Wenn Freundinnenschaft zur Zumutung wird
Nähe, Neid und Provinzkomplexe in Marie Menkes Roman „Spielverderberin“
Von Paula Burmeier
Warum hält man an einer Freundschaft fest, die schmerzt? Diese Frage zieht sich durch Marie Menkes Debütroman Spielverderberin (2026). Neben den Herausforderungen des Erwachsenwerdens, die für viele junge Menschen durchaus nachvollziehbar sind, handelt der Roman von einer Dreierfreundschaft, deren Existenz von Beginn an irritiert. Denn warum diese Beziehung besteht und weshalb so verbissen an ihr festgehalten wird, bleibt unklar und überschattet zunehmend alle anderen Themen.
Marie Menkes Prosatexte wurden unter anderem mit dem OffSpring-Award der lit.Cologne 2023 ausgezeichnet. Themen wie Erwachsenwerden, soziale Herkunft sowie der Gegensatz zwischen Land und Großstadt, die bereits ihre Kurzprosa prägen, greift sie auch in ihrem Romandebüt auf. Spielverderberin schildert auf knapp 220 Seiten aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Sophie eine obsessive Freundschaft zwischen drei jungen Frauen.
Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt: in der Gegenwart der jungen Erwachsenen Sophie, die in Köln lebt und Lehramt studiert, sowie im Rückblick auf ihr letztes Schuljahr. Bereits zu Beginn entsteht Spannung, als Romy nach vier Jahren Funkstille plötzlich wieder Kontakt zu Lotte und Sophie aufnimmt. Ihr Wiederauftauchen lässt alte Konflikte, Verletzungen und eine rätselhafte, „rußige“ Nacht wieder aufleben, über die bisher geschwiegen wurde.
Die „Freundinnenschaft“ zwischen Sophie, Lotte und Romy, wie es im Roman so schön heißt, ist von Beginn an von Ungleichgewichten, Projektionen und Abhängigkeiten bestimmt. Sophie und Lotte sind in einer Kleinstadt im fiktiven Süthland aufgewachsen, einem ländlichen Raum, den Sophie selbst eher abwertend als „Bauerschaft“ bezeichnet.
Während der Schulzeit stößt Romy, die aus der Großstadt München nach Aulbach zieht, zu den beiden. Sie wirkt freier, mutiger und entschlossener als Sophie und Lotte und nimmt damit schnell die dominante Rolle ein. Aus einem vertrauten Zweierbund entsteht ein instabiles Dreieck, in dem Nähe und Ausschluss eng beieinanderliegen.
Als Leser:in fragt man sich wiederholt, warum diese Freundschaft überhaupt so lange Bestand hat. Eine der Freundinnen leidet spürbar, doch echte Unterstützung bleibt weitgehend aus. Romy spielt mit Sophies Gefühlen, ghostet sie, verschwindet über längere Zeit und bleibt dennoch der Fixpunkt, nach dem sich Sophies Denken und Handeln ausrichtet, selbst Jahre später noch. Wie belanglos und leer diese Bindung in Wirklichkeit geworden ist, zeigt sich darin, dass Sophie „zur Ablenkung“ und „wie ein Mantra, das [ihr] Halt geben sollte“, immer wieder durch die gleichen Bilder auf Romys Instagram-Account scrollt: „der Husky, die Blasen, der Setzling.“ Der Kontakt ist längst abgebrochen, übrig bleiben nur diese Bilder als letzter Zugang zu Romys Leben.
Der Roman lässt Sophie als Erzählerin über weite Strecken schwer greifbar erscheinen. Ihre Gedanken kreisen unablässig um Romy, um das, was andere über sie denken könnten, um soziale Herkunft, Bildungswege und vermeintliche Erwartungen:
Romy schaute wenig nach oben, fand ich. Sie beschäftigte sich kaum damit, dass auch sie theoretisch gesehen ein besseres Leben hätte haben können. Vielleicht lag es daran, dass es im Süthland wenig über ihr gab. Niemand hatte bessere Noten, wenige mehr Geld als Romys Eltern. Im Grunde genommen war es ja auch gut, dass Romy so wenig nach oben schaute. Was brachte schon Neid, also nahm ich mir vor, es in Zukunft genauso zu machen. Dann blickte ich aber zu Romy und schaute schon wieder nach oben.
Statt Klarheit zu schaffen, verstrickt Sophie sich in Annahmen und Vorurteilen, die ihr Leben immer weiter verkomplizieren. Die ständigen Vergleiche – Süthland gegen Großstadt, Bauernkind gegen Akademikerkind – dominieren den Roman, nutzen sich in dessen Verlauf jedoch ab und wirken zunehmend klischeehaft. Dass Sophie sich in Selbstzweifeln verliert, ist nachvollziehbar und sehr deutlich dargestellt. Ihr anhaltender Stillstand wirkt jedoch auf Dauer eher frustrierend als erkenntnisfördernd.
Zwar arbeitet Menke mit einer klaren Sprache und detailreichen Beschreibungen, die Authentizität in der Darstellung von herausfordernden Situationen junger Erwachsener erzeugen sollen. Denn thematisch greift Spielverderberin viele relevante Aspekte auf: Zukunftsängste nach dem Schulabschluss, Leistungsdruck, Klassismus, psychische Erkrankungen und (queere) Gefühle. Doch diese Themen werden nicht ausreichend vertieft, vor allem, da die emotionale Distanz zu den Figuren groß bleibt. Zudem stören die vielen Absätze den Lesefluss, da sie den Erzählfluss immer wieder unterbrechen und es somit erschweren, in den Roman hineinzufinden. Die wiederkehrenden Andeutungen einer verhängnisvollen Nacht erzeugen zunächst Spannung, doch letztlich dominieren die monotonen Gedankenschleifen der Erzählerin, die immer wieder um Selbstzweifel und Vergleiche mit Romy und ihrem Umfeld kreisen.
Spielverderberin ist ein Roman über Freundinnenschaft, die eher einer Zweckverbindung gleicht. Er zeigt, dass Kindheits- und Schulfreundschaften nicht zwangsläufig ein Leben lang halten müssen oder gar sollten. Trotz nachvollziehbarer Herausforderungen, vor denen insbesondere junge Erwachsende stehen, bleibt der Roman insgesamt zu oberflächlich und die Leseerfahrung eher unbefriedigend. Das liegt vor allem an der Ich-Erzählerin Sophie, die in ihren Selbstzweifeln, Herkunftskomplexen und Projektionen verharrt, ohne eine Veränderung herbeizuführen. Die Freundschaft der jungen Frauen wirkt zu keinem Zeitpunkt wirklich nachvollziehbar und hinterlässt am Ende vor allem Ernüchterung.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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