philipp Moritz‘ autobiographischen Roman Anton Reiser erschließt.
Von den ersten Publikationen von Jacob widmet Bosse der Schulrede von 1765, dem Gedicht Der Versöhnungstod Jesu Christi und dem Drama Der verwundete Bräutigam je ein eigenes Kapitel.
Im Anhang sind vier Quellentexte abgedruckt: Christian Davids Verteidigungsschrift gegen die Anklagen gegen ihn vom Mai 1768, sein Brief an den Schulrektor über guten Unterricht von1763, Jacobs Schulrede von 1765 und das Urteil gegen den Diener Wieck wegen dessen Mordanschlag auf seinen Herrn, da dieser Fall Grundlage für Lenz‘ erstes Drama war.
Bosse, der in Riga geboren wurde, beschäftigt sich als Lokalpatriot seit Jahren mit der Biographie von Jacob Lenz und ist ein ausgezeichneter Kenner vor allem des livländischen Umfeldes. Bosse nutzte die seit 1991 wieder zugänglichen baltischen Nationalarchive. Daraus resultiert vor allem ein genaueres Bild über den Vater Christian David Lenz; der gesamte Pfarrhaushalt mit allen namentlich genannten Bediensteten wird minutiös aufgelistet. Erzählt wird das Leben im Umfeld der beiden Pastoren in Dorpat – Vater Lenz für die deutschen Christen, der deutsche Theodor Oldekop für die estnischen. Die Querelen von Pastoren und Schullehrern werden nach den Quellen breit ausgeführt und ergeben ein anschauliches Bild akademischer Karrieren in der Zeit vor der Verstaatlichung des Schulwesens.
Bosse schildet die ständische Gliederung der Gesellschaft in die deutsche Oberschicht als Adel und der akademisch Gebildeten auf der einen, der estnischen Bauern auf der anderen Seite. Die Ausführungen zur Hauszucht mit Prügelstrafen, zu Ehre und Unehre der Geschlagenen, sind aufschlussreich für die hierarchische Gesellschaftsstruktur und die Machtverhältnisse zwischen den Ständen; auch den Prügelstrafen in der Schule widmet Bosse einen Abschnitt. Das System der Gevatterschaft, mit dem die finanziellen Lasten der Aufzucht der Kinder auf mehrere Schultern verteilt wurden, offenbart die sozialen Bindungen. Kontakte waren besonders für angehende Akademiker wichtig: „Vor der Erfindung des Abiturs um 1800 funktionierte der Arbeitsmarkt für Akademiker ausschließlich über Empfehlungen.“
Bosses Darstellung des Schulwesens in der Mischung aus Strukturen und Agieren der Lehrer von der Alimentierung bis zu den maroden Schulbauten und Wohnhäusern begründet einen neuen Forschungsstand.
Einen wesentlichen Beitrag zur Anschaulichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse leisten die Recherchen zu Biographien leitender Akteure in Dorpat: neben den bekannten Autoren Friedrich Konrad Gadebusch und August Wilhelm Hupel auch weniger bekannte wie die von Johann Benjamin Sczibalski, Pastor einer Nachbargemeinde, deren Familienverhältnisse mit den Lebensdaten weiterer Personen erschlossen wird, des Diakons Jacob Andreas Reichenberg, etwa auch die der Familie des adeligen Obristen von Albedyll, dessen jüngster Tochter Jacob Lenz später einen Heiratsantrag machte, der adeligen Familien von Liphart und von Berg.
Sehr verdienstvoll sind Bosses Angaben zu den „Frauen des gelehrten Standes“. Aber nicht nur „Literati“ werden genannt wie Friedrich Müller, der Leiter der Mädchenschule, oder Tobias Plaschnik, der Schulreformator, der Konrektor Paul Balthasar Krieger, auch Bürger wie der Goldschmied Christian Friedrich Hannemann oder der Kaufmann Johann Gottfried Brosse. Diese zahlreichen Familienbiographien ergeben ein sehr anschauliches Bild der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse.
Bosse korrigiert hier bisherige Ansichten. So zeigt er zum Beispiel, dass der Einfluss von Konrad Gadebusch auf Jacob Lenz weit geringer war als bisher angenommen.
Das Tagebuch des Vaters
Bei Jacob Lenz geht Bosse auch auf die psychischen Beziehungen ein. Die Ehe der Eltern kann man kaum als glücklich bezeichnen. Beide flüchteten in die Krankheit, um sich als Leidende darzustellen, die von ihrer Umgebung Rücksicht verlangen. Von der ständigen Kränklichkeit zeugt schon das bigotte Tagebuch des Vaters von 1741, das Christian Soboth transkribiert, aber immer noch nicht ediert hat. Dort notiert Christian David Lenz: „Ich war auch dem Leibe nach sehr elend und matt und hatte es in allen Gliedern, insonderheit auch Kopfschmerzen.“ (30. Juli 1741) „Bey Tische im Gebeht war mir wieder der Heiland sehr nahe und stärkte mich durch sein Blut. Ich speiste dismal das Abend=Essen unten. Meine Kopfschmerzen nahmen zu und ich war recht elend.“ (6. August)
Leider hat Bosse das Tagebuch nicht herangezogen. Es ist ein einzigartiges Dokument zur Psyche des Vates als Dreißigjährigem, also vor seiner Karriere als Pfarrer, Probst und Superintendent. Die Blutmetaphorik, die das Tagebuch durchzieht, ist sehr befremdlich. Ein charakteristisches Zitat: „Bey der Schwärze meines Blutes war mir die Sündlichkeit aller meiner Bluts=Tropfen auch lebendig. Doch er hat mich geliebet und gewaschen von Sünden mit seinem Blute.“ (2. August) Das Wort „Blut“ findet sich 262 mal, in engem Zusammenhang mit „Lamm“ (170 mal) und „Wunden“ (200 mal) „Viel viel mal seufzte ich nach einander: Nur ein Plätzchen, nur ein Plätzchen Herr Jesu, in deinen Wunden. Mein Herz wurde recht erfürchtig darunter.“ (2. August)
Jacob war dem verstärkten Druck des Vaters ausgesetzt, da dieser seinen begabtesten Sohn als Vorzeigesohn erzog. Jacob hat ein Gegengewicht gegen den Druck des Vaters gefunden. Der bessere Ersatzvater wurde für ihn Pfarrer Theodor Oldkop, der die dichterischen Anfänge von Jacob förderte und dem Bosse einen längeren Abschnitt widmet.
Eine Glanzleistung ist Bosses Interpretation von Jacobs Schulrede, deren Themen und Rhetorik Bosse minutiös in den Zusammenhang der zeitgenössischen theologischen Diskussion und Literaturpraxis stellt.
Das letzte Kapitel widmet sich biographischen Problemen über die letzten anderthalb Jahre (1767/68), die Jacob Lenz in Dorpat verbrachte. „So wie die Beziehung zu Hupel, so bleibt auch vieles andere in der Schwebe. […] Nach den aktenkundigen Schulbegebenheiten, nach den zu interpretierenden Texten seiner Frühwerke öffnet sich zuletzt ein weites Feld der Anhaltspunkte und Vermutungen.“ „Warum fehlte er [Jacob] beim feierlichen Schulabschied? Warum verbrachte er vier Monate bei seinem Bruder in Tarwast? Warum ging er nicht schon früher zum Studium nach Königsberg? Gab es einen großen Familienabschied oder gibt es nur ein Gedicht darüber?“ „Warum bleibt Jacob Lenz für ein ganzes Vierteljahr dem Vaterhaus und der Schule fern?“
Mit solchen offenen Fragen verweist Bosse auf notwendige weitere Forschungen und schließt sein Buch.
Offene Wünsche
Am Ende der Kurzbiographie fehlt leider der Grabspruch, den sein Freund Karamzin für Lenz formuliert hat: „Pokojsja milyj prach, do radostnogo utra!“ – Ruhe sanft, lieber Erdenstaub, bis zum freudigen Morgen!
In Bosses ausgezeichnetem biographischen Abriss zu Beginn seines Buches fehlt Lenz‘ politischer Kampf. Er war nicht einfach nur so ein enfant terrible, sondern ein Kämpfer gegen die Adelsherrschaft. Bertolt Brecht hat das gesehen und deshalb das Hofmeister-Drama neu bearbeitet. Zum Zerwürfnis mit Goethe in Weimar kam es vor allem deswegen, weil Lenz den Sturm und Drang nicht nur als literarische Protestbewegung verstand, sondern auch als politische. Seine Provokationen am Weimarer Hof wie sein Tanz im roten Kostüm mit einer Adeligen auf einem Maskenball waren Nadelstiche gegen den Fürstenhof. Lenz war von Goethes Anpassung an den Adel in Weimar enttäuscht. Seine Annäherung an Charlotte von Stein hatte auch zum Hintergrund, dass Lenz in ihr eine Oppositionelle vermutete. Lenz hat seinen Kampf gegen absolutistische Herrschaft auch in Moskau fortgesetzt.
Bosse führt den ultimativen Rauswurf von Lenz aus Weimar Ende November 1776 auf Lenz‘ Nachrede zurück, Goethe habe ein Verhältnis mit Anna Amalia gehabt. Darin hat Bosse meines Erachtens Unrecht. Diese Unterstellung hätte nicht zum Eklat geführt, da die Herzoginmutter ledig war und sich jeden frei zum Liebhaber wählen konnte. Der Wirklichkeit näher kommt K. R. Eissler, der darauf hinwies und belegte, dass Goethe die Herzogin Louise bedauerte und Partei für sie ergriff, weil ihr Ehemann sie durch sein sexuell ausschweifendes Leben demütigte. Lenz hat dann hoföffentlich behauptet, Goethe sei in Louise verliebt, was sicher der Fall war. Das war der Eklat, denn die Veröffentlichung dieser zutreffenden Beobachtung gefährdete Goethes Stellung am Weimarer Hof.
Bosses Buch hat ein Personenregister, aber es fehlt leider das Verzeichnis der Quellen und der Forschungsliteratur. Bei einem so detailreichen, quellengestützten historischen Werk ist das unverzeihlich. Der Überblick über die Quellen schon hätte Einblicke in die Struktur der baltischen Gesellschaft, ihren Verkehrsformen und ihrer Publizistik verschafft. Um einen Überblick allein über Bosses neun zitierte eigene Aufsätze zu Lenz und weitere vierzehn zur Sozialgeschichte zu gewinnen, muss man auf die Webseite von Bosse gehen. Es hätte sich angeboten, das Literaturverzeichnis zu teilen in die Publikationen zur Sozialgeschichte von Livland und in die Literatur zu Jacob Lenz.
Bei einem so teuren Buch ist das Versäumnis auch dem Verlagslektorat anzulasten. Ein Fehler des Verlages sind auch die oft zu blassen Abbildungen am Beginn eines neuen Kapitels. Und man vermisst ein Schlusskapitel, das den neuen Stand der Erkenntnisse im Überblick anspricht.
Trotz solcher kritischer Anmerkungen bleibt bestehen, dass Bosse eine ausgezeichnete Sozialgeschichte des Baltikums, über die Familie Lenz, ihre soziale Umgebung und über die dichterischen Anfänge von Jacob vorgelegt hat, deren Lektüre durch die anschauliche Präzision der Lebensverhältnisse Vergnügen bereitet.
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