Wenn Freundschaft zu Abhängigkeit wird

Im Roman „Dius“ nimmt Stefan Hertmans die Leser:innen mit in die Welt der Kunst

Von Liliane StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liliane Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Besuch vom Kunststudenten Dius hätte der Kunsthistoriker Anton sicher nicht erwartet. Doch genau der stand eines Tages vor seiner Haustür. Anton wohnte damals in der Altstadt eines Provinzortes. Seine Frau Nouka öffnete die Tür, denn wenn Anton im oberen Stock an seiner Dissertation arbeitete, wollte er nicht gestört werden. Nouka rief nach oben, ein Student wolle zu ihm.

Als ich durch den langen, schmalen Gang zur Tür kam, sah ich einen jungen Mann, pechschwarzes Haar umgab seinen Kopf wie ein dunkler Strahlenkranz. Die obersten Knöpfe seines kragenlosen weißen Hemds waren offen, eine Goldkette glitzerte im Brusthaar. Er sah zugleich abgerissen und elegant aus, ein Kleinkrimineller mit der Haltung eines Aristokratensohnes.

Damals ahnte Anton nicht, dass dieser Besuch sein Leben für immer verändern würde. Das simple Angebot des Kunststudenten, sein Freund sein zu wollen, würde ihn nicht mehr loslassen. Dius, mit vollem Namen Egidius De Blaeser, war eine einnehmende Persönlichkeit. Als talentierter Künstler und charmanter Mensch zog er manche Frau in seinen Bann, übte jedoch auch auf Männer eine Anziehung aus. So auch auf Anton, der sich ihm nicht entziehen konnte.

Anton fuhr bald schon regelmäßig zu Dius in sein Haus im einsam gelegenen Ganzevliet, einem fiktiven flämischen Dorf, wo sie lange Gespräche führten, über Kunst, über die Unterschiede zwischen Kunst und Kunstwissenschaft, über Wünsche im Leben und Zukunftsperspektiven. Dius forderte den älteren Universitätsdozenten tüchtig heraus. Er als Künstler, der zwar hin und wieder auch in einer Lehrveranstaltung auftauchte, sah nur von oben herab auf den Wissenschaftler, was Anton verletzte und gleichzeitig anstachelte, zu beweisen, wie wichtig auch seine Arbeit war. Das Zusammensein in der Abgeschiedenheit ließ Anton aber darüber nachdenken, was er in seinem Leben überhaupt noch wollte. Denn im Grunde wusste er schon lange, dass er nicht bis zu seinem Tod so weitermachen würde. Dius’ Radikalität, die keinen Zweifel daran ließ, dass er Antons Lebens- und Denkweise grundsätzlich infrage stellte, erschütterte den Wissenschaftler in seinen Grundfesten. Hierfür musste Dius nichts erklären. Freiheit und Unabhängigkeit leiteten ihn. Mit seinem Leben zeigte er Anton, dass dieser sich ändern musste. Was er denn auch tat. 

Bald schon begann er – wenig originell – eine Affäre mit Lys, einer Kollegin, die Fotografie unterrichtete. Das Neue, das Unerwartete überwältigten ihn. Dass er so viel noch würde entdecken können, hätte er sich nie vorgestellt. Er warf sich buchstäblich in verschiedene Abenteuer, ohne zu berücksichtigen, dass er doch der war, der sich mit Haut und Haar hingab und sich dabei völlig verlor. Für ihn gab es nur alles oder nichts – und nach der Begegnung mit Dius überwog das Alles, überall. In ihren Gesprächen geht es um Kunst und um Musik, um Freundschaft zwischen Männern, um Liebe, Einsamkeit, Verlust und Trauer, letztlich also um das Leben, die Veränglichkeit und den Tod. Um alles.

Selbstverständlich war dieses Alles nicht ohne Probleme zu haben. Nouka trennte sich von ihm – und hinterließ ihm vom ganzen Hausrat genau die Hälfte, buchstäblich, zerschnitt sie doch Bett- und Küchenwäsche peinlich genau in der Mitte oder zersägte Möbelstücke in zwei gleich große Hälften – einer der zahlreichen witzigen Momente in diesem Roman, mit denen Hertmans seine Leser:innen gekonnt einzufangen weiß. Denn Stefan Hertmans ist ein gewiefter Autor, der überaus spannend erzählt, Cliffhanger genau richtig setzt, mögliche Weiterentwicklungen antönt, um sie dann gleich wieder fallen zu lassen und allenfalls später erneut aufzugreifen. Nichts verläuft in dieser Geschichte gradlinig – was die Lektüre zu einem Vergnügen macht. So verzeihen frau und man dem Autor auch die verschiedenen «Zufälle» in der Geschichte. Etwa wenn Anton, unterwegs mit dem Auto und in Gedanken vertieft, den Hirsch zu spät erkennt und einen Zusammenprall nicht mehr verhindern kann.

Ich begriff zunächst nicht, was geschehen war, wusste nur, dass ich meinen Kopf keinen Millimeter bewegen konnte. Doch einige entsetzliche Sekunden später drang es zu mir durch: Die Horngabel eines Hirschgeweihs hatte mich gewissermaßen an die Kopfstütze des Fahrersitzes genietet, es fehlten nur Millimeter, und sie hätte mich erwürgt.

Die Rettung kam selbstverständlich erst nach zwei schrecklichen Tagen im Wald – Anton glaubte längst nicht mehr daran, zu überleben. Doch als ein Auto endlich in der zweiten Nacht nach dem Unfall anhielt und die Türen sich öffneten, «hörte ich eine Stimme. Es war Dius.» Auch die Geliebte traf er nach Jahren der Trennung wieder. Und wenn sie nicht gestorben sind … Nun ja, vor Kitsch ist Hertmans in diesem Roman nicht immer gefeit. Was zumindest die Rezensentin ihm nicht nachträgt. Der Reichtum dieses Romans wiegt seine Schwächen bei Weitem auf. Musik begleitet Anton beim Arbeiten, beim Schreiben, auf langen Autofahrten und in den beglückenden Momenten mit Dius oder Lys. Bei der Lektüre ist sie beinahe zu hören. Ebenso sind die zahlreichen Bilder, die dem Kunsthistoriker so viel bedeuten, zu sehen. Kraftvoll entwickelt sich das künstlerische Schaffen von Dius, mit dem er zwar die von sich eingenommenen Kritiker an der Universität nicht zu überzeugen vermag, die Kunstkenner:innen nach seinem Tod jedoch umso mehr. In solchen Momenten gelingt Stefan Hertmans ein kraftvolles Erzählen, reich an Emotionen, Farben, Tönen und Gerüchen. Sie hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Titelbild

Stefan Hertmans: Dius. Roman.
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm.
Diogenes Verlag, Zürich 2025.
339 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783257073560

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