Am Schluss sind wir alle zahnlose Tiger
Humorvoll, aber eben nicht todernst beschreibt der Lyriker Florian Günther in “Einmal für umsonst” das Leben
Von Michael Eschmann
Was macht das Leben aus uns letztendlich? Diese Frage beantwortet der Berliner Lyriker Florian Günther (* 1963 Berlin-Friedrichshain) in seinem gerade erschienenen Buch Einmal für umsonst. Das Gedicht „Ein zahnloser Tiger“ ist eine gute Einführung in diese spezielle Form von Lyrik, die sich durch manchmal sehr kurze und knappe, originelle, freche, humorvolle, aber eben auch gerade nachdenkliche Texte auszeichnet. Im Vordergrund steht keine bewusst schön formulierte Sprache, sondern eine klare Aussage. Und Lyrik wird hier nicht durch verschnörkelte Metaphern präsentiert, sondern durch einen realistischen Erzählstil („Neue Sachlichkeit“), der fernab von jeglicher Poesie auf harten Pflastersteinen der Großstadt in einer Umgangssprache geboren wurde.
Ein zahnloser Tiger
Jeden Morgen ißt er
einen Apfel, schluckt seine
Pillen, sitzt auf
dem Hometrainer und
fängt so langsam an, sich vor
dem Tod zu fürchten.
Er ist fast 60 und
wird allmählich das, was seine
Mutter sich von ihm
erträumte:
Ein Typ, der
keinem Scherereien macht.
Nett, leise, politisch
neutral, allseits
beliebt, und so friedlich
wie ein weißes Blatt
Papier.
Und alles wird somit auch zum Thema in diesem Buch und darüber hinaus zu einem Prüfstein des täglichen Überlebens. So auch das Alleinsein, das sich zur Einsamkeit steigert und irgendwann dann letztendlich doch akzeptiert wird.
Es kommt darauf an
Es ist so:
Wenn ich die ganze
Nacht – oder wenigstens die
halbe – gevögelt
habe, bin ich so erledigt, dass ich das
Schreiben tags darauf
vergessen kann.
Ich weiß nicht,
woran das
liegt. Es ist einfach so.
Und es hat mir
schon jede Menge Ärger
eingebracht.
Denn oft heißt es:
Was ist dir nun
wichtiger,
deine doofen
Gedichte, oder ich?
Aber das
Problem ist:
Die Gedichte
bleiben, während sie mir
früher oder später
den Laufpaß
geben wird, also
wie soll man
sich da entscheiden?
Neulich war eine
hier, die ein benutztes
Kaugummi
von der Straße
aufgehoben und es
sich in den Mund
gesteckt hat. Sie kaute
eine Weile darauf
herum, hielt es mir schließlich
unter die Nase und sagte:
Schmeckt gut!
Willste auch ma
probieren?
Die hats mir leicht gemacht.
In letzter Zeit wird viel diskutiert, ob man erkennen kann, ob ein Gedicht mit KI geschrieben wurde oder nicht. Das eben genannte Gedicht ist ein gelungenes Beispiel für menschliche Kreativität und Originalität (Szenen: Kaugummi auf der Straße, Kaugummi unter die Nase halten et cetera) kurz auch gute Kunst, was keine KI bisher schafft. Auch der lakonische Schlusssatz:
„Die hats mir leicht gemacht“ würde keine Maschine der Welt so schreiben.
Und gerade der Autor als aufmerksamer und kritischer Beobachter bemerkt die Veränderungen der Zeit. Auch an sich selbst:
Auf die Menge kommts nicht an
Jeden Tag beim
Schreiben
fällt mir auf, daß sich
mein Wortschatz
immer mehr verringert.
Es braucht einfach
nicht viel, um sich verständlich
auszudrücken.
Goethe zum Beispiel hatte
einen Wortschatz
von 30.000 Wörtern.
Aber der Gemüsehändler
am Ende der
Straße braucht auch nicht
mehr als ich.
Und seine Kiwis,
Avocados,
Gurken und Tomaten
gehen weg wie
nix.
Florian Günther ist auch Herausgeber der Literaturzeitschrift DreckSack. Im Untertitel trägt sie den Titel „Lesbare Zeitschrift für Literatur“ und erscheint in Berlin. Und überhaupt spielt die Stadt Berlin in der Lyrik von Florian Günther immer wieder eine zentrale Rolle. Sie ist nicht nur Thema in vielen Gedichten, sie ist auch Wohnort des Schriftstellers, der schon zu DDR-Zeiten als Drucker (und später auch als Fotograf) dort arbeitete und lebte. Keine der Figuren aus den Gedichten könnte irgendwo anders leben. Keiner käme auf die Idee wegzuziehen. So bleibt die Sprache, das Berlinerische – gerade in diesem Buch – eine Art Glasur der lyrischen Texte.
Aber was vielleicht am wichtigsten ist, die Millionenstadt Berlin ist der ambivalente Ort für eine Art von „Anziehung-Ablehnung“ geworden, die in den Texten deutlich spürbar ist. „Ablehnung“ auf die vielen Probleme und Ungerechtigkeiten, die sich hier täglich immer wieder erneut zeigen und politisch ungelöst bleiben. Und „Anziehung“ insofern, als der Großstadt-Moloch auch immer wieder Menschen hervorbringt, die feiern, kämpfen, lieben und streiten und in ihrem Kiez eine Herzlichkeit behalten haben, die in dem vorliegenden Band gekonnt porträtiert wird.
Das berühmte Zitat von Albert Camus: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“ passt genau hierher.
Mein letzter Wunsch
Wenn du in Richtung
Alexanderplatz
blickst, ist das Krankenhaus
rechts und
der Friedhof links.
In dem Krankenhaus
wurde ich
geboren, und auf dem
Friedhof wird man mich verbuddeln.
Auf meinem
Grabstein soll stehen:
Er hat ein
Leben lang gebraucht,
die Straße
zu überqueren.
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