Aus der Welt des Scheins zurück in die des Seins

Gerhart Hauptmanns „Phantom“ ist mehr als nur eine Hochstaplergeschichte

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hochstapler sind in der Literatur der Moderne ein beliebtes Thema. Sie täuschen eine andere Existenz – nicht nur einen sozial höheren Rang – vor, den ihnen die Wirklichkeit versagt hat. Am bekanntesten sind wohl Felix Krull in Thomas Manns Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull (entstanden 1910/13 und 1950/54, erschienen 1954), Franz Biberkopf in Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929) oder auch der Schuster Wilhelm Voigt in Der Hauptmann von Köpenick (1931) von Carl Zuckmayer – sie halten gewissermaßen den Widersprüchlichkeiten der Zeit den Zerrspiegel vor. Aber ganz unterschiedlich sind ihre Motivationen. Thomas Mann lässt Krull vom betrügerischen Hochstapler zum fast exemplarischen Lebenskünstler werden. Wie ein Schauspieler agiert Krull auf der Bühne des Lebens, die Gesellschaft ist für ihn nur Kulisse – und er glaubt entsprechend über sie verfügen zu können. Franz Biberkopf, der „kleine Mann“, will zwar nach seiner vierjährigen Gefängnishaft „anständig“ bleiben, er scheitert aber am harten Leben im Berlin der ausgehenden Weimarer Republik, wird zerrissen zwischen dem Wunsch nach bürgerlicher Existenz und den Gefahren der Unterwelt. Der Schuster Wilhelm Voigt dagegen möchte eigentlich nur arbeiten dürfen. Dazu braucht er aber einen Pass. Den hofft er sich durch seinen Coup in der Hauptmann-Uniform im Rathaus Köpenick besorgen zu können – und wird dabei abermals ins Gefängnis kommen. Doch durch diese wirklich stattgefundene Köpenickiade ist das wilhelminische Kaiserreich zum Gespött geworden.

Gerhart Hauptmann wiederum erzählt in dem 1915-1921 entstandenen und 1922 veröffentlichten Roman Phantom mit dem Untertitel Aufzeichnungen eines ehemaligen Sträflings aus der Rückschau die Geschichte einer obsessiven Liebe, die zu Betrügerei und Hochstapelei und deshalb zur Gefängnishaft geführt hat. Lorenz Lubota, ein unscheinbarer, hinkender Breslauer Magistratsschreiber, ist vom Anblick der 13jährigen Veronika Harlan aus einer sozial höher gestellten Familie so hingerissen, dass ihn seine Gefühle um jede Vernunft und jeden Verstand gebracht zu haben scheinen. Er kündigt seine armselige Stellung, gibt sich als erfolgversprechender Dichter aus, bringt mit seinem Kumpan Wigottschinski, der auch Lorenz‘ Schwester Melanie zur Prostituierten macht, seine Tante Helene Schwabe, eine höchst zwielichtige Pfandleiherin, mit falschen Versprechungen um ihr Geld. Der Gipfel seines Wahns ist, dass er bei den völlig überraschten Eltern der von ihm angebeteten Veronika erscheint – er hat mit ihr bisher noch kein einziges Wort gewechselt –, um seine „Verlobung“ mit der inzwischen 16-jährigen Tochter zu verhandeln. Es ist dann die resolute Doppelgängerin Melitta – sie sieht tatsächlich Veronika verblüffend ähnlich –, die Lubota die Liebe schenkt, die er sich erträumt hat. Aber auch Lubotas unrechtmäßig erworbenes Geld vermag sie geschickt für sich und ihre Mutter  zu verwenden. Als ein Einbruch bei der Tante erfolgt, den diese entdeckt und mit dem Tod bezahlen muss, ist Lorenz zwar nicht Mittäter, aber doch Mitwisser der kriminellen Untat und kommt ins Gefängnis. Hier nun erfolgt seine Umkehr und er lebt nun nach seiner Entlassung – von den Zwängen
anscheinend befreit – an der Seite von Marie, der Tochter des Buchbinders Starke, die auch in der Zeit seiner Irrungen und Wirrungen an ihn geglaubt hatte, ein Leben in Zufriedenheit. und mit Unterstützung ihres Vaters, des Buchbinders Starke, die auch in der Zeit seiner Irrungen und Wirrungen an ihn geglaubt hatten, ein Leben in Zufriedenheit, einen Roman über sein Leben schreibend.

Lubota hat seinen schattenhaften Doppelgänger hinter sich gelassen. Mit der Kraft des Blitzes ist die Erleuchtung über ihn gekommen, die ihn aus dem Dunkel gehoben hat. Statt Reueempfindungen und Selbstvorwürfen beginnt er ein neues Leben als „Seiender“, „Lebendiger“ – in einem bescheidenen, aber selbstbestimmten Dasein. So will es uns der Autor vermitteln.

Vor dem Buchdruck war der Roman Phantom in neun Folgen in einer Illustrierten erschienen. Das und der im Erscheinungsjahr des Romans 1922 auf Phantom basierende und in die Kinos gekommene gleichnamige Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau sicherte Hauptmanns Werk zwar eine gewisse Breitenwirkung. Von der Kritik wurde es jedoch in die Unterhaltungsliteratur eingestuft. Dabei ist Lubotas Geschichte nicht nur die Geschichte einer „amour fou“, einer obsessiven, verhängnisvollen Liebe, mit einem Dreiecks-, hier eigentlich Vierecks-Verhältnis (Lorenz im Verhältnis zu Veronika, Melitta und Marie, sondern auch eine Kriminalstory. Sie hat eine psychologisch hintergründige Konstellation und stellt eine Studie über die Situation des deutschen Kleinbürgers nach dem Ersten Weltkrieg, sein gestörtes Realitätsverhältnis, sein Schwanken, sein Hin-und-her-Gerissen-Sein dar.

An der Staupsäule vor dem Alten Rathaus auf dem Großen Ring in Breslau – einst diente sie als Pranger für öffentliche Bestrafungen – findet die erste Begegnung Lubotas mit dem „betörend schönen Kind“ Veronika statt und die Staupsäule wird zum Symbol des Romans. Hauptmann greift in Phantom auf eigene Erlebnisse aus seinen einstigen Breslauer Studienjahren und seine Begegnungen mit Frauen zurück. 1861 hatte er sich heimlich mit der wohlhabenden 21-jährigen Kaufmannstochter Marie Thienemann verlobt, die ihm dann finanzielle Sicherheit für seine Existenz als Schriftsteller ermöglichte. Während ihrer Ehe begann er 1893 eine Beziehung mit der 18-jährigen Schauspielerin Margarete Marschalk, die bei ihrer ersten Begegnung 14 Jahre alt war. Die Situation wiederholte sich 1905, als er mit Margarete in zweiter Ehe verheiratet war und die 16-jährige Schauspielerin Ida Orloff seine Geliebte wurde. Hat Hauptmann hier eigene Erfahrungen in verfremdeter Weise zu bewältigen versucht? Es geht wohl zu weit, in Marie Starke das Konterfei von Marie Thienemann erkennen zu wollen. Aber Hauptmanns Beziehungen zu Ida Orloff mögen durchaus Impulse für die obsessive Leidenschaft Lubotas gegenüber Veronika gegeben haben.

Doch die brave Zufriedenheit, die Lorenz Lubota schließlich an der Seite von Marie erfüllt, ist wohl zu dünnhäutig, um sie als Alternative zu seinem bisherigen turbulenten, verwirrten Leben wahrnehmen zu können. Dieser genügsame, kleinbürgerlich anmutende Schluss überzeugt nicht so recht, während man Lubotas Jahre der Irrungen und Wirrungen doch mit ziemlicher Spannung verfolgt. Dem Erlebnis des Dionysischen, dem antiken Kult der Sinnenfreude, der Flucht in eine Phantasiewelt war der Autor mitunter erlegen, auch wenn er dann immer wieder in die Welt realistischer Beobachtung zurückkehrte. So lässt er auch die Leidenschaft in sowohl elementarer als auch irrationaler Form in das bisher eintönige Leben Lubotas einbrechen und steigert sie bis zum Wahnsinn. Ein Meisterstück ist wieder das Nachwort von Stefan Rohlfs, das die unterschiedlichen Aspekte der Lektüre kurz und bündig erörtert. Der Roman Phantom gehört wohl wirklich nicht zu den Meisterleistungen Hauptmanns. Wem aber über die Kriminalgeschichte hinaus an dem wie ein dämonisch-dionysischer Einbruch anmutenden Konflikt Lubotas im damaligen Breslauer Zeitkolorit gelegen ist, der wird das Buch keineswegs enttäuscht aus der Hand legen.

Titelbild

Gerhart Hauptmann: Phantom. Aufzeichnungen eines ehemaligen Sträflings.
Quintus-Verlag, Berlin 2025.
160 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783969821084

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