Zwischen Grammatik und Mythos

Peter Somogyi zeigt in „Heiligkeit, Böses und das Mosaik der Geschlechter“, wie Sprache Geschlecht, Macht und Bedeutung ordnet

Von Silvio BartaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Silvio Barta

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kaum fällt das Stichwort ‚geschlechtergerechter Ausdruck‘, wird zuverlässig die Schönheit des Deutschen in Trauerkleidung aufgebahrt. Dann treten, wie aus dem literarischen Notfallkoffer gezogen, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller auf den Plan, als müssten sie posthum das generische Maskulinum gegen den Untergang des Abendlandes verteidigen. Nicht selten läuft das Argument auf die pathetische Pointe hinaus, ein Faust in gegenderter Sprache sei schlechterdings undenkbar – als hinge die deutsche Literaturgeschichte an der grammatischen Männlichkeit des Menschen.

Aus der Perspektive englischer Muttersprachler:innen (wie des Verfassers dieser Rezension) wirkt diese Debatte allerdings von vornherein ein wenig suspekt, um nicht zu sagen: weird. Dass Käse männlich sein soll, Wut aber weiblich, erschließt sich nicht sofort als natürlicher Ausfluss höherer sprachlicher Vernunft, sondern eher als historisch gewachsene Schrulle mit System. Bei mythologisch oder poetisch aufgeladenen Dingen mag man sich das noch gefallen lassen: Sonne, Mond, Meer, Nacht – das alles trägt seit Jahrhunderten Bilder, Projektionen, kulturelle Rollen. Aber selbst dort gerät die Sache ins Schwimmen. Warum soll in der einen Tradition die Luna weiblich und der Sol männlich sein, fast wie ein Nachhall antiker Götterordnungen, während andernorts der Mond männlich und die Sonne weiblich erscheint? Man merkt schnell: Grammatisches Geschlecht ist kein Naturgesetz, sondern ein kulturelles Arrangement, oft schön, oft eigentümlich und nicht selten schlicht widersprüchlich.

Gerade deshalb wirkt die Behauptung, nur das generische Maskulinum garantiere sprachliche Würde, weniger wie eine Verteidigung der Schönheit, als wie die sentimentale Verwechslung von Gewohnheit mit Ästhetik. Die deutsche Sprache ist schließlich nicht deshalb groß, weil sie unverändert bleibt, sondern weil sie wandlungsfähig ist – und robust genug, auch neue Formen auszuhalten, ohne gleich ihren Zauber einzubüßen. Mit Heiligkeit, Böses und das Mosaik der Geschlechter liefert Peter Somogyi einen Beitrag, der – auch, aber nicht nur – die Genderdebatte aus mediävistischer Perspektive neu betrachtet.

Was eine Hagiografie mit der Gegenwart zu tun hat

Ein 600 Seiten starkes Buch, das sich mit der „differenztheoretischen, transzendenzreligiösen Konzeptualisierung von Heiligkeit“ beschäftigt, dürfte auf den meisten Listen der unbedingt zu lesenden Werke eher keinen Spitzenplatz erringen. Es sei denn, man interessiert sich für genau jene eigentümliche Plastizität von Sprache, für ihre Fähigkeit, Welt nicht nur zu beschreiben, sondern sie in ihren Möglichkeiten überhaupt erst hervorzubringen.

Denn hinter einer solchen Formulierung verbirgt sich, bei näherem Hinsehen, etwas durchaus Sonderbares. Lange bevor es Goethe geben sollte, hielten Autoren im Mittelalter die uralte spätantik-byzantinische Legende des Heiligen Georg in altgermanischer Sprache fest. Sie übertrugen dabei nicht einfach einen Stoff von einer Sprache in eine andere, sondern schichteten Welten übereinander: Sie arbeiteten biblische Motive syntaktisch und semantisch in den Text ein, verbanden Erzähltraditionen mit gelehrten Deutungsmustern und schufen so eine metaphorische Ebene, in der sich die Vorstellungswelten ihrer Zeit abbildeten.

Diese Vorstellungswelten haben sich über die Jahrhunderte selbstverständlich verändert, verschoben, ausdifferenziert. Und doch ist ihr Kern erstaunlich widerständig geblieben. In ihm sedimentieren frühchristliche Texte ebenso wie antike griechische Medizin, lateinische Rhetorik und jene symbolischen Ordnungen, mit denen Kulturen ihre Welt lesbar machen.

Was zunächst wie akademischer Käse anmutet, beginnt plötzlich sogar für englische Muttersprachler Sinn zu ergeben. Denn der Genus der Sprache ist eben keine harmlose grammatische Marotte, kein bloßes Deklinationsornament. Es ist ein komplexes, tief im Denken verankertes System, das mitprägt, wie wir uns Dinge vorstellen, wie wir Zusammenhänge ordnen und nicht zuletzt, was uns überhaupt als möglich erscheint. Gerade dort, wo Sprache alt, widersprüchlich und symbolisch aufgeladen ist, zeigt sich, dass sie nie nur Mittel zum Zweck war, sondern immer auch ein Speicher kultureller Imagination.

Zunächst einmal stößt man auf eine Fülle von Einsichten, die weit jenseits des Alltagswissens liegen und doch Erstaunliches über Sprache selbst verraten. Etwa über den Unterschied zwischen Vollkommenheit und jenen Sünderheiligen, deren Heiligkeit gerade nicht aus makelloser Reinheit, sondern aus der dramatischen Überwindung von Schuld hervorgeht. Oder darüber, was die Brustmarter der heiligen Agatha und Alexandra mit Vorstellungen von Männlichkeit zu tun haben könnte. Oder weshalb die Beizjagd als Schnittstelle von Herrschaftssymbolik und vormoderner Biologielehre erscheint.

Solcherlei gelehrte Nebenpfade haben etwas ungemein Reizvolles. Sie wirken zunächst wie kuriose Randnotizen, als akademische fun facts mit leichter Neigung zum Exzess, erweisen sich bei näherem Hinsehen jedoch als Belege für den kaum erschöpflichen Reichtum sprachlicher und kultureller Überlieferung. Denn in diesen Begriffen, Bildern und Erzählfiguren steckt stets sehr viel mehr, als ihr heutiger Gebrauch vermuten lässt: Weltwissen, Körpervorstellungen, Machtordnungen, religiöse Deutungssysteme, antike Naturlehre und jurisprudenzielle Traditionen.

So betrachtet sind diese scheinbaren Kuriositäten weit mehr als bloße Gelehrsamkeitsornamente. Sie führen vor, wie ungeheuer viel Ballast (im besten Sinne) Sprache mit sich herumschleppt: Theologie, Herrschaft, Körperbilder, Naturwissen, Moral, Mythos. Jedes Wort ist älter, dichter und anspielungsreicher, als der heutige Alltag ahnt. Man sagt etwas – und sagt stets sehr viel mehr mit, als man beabsichtigt.

Aber all das sind, bei aller Faszination, eher die funkelnden Nebenadern des Textes. Der eigentliche Kern liegt an anderer Stelle: in dem Versuch, die Funktion von Geschlecht in der Sprache freizulegen – nicht als beiläufige grammatische Kategorie, sondern als tief eingelassene Struktur, die Denken, Wahrnehmen und Erzählen gleichermaßen formt.

Geschlecht als Grammatik einer subjektiven Wahrheit

Einen ebenso kühnen wie produktiven Zugriff entfaltet Peter Somogyi, wenn er den ersten Korintherbrief als Transposition von Platons Höhlengleichnis liest. Was zunächst wie eine gelehrte Volte erscheint, entpuppt sich als methodischer Schlüssel: Sprache wird hier nicht nur als Medium, sondern als Erkenntnisraum begriffen, in dem Sichtbarkeit, Wahrheit und Ordnung überhaupt erst hergestellt werden. In dieser Perspektive orientiert sich die Studie erkennbar an Niklas Luhmann, dessen Denken auf Differenz, Ordnung und systemische Geschlossenheit zielt. Umso interessanter ist, dass der untersuchte Stoff selbst immer wieder Momente der Verschiebung, Öffnung und prekären Neuformierung freilegt – also gerade jene Unruhe, die sich nicht restlos in geschlossene Ordnungen bannen lässt. Dass Peter Sloterdijk für die Moderne später ebenfalls Bilder fragiler, instabiler und sich permanent neu formierender Räume entworfen hat, wird hier zwar nicht eigens theoretisch angeschlossen, liegt als gedankliche Parallele jedoch nahe.

Hinzu tritt, fast wie ein semantisches Sezierbesteck, die Figurensemiotik eines Roland Barthes, mit deren Hilfe sich zeigen lässt, wie Figuren nicht nur handeln, sondern Bedeutungen tragen, verschieben und verdichten. In diesem Spannungsfeld wird der Unterschied zwischen grammatischem Genus und semantischer Kohärenz sichtbar: Das eine ordnet, das andere muss Sinn erzeugen – und nicht selten geraten beide in produktive Widersprüche. Gleichzeitig insistiert der Text auf der Materialität des Sexus, auf der körperlichen Einschreibung von Differenz, die sich nicht ohne Weiteres in sprachliche Kategorien überführen lässt, und konfrontiert dies mit den „Idiomata“ des Lateinischen, jenen eigensinnigen Ausdrucksweisen, in denen sich Weltauffassung sedimentiert.

Die Argumentation greift dabei weit aus: von Thomas von Aquin und der Frage nach freiem Willen und dem Bösen über Platons Ontologie bis hin zu Hippokrates und der Vier-Säfte-Lehre, in der körperliche Dispositionen und geschlechtliche Zuschreibungen enggeführt werden. Was sich hier abzeichnet, ist kein harmloses Nebeneinander von Ideen, sondern eine lange Traditionslinie, in der sich eine physische wie intellektuelle Inferiorisierung von Frauen herausbildet – und in der Sprache ihre prägnanteste, weil dauerhafteste Form findet.

Besonders spannend wird es dort, wo Grammatik selbst beginnt, die Tiefenstruktur der Erzählung zu organisieren: Wenn der von Georg getötete silenische Drache und Dacian, der römische Kaiser und Gegenspieler des Heiligen, sprachlich aufeinander bezogen und in ihrer Funktion beinahe gleichgesetzt werden. Die Analogie entsteht dabei weniger aus der Handlung als aus der Sprache selbst. Und dann genügt plötzlich eine einzige Figur, um das ganze Gefüge zu verrücken. Mit Alexandra, der Frau des Kaisers, bricht das Weibliche in den bis dahin streng männlich codierten Macht- und Glaubenskampf zwischen Dacian und Georg ein. Nicht als Versöhnung, wohl aber als Verschiebung. Indem Alexandra sich durch Georgs Darlegungen bekehren lässt, öffnet sich die starre Konfrontation zwischen Herrscher und Märtyrer für Einfluss, Nähe, Bekehrung und emotionale Bindung. Der Konflikt verschwindet nicht; er wird nur anders lesbar – nicht mehr allein als Kampf zwischen Macht und Glauben, sondern auch als Drama, in dem das Weibliche dem Geschehen eine andere, weichere und zugleich folgenreiche Dynamik einschreibt.

So entsteht das Bild einer Sprache, die nicht nur benennt, sondern ordnet, hierarchisiert, verbindet, und damit weit mehr über die Welt verrät, als ihre Oberfläche zunächst preisgibt.

Die anhaltende Anziehung des Heiligen

Die Aura des Heiligen scheint, so möchte man meinen, bis heute auf eigentümliche Weise ansteckend zu sein. Figuren wie Mutter Teresa üben noch immer eine Faszination aus, die längst nicht auf gläubige Milieus beschränkt ist. Gerade daran lässt sich ermessen, dass sakrale Texte im Mittelalter eine gänzlich andere Funktion hatten als jene, die wir ihnen heute gern zuschreiben. Sie waren nicht nur Frömmigkeitsliteratur, sondern ebenso praktische Orientierungshilfen, moralische Handreichungen, gelehrte Wissensspeicher, mitunter beinahe so etwas wie Lebensratgeber.

In Verbindung mit der philologischen Rekonstruktion der Gendersemiotik wird Somogyis Studie gerade darin spannend und, über den historischen Gegenstand hinaus, auch für gegenwärtige Debatten relevant. Sie zeigt, wie tief Vorstellungen von Geschlecht, Körper, Ordnung und Sinn in sprachlichen Strukturen eingelassen sind und wie lange solche Codierungen kulturell nachwirken.

Nur stellt sich unweigerlich die Frage, an wen sich dieses Buch eigentlich richtet. Seine idealen Leserinnen und Leser dürften in altgermanischen Dialekten einigermaßen sattelfest sein, denn Übersetzungen werden nicht durchgehend mitgeliefert. Für ein breiteres Publikum gerät der Diskurs daher stellenweise allzu tief in philologische Nischen. Wer nicht bereits mit vormodernen Sprachwelten vertraut ist, wird die Materie vermutlich als ebenso herausfordernd wie langwierig empfinden.

Am Ende bleibt eine Studie, die nicht auf leichte Lesbarkeit zielt, sondern auf begriffliche Präzision und historische Tiefenschärfe. Das macht sie mitunter sperrig, aber eben auch erkenntnisreich. Wer sich auf ihre philologischen Verästelungen einlässt, gewinnt einen dichten und erhellenden Blick auf die Verschränkung von Sprache, Geschlecht und kultureller Imagination. Für ein breiteres Publikum dürfte das Buch dennoch zu spezialisiert sein. Doch vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Pointe: Es erinnert daran, dass Ungleichheit, Exklusion und Unterdrückung keine modischen Aufregerthemen, sondern historisch tief eingelagerte Strukturen sind. Wer darauf mit dem reflexhaften Einwand reagiert, gegenderte Sprache sehe bloß lächerlich aus, betreibt nicht Sprachkritik, sondern Kulturpopulismus. Ein Medium von der Komplexität und Tiefe der Sprache hat eine klügere Debatte verdient.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Peter Somogyi: Heiligkeit, Böses und das Mosaik der Geschlechter. Zur Gendersemiotik in Georgslegenden des 15. Jahrhunderts.
Transcript Verlag, Bielefeld 2025.
654 Seiten, 59,00 EUR.
ISBN-13: 9783837678420

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