Mutter sein und Mutter bleiben
Die literarische Verarbeitung von Verlust und Mutterschaft in Pina Kührs „Ein Kind ist ein ganzes Leben“
Von Monique Angelique Schulz
Wie begegnet man dem Unbehagen der Umgebung, wenn man selbst kaum Worte für das Erlebte findet? „Cool! Du hast ein Kind! Wo ist es?“ Mathilda antwortet: „Es ist gestorben.“ Mit solchen und weiteren Situationen, die mit dem Verlust eines Kindes einhergehen, setzt sich die Autorin und Schauspielerin Pina Kühr in ihrem Debütroman Ein Kind ist ein ganzes Leben auseinander. Der Text ist kein autobiografischer Erfahrungsbericht, sondern eine literarisch gestaltete Erzählung, in der Kühr sprachliche und intertextuelle Mittel einsetzt, um inneres Erleben fassbar zu machen. Der Verlust eines Kindes ist ein Thema, das kaum zu verarbeiten ist und zugleich häufig tabuisiert wird. In einem Gespräch beim SWR erzählt die Autorin, sie habe sich, als sie selbst den Verlust ihres Kindes erlebte, einen Roman wie ihren gewünscht – ein Impuls, der sie zum Schreiben motivierte. Dass es nur wenige vergleichbare Erzählungen gibt und dass Kühr bei der Veröffentlichung auf Widerstände stieß, verweist auf eine anhaltende Reserviertheit gegenüber dem Thema. Einige Verlage waren nicht bereit, sich der realitätsnahen Geschichte anzunehmen; schließlich erschien die Erzählung im März Verlag.
Kühr porträtiert die Protagonistin Mathilda, die in Partnerschaft mit Jan ein Kind zur Welt bringt: Arthur. Arthur hat die unheilbare Krankheit Trisomie 18 und stirbt 34 Tage nach der Geburt. Danach verändert sich Mathildas Leben schlagartig. Der Roman setzt jedoch nicht bei der Geburt oder dem Tod des Kindes ein, sondern in der Erzählgegenwart danach. Diese zentralen Ereignisse werden zunächst ausgespart und erst im weiteren Verlauf in fragmentarischen Rückblenden aufgegriffen, wodurch sie als schmerzhafte Leerstelle präsent bleiben. Der Einstieg in die Geschichte erfolgt in einem scheinbar ruhigen Moment: Jan und Mathilda sind im Urlaub, als könnte das Meer all die Sorgen fortspülen.
Im Prolog des Romans, der die Leserschaft um ein Jahr in die Zukunft versetzt, wird eine Grundfrage aufgegriffen, die schwer wiegt und sich durch die gesamte Erzählung zieht. Die Hauptfigur Mathilda ist mit ihrem Vater auf der Loipe. Zunächst scheint alles so unbeschwert wie in einer warmen Erinnerung. Doch die Stimmung kippt in einem knappen Dialog, als der Vater äußert, Mathilda wäre eine gute Mutter gewesen. Hier öffnet sich ein zentrales Spannungsfeld: die Frage nämlich, ob Mathilda das denn jetzt – nach dem Tod ihres einzigen Kindes – nicht mehr ist. Dieses Spannungsfeld ist geprägt von der Verunsicherung einer zuvor selbstverständlichen Identität als Mutter, die durch den Verlust des Kindes radikal in Frage gestellt wird.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht weniger eine klassische Handlung als der Prozess, wie Mathilda den Verlust und den Tod Arthurs verarbeitet. Die Leser*innen begleiten Mathilda sowohl durch ihren Alltag als auch tief in ihre Innenwelt hinein. Erzählt aus Mathildas Ich-Perspektive, ermöglicht der Text eine emotionale Nähe zur Hauptfigur und eröffnet viel Raum für Empathie. Dadurch, dass der Roman autobiografisch grundiert ist, erzeugt er zudem eine Art Wirklichkeitseffekt, der ihm eine besondere Authentizität verleiht. Gerade darin liegt ein großes Potenzial: Besonders verwaiste Mütter könnten sich in Mathildas Gefühlslage wiederfinden und sich gesehen fühlen.
Nach Arthurs Tod ist Mathildas Leben aus dem Gleichgewicht: Ihre Tage sind strukturlos, ihre Stimmung depressiv, und sie tastet sich nur langsam zurück ins Leben. Der Verlust kostet sie unendlich viel Kraft und das Leben wird für sie zu einer scheinbar untragbaren Last. Mathildas Gefühlslage ist dunkel, und Gedanken an den Tod treten immer wieder hervor. Im Verlauf des Romans kämpft sie sich langsam zurück. In ihrer Arbeit als Schauspielerin und im Schreiben verarbeitet sie den Verlust und begibt sich auf eine Reise, auf der sie sich neu kennenlernen muss – ein Weg voller Schmerz und Erkenntnis.
Mathildas Beziehungen sind fragil. Während sie und Jan den Verlust ihres Kindes Arthur auf unterschiedliche Weise verarbeiten, entfremden sie sich voneinander. Es entsteht eine Distanz, die schließlich zur Trennung führt. Als Mathilda durch einen One-Night-Stand mit ihrem Theaterkollegen Flinte schwanger wird, fasst sie erneut Hoffnung auf eine eigene Familie: Es sind Zwillinge. Mathilda kommt der Gedanke, das Schicksal habe etwas gutzumachen. Doch der frühe Verlust der Zwillinge lässt diese Hoffnung rasch dahinschwinden. Mathildas Beziehungen wirken wie zerbrechliche Gefäße, in die sie ihre Sehnsucht nach Nähe und Familie gießt. Das zeigt sich auch in der späteren Beziehung zu Fabian, die genau an dieser Sehnsucht zerbricht, denn Fabian will keine Familie.
Immer wieder lassen sich in der Erzählung literarische Elemente erkennen, die die inneren Erfahrungen der Protagonistin Mathilda spiegeln. Intertextualität ist im Buch schon dadurch präsent, dass Mathilda als Schauspielerin in verschiedene Rollen schlüpft. Entscheidend sind dabei jedoch nicht allein die Bezüge selbst, sondern die Art, wie sich Mathildas eigenes Erleben in einer Wechselwirkung mit den gespielten Rollen niederschlägt. Wenn Mathilda auf der Bühne etwa Marie aus Georg Büchners Woyzeck spielt, verschränkt sich die Rolle mit ihren Erfahrungen. Bei einer Probe verändert sie versehentlich den Text von „Ich hab ein klein Kind und kein Mann“ zu „Ich hab kein klein Kind und ein Mann“. Neben Marie verkörpert Mathilda auch Marguerite aus Thomas Manns Doktor Faustus, eine Figur, in der sich Verlust, Schuld und das Scheitern menschlicher Nähe bündeln. Wie stark die Identifikation ist, zeigt sich besonders dort, wo es heißt: „Sie wird ganz die Marguerite, die sich selbst zur Welt bringt.“ Die Inszenierung des Körpers im schützenden Kokon aus Papier verdeutlicht den Versuch eines Rückzugs und zugleich eines tastenden Neubeginns. Die Wirkung dieser intertextuellen Bezüge liegt weniger im bloßen Wiedererkennen literarischer Figuren als in der Überlagerung von Rolle und Leben: Die gespielten Figuren werden zu Projektionsflächen für Mathildas Erfahrungen. Mutterschaft, Schuldzuweisungen und Verlust sind nicht nur Themen der Dramen, sondern wirken unmittelbar in ihren Alltag hinein. Dass Mathilda – wie die Autorin – Schauspielerin ist, erzeugt eine biografische Nähe, die zunächst konstruiert wirken kann. Zugleich intensiviert sie die Erzählung, weil ein Resonanzraum entsteht, in dem sich Literatur, Bühne und Lebensrealität unauflöslich verschränken.
Kühr taktiert geschickt mit sprachlichen Mitteln, um Mathildas Innenwelt spürbar zu machen. Besonders eindringlich sind metaphorische Passagen, in denen komplexe Gefühle in konkrete Bilder übersetzt werden. Das Atomkraftwerkherz ist nur eine der vielen gelungenen Darstellungen:
Das Atomkraftwerkherz nimmt sofort wieder seine Arbeit auf, unheilvoll dröhnend festigt es seine Mauer, trägt mit jedem Puls eine neue Schicht auf, zieht einen Stacheldraht durch die Arterien, versendet einen beißenden Schmerz, der ihr Schweiß auf die Stirn treibt.
Solche bildhaften Muster verbinden körperliches Empfinden mit emotionaler Intensität und machen deutlich, wie der Verlust nicht nur psychisch, sondern auch körperlich erfahren wird. An anderer Stelle verdichtet sich diese Erfahrung in drastischen Bildern: „Aber manchmal, da dringen die Erinnerungen einfach wie Schweiß durch Poren“ oder in der Feststellung: „Ihr steckt jetzt der Tod in den Knochen und der braucht keine Ferien“. Ergänzend dazu setzt Kühr häufig auf prägnante, parataktische Satzsegmente; auch so wird Mathildas Gefühlswelt verdichtet und der Leserschaft die Unsicherheit und Wucht ihrer Empfindungen vor Augen geführt: „Sie war insuffizient. Ungenügend. Unzulänglich. Mangelhaft“.
Pina Kühr reißt die Lesenden tief hinein in Mathildas Gefühlswelt. Die Intensität der Emotionen ist enorm, und genau diese Kraft kann den Roman mitunter schwer erträglich machen – bis hin zu dem Punkt, dass man ihn zwischenzeitlich beiseitelegen muss. Gleichzeitig liegt gerade in dieser überwältigenden Emotionalität die besondere belletristische Tiefe des Textes. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird mit einer eindringlichen und bewegenden Lektüre belohnt. Insbesondere Eltern, die einen vergleichbaren Verlust erfahren mussten, könnten beim Lesen Trost finden – in der Gewissheit, mit all diesen Emotionen nicht allein zu sein. Doch auch Lesenden ohne eigene ähnliche Erfahrung sei die Lektüre empfohlen: Andernfalls entgeht ihnen nicht nur die kraftvolle Darstellung von Verlust und existenzieller Suche, sondern auch die literarische Intensität, die die Erzählung zu einem außergewöhnlichen Erlebnis macht.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
|
||















