Toxische Hassliebe
Laura Dürrschmidts Roman „Sommer der schlafenden Hunde“ thematisiert eine schmerzhafte Hassliebe
Von Peter Mohr
„Es ist eine Liebesgeschichte. Mich hat an Liebesgeschichten immer die finstere Seite interessiert. Niemand kann sich gegenseitig so viel antun wie Menschen, die sich lieben“, hat die 1994 in Seligenstadt am Main geborene Autorin Laura Dürrschmidt, die 2021 mit Es gibt keine Wale im Wilmersee ihr literarisches Debüt vorlegte, über ihren neuen Roman erklärt.
In Sommer der schlafenden Hunde haben wir es allerdings mit einer alles andere als konventionellen Liebesgeschichte zu tun. Stattdessen erleben wir einen Horror-Ritt durch die Tiefen menschlicher Abgründe – schonungslos und schmerzhaft. Die Handlung beginnt mit dem blutigen Tod eines Hundes. Die junge Lena hat den von ihrer Großmutter übernommenen Hund Laika getötet, ohne jede Gefühlsregung. „Sie hat es verdient!“
Fortan nennt sich Lena (nach dem getöteten Hund) selbst Laika. Die Tat scheint also doch Folgen hinterlassen zu haben. Einst wurde das Mädchen von der noch jungen Mutter bei der Großmutter zurückgelassen. Sie durchlebte eine freudlose Kindheit und wurde in einer Jugend-Clique sozialisiert, deren Regeln darin bestanden, alle gesellschaftlichen Normen zu missachten. Laikas wichtigste Bezugspersonen sind Trice, eine cool gezeichnete Figur und die in deren Schatten stehende Sascha – eine geheimnisvolle, mit einer (anscheinend angeborenen) natürlichen Autorität ausgestattete und skrupellose Strippenzieherin mit einem ausgeprägten Talent zur Manipulation. Nach dem Schulwechsel gerät Laika durch eine Theatergruppe immer stärker in den Dunstkreis der beiden Mädchen und einiger Jungen, die aber über den Komparsenstatus nicht hinaus gelangen.
Prügeleien, Beleidigungen und der Kampf um Anerkennung dominieren den Alltag am Rande der Gesellschaft. Die Exzesse werden immer heftiger und enden schließlich in Saschas Tod. „Menschen sind nur so mächtig, wie wir sie machen. Sascha hatte alle Macht der Welt.“ Saschas Tod schweißt Laika und Trice noch stärker zusammen, und sie isolieren sich fast völlig von der Außenwelt.
„Nicht zu wissen, wo die Grenzen verlaufen, oder es doch zu wissen, und sie trotzdem zu überschreiten, einfach, weil man es muss. Weil man es nicht anders kennt“, heißt es über Laika und Trice. Wir erleben einen kaum zu bändigenden Gedankenstrom der Protagonistin, losgelöst von Raum und Zeit – offensichtlich nur der eigenen Intuition und den verletzten Gefühlen folgend. Es geht vor allem um unterdrückte Ängste, Eifersucht, Missgunst, Wut, Hass und lesbisches Begehren. “Hassliebe, hat Trice mal gesagt. Ich hassliebe dich mehr als mein Leben.“
Sommer der schlafenden Hunde thematisiert völlig disparate Gedanken, ständige emotionale Wechsel, Selbstbefragungen, die bis über die Schmerzgrenze hinausgehen und die vergebliche Suche nach emotionaler Balance. Die Suche bleibt erfolglos, am Ende bleibt ein Zustand der Unsicherheit – mit einem schwachen Licht am Ende des dunklen Tunnels. Auf der letzten Seite heißt es: „Wir träumten von Küssen und Schlägen und Umarmungen und Tritten., und alles fühlte sich für uns gleich an. Wir hatten einander erfolgreich verschlungen.“ Schwere Kost, aber dennoch reizvoll.
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