Ein Traum ohne Nazis – und doch nah an der Wirklichkeit
Berlin, Anfang der 30er: Erik-Ernst Schwabachs wiederentdeckter Episodenroman „Bilderbuch einer Nacht“ zeigt ein Nachtleben voller Sehnsucht, Gier und flackernden Hoffnungen
Von Oliver Pfohlmann
Könnte man die Menschen beobachten und belauschen wie eine Fliege an der Wand, das pralle Leben würde einen glatt überwältigen in all seiner Komik und Tragik. Vor allem in einer flirrenden Großstadt wie Berlin, zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Zum Beispiel Anfang der dreißiger Jahre in einer nebligen Herbstnacht.
Das dachte sich auch Erik-Ernst Schwabach, einer der Vergessenen der Literaturgeschichte. In den 1920er Jahren ein Verleger und Mäzen expressionistischer Autoren, wurde der Erbe einer deutschjüdischen Bankiersfamilie von den Nazis ins Exil getrieben. Verarmt und deprimiert hatte er in London vor seinem Tod 1938 mit 47 Jahren noch einen letzten genialen Einfall. Und flüchtete sich schreibend in eine Art Traum-Berlin, ohne Nazis und Judenverfolgung. Und kam darin doch der gesellschaftlichen Wirklichkeit so nah wie sonst nur die Romane eines Alfred Döblin oder einer Irmgard Keun.
Bilderbuch einer Nacht lautet der Titel von Schwabachs Episodenroman, der ein knappes Jahrhundert lang in der Schublade schlummerte. Unglaublich, wenn man bedenkt, wie unfassbar gut dieser Roman ist: „,Nachher noch weiter?‘ / ,Natürlich noch weiter! Ich kenne eine kleine Bar …‘ / ,Das klingt ja wie eine Schlagerzeile.‘ / ,Sehr viel Stimmung; gute Kapelle; ein bißchen tanzen.‘“
Auf knapp 200 Seiten, in 40 kurzen Kapiteln, folgt Schwabach seinen Figuren von Samstagabend bis Sonntagmorgen. Und kennt noch die intimsten Träume, Wünsche und Sehnsüchte dieser Männer und Frauen. Darunter sind Geheimräte und Ganoven, Barone und Prostituierte, Ehefrauen und ledige Friseusen. Wobei die Grenzen fließend sind: Baron Koloman zum Beispiel ist ein cleverer Autoschieber.
Und so manche Ehefrau in diesem Roman ernährt ihre Familie, indem sie heimlich ihren Körper verkauft. Im Bordell von Frau Baronin heißt es wohlgemerkt, wo es in einer Mischung aus Desillusionierung und Selbstermächtigung heißt:: „Moral ist was Schönes, aber was kauft man sich dafür; jedenfalls keine Seidenstrümpfe; und Seidenstrümpfe müssen sein.“
Es wird geschossen und gestorben in dieser Nacht, vom schnellen Geld geträumt, eingebrochen und geliebt. Menschen verlieren sich und finden sich wieder, hoffen gegen alle Wahrscheinlichkeit auf das große Glück oder drehen am Ende doch den Gashahn auf. Das wiederkehrende Thema: die Geschlechterverhältnisse. Die waren in den Weimarer Jahren gewaltig in Bewegung geraten. Mit Frauen, die ihr Glück in die eigene Hand nehmen wollten und genug hatten vom romantischen Gesäusel der verunsicherten Herrschaften. Ein Beispiel dafür aus Bilderbuch einer Nacht ist Margot aus dem Friseursalon. Sie lernt in dieser Nacht einen attraktiven Herrn vom Film kennen, besucht mit ihm erst einen Boxabend, dann eine hippe Tanzbar.
der junge Mann ist nett; seine Augen gefallen ihr; vielleicht – und es wird wirklich was mit dem Film? Und man brauchte keinen Frisör zu heiraten? (…) Aber ohne Liebe! Bloß keine Liebe mehr dabei! Liebe hat man über! Was sonst dazugehört, meinetwegen! Aber mehr nicht! Kalt und kühl sein, aber berühmt sein, in Leuchtbuchstaben der Name, um Autogramme gebeten werden, ein weißes Auto haben, nach Hollywood gehen wie Marlene – warum nicht?
Das ist unverkennbar der Tonfall der Goldenen Zwanziger, der Neuen Sachlichkeit – als, wie Erich Kästner dichtete, die Liebe verloren gehen konnte „wie andern Leuten ein Stock oder Hut“. Während Margot tanzend von einer Zukunft beim Film träumt, versucht sich andernorts ihr Bruder Otto als Nachwuchseinbrecher. Und im Salon eines Bankers versammeln sich die Geheimräte, Firmenbosse und Schauspielstars. Eine High Society, die Erik-Ernst Schwabach nur zu gut kannte, entstammte er doch selbst einer jüdischen Bankiersfamilie. Seine Sympathien galten jedoch eher Charakteren wie der Arztgattin Ilse, einer jungen Frau vom Land, die ihren ambitionierten Mann zu dieser Abendgesellschaft begleiten muss.
Nur um dort zu erleben, wie ihr Mann mit einer anderen flirtet. „Alle sprechen jetzt durcheinander. Es ist plötzlich furchtbar laut um den Tisch. Wenn sie nur ahnte, was man soviel hintereinander mit fremden Menschen reden kann; denn sie erzählen sich ja nichts, sie reden nur.“
Was Ilse und ihrem Mann in dieser Nacht widerfahren wird, welches Schicksal auf Margot, Otto und all die anderen wartet – das sollte man unbedingt selbst lesen. Die Neuausgabe dieser vergessenen Wundertüte von einem Roman – herausgegeben von Peter Widlok – macht’s endlich möglich.
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