Pick-Up-Artist und Gewohnheitsvergewaltiger

Sarah Iles Johnstons Neuerzählungen griechischer Mythen „Von Göttern und Menschen“ sind ebenso unterhaltsam wie informativ

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit mehr 175 Jahren wird das Bild, das die lesefreudige Jugend in Deutschland von klassischen und deutschen Götter- und Heldensagen hat, durch die Nacherzählungen von Gustav Schwab geprägt. Dabei wurden ihre Neuauflagen und -ausgaben dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst und waren darum stets so misogyn wie dieser. Höchste Zeit also, dass ihnen etwas entgegengesetzt wird.

Das ist nun mit Sarah Iles Johnstons Buch Von Göttern und Menschen immerhin für die griechischen Mythen geschehen. Zwar wurde unlängst bereits Natalie Haynes’ beeindruckendes Sachbuch über die olympischen Göttinnen ins Deutsche übertragen, doch Johnston weitet den Blick auf die Gestalten und Geschehnisse der griechischen Mythologie insgesamt. Zudem geling ihr das Kunststück, mit ihren modernen Nacherzählungen ein literarisches Werk vorzulegen, das die antiken Texte neu interpretiert, wobei sie gelegentlich Eigenes hinzuphantasiert, und das zugleich wissenschaftliche Qualitäten aufweist. Denn die Professorin für Religion und die klassische Antike weist für jedes Kapitel sehr detailliert alle antiken Quellen aus, auf die sie sich jeweils bezieht; und zwar nicht nur die herangezogenen Bücher mit Seitenangaben, sondern zeilengenau. So können Lesende, die des Altgriechischen mächtig sind, die Originaltexte und alle anderen historische Übersetzungen zum Vergleich heranziehen. Doch nutzt die Autorin nicht nur antike Texte als Quellen, sondern ebenso Statuen oder Darstellungen auf Vasen, Trinkbechern und dergleichen. In diesen Fällen informiert der Anhang des Buches darüber, in welchen Museen die Artefakte zu sehen sind. Selbstverständlich klärt Johnston in den Anmerkungen auch darüber auf, was sie selbst hinzugedichtet hat.

Neu ist jedoch nicht nur der Ton, in dem Johnston die Mythen nacherzählt, auch ihre Übersetzungen der Namen einiger Figuren sind ungewöhnlich. So nennt sie die Erinnyen nach ihrer Verwandlung nicht wie Aischylos Eumeniden also die Wohlmeinenden, sondern Semnai Theai (die „Wertgeschätzten“), wobei in der neueren Forschung nicht unumstritten ist, ob es sich bei den Erinnyen, Eumeniden und Semnai Theai um drei verschiedene Gruppen von Göttinnen handelt oder nur verschiedene Aspekte ein und derselben Göttinnengruppe. Auch den Namen Pandoras übersetzt Johnston nicht, wie dies üblicherweise geschieht, und aufgrund alle der Göttergaben, die Pandora erhält, auch naheliegend ist, mit Die von allen Beschenkte, sondern mit „Alle Gaben“. Dafür aber erzählt sie ausführlich, wie groß der Nutzen war, den Pandora Epimetheus und damit den Menschen brachte, bevor sie den Pithos öffnete. Auch erwähnt Johnston, dass die Idee, Pandora habe das Gefäß aus Neugierde entsiegelt, erst in der Renaissance aufkam.

Gelegentlich lässt Johnston in ihre Neuerzählungen Sinnsprüche einfließen. Sie lauten etwa „Das ganze Leben kann sich in einem einzigen Moment unwiderruflich ändern, doch es braucht mehr als einen einzigen Schritt, um in den Abgrund zu stürzen“ oder „moralische Überlegenheit kann einsam machen“.

Es sind nicht weniger als 140 Mythen mit unzähligen Figuren, die Johnston auf mehr als 500 Seiten nacherzählt. Doch unter all den Göttern, Göttinnen, den fast ausnahmslos männlichen Titanen und Zentauren, den Nymphen, Satyren, Sirenen, Menschen und sonstigen Wesen sind kaum einmal sympathische Figuren. Hestia, die mächtige Göttin des heimischen Herdes ist eine der wenigen Ausnahmen. Von ihr gibt es folgerichtig denn auch nicht allzu viel erzählen.

Der Aufbau der Nacherzählungen folgte im Wesentlichen der Chronologie der erzählten mythischen Ereignissen, nicht der Niederschrift der Mythen. Das ist aus mehreren Gründen sinnvoll. Zum einen würde letzteres die Geschehnisse doch sehr durcheinander bringen und zum zweiten wurden die Mythen im Laufe der Jahrhunderte von den verschiedenen antiken Autoren (Autorinnen waren, soweit bekannt, nicht darunter) immer wieder ergänzt und umgeschrieben. Die chronologische Erzählweise führt zwar zu gelegentlichen Wiederholungen, diese sind jedoch sehr wohl berechtigt. Denn vermutlich werden viele das Buch nicht von vorne bis hinten durchlesen, sondern nur jeweils den Mythos, der sie gerade besonders interessiert. Allerdings lässt sich die chronologische Erzählweise nicht strikt durchhalten. So sind miteinander verknüpfte Ereignisse denn auch zusammenhängend dargestellt, wie der trojanische Krieg oder die Irrfahrt von Odysseus. Ebenso die generationenüberreifende Tragödie der Adriten oder die des Ödipus.

Weiblichen Figuren lässt Johnson mehr Gerechtigkeit widerfahren als dies bei Schwab oder anderen gängigen Nacherzählungen geschieht, in denen Medea, mit Ausnahme von Christa Wolffs die Figur verharmlosender Nacherzählung, eigentlich überall die negativste aller mythischen Gestalten ist. Bei Johnston ist das anders. Medea wird hier etwa von einer anderen Zauberin, nämlich von Kirke, bedauert, während ihr untreuer Ehemann Jason als „aufgeplustete[r] […] Gockel“ entlarv wird. Doch auch Euripides hat seine titelstiftende Tragödienfigur bereits nicht so negativ gesehen, wie sie später dargestellt wurde. Immerhin lässt er die Zauberin am Ende seines Stückes mit ihren toten Kindern in den Himmel aufsteigen.

Auch eine weitere weibliche Hassfigur Klytaimnestra, die „den Falschen liebte[]“ wird von Johnston in gewisser Weise rehabilitiert. Allerdings rechtfertigt die Autorin auch Agamemnons Opferung Iphigenies, aus dessen Sicht der Mythos erzählt wird.

Erfreulich ist wiederum, dass Odysseus, einer der bekanntesten und mit Ausnahme von Atlante ausschließlich männlichen ‚Helden’, nicht so positiv dargestellt wird, wie sonst fast aller Orten. So charakterisiert Johnston ihn etwa als „gierig und stolz“. Dass der angeblich so listenreich, seine Listen nicht selbst ersann, sondern von anderen, Kirke etwa, eingeflüstert bekam, wird allerdings nicht immer ganz deutlich.

Ihr Vorhaben, „neue Erzählungen“ zu schaffen, „die ein eigenes Leben haben“, ist Johnston auf beeindruckende Weise gelungen. Denn sie hält sich zwar an die Inhalte der Ursprungstexte, doch „weicht der Ton“, in dem sie diese nachherzählt, „häufig von dem der antiken Autoren ab“. So nicht zuletzt, wenn sie von den zahlreichen versuchten und vollendeten Vergewaltigungen erzählt. Denn „in der Antike [wurde] kaum zwischen Vergewaltigung und Verführung unterschieden“. So oszilliert Zeus denn auch zwischen Pick-up-Artist und Gewohnheitsvergewaltiger, der sich gerne „rühmte“, „auch seinen Partnerinnen Vergnügen zu bereiten – wenn möglich und auch nur solange es ihm angenehm war“. Und auch Johnston verharmlost den Delinquenten überraschenderweise mit den Worten, er habe „eine Schwäche dafür […], sterbliche Frauen zu verführen“.

Werden Frauen vergewaltigt oder verführt, bestrafen die betrogenen Ehefrauen wie beispielsweise Pasiphaë und insbesondere Hera, nicht etwa den Täter, sondern die vergewaltigte oder verführte Frau auf grausame Weise. Im Falle von Hera mag das auch daran liegen, dass sie nicht die Macht besaß, Zeus zu strafen. Artemis, die jungfräuliche Göttin der Jagd wiederum beschimpft ihre Geliebte Kallisto als „Schlampe“, nachdem sie von Zeus in Gestalt von Artemis geschwängert wurde. Und im Falle von Daphne, die Apollon zu vergewaltigen versuchte, kommentiert Artemis „Was für ein dummes Mädchen. Hätte sie sich die Haare besser mal zusammengebunden!“ Das deckt sich ganz mit dem misogynen Vorwurf, eine vergewaltigte Frau, sei selbst schuld, falls sie ‚aufreizend’ gekleidet war. Bemerkenswerterweise und eigentlich gar nicht zu Johnstons sonstiger Neuerzählung passend, hat sich die Autorin diesen Kommentar Artemis’, wie sie bekennt, selbst ausgedacht. In den antiken Quellen ist er nicht zu finden. Auch Artemis’ Umgang mit Orion deutet nicht eben daraufhin, dass sie die Solidarität unter Frauen sonderlich hoch hielt. Denn es machten nicht nur „Gerüchte“ die Runde, dass der Göttersohn bereits in seiner Jugend „fünfzig Söhne mit genauso vielen Frauen gezeugt“ habe. Schwerwiegender ist noch, dass er „Frauen, die ihm einen Korb gaben“, zu vergewaltigen pflegte. Artemis hat damit allerdings offenbar kein sonderliches Problem, denn sie nahm ihn als einzigen Mann zeitweilig in ihren ansonsten weiblichen Tross auf, weil er ein guter Jäger war, und beide „verbrachten viele glückliche Tage mit einander“.

Doch gibt es mit Prokne auch eine Figur, die sich nicht an der von ihrem Mann vergewaltigten Frau rächt, sondern ganz im Gegenteil mit ihr zusammen Rachepläne gegen ihn schmiedet. Nun sind es ganz wie im richtigen Leben auch in den Mythen die Männer, die Frauen vergewaltigen, doch gibt es auch eine weibliche Figur, die dies Männer antut: die Teichnymphe Salmakis. Ihr bekanntestes Opfer ist Hermaphroditos, der damals noch ein Mann war und erst durch die Vereinigung mit der Nymphe zweigeschlechtlich wurde. Auch kommt mehrfach vor, dass abgewiesene Frauen den Mann, der sie verschmähte, fälschlicher Weise beschuldigen, er habe sie vergewaltigt. Ein noch heute beliebter und gerne geglaubter misogyner Mythos.

Selbstverständlich waren den griechischen Mythen auch Zwangsverheiratungen nicht unbekannt. Sie reichten bis in höchste göttliche Kreise hinein. So wurde Aphrodite von Zeus gezwungen, den hinkenden Götterschmied Hephaistos zu heiraten. Dabei stand sie doch vielmehr auf den Kriegsgott Ares und hat auch sonst mancherlei Liebschaften, und zwar nicht nur mit so ziemlich allen Göttern.

Auffällig ist überdies, dass zahlreiche Götter und Männer bisexuell waren, namentlich Apollon, Orpheus, Laios, der sogar einen anderen Mann vergewaltigte, sowie mit Herakles einer der größten Helden und wohl auch Achilleus, was im Falle des Letzteren bei Johnston allerdings nicht recht deutlich wird. Weibliche Figuren, seien es nun Göttinnen oder Frauen, sind hingegen weder bi- noch homosexuell, sieht man einmal von dem Paar Artemis und Kallisto ab.

Gelacht wird in den Mythen zumeist aus Schadenfreude, und zwar so ziemlich von allen Seiten. Auch ist Rache gang und gäbe und dabei oft unglaublich grausam. Eine der entsetzlichsten Bestrafungen lässt die Autorin allerdings aus: die Häutung des Marsyas durch Apollon. Marsyas hatte die von Athene weggeworfene Flöte gefunden und sein Spiel auf dem Instrument derart vervollkommnet, dass er es wagte, den Leierspieler Apollon zum musikalischen Wettstreit herauszufordern. Zwar kürten Musen Marsyas zum Sieger, doch Apollon erklärt den Wettstreit und Entscheid für ungültig, denn zur Musik gehöre auch Gesang. Da Marsyas nicht zugleich Flöte spielen und singen konnte, ging Apollon nun als Sieger hervor und häutete Marsyas zur Strafe für seinen Hochmut.

Auch wie der Seher Teiresias seine Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, erlangte, erfahren die Lesenden nicht. Tatsächlich existieren mehrere einander widersprechende Mythen zu der Frage. Dem mehrfach belegten und wohl bekanntesten, jedenfalls aber interessantesten zufolge geriet das olympische Ehepaar Zeus und Hera darüber in Streit, ob Männer oder Frauen während der sexuellen Vereinigung mehr Lust empfänden. Beide waren der Ansicht, es sei das jeweils andere Geschlecht. Teiresias, der im Laufe seines Lebens zweimal ein Paar sich begattende Schlangen erschlagen hatte, wurde für diesen Frevel auch zweimal bestraft und musste zunächst sieben Jahre als weibliche und sodann sieben Jahre als männliche Schlange leben. Er musste es also wissen. Daher befragte ihn das göttliche Paar, wer von beiden Recht habe. Seine Auskunft, Frauen empfänden die neunfache Lust des Mannes, erboste Hera so sehr, dass sie ihn mit Blindheit schlug. Zeus, der dies nicht hatte verhindern können, verlieh ihm dafür eine seherische Gabe. Unerwähnt lässt die Autorin auch, dass Silen, der Begleiter Pans, König Midas unter der Folter offenbarte, was das Beste für einen Menschen ist: Nie geboren zu werden. Und auch, warum die einst schönen Gorgonen in abscheulich anzusehende Wesen verwandelt wurden, erzählt Johnston nicht. Dafür aber hat sie sehr viele weit weniger bekannte Mythen aufgenommen.

Johnston Neuerzählungen sind nicht nur bestens dazu geeignet, Jugendliche wie auch Erwachsene für die griechische Mythologie zu begeistern, sie bietet überdies auch Menschen, die sich schon recht gut in griechischen Mythen auskennen, etliche neue Sichtweisen auf die Geschichten und dürften sogar mit einigen auch ihnen unbekannten aufwarten. Denn kaum jemandem werden all die von Johnston erzählten Mythen und ihre Quellen bekannt sein.

Titelbild

Sarah Iles Johnston: Von Göttern und Menschen. Die griechischen Mythen neu erzählt.
Aus dem Englischen von Heike Schlatterer.
Verlag C.H.Beck, München 2025.
558 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-13: 9783406827099

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