Abgründe ohne echte Tiefe
Jürgen Schlusnus erzählt in “Der Rückwärtsläufer und andere ausweglose Fälle” zwölf Geschichten von Todesahnungen, misslingenden und gelungenen Annäherungen
Von Hermann Rotermund
Die Personenensembles der zwölf Erzählungen des Bandes sind überschaubar. Einige Figuren kommen mehrfach vor: Ein Maler namens Anthon, eine Malerin namens Chris, ein Erzähler namens Alex. Die Orte der Handlung liegen mehrmals in Norddeutschland, in der Nähe von München oder im Tessin, und auch Florenz kommt zweimal vor. In den Geschichten selbst geht es auffällig oft um den Tod, um Depressionen in verschiedenen Spielarten und manchmal um verschobene Realitätswahrnehmungen. Nur in einer Geschichte gibt es eine Wende zum Positiven, eine sich andeutungsweise erfüllende Hoffnung.
Die Titelgeschichte “Der Rückwärtsläufer” handelt von Teilnehmern an einem Marathonlauf. Der Protagonist Philip landet in einem Hotel, dessen automatisiertes Check-in-System ihn überfordert. In seinem Zimmer, das er endlich erreicht, liegt bereits ein Mann im Bett, der ihm erzählt, dass er den Marathon rückwärtslaufend bestreiten wolle. Seltsamerweise weiß dieser Mann alles über Philip, sogar etwas über seine Zukunft. Noch eigentümlicher ist ein surreales Ereignis am nächsten Morgen im Frühstücksraum des Hotels. Der nächtliche Bettgenosse sitzt mit zwei jungen Frauen an einem Nebentisch. Beim nächsten Hinschauen, Sekunden später, betritt der Mann jedoch erst den Raum, nähert sich dem Tisch und nimmt Platz. Er hat ausdruckslose Augen und scheint von einer der beiden Frauen – wohl seiner Tochter – mit Lippenbewegungen „gesteuert“ zu werden. Der Mann nennt diese junge Frau „Mattu“, und Mattu spricht ihn als „Philip“ an. Handelt es sich um einen zweiten Philip oder um eine zukünftige Inkorporation des Protagonisten? Jedenfalls wird an dieser Stelle die Absicht des Autors deutlich, mit der Figur des Rückwärtsläufers ein Spiel mit Identitäten und der Zeit zu treiben. Beim Marathonlauf selbst setzt sich das Spiel fort. „Änderst du die Laufrichtung, ändert sich alles.“ Dieser Zuruf des alten an den jüngeren Philip, der nun auch das Rückwärtslaufen probiert, wird allerdings inhaltlich und vor allem in der Form der Erzählung nicht eingelöst. Die Parole hat keine Auswirkungen auf die Erzählstruktur. Diese bleibt linear, wie bei allen anderen Texten des Bandes auch.
Der Erzählung “Die Verlobung am Starnberger See” ist ein Motto vorangestellt, angeblich „nach Homer“. Es ist allerdings Neugriechisch, und übersetzt lautet es: „Das Böse verursachte den Göttern große Qualen. Doch der Teufel selbst ist ohne Reue.“ Nun gibt es bei Homer keinen Teufel, und das absolut Böse ist eine jüdisch-christliche Erfindung. Allerdings, woher auch immer es stammt, das Zitat passt zu dieser Geschichte und ihrem brutalen Ende. Jakob kommt in einer Stadt an, in der er das wahre Leben erfahren möchte. Für ihn ist jedoch der Tod „die einzige Faszination des Lebens“. Diese Faszination hängt offenbar damit zusammen, dass Jakob ein nicht näher charakterisierter „ER“ als Schatten anhängt. „ER“ löst sich im Verlauf der Erzählung von der Jakob-Identität ab und wechselt über zu Adrian, einem jungen Mann mit Todesgedanken, den Jakob buchstäblich an die Hand nimmt und betreut. Adrian hat eine unglückliche Beziehung zu Bela, die wiederum mit dem Maler Anthon liiert ist. Am Ufer des Starnberger Sees kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung. Adrian stellt Bela zur Rede und versucht dann, sie zu vergewaltigen. Sie reißt sich los, aber ihre Flucht misslingt. Jakob filmt das alles mit mehreren Kameras aus einiger Entfernung und verlässt den Schauplatz gemeinsam mit Adrian. Der oder das „Böse“ ist in der Geschichte eindeutig präsent, aber ob Adrian seine Tat bereut, ist aufgrund des abrupten „filmischen“ Endes offen.
Der Autor Jürgen Schlusnus lebt selbst, wie einige seiner Figuren, zwischen Lüneburger Heide und Teufelsmoor in einer dörflichen Umgebung und ist aktiv in der Literaturvermittlung. Einige Erzählungen sind schon im Selbstverlag erschienen, der vorliegende Band ist der erste von einem Verlag herausgebrachte. Den Texten sind die Leseerfahrungen des Autors anzumerken, auf die er auch teilweise in einer „Danksagung“ Bezug nimmt – unter den dort genannten zwölf Personen leben allerdings nur noch zwei. Einige Geschichten sind kaum verkappte Nacherzählungen, wie “Die Reise nach Florenz”, die E. M. Forsters A Room with a View variiert.
Das Stilbewusstsein, das Schlusnus durchaus hat, ist an den realistischen Schreibweisen des 19. Jahrhunderts orientiert. Das muss nicht als Vorwurf gelesen werden, denn Schlusnus gelingt es in einigen Texten, mit den Instrumenten des linearen Erzählens Spannung aufzubauen und Empathie entstehen zu lassen. Die Linearität und der Realismus werden manchmal durch surreale Aufschichtungen verunsichert. In der Erzählung “Abschied” bleibt den Leserinnen und Lesern die Entscheidung überlassen, ob die Frau des Malers Anthon tatsächlich gestorben ist oder ob es sie etwa nie gegeben hat und Anthon Tagträumen folgt. Wie lässt sich da der Grabstein einordnen, auf dem er seinen Namen und den seiner Frau Candela sieht?
Der Tod zieht sich als explizites oder kaum verdecktes Thema durch viele der Geschichten. Einige Figuren können als Todesboten interpretiert werden. Hin und wieder werden auch Krankheiten erwähnt, aber sie spielen als solche für die Handlung keine Rolle.
Die Beziehungen der Geschlechter sind sehr traditionell geprägt, streng genommen könnten den Charakterisierungen der Frauenfiguren sexistische Züge zugeschrieben werden – und das nicht nur dort, wo der männliche Blick ein Thema ist, wie in der Geschichte “Zwischen den Zeiten”. Diese wird von einem Mann, Alex, erzählt, der auf einer langen Reise in einem Intercity nacheinander zwei Frauen aus nächster Nähe beobachtet und erfolg- und folgenlos versucht, sich ihnen anzunähern. Die Frauen des Autors verursachen Wirrwarr und klammern in Beziehungen, sind eifersüchtig, haben Schwierigkeiten bei der Unterscheidung von rechts und links und sind nur ausnahmsweise auch einmal schlauer als Männer. Schlusnus vermerkt dazu in einer Fußnote, in der er nicht nur mit Geschlechter-Stereotypen, sondern auch mit der deutschen Grammatik kämpft: „Es weiß ja ohnehin jeder Leser und wahrscheinlich besonders die Leserinnen, worauf es mit den beiden hinausläuft.“ Junge Touristinnen fallen dem Erzähler unangenehm durch ihre ständigen Selfies, ihre zerrissenen Hosen und ihre aufgespritzten Lippen auf. Eine der wenigen positiv gezeichneten Frauenfiguren ist die in mehreren Geschichten vorkommende Malerin Chris. Sie ist für den jeweiligen Protagonisten offenbar wichtig, aber bleibt immer im Hintergrund und auch meist in räumlicher Distanz zum eigentlichen Geschehen.
Auch die Metaphorik – vor allem die des Todes – bewegt sich in einem traditionellen Rahmen. In zwei Geschichten übernimmt eine Krähe die Aufgabe des Raben von Edgar Allen Poe und symbolisiert Endgültiges, und einmal fliegen Schwalben mit der Seele einer Verstorbenen fort.
Jürgen Schlusnus wagt zu wenig. Die Geschichten sind realistisch, ohne Gegenwärtigkeit und Welthaltigkeit zu vermitteln. Sie sind düster, aber stürzen die Leser nicht in tiefe Abgründe. Den Rätseln, die manche Realitätsverschiebungen aufgeben, fehlt die Größe. Und die Texte gehen auch formal keine Risiken ein. Die Enden, auf die sie in biederer Linearität zustreben, mögen den Autor erleichtert haben, aber wirken mitunter erzwungen.
An der Ausstattung des Buchs – Papier, Druck, Broschur – ist nichts auszusetzen, allerdings ist der Schriftgrad unnötig groß. Das könnte mit der Zielgruppe des Buchs korrespondieren, denn für jüngere Leser werden Thematik und Schreibweisen nicht sonderlich attraktiv sein.
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