Wer belieferte die KZ-Mannschaften mit Rheinhessenwein?

Eine Enkelin steigt in die Abgründe ihrer Familiengeschichte

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Um zu verdeutlichen, warum dieses Buch besondere Aufmerksamkeit verdient, sei vorab dessen Autorin vorgestellt.

Vor dem Blättern in den Fotoalben

Christina Strunck, Jahrgang 1970, ist eine renommierte deutsche Kunsthistorikerin und Professorin für Kunstgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie hat Kunstgeschichte, Literatur- und Theaterwissenschaft studiert und international geforscht, u. a. in Rom, Paris und Los Angeles. Ihre Promotion über die Galleria Colonna in Rom wurde 2002 mit der Otto-Hahn-Medaille ausgezeichnet. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten konzentrieren sich vor allem auf die Bild- und Architekturgeschichte der Frühen Neuzeit. Dazu gehören kulturelle Transferprozesse zwischen Italien, Frankreich und Großbritannien, Bildpolitik und Repräsentation von Herrschenden und Hofkünstlerinnen, Galeriebauten, historische Ausstellungskonzepte und museale Vermittlungsformen. Sie war zudem in zahlreichen internationalen Forschungsnetzwerken und Projekten aktiv und initiierte u. a. Projekte im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit“.

Strunck hat eine breite Palette kunsthistorischer Studien vorgelegt, so einen grundlegenden Sammelband, der Methoden und Fragestellungen zur Analyse von Kunstwerken im Raum behandelt, einschließlich theoretischer Grundlagen und konkreter Fallstudien (Bild-Raum-Wissenschaft. Studies on Spatially Embedded Art, 2024), eine umfassende Untersuchung nationaler Identitätsbildung durch Museums- und Galeriearchitektur im 19. Jahrhundert (Spaces for Shaping the Nation, 2024, mit Marina Beck) und eine vielbeachtete kunsthistorische Untersuchung zur Position von Frauen als Künstlerinnen und ihre Strategien am Hof (Hofkünstlerinnen. Weibliche Karrierestrategien an den Höfen der Frühen Neuzeit, 2019) Methodisch kombiniert Strunck klassische kunsthistorische Analyse mit kultur- und architekturtheoretischen Ansätzen. Ein besonderes Merkmal ihrer Forschung ist die Integration von Raum- und Bildanalyse: Sie geht über traditionelle Werk-für-Werk-Beschreibungen hinaus und zeigt, wie Kunstwerke im Kontext von Raum, Politik und sozialen Strukturen wirken. Ein weiteres zentrales Thema ihrer bisherigen wissenschaftlichen Forschung ist die Bedeutung von Darstellungsstrategien für Macht und Identität, – sei es in höfischen Galerien, Palästen oder in der Institution Museum. Diese Fragen macht sie fruchtbar für aktuelle Debatten über die Rollen von Mussen, kulturelle Erinnerung und Ausstellungspraxis.

Mit diesen skizzenartigen Anmerkungen soll angedeutet werden, dass Christina Strunck zu den profiliertesten Kunsthistorikerinnen im deutschsprachigen Raum zählt. Ihre Arbeiten verbinden tiefgehende historische Forschung mit methodischer Innovation, – besonders im Bereich der Bild-Raum-Analyse, Ausstellungsgeschichte und kultureller Transferprozesse. Dadurch leistet sie bedeutende Beiträge zur Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit und zur theoretischen Reflexion über die Rolle von Kunst und Raum in politischen und sozialen Kontexten.

Diese konsequente und erfolgreiche Wissenschaftskarriere der renommierten Kunsthistorikerin scheint so gar nicht zu dem Buch zu passen, das hier vorgestellt werden soll. Wie kam es dazu?

Nach dem Blättern in den Fotoalben und den Spruchkammerakten

„Ende 2021 stieß ich zufällig auf Nora Krugs Bildepos Heimat. Ich bestellte das Buch als Weihnachtsgeschenk an mich selbst und las es in zwei Tagen, fasziniert von der Bildsprache, die Krug für ihre Erzählung gefunden hat. Vor allem aber elektrisierte mich ein Begriff: ‚Spruchkammerakten‘.“

Mit diesen Sätzen führt Christina Strunck ihre Leserschaft sehr plastisch in die Geschichte ihres allmählichen Hineinsteigens in ihre Familiengeschichte. Herausgekommen ist eine ungewöhnliche, tiefgehende Familien- und Gesellschaftsgeschichte, die in geradezu tagebuchartiger Manier die Leserschaft mitnimmt, kleine Cliffhanger nicht vermeidend: „Wie ein Abgrund, in den ich mich sehenden Auges stürze.“ Ausgehend von der eigenen Familienbiografie erforscht sie, wie der deutsche Mittelstand – exemplarisch vertreten durch die Zement- und Weinbetriebe ihrer Vorfahren im rheinhessischen Sprendlingen – im „Dritten Reich“ aufstieg, davon profitierte und sich zunehmend und sehr aktiv in das NS-Unrechtsregime einpasste. Herausgekommen ist eine mikrohistorische Fallstudie, die individuelle Familienbiografie mit strukturellen Entwicklungen der deutschen Gesellschaft in den Jahren 1933 bis 1945 verbindet. Im Zentrum steht die Frage, wie Angehörige des bürgerlichen Mittelstands von den politischen und wirtschaftlichen Bedingungen des NS-Regimes profitierten und welche Formen von Anpassung, Opportunismus und moralischer Ambivalenz dabei sichtbar werden.

Dabei formuliert Strunck keine moralische Anklage, sondern eine analytisch reflektierte Rekonstruktion. Durch die Verbindung von akribischer archivalischer Recherche, persönlicher Perspektive und historischer Kontextualisierung wird gezeigt, wie soziale Mobilität im Nationalsozialismus möglich war und welche langfristigen Folgen diese Verflechtungen für Erinnerungskultur und Selbstverständnis nachfolgender Generationen haben. Darum ist dieses Buch sehr viel mehr als eine weitere auto- und familienbiographische Aufarbeitung der „Verstrickung“ der eigenen Vorfahren in das Unrechtssystem, sondern liefert einen überaus beeindruckenden Beitrag zur aktuellen Debatte über Verantwortung, Erinnerung und die Rolle des Bürgertums im Nationalsozialismus, indem es zeigt, wie individuelle Lebenswege in größere Macht- und Profitsysteme eingebettet waren. Und sich vorbehaltlos einbetteten.

Strunck nimmt ihre Leserschaft mit auf eine minutiöse Spurensuche in Archiven, Spruchkammerakten und privaten Dokumenten. Dabei gelingt ihr nicht nur die Rekonstruktion eines Unternehmens, das z. B. am Bau des Westwalls beteiligt war, ein Zwangsarbeiterlager auf dem eigenen Gelände errichtete und mit KZ-Wachmannschaften Geschäfte machte, sondern auch ein Panorama der gesellschaftlichen Mechanismen, die solches Handeln möglich machten. Herausgekommen ist ein Gesellschaftsporträt der NS-Zeit am Beispiel einer Kleinstadt und einer „ganz normalen“ deutschen Familie. Gerade der sehr persönliche Zugang zur Geschichte ihrer Familie – bereichert durch eine Vielzahl von Fotografien und Dokumenten – hebt dieses Buch aus der bisher vorliegenden Literatur über das Erinnern und die „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit hervor. Durch die intensive Archivarbeit werden die Verdrängungs- und Schuldfragen ihrer eigenen Familie historisch fundiert nachgezeichnet und markieren unauffällig narrative wie methodische Lücken in der bisherigen Mittelstandsforschung zur NS-Zeit. Durch den lokalen Fokus auf Sprendlingen, heute eine Ortsgemeinde im Landkreis Mainz-Bingen, schafft die Autorin es, aus einer Mikrogeschichte zu einer Makroperspektive zu gelangen. Die Einzelschicksalsanalyse zeichnet ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Dynamiken jener Zeit nach.

Durch die Lektüre kann gerade dieses Buch zur Selbstbefragung seiner Leserschaft führen, wenn es um die Frage geht, wie gewöhnliche Menschen und Betriebe zu Tätern, Profiteuren oder Mittätern werden konnten. Die „dichte Beschreibung“ (Clifford Geertz) der vielschichtigen historischen Details, der Dokument-Analysen und Rekonstruktion der lokalen Bezüge macht das Buch zu einer anspruchsvollen Lektüre, die Konzentration verlangt. Die Aufsteiger ist ein bedeutendes Werk zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des deutschen Mittelstands und leistet einen wichtigen Beitrag zur historischen Erinnerungskultur. Es ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verbindung individueller Biografie und kollektivem Geschichtsverständnis.

Zudem erweitert die vorangegangene und parallel weiterlaufende kunsthistorische Forschung der Autorin den Blick ihrer Leserschaft um einen Aspekt, von dem gesagt werden muss, dass er bislang weitgehend unbeachtet geblieben ist. Bei ihrer Darstellung der Geschichte der Familie Strunck im System der Mechanismen gesellschaftlichen und kulturellen Aufstiegs stehen Akteure im Fokus, die es verstanden, auch durch strategische Selbstinszenierung, Kunstförderung und gezielte Netzwerkbildung ihren sozialen Status nachhaltig zu verbessern. Die Nachfahrin untersucht eindrucksvoll, wie eng Macht, Repräsentation und Kunst miteinander verknüpft waren. Sie zeigt, dass sozialer Aufstieg keineswegs allein auf wirtschaftlichem Erfolg beruhte, sondern wesentlich auch von symbolischem Kapital abhing: Architektur, Porträts und Kunstsammlungen wurden bewusst eingesetzt, um neue Rangansprüche sichtbar und legitim erscheinen zu lassen. Besonders überzeugend ist Struncks Bildanalyse: Kunst wird nicht als dekoratives Beiwerk verstanden, sondern als aktives Instrument gesellschaftlicher Positionierung. Insgesamt bietet Die Aufsteiger eine differenzierte und erkenntnisreiche Untersuchung darüber, wie nicht nur Geld sondern auch Kunst als Mittel sozialer Mobilität fungierte. Strunck macht deutlich, dass gesellschaftlicher Aufstieg nicht nur politisch oder ökonomisch erkämpft, sondern ebenso visuell konstruiert wurde. Allein die Passagen über die Inszenierung eines „pseudo-höfischen Ambientes“ im Haus der Großeltern, mit Sofaecke als „kirchlicher Altarbezirk“ (Martin Warnke) belegen, wie hilfreich es sein kann, Kunstgeschichte mit soziologischem Spürsinn zu kombinieren.

Familienbiographische Forschung ist gefährlich

„Die Recherchen für dieses Buch haben mich an den Rand eines Burnouts geführt. Die giftigen Texte begannen mich zu erodieren. Sie nagten Tag und Nacht an mir.“ Gegen Ende ihres Buch offenbart Christina Strunck, was das Schreiben ihres Buches mit ihr als Familienmitglied und als Wissenschaftlerin gemacht hat: „Die Arbeit an diesem Buch hat mich verändert. Sie brachte eine bleierne Niedergeschlagenheit über mich, warf unzählige Fragen auf, die sich immer weiter verzweigten und nicht nur die NS-Zeit, sondern auch meine eigene Geschichte betrafen.“

So möge dieses beeindruckende Buch gewissermaßen auch als literarischer „Beipackzettel“ dienen: Geschichte, vor allem Familiengeschichte kann nicht nur Ihr Weltbild aus den Angeln heben. Es kann auch Ihr bisheriges Selbstbild erschüttern. Kein Arzt oder Apotheker kann Sie davor schützen. Jedoch: Sie werden vielleicht immuner gegen Selbsttäuschung über Ihre Familie – und über sich selbst. So wie Christina Strunck:

Gerade weil die Parallelen zwischen dem Ende der Weimarer Republik und unserer Gegenwart ein beherrschendes Thema der letzten Jahre waren, verband sich mit meiner Forschungsarbeit die Hoffnung, etwas Sinnvolles zu dieser Debatte beitragen zu können: am Beispiel einer mittelständischen Unternehmerfamilie aufzuzeigen, warum sie eine rechtsextreme Politik unterstützte und welche Konsequenzen das hatte. Vermutlich gibt es in ganz Deutschland unzählige Familien wie die Struncks. Wenn sich einige ihrer Nachkommen dazu angeregt fühlen, sich nun intensiver mit ihrer jeweiligen Familien- und Unternehmensgeschichte zu befassen, wäre schon viel erreicht.

Titelbild

Christina Strunck: Die Aufsteiger. Deutscher Mittelstand unter Hitler: Eine Familiengeschichte.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
432 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783498007836

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