Raus an die Luft!
Norbert Göttler präsentiert in „Malerluft und Malerlust“ Künstlerorte in Oberbayern
Von Klaus Hübner
Das jüngste Buch des bewundernswert produktiven Schriftstellers, Fernsehregisseurs und ehemaligen Kreis- wie Bezirksheimatpflegers Norbert Göttler bietet manch Bekanntes und viel Unbekanntes. Es geht um „Künstlerorte in Oberbayern“. Natürlich hat man schon gehört von der Dachauer Malerkolonie, von den letzten Jahren des Lovis Corinth am Walchensee, von Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werefkin in Schwabing und Murnau oder von Franz Marc in Sindelsdorf und Kochel – nicht zuletzt durch das Studium von Norbert Göttlers rororo-Monografie Der Blaue Reiter (2008). Göttlers neues Buch jedoch geht weit darüber hinaus, und über die höchlich anregende Fülle an Detailinformationen kann man nur staunen. Kenntnisreich und souverän verbindet der Autor globale, regionale und lokale Kunstgeschichte und macht dem Lesepublikum nachvollziehbar deutlich: „Frauenwörth, Tegernsee, Walchensee, Holzhausen, Dachau und Murnau, das waren die topografischen Etappen auf dem Weg in die Moderne.“
Ganz auf Oberbayern konzentriert schildert Göttler den Aufbruch und den Siegeszug der Freiluftmalerei im 19. und 20. Jahrhundert, also den mühsamen, oft überraschenden und für Kunstliebhaber (m/w/d) erfreulich vielgestaltigen Weg fort von historistischer Akademiemalerei und engem Atelierleben hin zu einem naturverbundenen und selbstbestimmten Malen voller Licht, Spiegelungen und Farben. In den meisten Kunstgeschichten der Moderne beginnt dieser Weg mit den berühmten Malern, die sich im kleinen Dorf Barbizon im Wald von Fontainebleau zusammengefunden hatten. Malerluft und Malerlust setzt den Beginn der „plein air“-Malerei hingegen früher an: vor allem bei William Turner, John Constable und Philipp Otto Runge, aber eben auch schon in Oberbayern. Johann Georg von Dillis malte bereits im Jahr 1800 das Schloss Allmannshausen am Starnberger See und blieb der Region verbunden, ähnlich wie Lorenzo Quaglio der Jüngere; Peter von Hess arbeitete am Chiemsee, Joseph Stieler am Tegernsee, und Carl Rottmann entdeckte die landschaftlichen Schönheiten von Brannenburg und Berchtesgaden. 1836 lebten schon 26 Maler auf der von Maximilian Haushofer für die Kunst entdeckten Chiemseeinsel Frauenwörth. Wenig später folgten weitere, schon damals ziemlich renommierte Kollegen wie Eduard Schleich der Ältere, Adolf Lier oder Christian Ernst Bernhard Morgenstern. „Man verstand sich als verschworene, alternative Gemeinschaft in Ablehnung der von Cornelius beherrschten Münchner Akademie.“ Schriftsteller wie Felix Dahn und Victor von Scheffel verbrachten viele Sommermonate auf dem heute meist „Fraueninsel“ genannten Eiland, auf dem laut Norbert Göttler die „Mutter aller Künstlerkolonien“ entstanden war. Samt den ihrerzeit meist so genannten „Malweibern“, den in anderen Darstellungen oft zu kurz gekommenen zahlreichen Malerinnen, nicht nur auf Frauenwörth, widmet der Autor seine besondere Aufmerksamkeit.
Rund um den Chiemsee siedelten sich, eigentlich bis heute, immer mehr Künstlerinnen und Künstler an, und der Autor kennt sie alle. Das Tegernseer Tal hat der Hofmaler Wilhelm von Kobell schon in der Biedermeierzeit für die Kunst erschlossen, und Jahrzehnte später wurde es zum Refugium für die Herrschaften vom Simplicissimus, allen voran Ludwig Thoma und Olaf Gulbransson. Der Malerlust am Starnberger See widmet Göttler ebenso ein Kapitel wie der Malerluft am Ammersee oder Partenkirchens „Englischer Kolonie“ und dem Elmauer Tal. Auch Polling bei Weilheim und Landsberg am Lech werden gewürdigt, und manche Münchnerin erfährt hier vielleicht zum ersten Mal, nach wem der Herkomerplatz in Bogenhausen benannt ist. Kennen Sie den in Gauting wirkenden Leo Putz? Oder die Künstler der „Colonie Gern“? Ganz in seinem Revier ist der bei Dachau lebende Autor in den lehrreichen und unterhaltsamen Kapiteln über die berühmte Künstlerkolonie Dachau, das Künstlerdorf Etzenhausen, die Ateliers von Schleißheim oder das „akademische Leben“ nach 1945 in Haimhausen an der Amper.
Die privaten Malschulen von Bernhard Buttersack und Max Bergmann sowie die akademische Tätigkeit Adolf Schinnerers waren es gewesen, die Haimhausen in das Bewusstsein der künstlerischen Öffentlichkeit gerückt hatten.
Und wenn er über das dortige „Café Madame“ schreibt, kann sich Norbert Göttler sogar auf persönliche Erinnerungen beziehen.
In diesem nicht nur für Kunsthistoriker gedachten Buch versammelt sich also ungemein viel Neues und Ungewöhnliches. Über den Text hinaus fasziniert es durch seine bestechenden und klug ausgewählten Abbildungen, Reproduktionen und Fotos – und die erst machen aus Malerluft und Malerlust ein perfektes Geschenkbuch, nicht nur für Ober- und andere Bayern. Hier darf und muss auch der Verlag mal gelobt werden: großartig! Oder, wie man in Bayern gern sagt: Da fehlt sich fei nix!
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