Überleben in der Intensivstation des Erwachsenwerdens
In „Schlupfwinkel“ erzählt der Münchener Autor Friedrich Ani mehr als nur die Geschichte seiner Eltern
Von Dietmar Jacobsen
Fantasien über eine fremde Heimat hat Friedrich Ani sein neues Buch überschrieben. Auf wenig mehr als hundert Seiten erzählt er darin nicht nur die Geschichte seiner Eltern, sondern auch die eigene Kindheit und Jugend. Kochel am See, ein 4.000-Seelen-Ort 60 Kilometer südlich der bayerischen Landeshauptstadt, der in Anis Erinnerungen verfremdet als „Lechok“ auftaucht, bildet den geographischen Hintergrund jener Jahre. 1959 kam der spätere Schriftsteller hier als erstes und einziges Kind einer gegen Kriegsende zusammen mit ihrer Familie aus Schlesien ins Voralpenland gekommenen Mutter und eines syrischen Vaters zur Welt, der gemeinsam mit anderen, „vornehmlich aus Afrika und dem Nahen Osten“ stammenden Studenten das Goethe-Institut im Ort besuchte.
„Zwei Fremde zeugten in der Fremde einen Einheimischen“, heißt es ebenso lakonisch wie leitmotivisch gleich an mehreren Stellen des Textes. Jener „Einheimische“ erzählt in den Teilen 1 und 3 des schmalen Büchleins aus der Ich-Perspektive von sich, der biographische Bruch zwischen Kindheit und Jugend wird in Teil 2 durch einen Perspektivbruch deutlich gemacht. Es übernimmt plötzlich ein personaler Erzähler und schaut aus der Distanz auf den jetzt Georg genannten jungen Mann, der sich von Seinesgleichen deutlich unterscheidet. Denn obwohl er sich früh als Fußball- wie Handballtorwart sportliche Anerkennung unter seinen Schulkameraden erwirbt und gleichzeitig als „Fantasierer“ in der Welt der Buchstaben und Wörter sich eine zweite Wirklichkeit zu erschaffen beginnt – später kommen erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht dazu –, ist Georgs Zugehörigkeitsgefühl zu der Welt, in der er aufwächst, doch eher fragil.
Zunächst findet das Kind einzig in dem Großvater festen Halt. Denn während der Junge seine Eltern hauptsächlich als Schweigende erlebt – „Er schwieg. Ich schwieg. Sie schwieg. Das Bett schwieg. Das Haus schwieg. Das Dorf schwieg.“ –, ist es der Vater seiner Mutter, zu dem er sich vor allem hingezogen fühlt. Dessen freundliche Wärme genießt er, sie holt ihn aus der Tristesse und bildet einen positiven Gegenpol zu der eher kalten Elternwelt. Nur zu verständlich, dass der Tod des alten Mannes einen entscheidenden Einschnitt in seinem Leben markiert, auch wenn Georg sich sicher ist, dass der Großvater sein Leben lang an seiner Seite bleiben wird. „Am Tag von Großvaters Tod wurde mir ein Randplatz zugewiesen, und ich zettelte keinen Aufstand an“, heißt es diesbezüglich.
In dieser Formulierung schwingt weitaus mehr mit als die schlichte Tatsache, dass man in der Familie versuchte, den Tod und alles, was damit in Zusammenhang stand, so weit wie möglich von dem Kind fernzuhalten. Während er die frühen Tage seiner Kindheit noch einmal heraufbeschwört, hält der Autor das Gefühl fest, sich nicht energisch genug gegen die ihm von außen aufgebürdete Rolle desjenigen gewehrt zu haben, der pariert und nicht widerspricht, nicht aufbegehrt zu haben gegen das Schweigen, das ihm in der Erinnerung vorkommen will „wie ein Gift […], das täglich in höherer Dosis in meine Ohren geträufelt wurde“.
Diese Gefühle enden, als das Ich des ersten Erzählungsteils die Volksschule und damit zugleich den Ort seiner Herkunft verlässt, das Gymnasium bezieht und im Text fortan Georg genannt wird. Von diesem Zeitpunkt an dominiert nicht nur die Außenperspektive, sondern, begünstigt durch den distanzierten Blick eines personalen Erzählers, auch eine wesentlich kritischere Sicht auf das Leben des Heranwachsenden. Er fungiert nun als „Fachmann für sagenhaften Selbstbetrug“, der sich hinter seine „Firewall aus Papier“ zurückzieht, wenn ihm die Welt mitsamt ihren Problemen zu nahe kommt. Das Gefühl, nicht zu den anderen, mit denen er sein Leben auf dem Gymnasium teilt, zu gehören, von Anfang an in jeder Hinsicht ein Außenseiter zu sein, treibt Georg in die Welt der Buchstaben und Wörter. Beim Dichten schöpft er „neuen Atem“. Und es gelingt ihm, in den Augen der anderen jemand zu sein: „Einer, der zu niemandem gehören wollte, präsentierte sich als Alleinunterhalter mit selbstverfassten Versen und Geschichten.“
Aber auch mit seinen ersten kleinen Erfolgen als werdender Schriftsteller vor seinen Schulkameradinnen und -kameraden funktioniert die Loslösung von der Vergangenheit nicht so leicht wie gedacht. Zu sehr fesseln ihn noch die in seinem Elternhaus und von den religiösen Autoritäten des Ortes erlernten Verhaltensmuster – Schweigen, Erdulden, Hinnehmen, Widerspruch vermeiden, sich zur Not mit einer Lüge aus problematischen Situationen befreien – an seine Herkunft: „Was er in der Kindheit gelernt hatte, wandte er in der Jugend eifrig an. Er parierte, wann immer es erforderlich war.“
Obwohl er die Freiheit, vor den anderen zu stehen und mit seinen Sätzen für Distanz zwischen sich und der Meute zu sorgen, so ihrer als fatal empfundenen Umzingelung zu entkommen, genießt, zweifelt er lange am Nutzen seines Schreibens. Das Leben auf der „Intensivstation“ des Elternhauses, die fehlenden Umarmungen und Ermutigungen durch Vater wie Mutter, der Zwang, alles Problematische in sich zu verschließen, ohne es dadurch wirklich lösen zu können, wirken nach. Und weder erste Liebeserlebnisse noch die Georgs Meinung nach zur Dichterexistenz unbedingt dazugehörenden Drogen- und Alkoholexzesse sind dazu angetan, die ständige innere Unruhe zu besänftigen, die ihn nach Antworten suchen lässt auf Fragen, die er sich selbst nicht beantworten kann.
Liest man Friedrich Anis Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend – in seinen letzten Kapiteln schlägt das Buch dann einen Bogen bis in die Gegenwart des Schriftstellers –, die Eltern und die Großeltern, das Lesen, das zum Schreiben führte, und dieses wiederum mit der Zeit zu Erfolg und Bekanntheit, fühlt man sich an mehr als einer Stelle an die Figuren seiner Romane erinnert. Auch sie sind in der Regel große Schweiger und Einsame, die ihren Kummer in sich verschließen. Es sind Menschen, die verloren gehen, an ihrer Umwelt und sich selbst verzweifeln und unablässig nach einem „Schlupfwinkel“ im Abseits suchen. Nur haben diese Figuren jemanden, der sie, geleitet von der eigenen Einsamkeit, aufspürt – einen wie Tabor Süden beispielsweise, der sich seit 1998 in bisher mehr als 20 Romanen Anis‘ als Ermittler für ein Münchner Kriminaldezernat und später als Privatdetektiv auf die Spur von Vermissten begibt.
Den Epilog des kleinen Erinnerungsbändchens hat Ani in Gedichtform verfasst. Neben Romanen, Hörspielen, Theaterstücken und Drehbüchern gehören auch Gedichte von Beginn an zu seinen bevorzugten literarischen Äußerungsformen. Sieben Lyrikbände hat er seit 1981 veröffentlicht. Zuletzt erschien bei Suhrkamp 2025 Die Raben von Ninive, Balladen in der Tradition von Bertolt Brecht und Wolf Biermann, in denen der Autor den Blick auf die Welt immer wieder mit dem Blick auf sich selbst verschränkt und damit verdeutlicht, dass Öffentliches und Privates für ihn eine untrennbare Einheit bilden. Als „leidig ledigen Sohn“ sieht er sich nun in seinem lyrischen Epilog, der sich hauptsächlich an die Mutter richtet und mit den Zeilen „Kein Groll/ mehr, auf der Haut/ der Zeit kein/ Grind, vorbei der/ Zorn vorbei“ mit der nicht immer glücklichen Vergangenheit abschließt, als „einer aus dem/ Morgenland für// dich und sich und/ mich und uns die/ Zeit ersann“. Ein versöhnlicher Blick auf das Gewesene drückt sich darin aus, kein Jubel, kein Überschwang, sondern schlussendlich die Annahme des Lebens, wie es war. Oder, um es noch einmal mit einem der vielen, verschwenderisch über die Seiten des lesenswerten Buches verteilten schönen Sätze Friedrich Anis zu sagen: „Aus einer zufälligen Begegnung entstand meine Existenz, und wir hausten eine Weile in der Obhut des ziemlich gnädigen Schicksals, und mehr bedarf’s doch nicht.“
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