Beflügelnde Poesie und Prosa

Lisa Elsässers Lyrik- und Kurzprosa-Sammlung „VÖGEL BESCHRIFTEN DIE LUFT“ besticht durch große sprachliche Könnerschaft

Von Severin PerrigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Severin Perrig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Vögel Schrift in Sand und Schnee verrinnt, während ihr Gesang in Sage und Märchen, bisweilen auch in der Poesie für Menschen lesbar werden soll. VÖGEL BESCHRIFTEN DIE LUFT heißt der Lyrik- und Kurzprosa-Band der mehrfach ausgezeichneten Schweizer Autorin Lisa Elsässer. Und sogleich sehen wir als Bild vor uns, wie Vögel ohne den Boden zu berühren mit ihren Federn etwas zwischen Himmel und Erde mit Schrift erfüllen. Oder ist es gar wie im Mythos beim römischen Dichter Ovid, in welchem Vögel selber dunkle Schriftzeichen werden, indem „die bewegliche Luft“ sie in sich aufnahm? Unsere laienhafte Beobachtung des Vogelflugs bleibt da unsicher: Mal wirkt das Schweben beinahe statisch und Mal ist das Flügelschlagen derart flatterhaft, dass sich alle Flugbewegung in undeutliche Punkte zerlegt, die sich allzu rasch im Medium Luft auflösen. Als Seher können wir also vom Ungewissen nur wie von einem Naturgeheimnis raunen.

Lisa Elsässer hat diesen Titel aus der leicht variierten Zeile ihres Gedichts ein anderes weiß entnommen. Ein lyrisches Ich erzählt darin, wie es sich den losen Vögeln zuzählt, welche die Luft wie hauchdünnes Seidenpapier mit Schrift füllen. Und der Wind in seinem konstanten Wehen verunmöglicht jede Interpretation des Geschriebenen. So geht die Erzählung um dieses poetische Bild. Aber nun öffnet sich auch traumhaft ein neuer Raum, sei es im Sinne des Analogie-Denkens oder der Erinnerung dieses Ichs. Die parabolischen Vogelflugschleifen in der Luft werden als kinästhetische Schreibbewegungen in der Leere oder über allzu Abgründigem für die Lesenden ausgedeutet. Die Rede ist dabei vom Ideal-Gedicht in transzendierter kreisrunder Form. Träumen und Denken gehören essentiell zu Lisa Elsässers Poetik-Verständnis neuer einsehbarer Räume.

Mit ihrer genauen, präzise verknappten Sprache und verblüffend vielfältigen Metaphern gelingt es der Autorin auf unspektakuläre, aber eindringliche Weise diesen erinnerten Raum der Natur, der schlichten Kindheit im Arbeitermilieu, des nicht immer ganz einfachen Schreibens als Autorin, der Schreibstätten in Leipzig oder Berlin, der Beziehungen und dem Kommunizieren mit Lebenden und Toten kaleidoskopisch für sich im Dialog mit den Lesenden auszuloten. Wir sehen das Vergangene anschaulich vor uns: das einfache steinerne Kinderspielzeug, den Vater schlaflos in seinen Rechenkünsten der Armut,  die Mutter im aufgewühlten Sehen der Schneewogen vor dem Küchenfenster, die wie Gras über alles, auch Inneres wachsen. Und immer wieder eröffnet sich da dem allzu Flüchtigen ein ganz unerwarteter Reflexionsraum, der weit über das Gesehene ins bedeutungsvoll Existentielle hinausweist.

Diese Gedichte des ersten Teils, worunter sich auch einige aus früheren, vergriffenen Bänden befinden, lassen sich indes auch noch mit einer ganz anderen Art von Lyrik in Beziehung setzen, die für Lisa Elsässers poetisches Werk ebenso entscheidend ist. Der zweite Teil ihres Bandes VÖGEL BESCHRIFTEN DIE LUFT zeigt eine Art weiterer Matrix für ihre Poetik unter dem Titel KONKRETE POESIE. Sie erlaubt das Zerklüftete, die Ambivalenz oder gar das Spiegelbildhafte der Natur zusätzlich in der formalen Darstellung der Gedichte sichtbar werden zu lassen. Der Blocksatz verweist auf Wortmeditationen über Gleich- und Ungleichzeitiges. Es sind aber auch verspielte Poeme, die einladen zum Mitspielen wie bei einem Scrabble-Brettspiel mit ganz eigenen Regeln, um die Linearität und das Oben und Unten des Lesens von Lyrik ebenso zu hinterfragen, wie die konventionelle Abfolge von Wörtern und ihren Bedeutungen. Bei all dem beweist die Autorin eine große Könnerschaft im Umgang mit konkreter Poesie im Sinne von „Denkspiel“, wo das spielerische Kräftefeld unzählige unerwartete sprachliche Kombinationen und Variationen zulässt.

Wie eng benachbart aber bei Lisa Elsässer auch Poesie und Prosa sind, zeigte sich bereits explizit in ihrem hervorragenden Band Erstaugust (2019), wo die Erzählung WAS DAS LEBEN AM BESTEN KANN in gebundener Rede wie ein Prosagedicht erschien. Und so gibt es auch noch einen dritten Teil in VÖGEL BESCHRIFTEN DIE LUFT mit Kurzprosa. Es ist Prosa, die kleine Ereignisse und Begegnungen des Alltags zum Anlass nimmt, um sie mit einer großen sprachlichen Sensibilität und erzählerischen Schärfe unerwartet ins humorvoll Absurde oder melancholisch Nachdenkliche kippen zu lassen. Das geschieht stets auf eine höchst spezielle und eigenwillige Art, so dass der dritte Teil sogar in mehreren quer über die Seiten gedruckten Texten endet. Sie vermögen derart die üblichen, eingeschliffenen Gewohnheiten des Lesens von Prosa zu hinterfragen. Und so landet man geradezu wie ein freier Vogel wieder im Lyrischen, „umschlungen von der warmen luft.“ Lisa Elsässers Vögel beschriften die Luft in einer herausragenden Weise, die auf unseren Wegen des Sehens, Lesens und Verstehens noch eine geraume Zeit nachhallen werden. Das alles verdankt sich einer über Jahrzehnte hinweg weiter entwickelten literarischen Kunstfertigkeit.

Auch formal ist die Neuerscheinung sorgfältig und gut lesbar gestaltet. Das Hardcover ziert das Acrylbild „Anonyme“ des bildenden Künstlers Charlie Lutz aus dem schweizerischen Sarnen. Der in Berlin lebende Dichter, Kulturjournalist und Übersetzer Norbert Hummelt, Hölty-Preisträger 2018, der letztes Jahr den ausgezeichneten Lyrikband Hellichter Tag vorlegte, hat das überaus erhellende essayistische Vorwort IN DER SPUR DES ANFANGS zur Lyrik und Prosa von Lisa Elsässer beigefügt. Er spricht darin von ihrer „Kunst der Gedichte, uns die Hand zu reichen auf dem schmalen Grat zwischen dem genau Gesehenen und der Unübersehbarkeit all dessen, was von jeher in uns schlummert.“ Es bleibt einzig zu bedauern, dass Lisa Elsässer im heutigen akademisch weitgehend verkopften oder mit Spoken Word verplapperten lyrischen Veranstaltungsbetrieb eine derartige Ausnahmeerscheinung geworden ist.

Titelbild

Lisa Elsässer: Vögel beschriften die Luft. Gedichte und Kurzgeschichten.
bildfluss Verlag, Altdorf 2025.
181 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-13: 9783952587034

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