Wer hätte gedacht, dass Hans Christian Andersen tatsächlich …?

Stefan Kutzenberger wartet mit einem gehaltvollen, doch stellenweise absturzgefährdeten Gedankenexperiment auf

Von Günter HelmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Helmes

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bei dem Wiener Komparatisten und Übersetzer, Erzähler und Dramatiker Stefan Kutzenberger handelt es sich den eigenen, angesichts seines beruflichen Hintergrundes wohl zu relativierenden Worten nach um einen „reine[n] Instinkt-Schreiber“. Er, der sich in besonderem Maße von Roberto Bolaño und Jorge Luis Borges beeinflusst sieht, liebe „Gedankenexperimente“ und lasse sich von einer einmal begonnenen Geschichte „treiben“ (vgl. https://literaturkritik.de/kutzenberger-jokerman-friedinger,28991.html).

Bislang ist Kutzenberger mit den drei autofiktional geprägten, u.a. ob ihres Zugleich von Realismus und Erfindungsreichtum seitens der Kritik mit viel Wohlwollen, ja Lobeshymnen aufgenommenen Romanen Friedinger (2018), Jokerman (2020) und Kilometer null (2022) sowie mit dem Theaterstück Divas im Dilemma (2024) hervorgetreten.

Mit seinem neuen Roman Die Liste der Liebenden, einer Mischung aus Brief-, historischem, biographischem und essayistischem Roman, stellt er den Rezensenten freilich vor ein so oder so mit einer Fehlentscheidung endendes Dilemma. Der nämlich muss sich entscheiden, ob er, wenn es um Figurenschicksale und insbesondere um Fiktionsstrukturen geht, die Katze aus dem Sack lassen und damit den Leser am Ende von dessen Romanlektüre um eine Hoffnung und einen erzählerischen Clou bringen will, oder ob er es vorzieht, schlafende Hunde nicht zu wecken und dafür den Autor wider besseres Wissen einer geradezu hanebüchenen erzählerischen Konstruktion zu zeihen. Freilich, wie immer er sich auch entscheidet, ganz ungeschoren kommt der Autor in keinem der beiden Fälle davon.

Doch der Reihe nach, das heißt in diesem Fall ans Buchende zunächst und zur „Nachbemerkung des Autors“. Da heißt es gleich zu Beginn mit einer gewissen Kühnheit: „Alles in diesem Buch stimmt. Gemeint ist eine literarische Wahrheit, die sich aus historischen Quellen speist. Damit wäre das Wichtigste auch schon gesagt.“

Nun ist Literatur selbstverständlich ein Medium, das eine eigene Wahrheit hervorbringt, eine, die sich allererst nicht an der Welt und den Fakten außerhalb ihrer selbst bemisst, sondern an der eigenen Stimmigkeit. Um eben diese Stimmigkeit ist es im aktuellen Roman an entscheidenden Punkten allerdings nicht durchgehend gut bestellt, wie zu zeigen wird. Vorerst aber noch weiter in der „Nachbemerkung“, die sich im Fortgang zu den historischen Hintergründen des Romans, den von ihm verwendeten Quellen und zu weiterem auslässt.

Am 13. September 1858 kommt es zu einer der „größten“ Schiffskatastrophen des vorvergangenen Jahrhunderts. Der am 23. Juni des Vorjahres zu Wasser gelassene, von Anfang an Unglück auf sich ziehende Schraubendampfer Austria der HAPAG, seit dem 1. (Hamburg) bzw. 4. (Southampton) September auf dem Weg nach dem für den 18. September anvisierten New York, gerät bei Desinfizierungsarbeiten im zahlreichen Auswanderern zugewiesenen Zwischendeck in Brand. Rasch breitet sich das Feuer über das steuerlos schlingernde Schiff aus, dessen Dampfmaschinen weiterhin arbeiten, was schließlich zu dessen Untergang führt. Nur gut 16% der Passagiere und der Besatzung können von den französischen bzw. norwegischen Schiffen Maurice und Catarina gerettet werden. Unter den Geretteten befinden sich Theodore Eisfeld, der Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, und eine „Wiener Gärtnerin namens J. Stirba“. Zu den Opfern hingegen gehören der Aktivist der Deutschen Revolution 1848/49 Alexander Friedländer, der Kapitän der Austria F. A. Heydtmann sowie – es muss leider gesagt werden – die enge Freundin Henriette Wulff des berühmten Hans Christian Andersen, eine der „weitestgereisten Frauen ihrer Epoche“.

Damit sind schon etliche der historisch verbürgten Namen gefallen, denen man im Roman neben anderen hier vernachlässigten begegnet. Wobei Wulff, von Kutzenberger „unsere Heldin“ genannt, und der sich nicht an Bord, sondern dem Roman nach in Kopenhagen befindende Andersen die Zentralfiguren abgeben.

Was die Quellen anbelangt, führt Kutzenberger u.a. zum einen solche an, aus denen er „das Material zusammengesetzt“ hat, „das den Untergang der Austria betrifft“, zum anderen jene, die die beiden Zentralfiguren betreffen. Also Biographien über Andersen, dessen „umfangreiches Werk“ nebst „Briefen und Tagebüchern“ sowie die dreibändige Ausgabe jener in die Hunderte gehenden Briefe, die Andersen und die „meist“ nur in Bezug auf ihn Erwähnung findende Wulff über Jahrzehnte hinweg gewechselt haben.

Schließlich das Weitere der „Nachbemerkung“: Mit einem gewissen Recht verwundert sich Kutzenberger darüber, dass „bislang noch kein eigener Roman über dieses damals sowohl Europa als auch die USA erschütternde Ereignis erschienen“ ist, obwohl ihm bspw. 2012 in Nantes eine weithin beachtete Ausstellung gewidmet wurde und es, so sei Kutzenberger ergänzt, als Auswandererdrama in dem populären Don Bluth-Zeichentrickfilm Feivel, der Mauswanderer (An American Tail, 1986) eine gewisse Rolle spielt. Des Rezensenten Vermutung ist, dass die Austria zumindest im 20. Jahrhundert angesichts des thematisch weitaus komplexeren, erzählerisch ungleich ergiebigeren Titanic-Stoffs nur geringe Chancen auf eine eigenständige erzählerische Verarbeitung und jedenfalls keine auf ein literarisches Blaues Band hatte.

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass auch Kutzenbergers Text kein Austria-Roman im enggeführten Sinne ist. Letztlich gibt die erzählerisch durchaus hier und da gestaltete Schiffsfahrt und -katastrophe nur den Anlass für etwas ganz anderes ab. Für die intime, geheimste Winkel vor allem erotischer Art ausleuchtende (Selbst-)Erkundung nämlich von Henriette Wulff und insbesondere von Hans Christian Andersen.

Von Andersen heißt es in der „Nachbemerkung“ denn auch, am „rätselhaftesten“ wirke „bis heute“ dessen „Sexualität. Es sei anzunehmen,

dass Andersen früh einen inneren Entschluss fasste, seine sexuelle Unschuld zu bewahren, um im Gegenzug die Welt mit dem unverstellten Blick eines Kindes wahrnehmen und literarisch gestalten zu können. Wir müssen davon ausgehen, dass er nie einen Geschlechtsverkehr vollzog.

Nun aber sozusagen vom Trockenschwimmen am Strand des Landes „Nachbemerkung“ in die zuweilen aufgepeitschten Fluten des Romans selbst.

Der besteht, so hat es den Anschein, aus Briefen – es handelt sich um jeweils 21 Briefe, wobei sie, die den Briefwechsel eröffnet, etwas mehr Redeanteil hat als er –, die Henriette Wulff und Hans Christian Andersen im stetigen Wechsel aneinander richten. Dergestalt, dass man zusehends den Eindruck gewinnt, die beiden gingen tatsächlich auf den jeweils anderen ein, führten also einen intensiven Dialog.

Allerdings ist es so, dass schon die jeweilige ‚Schreibsituation‘ nicht ungleicher sein könnte. Während nämlich der Autor Andersen in seiner „kalten Schreibstube“ hocken lässt, lässt er Wulff kurz vor Romanbeginn – der Roman besteht im Wesentlichen aus Rückblicken in „die letzten zwei Wochen“ und in weiter zurückliegende Vergangenheiten, kennt aber auch imaginierte Prolepsen – am Nachmittag des 13. September von der lichterloh brennenden Austria springen und splitternackt auf einer über Bord gegangenen Tür im Ozean treiben. In dieser lebensbedrohlichen Situation lässt er sie dann kurioser Weise beschließen – selbstverständlich geht es dabei um eine Legitimation des Romans in der vorliegenden Form –, meist ausladende, wohlformulierte Gedankenbriefe an Andersen als dem behaupteten Zentrum ihres Seins und Denkens zu richten. Gedankenbriefe, die auch vieles enthalten – „Beginnen müsste ich mit dem Teil, den Sie ohnehin zur Genüge kennen, dass mir nämlich […]“, heißt es rhetorisch geschickt schon auf der ersten Seite –, was Andersen allein angesichts ihres regen Briefverkehrs über viele Jahre längst wissen muss und was nur um unseretwillen erzählt wird. Das gilt ebenso für viel Autobiographisches, das in den Andersen-Briefen zur Sprache kommt.

Dann ist es so, dass Wulff ausschließlich am 13. und wohl noch in den ersten frühen Stunden des 14. September ‚schreibt‘, Andersen aber bis um den 20. Oktober herum (sein 14. Brief spricht von „heute“ als dem 17. Oktober). Wie sich das – erinnert sei daran, ggf. von einer hanebüchenen erzählerischen Konstruktion sprechen zu müssen – ausgeht? Nun, in ihrem letzten Brief, der damit endet, dass sie sich von der Tür „behutsam ins Wasser gleiten“ lässt und also ihrem Leben ein Ende setzt, lässt sie der Autor enthüllen, dass sie auch die vermeintlichen Briefe Andersens „verfasst“ hat:

Die Formulierungen gerieten natürlich nicht immer so geschliffen wie bei Dir großem Dichter, dafür warst Du in diesen meinen oder Deinen Briefen so ehrlich wie noch nie. Ich habe dich nicht geschont, bin tief in Dich und Deine verschrobene Welt eingedrungen, und das hat Spaß gemacht.

Nahezu der gesamte gut 190 Seiten lange Roman besteht also aus Gedankenbriefen Henriette Wulffs, die diese – das Wort erstaunlich greift hier mehr als zu kurz – in 10, 12, vielleicht 14 Stunden in Todesgefahr und mit ständigem Blick auf das brennende Schiff und um ihr Leben kämpfende Menschen erdacht haben soll. Die könnten freilich, so heißt es immunisierender Weise aus ihrem, der biographierten Biographin Mund, „husch, husch, im Kopf komponiert werden“. Nun ja …

„Spaß gemacht“. Hier spricht sicherlich der Autor, dessen mit weiteren mehr oder minder leicht durchschaubaren Erzähltricks aufwartendes Gedankenexperiment freilich offenlässt, wer den formal Andersen zugeordneten, auf den letzten Brief Henriette Wulffs folgenden und an diese adressierten „Epilog“ geschrieben hat. U.a. kündigt Andersen in diesem ein „Erinnerungsgedicht“ an seine Freundin an. Handelt es sich bei diesem „Epilog“ um die letzten Gedanken der ertrinkenden Henriette? Davon ist am ehesten auszugehen, will man nicht annehmen, dass der Autor mit einem weiteren erzählerischen Salto überraschen wollte. Diese Überraschung wäre dann allerdings ein Salto mortale, der dem beeindruckenden, atmosphärisch dichten Erzählen und Reflektieren des Autors erheblichen Abbruch täte.

Wer sich an der dergestalt doch arg klappernden Konstruktion des Romans nicht stört, den erwartet allerdings eine durchaus lohnenswerte Lektüre. Die ist zwar angesichts der Figurenanlage der doch dem 19. Jahrhundert angehörenden „Heldin“ Henriette Wulff auch nicht frei von etlichem Zweifelhaftem, da bspw., wo diese als ‚spätes Mädchen‘ in ihren Fünfzigern mit erst auf der Schiffsfahrt erworbenen Einblicken in die körperliche Liebe Andersen en detail eine ausgiebige Selbstbefriedigungspraxis zuschreibt und diese imaginiert. Doch überwiegt – Stichwort: prodesse et delectare – unterhaltsam dargebotener, häufiger nach Art des historischen Romans auch von unserer Gegenwart handelnder Gehalt von Gewicht.

U.a. geht es um das komplexe (Innen-)Leben der bislang noch nicht mit einer Biographie bedachten Henriette Wulff, um das komplizierte, bis zu den Austria-Briefen von Selbsttäuschungen und Unehrlichkeit bestimmte Verhältnis der beiden ‚Briefpartner‘, um den Wulff den Hof machenden Schiffskapitän F. A. Heydtmann, um Andersens berühmteste Märchen und deren Ausdeutung, um dessen Verhältnis zu Kierkegaard, darüber hinaus um das Vermögen und die Grenzen der verschiedenen Künste, insbesondere der Sprache und des literarischen Schreibens, um Autorschaft und zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie bspw. Alcott, Castelli, Emerson, Oehlenschläger und Thoreau, um Moral, den Leib in seinem Eigenrecht, Politik (Amerika, Österreich!), Migration, Antisemitismus, „Rechte der Frauen“, die „Abschaffung der Sklaverei“ und und und.  

Und selbstverständlich geht es um Andersen selbst, auf dessen „Eitelkeit“, „Selbstbezogenheit“ und mit gesellschaftlichen Utopien verbundener Technik-Begeisterung, auf die immer wieder angespielt wird. Im Zentrum stehen aber wie bereits angedeutet Andersens Erfahrungen mit und sein Verhältnis zu Frauen (und Männern) und zur eigenen, mit seiner Künstlerschaft in ein unmittelbares Verhältnis gesetzten Sexualität. Dabei wird Andersen, den Wulff sogar einen Rettungsversuch ihrer eigenen Person via die in ihre Schranken verwiesene Literatur unternehmen lässt, als jemand entworfen, der sich bezüglich seiner Jungfräulichkeit ein Leben lang etwas vorgemacht hat.

In diesem Zusammenhang ist eine viele Jahre zurückliegende Begegnung Andersens mit einer jungen Wienerin zentral, die sehr an Oskar Maria Grafs wunderbare Erzählung Das Spitzl aus dessen Bayerischem Dekameron erinnert. Mit dieser Begegnung kommt auch eine gewisse Hansi genannte Johanna (die historische J. Stirba) ins Spiel, die Wulff auf der Austria kennen und schätzen lernt. Mit dieser Hansi nun hat es – auch im Roman ist die Welt manchmal kleiner als man denkt – eine höchst delikate Bewandtnis, doch kann der Rezensent an dieser Stelle guten Gewissens schweigen.

Bleibt nachzutragen, dass das bereits erwähnte, den Roman beschließende „Erinnerungsgedicht“ dann tatsächlich unter dem Titel Henriette Wulff (Auf dem Dampfschiff Austria, am 13. September) erschienen ist, und zwar am 22. Oktober 1858 im Dagbladet Nr. 249. In der eher freien, wie auf Kutzenbergers Romanvorhaben zugeschnitten wirkenden Übersetzung von Verena Stauffer endet es, dessen erste und letzte Strophe gleich lauten, mit der dem Original auch mittelbar nur schwerlich zuzuordnenden Zeile „Wie lauteten deine letzten Gedanken?“

Titelbild

Stefan Kutzenberger: Die Liste der Lebenden. Roman.
Picus Verlag, Wien 2026.
208 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783711721679

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