Die Zeit läuft ab

Mit „Der Tag des Skorpions“ schickt der südafrikanische Autor Deon Meyer seinen Ermittler Bennie Griessel zum zehnten Mal in ein explosives Abenteuer

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Endlich sind sie rehabilitiert. Aus den degradierten und strafversetzten Kapstädter Elite-Polizisten Bennie Griessel und Vaughn Cupido, einst erfolgreich für die „Valke“ (Südafrikas Spezialeinheit für organisierte Kriminalität, Wirtschaftsdelikte sowie Korruption und andere schwere Verbrechen) unterwegs, sind wieder Captains geworden. Allerdings arbeiten sie immer noch bei der Polizei in Stellenbosch, der mittelgroßen Universitätsstadt knapp 50 Kilometer nordöstlich von Kapstadt. Hier, wo über 30.000 Studierende den Lebensrhythmus entscheidend mitbestimmen, geht es verbrechensmäßig etwas ruhiger zu als unten am Kap. Trotzdem, das haben die letzten beiden Romane des südafrikanischen Bestsellerautors Deon Meyer gezeigt – auf Deutsch unter den Titeln Todsünde (2021) und Die Stunde des Löwen (2023) erschienen –, hat man sich auch abseits des Kapstädter Trubels nach anfänglichen Schwierigkeiten, mit den Stellenboscher Kolleginnen und Kollegen warm zu werden, bei der Aufklärung höchst komplizierter Fälle bewährt.   

Der Tag des Skorpions, Meyers zehnter Griessel-Thriller, startet allerdings mit einem kurzen Kapitel weit entfernt von sämtlichen südafrikanischen Schauplätzen: mitten in Moskau. Dort bereitet sich im Metropol-Hotel eine Frau auf ein geschäftliches Treffen mit russischen Partnern vor, deren Freundlichkeit ihr gegenüber seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs nicht mehr ganz so ausgeprägt ist. Und es stellt sich die Frage: Wird sie von den sechs Männern, die so plötzlich wie uneingeladen ihr Hotelzimmer stürmen, getötet oder entführt? Statt eine sofortige Antwort zu geben – sie erfolgt erst gute 400 Seiten später und erhellt ein paar bis dahin ungeklärte Zusammenhänge –, wechselt der Roman nach diesem Prolog zunächst Schauplatz und Zeit und nimmt seine Leserinnen und Leser mit in die unmittelbare Gegenwart, und auf eines der vielen Weingüter bei Stellenbosch.

Dort schaut sich Vaughn Cupido gerade missgelaunt – als höherrangiges Mitglied der Sondereinheit für Schwer- und Gewaltverbrechen der Kripo Stellenbosch fühlt er sich ein wenig fehl am Platze – die rauchenden Überreste einer alten Schäferhütte an. Soll er, der in der Regel mit seinem weißen Freund und Kollegen Griessel gefährliche Mörder jagt, sich jetzt tatsächlich um eine lapidare Brandstiftung, wahrscheinlich nicht mehr als den Racheakt eines entlassenen Angestellten, kümmern? Und waren wirklich unbekannte Flugobjekte im Spiel, die man auf dem Guts gehört und gesehen haben will?

Aber Cupido ärgert sich umsonst. Denn schon bald kommen zu dem Brandanschlag auf die historische Schäferhütte andere Ereignisse hinzu, die nach und nach feine Verbindungen miteinander erkennen lassen und schließlich – Deon Meyer ist ein Meister im Verknüpfen von Erzählsträngen –, so harmlos alles auch begonnen hat, auf ein fulminantes Finale hinauslaufen.

Dazu zählt zunächst der Tod des Privatdetektivs Brendan Maarman, einst Polizist und Kollege Vaughn Cupidos, der mit diesem immer noch lose befreundet war, auch wenn man sich nicht mehr so häufig sieht wie früher. Zunächst als tragischer Unfall eingeschätzt, wurde Maarman in der Garage seines Hauses, in der er seinem Hobby, dem Aufarbeiten alter Autos und ihrem anschließenden Verkauf, nachging, zerquetscht unter einem BMW gefunden. Wahrscheinlich unzureichend gesichert war der radlose Wagen auf den Darunterliegenden gefallen und hatte seinem Leben ein Ende bereitet.

Doch es gibt Dinge, die Griessels und Cupidos Misstrauen wecken. Nicht zuletzt die Beobachtung eines Nachbarn, dass kurz vor Maarmans Tod noch zwei Unbekannte den Detektiv aufsuchten – es waren wohl die Letzten, die ihn lebend sahen und die er offensichtlich auch in seine Garage mitnahm –, lässt die Polizisten an der Unfall-These zweifeln. Denn wieso sollte ein Mann, der bei Freunden wie Kollegen für seine akribische Art in allen Dingen bekannt war, derart nachlässig sein, wenn die eigene Sicherheit auf dem Spiel stand? Wer also hatte ein Interesse daran, Brendan Maarman auszuschalten? Welchem gefährlichen Geheimnis war der Detektiv auf die Spur gekommen?

Doch auch mit dem Fall der abgebrannten Schäferhütte müssen sich Griessel und Cupido ziemlich bald noch einmal beschäftigen. Denn auf dem in der Nähe gelegenen Weingut einer landesweit bekannten Schauspielerin gibt es ein Todesopfer: Als ein dort abgestellter Wohnwagen durch eine Explosion zerstört wird, stirbt der um 20 Jahre jüngere Schauspielkollege und Geliebte der gefeierten Aktrice. Und erneut beunruhigen die Polizisten Zeugenaussagen, die eine Art Ufo erst gehört und dann gesehen haben wollen. Dieses habe einen Feuerblitz abgeschossen, der den Wohnwagen traf und explodieren ließ.

Phantasien Leichtgläubiger nach dem Konsum von Revolverblättern und Fernsehserien aus der Mystery-Abteilung? Oder ein Racheakt aus Eifersucht des Ehemanns der Schauspielerin, der als steinreicher Händler mit Jagdutensilien von der waidmännischen Kleidung bis zum Präzisionsgewehr über die Mittel verfügte, nicht nur eine Bombe zu bauen, sondern diese auch mithilfe einer Drohne zu jedem gewünschten Ziel zu transportieren? Dass es sich bei dem unbekannten Flugobjekt tatsächlich um eine Drohne handelt, zeigen im Übrigen Funde, die die Spurensicherung in der Nähe des zerstörten Wohnwagens macht.

Mit Der Tag des Skorpions untermauert der 1958 im südafrikanischen Paarl geborene und heute mit seiner Frau in Stellenbosch lebende Deon Meyer seinen Ruf, zu den besten Spannungsautoren seines Landes zu gehören, ein weiteres Mal. Was beim zehnten Abenteuer seiner beiden Ermittler – des Weißen Bennie Griessel und seines Schwarzen Kollegen Vaughn Cupido, beide mit komplett unterschiedlichen Erfahrungen aus dem Zeitalter der Apartheid in ihr neues Leben aufgebrochen – zunächst wie ein Routinefall mit einem übersichtlichen Kreis an Verdächtigen und der Gewissheit, aus diesem schnell den Täter herauspicken und in Gewahrsam nehmen zu können, aussieht, entwickelt sich schließlich doch noch zu einem Rennen gegen die Zeit. Denn in Stellenbosch bereitet man gerade eine internationale Sicherheitskonferenz vor. Und die Hinweise verdichten sich, dass ein Anschlag bevorstehen könnte.

Wie in allen seinen vorhergehenden Romanen hat Deon Meyer auch in Der Tag des Skorpions eine spannende Geschichte, relativ harmlos beginnend, aber ziemlich schnell größere Dimensionen annehmend und damit auch die politischen Konstellationen im gegenwärtigen Afrika berührend, mit den privaten Freuden und Kümmernissen seiner beiden Protagonisten verbunden. Zur Sprache kommen dabei der Kampf unterschiedlicher Interessensgruppen um reichhaltige Vorkommen an Bodenschätzen, die Rolle der BRICS-Staaten in der gegenwärtigen Welt sowie der Einfluss Russlands über die ehemalige Wagner-Gruppe auf einzelne afrikanische Staaten und deren Politik.

Geschickt eingestreut in das Buch und kursiv hervorgehoben, machen Teile eines Zeitungsinterviews mit Bennie Griessel noch einmal deutlich, woher Meyers Held einst kam und was er hinter sich lassen musste, um zu dem unbestechlichen Polizisten zu werden, der er geworden ist. Kreisten die letzten Bücher vor allem um die Entwicklung des Verhältnisses zu Griessels zweiter Ehefrau, der Sängerin Alexa Barnard – beide sind inzwischen trockene Alkoholiker –, so sind es dieses Mal seine beiden Kinder aus erster Ehe, ein Sohn und eine Tochter, um deren Anerkennung er – nach Jahren der Kontaktlosigkeit – inzwischen erfolgreich kämpft. Sie hatten sich beide nach Griessels alkoholischen Exzessen und der Scheidung von ihrer Mutter vom Vater abgewandt. Und es sieht ganz so aus, als könnte er nach seiner Tochter Clara auch seinen Sohn Fritz wieder für sich gewinnen.

Titelbild

Deon Meyer: Der Tag des Skorpions. Ein Bennie-Griessel-Thriller.
Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer.
Rütten & Loening Verlag, Berlin 2026.
21.5 cm, 1 g, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783352010262

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