Zwischen Panzer-Torte und Feuersturm

Arno Franks Roman „Ginsterburg“ verwebt die Schicksale von Kleinstadtcharakteren während der NS-Zeit und zeigt, wie sich das Böse in den Alltag einschleicht

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Zirkus, der in eine Kleinstadt kommt, ein Junge, der seine Mutter ins Zelt der Wahrsagerin schleppt: Der Anfang von Arno Franks neuem Roman erinnert an Ray Bradburys Gruselklassiker Das Böse kommt auf leisen Sohlen von 1962, in dem ein Jahrmarkt den Bewohnern einer Stadt die Lebenszeit stiehlt. Nur dass sich das Böse in Ginsterburg längst eingenistet hat. Denn das fiktive titelgebende Provinznest erweckt nur auf den ersten Blick den „Eindruck verschlafener Freundlichkeit“.

Deshalb sind es 1935, dem Handlungsjahr des ersten Romanteils, auch nicht wie bei Bradbury die Einwohner, die sich vorsehen müssen, sondern die Schausteller selbst. Wie die Wahrsagerin Zola, die beim letzten Mal dem Blumenhändler Otto Gürckel noch eine glänzende Zukunft vorausgesagt hatte. Jetzt, wenige Jahre später, ist in Ginsterburg der Blumenschmuck so allgegenwärtig wie die Hakenkreuzfahnen und Otto als NSDAP-Kreisleiter lachender Profiteur der neuen Verhältnisse.

Arno Frank, Jahrgang 1971, ist vor allem als Journalist und Kritiker tätig. Nach Achtungserfolgen mit Romanen über seine Kindheit mit einem kriminellen Vater und über ein Freibad und seine Besucher wagt Frank nun als Schriftsteller den großen Wurf: mit einem ambitionierten, genau recherchierten Roman über den Alltag im Nationalsozialismus. Ginsterburg ist multiperspektivisch angelegt, und allein wie souverän hier die Lebensläufe von über einem Dutzend glaubwürdiger Figuren miteinander verflochten werden, ist bemerkenswert. Deren Schicksale verfolgt Arno Frank im Fünfjahrestakt: Der zweite Romanteil spielt 1940, als man auch im kleinen Ginsterburg vom nahen Sieg träumt. Im dritten Teil dann, 1945, nehmen englische Bomber die Stadt ins Visier und entfachen einen Feuersturm, der der Stadt ein gleichsam alttestamentarisches Ende beschert.

Ginsterburg ist eine Stadt der Mitläufer und Karrieristen. So etwas wie Identifikationsfiguren gibt es nicht, was der Lektüre aber überraschenderweise nicht schadet; das verbindet Franks Roman etwa mit Florian Göttlers Romantrilogie „Dachau 1933–1945“. Ein ums andere Mal offenbart die Froschperspektive der „Volksgenossen“, dass man im Zweifel doch lieber den Weg des geringsten Widerstands geht. Gerade die, die sich als Sympathieträger anbieten würden, erweisen sich als Enttäuschung. Für die Buchhändlerin Merle etwa, Witwe eines Kommunisten, ist die Davidsternschmiererei an ihrem Schaufenster kaum mehr als ein Fall von „falsch adressiert“; ansonsten flüchtet sie sich in eine Affäre und in die Überzeugung, dass ihr Sohn Lothar bei der Hitler-Jugend nur „Leibesübungen“ lernen würde. Der gewissenhafte, anständige Junge wiederum kann zu Romanbeginn nicht mal einen Fisch töten; fünf Jahre später erhält Lothar als Fliegerass das Ritterkreuz.

Und dann ist da noch Eugen, Merles verheirateter Liebhaber, die wohl interessanteste, jedenfalls ambivalenteste Figur des Romans: ein wackerer Zeitungsredakteur, der in den Weimarer Jahren noch den Kontakt zur linken „Weltbühne“ Carl von Ossietzkys gesucht hat und auch 1935 zunächst nur über „Kulturelles“ schreiben will. Das Angebot, die Leitung des „Ginsterburger Anzeigers“ zu übernehmen, ist aber einfach zu verführerisch; bald schon schreibt er Leitartikel, die selbst in Goebbels’ Propagandaministerium Beifall finden.

Franks historischer Roman ist souverän geschrieben; seine stilistische Bandbreite reicht vom inneren Monolog einer Fünfjährigen bis zum auktorial erzählten Wetterbericht nach dem Muster von Robert Musils Mann ohne Eigenschaften. Mehr noch als von seiner Sprache lebt Ginsterburg aber von starken Szenen, die auch nach der Lektüre noch lange nachhallen: wie die vom Bäcker stolz präsentierte Torte in Panzerform mit drehbarem Geschützturm. Oder der Moment, als Eugens dementer Vater, Ginsterburgs Nationalheld der Kaiserzeit, sich ausgerechnet auf seiner Geburtstagsfeier nur noch an die Sinnlosigkeit all der erlebten Gräuel erinnern kann.

Und der Holocaust? Die wenigen jüdischen Mitbürger der Kleinstadt haben fast alle rechtzeitig das Weite gesucht; in den Köpfen von Franks empathiebefreitem Romanpersonal sind sie für wenig mehr als abfällige Gedanken gut, etwa wenn das Töchterlein am erfolgreich arisierten Klavier sitzt:

nicht mehr am alten Bechstein, am Steinway, dessen schwarzschimmernde Gediegenheit den Raum mit ihrem Wohlklang flutete, weshalb Ursel sich auch entschieden hatte, das Instrument zu behalten, wenn die Frau Landauer es bei ihrer Flucht schon nicht hatte mitnehmen wollen nach Paris oder London oder wohin auch immer die Brut sich verkrochen hatte.-

Werden im Deutschunterricht eigentlich noch 400-Seiten-Romane gelesen? Falls ja, würde man Arno Franks Ginsterburg gerade in unseren Tagen die Wahl zur Schullektüre sehr wünschen.

Titelbild

Arno Frank: Ginsterburg.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025.
432 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783608966480

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