Leben, Lyrik und Literaturwissenschaft

Der unter dem Titel „besser spät als nie“ herausgegebene Briefwechsel von Manfred Winkler mit Hans-Jürgen Schrader eröffnet historisch gewordene Perspektiven auf Europa und Israel

Von Markus BauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Bauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Kreis der deutschsprachigen Dichter:innen in Israel galt Manfred Winkler (1922-2014) als ein primus inter pares: Mit seinem markanten Haupt, langsam und bedächtig sprechend, profund die Lyrik der vortragenden Mitdichter:innen lobend oder kritisierend, hatte Winkler sich im von Autor:innen aus europäisch-deutschsprachigen Landschaften zusammensetzenden LYRIS-Kreis um Eva Avi-Yonah, Ileana Shmueli, Yvonne Livay und anderen erhebliches Renommee erworben. Im Gegensatz zu den meisten Teilnehmer:innen schrieb Winkler auch auf Hebräisch – und dies mit großem Erfolg: 1999 wurde ihm der Preis des Premierministers verliehen, eine der angesehensten kulturellen Auszeichnungen des Landes. Obwohl aus Rumänien 1959 eingewandert und durch seine Herkunft aus der Bukowina von deutscher Muttersprache hatte Winkler in Israel sehr schnell Hebräisch gelernt und schon drei Jahre nach der Ankunft einen ersten Gedichtband in der Landessprache vorgelegt (eine zweisprachige Auswahl seiner hebräischen Gedichte in Übersetzung bietet: Noch hör ich deine Schritte, herausgegeben von Monica Tempian und Jan Kühne). Auf Deutsch schrieb Winkler lange nur noch für die Schublade. Erst das Widersehen mit dem ihm noch in Rumänien flüchtig bekannt gewordenen siebenbürgischen Schriftsteller Hans Bergel, der in den 1990er Jahren diesen Kontakt erneuerte, brachte den längst von seiner Arbeit im Herzl Archiv pensionierten Dichter dazu, in Deutschland Verlage für seine Gedichte zu suchen. Mit Erfolg: Im hohen Alter fand er hierzulande unerwarteterweise  mit mehreren Gedichtbänden ein größeres Publikum.

Einen der ersten und nachhaltigsten von Winklers Kontakten nach Deutschland war der zu dem  Germanisten Hans-Jürgen Schrader, der bereits 1988 als gerade installierter Professor in Genf den israelisch-bukowinischen Dichter bei einem Doktorandenkolleg Albrecht Schönes in Jerusalem wahrgenommen und 1995 als Gastprofessor in Jerusalem persönlich kennengelernt hatte. Von diesem Zeitpunkt an arbeitete Schrader stetig daran, das Werk des deutschsprachigen israelischen Dichters zu erforschen und ihm eine Öffentlichkeit in den deutschsprachigen Ländern zu verschaffen –  was schließlich neben mehreren Aufsätzen in die Anregung und Mitherausgabe des voluminösen Bandes der deutschsprachigen Gedichte Winklers im Arco-Verlag (Haschen nach Wind. Die Gedichte, 2017) und eine internationale Tagung in Jerusalem zum 100. Geburtstag des Dichters mündete.

Die Hintergründe dieser Freundschaft und Arbeit am Werk treten in dem nun vorliegenden Briefwechsel der bald befreundeten Ehepaare Herma und Manfred Winkler und Eveline und Hans-Jürgen Schrader plastisch hervor. Schrader hat ihn jetzt äußerst informativ mit zahlreichen Einblicken in das Leben in Israel, die poetischen und künstlerischen Ansätze Winklers und die Geschichte der literaturwissenschaftlichen Erkundung von Winklers Werk ediert.

Es sind alle Briefe und Postkarten von Winkler abgedruckt, während die Gegenbriefe nur zum Teil überliefert sind. Schraders entsprechenden Aufklärungen über vorausgehende Briefe sind allerdings ausführlich genug, um ein lebhaftes Bild einer bedeutenden Autor-Wissenschaftler-Freundschaft zwischen der Schweiz, Deutschland und Israel zu erhalten. Die Briefe und Postkarten lassen ein vieldeutiges Ineinander von persönlichen Mitteilungen, literarischen und künstlerischen Debatten und historischen Daten sichtbar werden, was sie als aspektreiche Dokumente einer intensiven europäisch-israelischen und christlich-jüdischen Verflechtung einzigartig macht. Die Einblicke in das neben Schicksalsschlägen (der erste Brief ist zugleich ein Dokument des Unglücks, in dem der Poet einem Brief in die Schweiz die schreckliche Nachricht anhängt, dass die (Adoptiv-)Tochter Anath bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist) und den stoisch und ironisch ertragenen, in sarkastischen Formulierungen abgetanen Malaisen des Alters durchzogene Privatleben der Winklers stehen neben zahlreichen, knapp formulierten, aber gehaltvollen Aussagen zur Dichtung, Kunst, Ästhetik. Winkler war neben seiner Lyrik auch ein eigensinniger Bildhauer und Maler, dessen Tonarbeiten und Zeichnungen ihre eigene Wertigkeit besitzen.

Es ist vor allem die ungemein präzise und detaillierte Kommentierung durch Schrader, die in zahlreichen, auch längeren Anmerkungen zum Teil mit bisher unedierten Werkteilen ein differenziertes Bild nicht nur der institutionellen germanistischen Beziehungen zu Israel mitliefert, sondern zugleich auch die handelnden Menschen in den Blick geraten lässt. Angefangen von Schraders Doktorvater Albrecht Schöne über Schweizer Freunde und Bekannte oder den Germanisten Jakob Hessing bis hin zu den jüngsten Mitgliedern des LYRIS-Kreises wie Yvonne Livay und Jan Kühne wird ein Geflecht von um Winklers Schaffen bemühten Dichter:innen, Wissenschaftler:innen und Leser:innen ans Licht gebracht, das eine bis heute vielfach unbekannt gebliebene und mittlerweile wohl nur noch als historisch zu bezeichnende Szenerie formte. Aus den durch ein glänzendes Gedächtnis und akribisch dokumentierten Belegen gestützten Darlegungen Schraders ergibt sich eine Mikrogeschichte der germanistischen und kulturellen Beziehungen zwischen Europa und Israel, wie sie bisher noch nicht geschrieben wurde. Sie bewahrt die germanistische Erinnerung an osteuropäische deutschsprachige Literatur in Israel ebenso auf wie in ihr das Gedächtnis an den Schrecken des Holocausts in Europa. So fungiert sie als ein wichtiges kulturelles Scharnier zwischen den Kontinenten. Bevor die fatale Politik des immer gefährdeten Landes eine historische Zäsur erlebte, war es dieser (schwindende) kulturelle Kosmos, der Winkler noch Alternativen zum geahnten Desaster erhoffen ließ. Winklers Aufmerksamkeit für die subkutanen politischen Veränderungen lassen sich an wenigen Bemerkungen erahnen, die oft mit nicht wenig Sarkasmus auf biblische Vergleiche und Zitate zurückgehen.

Ergänzend abgerundet wird der intensive schriftliche Ausdruck dieser Jahre der Begegnung und Freundschaft zwischen Europa und Israel durch einen Bildanhang mit meist durch Schrader aufgenommenen ausdrucksstarken Fotografien, die die Protagonist:innen und ihre Umwelt konkret  anschaulich und auf ihre eigene Weise „les“- und sichtbar machen. In diesem Zusammenspiel der Texte und Medien bietet damit der Band alles in allem einen ebenso willkommenen wie faszinierenden Einblick in das Werk Manfred Winklers und seines bedeutendsten germanistischen Förderers und Interpreten.

Titelbild

Manfred Winkler: „besser spät als nie“. Manfred Winklers Korrespondenz mit Eveline und Hans-Jürgen Schrader.
Hg. von Hans-Jürgen Schrader.
IKGS Verlag, München 2025.
232 Seiten , 12 EUR.
ISBN-13: 9783942739061

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