Vielleicht nicht ganz gendergerecht?
Im „Lesebuch Frauenlob“ binden Uta Störmer-Caysa und Claudia Lauer verschiedene Beiträge rund um den mittelalterlichen Dichter zu einem bunten Strauß zusammen
Von Jörg Füllgrabe
Hätten Frauenlob und weitere Dichter des Mittelalters das Los, in der Gegenwart zu leben, manches wäre ihnen sicherlich einfacher gefallen. Die Errungenschaften der Moderne wären mutmaßlich ein lebensverlängernder Faktor gewesen, die literarische Produktivität indes wäre zumindest im aktuellsten Diskurs dieser Tage entweder in einem ‚anti-woken Widerstandsblock‘ oder in bizarrer Form entstanden – die verehrte geheimnisvolle ‚edle frouwe‘ als eine als Frau gelesene Person, deren Attraktivität in einer womöglichen Nicht-Binarität liegt? Diese (literarischen) Konstellationen wären im – gleichwohl oft facettenreicher als gemeinhin gedacht geprägten – Mittelalter wohl undenkbar gewesen. Und so kann der opulente Band Lesebuch Frauenlob, den die beiden Herausgeberinnen Uta Störmer-Caysa und Claudia Lauer in der Erinnerung an das 700. Todesjahr des Dichters vorlegen, unter traditioneller Flagge segeln.
Heinrich von Meißen, dessen Künstlername Frauenlob für sich spricht und in dem Sinne mehrdeutig ist, dass er nicht nur die irdische Liebe in seinen Liedern würdigte, sondern auch das Lob der Gottesmutter Maria anstimmte, und dessen Wirken – sein Tod fällt in das Jahr 1318 – bereits in die Spätphase der sogenannten staufischen Klassik weist, gehörte zu den selbstbewussten Künstlern seiner Zeit und erfuhr damals breite Anerkennung und Würdigung; auch sein Grabmal im Kreuzgang des Mainzer Doms weist dies aus.
Und dennoch, so führen es die beiden Herausgeberinnen im Eingangskapitel „Frauenlob lesen. Einleitendes“ an, sei sein Nachleben in der Literaturwissenschaft eher unterrepräsentiert, er sei „um vieles mehr geschätzt als gelesen“. Zwar wurde sein Werk Anfang der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts umfangreich in einer zweibändigen Edition, der sogenannten Göttinger Ausgabe, ediert, der Niederschlag insbesondere in der mediävistischen Lehre jedoch sei überschaubar geblieben. Das nun vorliegende Lesebuch soll diesem Desiderat Abhilfe schaffen, indem eine repräsentative Auswahl Frauenlob’scher Texte für den akademischen Unterricht zusammengestellt wird. Dabei greifen die Herausgeberinnen wie ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter zwar auch auf die Göttinger Ausgabe zurück, zum Teil jedoch wurden die mittelhochdeutschen Texte neu ediert und somit wohl auch den Erfordernissen des anhebenden 21. Jahrhunderts angepasst.
Trotz dieser Unterschiede ist den in der vorliegenden Publikation aufgenommenen Texten ein Grundmuster gemein. So handelt es sich immer um eine Konstellation von transkribierter Leithandschrift, neuhochdeutscher Übertragung sowie angefügtem Kommentar, der sowohl grammatisch-philologische als auch literaturwissenschaftliche Aspekte thematisiert. Die klare Intention des Buches liegt darin, die Texte Heinrichs von Meißen umfassend hinsichtlich ihrer Komplexität und Dichte zu erschließen und darzustellen. Ein wesentliches Augenmerk wird in diesem Zusammenhang auf die Erläuterung grammatischer und semantischer Mehrdeutigkeit gelegt, die der Komplexität von Frauenlobs Œvre gerecht wird und dieses erfahrbar zu machen vermag. Das Lesebuch soll die Göttinger Ausgabe nicht ersetzen, was angesichts des geringeren Umfangs auch kaum vorstellbar wäre, sondern erweitern und aktualisieren. Den Ausgangspunkt bildet ein Kolloquium zu Frauenlob, das im März 2019 in Mainz stattfand und das dem allgemeinen wie erweiternden Diskurs zum geschätzt-unbekannten Dichter diente.
Die Zugänglichmachung der Texte Heinrichs von Meißen hinsichtlich einer erhöhten Sichtbarkeit im Rahmen der akademischen Lehre ist die grundlegende Absicht des Werks. Aber, so führen die Herausgeberinnen weiter aus, die im Rahmen der Entstehung des Buches sich nicht zuletzt im Kontext des Mainzer Kolloquiums ergebenden Diskussionen und Gespräche hätten Anlass zu einer erweiterten und erweiternden Perspektive geführt. Diese liegt nun darin, dass – ermöglicht durch die den Texten angegliederten umfangreichen und durch weite Belege und Verweise sowie einer zielführenden bibliographischen Auswahl unterlegter „literaturwissenschaftlichen Kommentare“ – das Lesebuch auf die Forschung zurückwirken möge. Denn „es möchte sein, dass ein Kaleidoskop an Verstehensmöglichkeiten dem Frauenlobschen Bedeutungsschillern am besten Rechnung trägt, und dass damit nicht zuletzt auch im Sinne von Frauenlob erlaubt, neue Schlaglichter auf seine Texte und deren Sinnvielfalt und -komplexität zu werfen“.
Dieses Unterfangen wird in fünf Themenblöcken angegangen. Beginnend mit dem Kapitel zu „Leichdichtung“, über „Minne und Welt“, „Sangspruchdichtung“ sowie „Minnelieder“ wird der Komplex, wie könnte es auch anders sein, mit Texten des „Pseudo-Frauenlob“ abgeschlossen. Bereits zuvor aber wird ein Blick auf den Aspekt geworfen, der im Rahmen literaturwissenschaftlicher Forschungen häufig zu kurz kommt: die Frage nach dem ‚Sitz im Leben‘ der Dichtungen im allerweitesten Sinne. Die doch zu größten Teilen illiterate Gesellschaft konnte die Dichtungen ihrer Zeit eben nicht im stillen Kämmerlein lesen, sondern war auf den Vortrag angewiesen, in dem diese dargeboten wurden. Dementsprechend kann der erste, außerhalb der erwähnten Themenblöcke stehende, Beitrag Horst Brunners „Zu den Formen und zum Vortrag der Dichtungen Frauenlobs“ als eine perspektivisch erweiterte Fortsetzung der Einleitung der Herausgeberinnen angesehen werden.
Es würde definitiv zu weit führen, detailliert auf die einzelnen Texte und Beiträge einzugehen. So soll denn nur summarisch auf die jeweiligen Punkte verwiesen werden, die das Gerüst Frauenlob’scher Dichtung mit Leben erfüllen. Dass im Rahmen dieses Aufbaus die „Sangspruchdichtung“ mit neunzehn Texten den größten Umfang einnimmt, sei hier bereits erwähnt. Zuvor jedoch werden Beispiele der „Leichdichtung“ mit drei Textbeispielen sowie „Strophen aus ‚Minne und Welt‘“ zum Thema gemacht.
Das ausführliche Kapitel zur Sangspruchdichtung wird in weitere Unterpunkte unterteilt. Anhebend mit Beitragen zu „Strophen im langen Ton“, dem umfangreichsten Unterblock zum Bereich der Sangspruchdichtung, werden vertiefende Aspekte dieser ‚Untereinheit‘ mit den entsprechenden Beispieltexten untersucht. In analoger fundierter Weise werden bei den „Strophen im Flugton“ sowie daran anschließend den „Strophen im Grünen Ton“ eben nicht nur die entsprechenden Strophen nebst Übersetzung dargeboten, sondern eine, für die weiterführende Beschäftigung mit Dichter und Werk äußerst hilfreiche, Fülle an Informationen und Verweisen geboten.
Dieser Ansatz wird anhand der Beispiele zum „Zarten Ton“, zu den „Strophen im Würgendrüssel“, den „Strophen im Vergessenen Ton“, den „Strophen im Neuen Ton“ bis zu den „Strophen im Goldenen Ton“ und schließlich den „Strophen im Kurzen Ton“ weitergeführt. Auch die beiden Beiträge zum Themenblock „Minnelieder“ und die im abschließenden Kapitel zum „Pseudo-Frauenlob“ aufgenommenen Texte respektive Aufsätze sind nach dem vorgegebenen und zielführenden Schema abgefasst.
Anhand dieser Auswahl wird es möglich, sowohl einen Längs- als auch einen Querschnitt zum Werk Heinrichs von Meißen anzusetzen beziehungsweise den entsprechenden, sowohl ansprechenden als auch erkenntnisfördernden, Zugang zu seinem Œvre zu gewinnen. Die jeweilige Textauswahl überzeugt, der zugehörige Apparat bietet allein bereits in formaler Hinsicht alles Notwendige, und die darüber hinausweisenden Kommentierungen erleichtern die Arbeit und Weiterarbeit an und mit den Auswahltexten und Themen, die Frauenlob bearbeitet hat.
Etwas irritierend ist allenfalls das abrupte Ende – nach dem „Pseudo-Frauenlob“ folgt unmittelbar das Verzeichnis der Abbildungen. (Im Band sind Ansichten einzelner Handschriftenseiten aufgenommen, die neben der reinen Auflockerung dank guter Auflösung auch einen noch direkteren Blick zumindest im Ansatz ermöglichen.) Doch wäre es ansprechender gewesen, vielleicht noch einige zusammenfassende Zeilen lesen zu können. Insgesamt bleibt zu konstatieren, dass das Lesebuch Frauenlob hinsichtlich seiner Sorgfalt bezüglich der Auswahl der Texte und Durchführung der Beiträge vollumfänglich überzeugt. Damit dürfte es – nicht zuletzt auch, weil preislich nicht unerschwinglich – nicht nur für diejenigen, die sich ohnehin für den Meißner Sänger interessieren, sondern auch für einen erweiterten Kreis höchst lohnenswert sein.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
|
||















