Haufen, Sammlung, Geschichte?
Einige kritische Notizen zu Helmuth Kiesels „Geschichte der deutschsprachigen Literatur” der Jahre 1933 bis 1945
Von Walter Delabar
Es ist kaum verwunderlich, dass die Literatur der Jahre 1933 bis 1945 in der Germanistik nicht zu den zentralen Feldern gehört. Zwar gibt es eine Reihe von Texten, die seit den 1950er Jahren immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, und selbst die im engeren Sinne nationalsozialistisch belastete Literatur war immer wieder Gegenstand literaturwissenschaftlicher Arbeiten, ohne dass der Gegenstand auf die Forschenden selbst zurückschlug. Aber politisch wie literarisch stand und steht die Zeit trotz einer Reihe von breit anerkannten Texten wie – hier die dem eigenen Geschmack geschuldete Auswahl – Anna Seghers‘ Transit und Das siebte Kreuz, Bertolt Brechts Lyrik oder Heinrich Manns Henri IV.-Romane – in der Wertschätzung und Aufmerksamkeit weit insbesondere hinter der Weimarer Klassik und der Klassischen Moderne zurück. Ganz davon abgesehen, dass es in dieser Zeit eine Vielzahl politisch desaströser Texte gibt – ja, es geht hier um Literaturgeschichte, und auch die gehören dazu. Aber wer tut sich sowas gern an, wenn man dem entgehen kann?
Insofern ist Helmuth Kiesel Anerkennung zu zollen, dass er sich in dem nun vorliegenden 11. Band der Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1949 von Helmut de Boor und Richard Newald begründet, gerade dieser literaturhistorischen Zeitspanne widmet. Als Jünger-Herausgeber war er auf diese Aufgabe nicht schlecht vorbereitet. Außerdem hat er bereits im Jahr 2017 auch den 10. Band zur Literatur der Jahre 1918 bis 1933 vorgelegt und sich bereits seinerzeit mit Texten und Autoren beschäftigt, die dann auch die Literatur ab 1933 prägen sollten, so oder so.
Der hier zu besprechende voluminöse Band, Ende 2025 erschienen, widmet sich in sieben Teilen der Literatur von 1933 bis 1945, beginnend mit einem eigenen Kapitel zum Beginn des NS-Regimes, den Kiesel durchgehend als „Machtergreifung“ bezeichnet. Es folgen Kapitel zu „Neuordnung der Literaturverhältnisse“, zur politischen Entwicklung bis zum Kriegsbeginn, wie sie in der Literatur behandelt wird, zur „binnendeutschen Literatur der Jahre der mittleren Jahre“ (1934-1939), zum Exil, zum Bürgerkrieg in Spanien und zu den Moskauer Prozessen. Das vorletzte Kapitel beschäftigt sich übergreifend mit dem Geschichtsroman. Der Band schließt mit der Literatur der Kriegsjahre (1939-1945). Die Kapitel sind jeweils thematisch untergliedert: So beschäftigt sich das Kapitel vier zu den mittleren Jahren mit den Hauptströmungen der Literatur in Deutschland, mit den Spielarten der NS-Literatur, mit der Literatur der Inneren Emigration im weiteren Sinn, mit der Literatur von Frauen, mit der jüdischen Literatur in Deutschland und mit den systemkonformen Themen und Genres. Darunter werden etwa der Dorf- und Bauernroman gefasst, aber auch die Versuche des Regimes, eine eigenständige Literatur der Arbeitswelt zu generieren. Soweit es thematisch passt, befasst sich Kiesel auch mit der Literatur Österreichs bis 1938 und der Schweiz. Er hat mithin sein Thema chronologisch und thematisch strukturiert, um die Masse der genutzten Texte – und darauf läuft es hinaus – fass- und vorstellbar zu machen.
Aufschlussreich ist der methodische Ansatz, den Kiesel in diesem Band verfolgt: Er formuliert wie für den Vorgängerband auch hier den Anspruch „einer gesellschaftsgeschichtlich orientierten Literaturgeschichtsschreibung“. Die Texte sollten also eben nicht nur im „dezidiert literarischen form- und themengeschichtlichen Zusammenhang gesehen“, „sondern auch in den politik-, sozial-, kultur- und mediengeschichtlichen Kontexten“ gestellt werden. In den ersten Absätzen fokussiert Kiesel seinen Ansatz freilich (zutreffender) auf das engere Verhältnis von Literatur und Politik. Die Literatur der Zeit solle in „möglichst großer Breite durch die Registratur und zeitbezogene interpretatorische Erschließung signifikanter Werke“ „vergegenwärtigt“ werden. Allerdings bleibt die „komplette Unterhaltungsliteratur (einschließlich der Kriminalromane)“ unberücksichtigt. „Lebens- und Schicksalsromane“, die keinen hinreichenden Zeitbezug und inhaltlich belanglos seien, trifft dasselbe Schicksal. Und das Hörspiel spielt eh nur eine marginale Rolle.
Grundsätzlich, hebt Kiesel hervor, sind eigene Lektüren Basis der Darstellung, was angesichts der Zahl der auf 1300 Seiten referierten Texte als Leistung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die zu absolvierende Lesestrecke wäre im Übrigen für jeden Zeitraum unerhört groß, hier aber ist sie nochmals besonders beanspruchend. Dass Kiesel in diesem Zusammenhang betont, dass es auch in dieser Phase der Geschichte der deutschsprachigen Literatur hochrangige Texte gegeben habe – was eigentlich niemand bestreitet –, sei ihm nach der Lektüre der zahlreichen literarisch eher anspruchslosen und politisch desaströsen Texte, diefür den Band eben auch zu absolvieren waren, gegönnt. Selbst der Hinweis, dass die exilierten Autorinnen nicht durchweg besser geschrieben hätten als die in Deutschland verbliebenen Kolleg/innen, kann auf Zustimmung treffen. Immerhin wiederholt er den Versuch einer Ehrenrettung von Emil Strauß‘ Roman Das Riesenspielzeug (1934/1935 erschienen), den er zuvor bereits in der Frankfurter Allgemeinen unternommen hatte, nicht in derselben Ausführlichkeit. Stattdessen belässt es Kiesel bei einigen lobenden Hinweisen in der Einleitung (in der Liste der „respektablen Werke“ auch aus Deutschland) und bei knapp zwei Seiten im Abschnitt zum Bauernroman. Und nein, das Riesenspielzeug ist kein „liebevoller, aber auch ironischer und humorvoller Nachruf auf die Reformbewegung“. Wer’s genau wissen will, sollte sich die knapp 1000 Seiten einmal selbst antun. Aber selbst wenn man die Einschätzungen und Beurteilungen Kiesels nicht teilen mag, bleibt der Band eine hilfreiche Fundgrube von Texten, die sonst nur selten in den Blick geraten und denen zu folgen sich lohnen kann.
Womit auf die Kritik an Kiesels Arbeit zu kommen wäre: Zwar betont dieser, die Forschung breit, wenn nicht vollständig, rezipiert zu haben. Allerdings ist das nur bedingt zu sehen, und erst recht kaum nachzuprüfen. Die Verweise auf die Forschung sind anfangs eher spärlich, erst im Verlauf des Bandes (etwa zum Spanischen Bürgerkrieg) finden sich Listen der verwendeten Literatur, allerdings nur mit gekürzten Angaben (Autor, Titel, Untertitel, Jahr). Sekundärliteratur wird im Übrigen vielleicht noch ausgelesen, aber nicht diskutiert. Dafür spricht Kiesel immer wieder Belobigungen für einzelne Studien aus. Die Auswahlbibliografie, die als Generalreferenz dienen könnte, umfasst knappe 35 Seiten. Aufgewertet werden die genannten Titel mit dem Hinweis, hier handele es sich um „wichtige Untersuchungen“ – es lässt sich fragen, was das über die nicht genannten Forschungstitel sagt. Ansonsten verweist Kiesel auf die Fachbibliografien, mit denen die verwendete Forschung recherchierbar sei (was, sagen wir, nicht ganz den fachlichen Standards entspricht).
Aus der Sekundärliteratur zitiert Kiesel selten direkt, belegt in diesen Fällen in der Regel nur mit dem Verweis auf den Verfasser der zitierten Studie, ohne weitere Angaben wie etwa die Seite des zitierten Textes. Gelegentlich geschieht das sogar mit Verweisen auf Titel, die sich nicht in der Auswahlbibliografie finden, oder mit Generalverweisen auf benutzte Literatur.
Ganz fehlt eine Bibliografie der verwendeten Primärliteratur, die auch nicht über Eppelsheimer/Köttelwesch oder Germanistik erschlossen werden könnte. Das ist umso bedenklicher, als bei Titeln aus dem Berichtszeitraum, die nach 1945 neu aufgelegt wurden, immer wieder Bearbeitungen vorgenommen wurden – auch in Fällen, bei denen man keine Notwendigkeit dazu sehen würde. Hinzu kommen Texte, die vor 1945 nicht erscheinen konnten und später, teils aus dem Nachlass, ediert wurden.
Weitere Vorbehalte gibt es beim Verfahren und den literaturwissenschaftlichen Basiskonzepten: Kiesel geht im Wesentlichen von einer „Spiegelung“ politischer Themen in der Literatur aus. Zudem hat er ein offen gehandeltes Aufwertungsschema, das über Authentifizierung implementiert wird: Er verweist für die Dignität literarischer Texte immer wieder auf persönliche Erfahrungen, die für den Wahrheitsgehalt der Texte einstehen sollen. Lyrik ist ihm anscheinend das Produkt subjektiver Zustände, also dem „Stimmungsmäßigen“ verhaftet, die Benn nach dem Krieg eigentlich aus der Lyrik auszugrenzen versucht hatte.
Im Großen und Ganzen belässt es Kiesel zudem bei biografischen Skizzen und Inhaltsreferaten. Interpretatorische Ansätze sind zwar erkennbar, werden aber, wenn überhaupt, nur dazu genutzt, Texten Wertschätzung zu- oder abzusprechen. Der Band weist so im Ganzen keinen übergreifenden interpretatorischen Ansatz auf, den man in der Nachbardisziplin, bei historiografischen Epochendarstellungen findet, sondern belässt es – scharf formuliert – bei der strukturierten Sammlung von Titeln und Referaten, die politischen Ereignissen angefügt werden. Die ästhetischen Urteile zu literarischen Titeln, die es freilich dennoch gibt, sind im Wesentlichen als nicht weiter begründete Geschmacksurteile zu bewerten, die in einem wissenschaftlichen Text so eigentlich keinen Platz haben sollten: wiederholt „spannend“ oder exemplarisch zitiert: „besticht durch eine Sprachkunst, die dem Gegenstand, dem dörflichen Leben, in authentisch wirkender Weise gerecht wird und zugleich kraftvoll an die Empathie des Lesers appelliert“. Das trifft auch auf die wiederholten Distanzierungsformeln zu, mit denen Kiesel etwa seiner Abscheu vor allem gegenüber NS-Autoren oder stalinistischen Praktiken Ausdruck gibt. Man mag das dem meinungsstarken, erfahrenen Wissenschaftler zuschreiben, störend und unnötig sind sie dennoch. Ob sie in einer wissenschaftlichen Arbeit legitim sind, werden Leser jeweils selbst entscheiden müssen.
Hinzu kommen stilistische Eigenheiten, Schwächen, Unstimmigkeiten und Fehler, die vermuten lassen, dass der Band nicht ausreichend lektoriert worden ist. Was zurückzunehmen wäre, wenn es jemanden gelänge, den Sinn des folgenden Satzes zu erläutern und zu begründen, warum er genau so formuliert werden muss: „Eine prinzipiell freie publizistische Reflexion der Machtergreifung war deutschen Autoren in der Emigration durch Deutsche außerhalb Deutschlands möglich.“
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