Lebensreisen – Reiseleben

Mit Monika Pan-Stadler auf einer Weltfahrt eigener Art

Von Günter HelmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Helmes

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wem der Sinn nach gefälliger, Mainstreamthemen oder saisonale Aktualitäten in bekömmlicher Form verhandelnder Unterhaltungslektüre steht, der dürfte an dem vorliegenden, mehrere Erzählungen bzw. „Bruch | Stücke“ (Untertitel) zu einem Sinn-Ganzen vereinenden Werk keinen Gefallen finden. Wen es hingegen zur Literatur im engeren, für manche recht eigentlichen Sinne und damit neben ästhetischem Vergnügen auch zur intensiven gedanklichen Auseinandersetzung zieht, dem könnte die Lektüre des ein ums andere Mal Italien feiernden Buches eine willkommene Bereicherung sein. Dies deshalb, weil es, anspruchsvoll komponiert und raum-zeitlich vielgestaltig, über weite Strecken mit einem gediegen-prunklosen Stil, existentiell-zeitenthobenen Themen, welthaltigen Erfahrungen und Perspektiven und mit einem immensen, ein ums andere Mal in blankes Erstaunen versetzenden Bildungswissen aufwartet.

Dieses Bildungswissen, u.a. geographischer, literarischer, philosophischer, mythologischer, filmischer, politisch-geschichtlicher und generell kulturgeschichtlicher Natur, ist als solches zum einen erzähllogisch grundsätzlich gerechtfertigt, verdankt sich zum anderen aber möglicherweise auch Konversations- und Lektürepraktiken des gefeierten Italien. So oder so, hat es jedenfalls mit Huberei nichts zu tun. Das lässt sich u.a. daran erkennen, dass es für die Protagonistinnen des Buches – es handelt sich ausschließlich um Frauen – essentiell ist, das eigene Leben, die eigenen Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle im Zusammenhang mit eigenen Lektüren zu beschreiben und zu reflektieren. Mit eigenen Lektüren: Allein die Anzahl aufgerufener mythologischer, literarischer und philosophischer Texte bzw. Autorinnen und Autoren aus aller Herren Länder dürfte leicht dreistellig sein, von anderem, dem Bildungswissens Zugeordnetem und dessen ausladender Darlegung ganz zu schweigen.

Doch droht das Bildungswissen insgesamt zuweilen zu ermüden, ja zu erschlagen. Zumal es, wenn es beispielsweise um Orte, Zitate, Titel oder Verfasser von Büchern geht, häufig nur in angedeuteter oder mittelbarer Form angesprochen wird, so, als verstehe es sich von selbst, dass man weiß, wovon die Rede ist. Das zwingt den ob all seiner Bildungslücken schnell auch einmal heimlich beschämten Leser zum gelegentlich nicht unaufwändigen Recherchieren, will er sich keine Details, Anspielungen, Bezüge, Bedeutungen, Kontexte und dergleichen mehr entgehen lassen. Dosierter und unverschlüsselt eingespeist, hätte das Bildungswissen gewiss allein jene von Übersättigungs- und Überforderungsgefühlen freie, dafür auf allerlei Gewinn hinauslaufende Wirkung erzielt, die, so darf man annehmen, auch angestrebt wurde.

Das Buch untergliedert sich in die fünf thematisch und personell miteinander verwobenen, zwischen zweieinhalb und gut einhundert Seiten langen und mehrheitlich weiter untergliederten Erzählungen „Maya oder die Wiederkehr“, „Ein Vulkan auf der Terrasse“, „Mittelmeer“, „Vom Baum des Lebens“ und „Wer weiß, ob dies ein Unglück ist“. Die sind der Verlagswerbung nach wohl über mehrere Jahre entstanden. In ihnen allen, die in der ersten Hälfte unseres Jahrzehnts spielen, in denen aber erinnernd mal mehr mal weniger auch um Jahrzehnte zurückgegangen wird, steht nichts Geringeres als das seit Jahrtausenden immer wieder neu gelebte und zu lebende Leben selbst in all seinen gleißend-irreleitenden Oberflächen und seinen undurchsichtig-wahrhaftigen Tiefen im Brennpunkt. Das Leben, das immer wieder nicht nur vollzogen, sondern auch bestimmt sein will. Von Jeder und Jedem. Bestimmt sein im Sinne von betrachtet, befragt, entworfen und dergestalt von durchschaut und angenommen werden.

Es geht in den fünf Erzählungen von daher also beispielsweise um Geburt und Tod, Aufblühen und Reifen, Werden, Sein und Vergehen, Erscheinung und Wesen, Ankunft und Aufbruch, Wandel und Wiederkehr, Erinnern und Erwarten, Verzagen und Hoffen, Heimat und Entwurzelung, Individualität und Archetyp, Generationenzugehörigkeit und Generationenabfolge, Müssen und Wollen, Ja und Nein sagen, „Vereinzelung“ und „Ortlosigkeit“ und selbstverständlich auch um Liebe und Paarbeziehungen. Dabei versteht es sich, dass die so buchhalterisch zu komplementären oder antonymischen Pärchen aufgelisteten einzelnen Lebensbestimmungen auch in einer Vielzahl anderer Kombinationen auftreten können und im Buch auch tatsächlich auftreten.

Indem vom Leben als solchem die Rede ist, ist auch, was läge näher, vom Reisen die Rede. Dies allerdings nicht nur in metaphorischer Form, sondern auch in des Wortes Hauptbedeutung. Es dürfte nicht viele literarische Texte zumindest jüngeren Datums geben – solche beispielsweise von Christoph Ransmayr und Brita Steinwendtner kommen in den Sinn –, in denen so extensiv und intensiv gereist wird wie in Ein Nagel vom Rand der Welt. Dabei wird Seen, Meeren, Landschaften und Gebirgen, wird Teilen Mittel- und Südamerikas, der Schweiz und Österreichs und vor allem des Mittelmeerraums besondere Aufmerksamkeit zuteil. Diese Teile – ungezählte Häuser, Straßen und Plätze, Ortschaften, Städtchen, Städte und Metropolen, ungezählte Beete, Bäume, Gärten und Fluren – werden wie die Seen, Meere, Landschaften und Gebirge so zur Anschauung, ja zum atmosphärischen Mitempfinden gebracht, dass in ihnen auch die Herzen und Seelen der Reisenden aufscheinen.

Aber mehr noch: Indem die Autorin nicht in der Gegenwart und den Blicken auf diese verharrt, sondern ein ums andere Mal (Kultur)Geschichtliches aus vielen Jahrhunderten von lokaler, regionaler oder überregionaler Bedeutung zur Sprache bringt, gelingt es ihr quasi in geschichtsphilosophischer, u.a. um Linearität, Zyklizität und Koinzidenz von Gegensätzen kreisender Manier, Gegenwart und Vergangenheit miteinander ‚ins Gespräch‘ zu bringen. In ein Gespräch, in dem u.a. die als auf allen Ebenen als Konstellation verstandene Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit auf das an ihr Wesentliche, das heißt das an ihr Besondere wie Archetypische hin befragt wird.

Wie gesagt, sind die fünf Erzählungen aber nicht nur auf thematischer, sondern auch auf personeller Ebene miteinander verwoben. Hier entsteht spätestens bei der Re-Lektüre der bestimmte Eindruck, dass Ein Nagel vom Rand der Welt trotz einer im Fortgang näher in den Blick gerückten ganzen Anzahl von Figuren im Kern doch nur von einer einzigen Figur bzw. Person erzählt. Diese, wie jeder Mensch ein Zugleich von Manifestation und Potentialität, von erwählten oder aufgezwungenen Realisierungen und von nicht optierten oder nicht gewährten Möglichkeiten dieser oder jener Art, scheint – Stichworte: Metamorphosen, Reinkarnation – je nach Lebensalter und Lebensabschnitt in verschiedenen ‚Gewändern‘ aufzutreten. Auch in solchen – Stichwort: ‚schlummerndes‘ Alter ego –, die sie in ihrem tatsächlich geführten Leben nicht bekleidet haben, aber hätten bekleiden können. In diesem Zusammenhang ist einerseits hervorzuheben, dass in allen Erzählungen mittel- oder unmittelbar der Demeter-Kore Mythos, die Kultur der Maya und insbesondere die mythologische ‚Schleier-Figur‘ Maya der Vedanta-Philosophie eine zentrale Rolle spielen. Andererseits ist darauf hinzuweisen, dass es ein Blick in die Biographie der Autorin nahelegt – diese hat u.a. über die in den Erzählungen immer wieder angesprochene Ingeborg Bachmann promoviert und die ebenfalls thematisierten Schriftstellerinnen und Malerinnen Paula Otte-Landertinger und Helena Adler zur Großmutter bzw. Schwägerin –, in der in Figuren aufgefächerten einen Figur bzw. Person im Grundbestand die Autorin selbst zu sehen.

Maya: Bei der Kurzerzählung „Maya oder die Wiederkehr“ handelt es sich um eine Art programmatische Ouvertüre. Diese enthält die bemerkenswerten, quasi als Leseanleitung zu verstehenden Sätze: „Nicht die einzelne Erscheinung kehrt wieder, wohl aber die Choreographie des Ganzen, Gegensätze schließen sich nicht aus, sondern fallen ineinander“ und „Spät und durch Brüche deckt das Leben sein rückseitiges Webmuster auf.“ Die Aufgabe dieser Ouvertüre besteht zum einen darin, eine ganze Anzahl jener Figuren namentlich einzuführen oder als existent anzudeuten, die im Fortgang von Bedeutung sein werden: eine derzeit an Krücken laufende, in ihren 60ern stehende Maya, eine Lena und deren Mann, eine Nora, deren Kind und Enkelkind, eine „Archivarsfreundin“, eine Schriftstellerin Lea, eine Mala und deren Tochter. Zum anderen wird, die Lesemotivation befördernd, im Wechsel durch die Erzählinstanz und durch die sich bei „Herbsteinbruch“ erinnernde Maya knapp und teils kryptisch auf Vergangenes angespielt. Das kommt dann in den sich anschließenden vier Erzählungen ausführlich zur Sprache. Zwei dieser vier Erzählungen – es hätten auch die beiden anderen sein können, hätte die abschließende fünfte, die über weite Strecken eminent dichte, fingierte Literatur der Figur Lea anbietet, auch aus artistischen Gründen vielleicht sein müssen – seien nachfolgend kurz angesprochen.

Der in 15 nummerierte Abschnitte unterteilten zweiten Erzählung „Ein Vulkan auf der Terrasse“ sind wie auch den nachfolgenden Erzählungen Motti aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturen vorangestellt, hier von Marcela Serrano, Karl Kerényi und Chandra L. Candiani (weiterhin kommen nachfolgend Günter Eich, Hans Carossa, Georges Moustaki, Ingeborg Bachmann und Han Kang zu Wort). In mehrfachem Wechsel – es entstehen dergestalt zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an unterschiedlichen Orten spielende, unterschiedlichste Zeiträume und Länder bzw. Kulturen thematisierende Erzählungen innerhalb der Erzählung „Ein Vulkan …“ – werden die allein schon klanglich miteinander verbundenen Figuren Mala, Alba und Alma in den Mittelpunkt gerückt. Dabei handelt es sich bei Alma um die in der einleitenden Kurzerzählung namentlich noch nicht genannte Tochter Malas als einer Variante von „Wiederkehr“ und bei Alba möglicherweise um ein von ihr selbst de facto nicht realisiertes Teil-Ich Malas.

Zusammenfassen lässt sich die in mehrfacher, auch kultur- und landesgeschichtlicher Hinsicht um die „Schwelle des Alters“ kreisende Erzählung wohl kaum. Dafür wird u.a. zu viel Geschichtliches aus 1500 Jahren (u.a. „die Spanier in der Neuen Welt, die Türken in Byzanz, die Germanen in Rom“) sowie Literarisches (neben bereits Genannten u.a. Vittorio Alfieri, Enrique Álvaro, Carlos Castaneda, Heimito von Doderer, T.S. Eliot, Daniel Kehlmann, Wolfgang Koeppen, Thomas Mann, Martha Murphy, Cesare Pavese, Plutarch), Musikalisches (u.a. Beethoven, Bruckner, Mahler), Filmisches (u.a. Margreth Olin) und Spirituelles (u.a. Hinduismus und Buddhismus) mehr oder minder ausführlich angesprochen. Einen Schlüssel zum Verständnis findet man aber, wenn man sein Augenmerk auf das Stichwort „Maya“ richtet, geht es doch immer wieder um deren Kultur als dem von abendländischen Kulturen Geschiedenen, aber auch um eine „rätselhafte Maya-Frau“, der Mala schicksalhaft begegnet. Dass dieses Stichwort u.a. auch eine Brücke zur Kurzerzählung am Buchbeginn schlägt, versteht sich von selbst.

Die vierte, ebenfalls mit viel Literarischem (u.a. Paolo Cognetti, Dante, Natalia Ginzburg, Goethe, Alfred Kubin, Melania Mazzucco, Petrarca, Annemarie Schwarzenbach, Mario Rigoni Stern, Henry David Thoreau) aufwartende, in 12 nummerierte Abschnitte unterteilte und auf Hermann Hesses Gedicht „Vergänglichkeit“ anspielende Erzählung „Vom Baum des Lebens“ handelt von der 61jährigen Schriftstellerin und ehemaligen Italienischlehrerin Lena, einer Österreicherin. Sie, die sich nach intensiven Jahrzehnten „Herumschlittern“ zwischen Deutschland, Italien, Polen und der Schweiz nach einem kontemplativen Leben sehnt, ist wie ihre ‚Schwestern‘ Maya und Mala am Bein verletzt. Sie verweist dem Lebenslauf nach auf die Autorin.

Des Näheren handelt die Erzählung von Lenas Eintritt in einen „neuen Lebensabschnitt“, der danach verlangt, sich „winterfest“ zu machen, gilt es doch u.a. via „Meditationen über die Vergänglichkeit“ – so könnte der Untertitel des Buches auch lauten – „[d]as Ende zu bestehen“. Sie handelt aber auch von Lenas seit jeher problematischen, an Absurdität grenzenden Ehe mit dem italienischen klassischen Philologen Robert, von ihrem Verhältnis – Stichwort ein weiteres Mal: „Wiederkehr“ – zu den Töchtern und zum Enkelkind, von Begegnungen Lenas mit Kollegen und zeitweiligen Weggefährten, davon, dass Lena nach „Abheben und Durchstarten“ zumute ist. In diesem Zusammenhang geht es u.a. auch um kulturelle Identität und Interkulturalität, den (schriftstellerischen) Gebrauch von Mutter- und Fremdsprache, (Arbeits)Migration, Schul- und Lernkulturen in Italien und Deutschland, Mutterschaft, die „Ernüchterung in der Heimat“, die auf die „Ernüchterung in der Fremde“ folgt, sowie um Liebe zur Natur im Unterschied zu „Naturnostalgie“.

Titelbild

Monika Pan-Stadler: Ein Nagel vom Rand der Welt. Bruch | Stücke.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
256 Seiten , 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783826092282

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