Money, Mord und Titelmurks

Ross Montgomerys „Tee, Tod und die versiegelte Tür“ überzeugt als unterhaltsamer Auftakt seiner historischen Detektivreihe, auch wenn die Übersetzung nicht glänzt

Von Thomas MerklingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Merklinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Beginn von Ross Montgomerys klassischem Detektivroman lädt regelrecht dazu ein, in die Handlung einzutreten: „Come in“ lauten die ersten Worte von The Murder at World’s End, beziehungsweise – in der Übersetzung Tee, Tod und die versiegelte Tür von Sabine Thiele – „Herein“. Sobald man allerdings der Einladung und dem Ich-Erzähler Stephen Pike in sein Bewerbungsgespräch für eine Stelle als Diener gefolgt ist, fallen auch schon die Türen des südenglischen Anwesens zu und es werden zusätzlich noch alle Fenster verbarrikadiert. Die Abgeschlossenheit des literarischen Raums wird nicht nur ernst, sondern wörtlich genommen. Um den Mord vorzubereiten, entwirft der britische Kinderbuchautor in seinem ersten Erwachsenenroman ein dreifach begrenztes Setting mit einem überschaubaren Kreis an Verdächtigen. In dem Herrenhaus Tithe Hall wird der Hausherr in seinem luftdicht verschlossenen Arbeitszimmer ermordet, zugleich sollen alle anderen Bewohner in ihren ebenfalls versiegelten Zimmern eingeschlossen sein. Hier kann nun eigentlich niemand mehr heraus oder von außen herein, auch weil das Haus auf der Gezeiteninsel „World’s End“ errichtet ist, die in der Tatnacht durch Sturm und eine damit einhergehende Flut vom Festland abgeschnitten wird. Bevor die Polizei ankommen kann, haben die Ermittlungen aber schon heimlich begonnen.

Unter anderem weil der zuletzt doch noch auftauchende Kommissar pflichtgemäß inkompetent ist, muss das ungleiche Amateur-Detektivpaar Stephen Pike und Decima Stockingham, der frisch angestellte Diener und die ihm zugeteilte schrullige Adlige, das Rätsel von Tithe Hall lösen. Mit dem geographischen Weltende des Inselnamens korrespondiert dabei ein zeitliches: Für den 18. Mai 1910 wird erwartet, dass der Halleysche Komet mit seinem Schweif aus giftigen Gasen das Leben aller atmenden Geschöpfe auslöscht. In einer historischen Zeitungsmeldung, die in den Romantext montiert ist, wird diese Möglichkeit besprochen. Für Lord Conrad Stockingham-Welt, Viscount und Herr von Tithe Hall, ist das bevorstehende Weltende allerdings nicht hypothetisch, sondern ganz real, weshalb er das gesamte Haus und darin jedes Zimmer verrammeln und abdichten lässt, damit die Dämpfe aus dem Kometenschweif, den die Erde durchlaufen wird, nicht ins Innere eindringen können. Seine dilettantischen naturwissenschaftlichen Studien werden von dem aus Hamburg eingeschifften Professor Wolff Müller vom dort ansässigen „Klatsch-Institut“ bestätigt. Parallelen zu heutigen Wissenschaftsdiskursen und ihren alternativen Auffassungen sind natürlich kein Zufall. Dass der Viscount dennoch in angesehenen Fachblättern veröffentlicht, liegt daran, dass er sich die Aufsätze seiner begabten Tante Miss Decima Stockingham ergaunert und unter eigenem Namen weitergeleitet hat. Das Genie der alten Dame beschränkt sich aber nicht nur auf die Naturwissenschaft, sondern es zeigt sich auch bei der Aufklärung des rätselhaften Mordfalls.

Die aufgrund ihrer Gehbeeinträchtigung in einem historischen Bath chair – einer Art mondänem Rollstuhl – sitzende betagte Adlige darf man aber nicht mit den vornehmen und feinsinnigen Detektivfiguren verwechseln, wie sie etwa von Agatha Christie, der grande dame des klassischen englischen Kriminalromans, geschaffen worden sind. Miss Marple müsste schon von tourettebedingten Koprolalie-Anfällen geschüttelt sein und sich nicht um die guten Sitten bekümmern, um Miss Decima zu ähneln. Mit ihrem naturwissenschaftlichen Geist, scharfen Verstand und den latent antisozialen Zügen gleicht sie eher Sherlock Holmes. Ihre Eigentümlichkeit, ständig ihr Gebiss herauszunehmen, um damit Notizen zu beschweren, charakterisiert die Dame als spleenige Eigenbrötlerin, die abgeklärt und übellaunig ihren Studien nachgeht. Weil man sie nicht in die Gesellschaft lassen kann und will, hat man Miss Decima in den Kindertrakt des Hauses verbannt, wo sie ein Hausmädchen nach dem nächsten vergrault. Kein Wunder, dass sich der Neuzugang Stephen Pike um sie kümmern muss. Es ist ein besonderer Witz von Montgomery, sie wie einen Hafenarbeiter fluchen zu lassen, wobei der mitübersetzte Anhang eine Vorliebe für das Verb ‚fuck‘ benennt. Auch wenn das heute deutlich weiter verbreitete Kraftwort erst nach dem Ersten Weltkrieg stärker in schriftlichen Alltagskontexten bezeugt sei, wie Montgomery selbstkritisch anmerkt, dürfe man doch plausiblerweise einen mündlichen Gebrauch schon früher vermuten.

Die deutsche Übersetzung jedoch scheint Miss Decima ihre sprachlichen Ausfälle nicht zu gönnen und bemerkt zu der angegebenen Stelle des Nachworts in Klammern, dass ‚fuck‘ und ‚fucking‘ mit ‚verdammt‘ wiedergegeben würden. Wo die alte Dame etwa von einem „fucking suspect“ spricht, findet sich in der entschärften deutschen Version „ein verdammter Verdächtiger“. Obwohl die deutsche Vorliebe für das Fäkalische zumindest die Rede von einem ‚beschissenen Verdächtigen‘ nahelegen würde, wäre wohl auch das modernere Kompositum ‚Scheißverdächtiger‘ möglich. Kühner, aber nicht undenkbar ist sogar das Partizip „verfickt“, da das zugrundeliegende Verb in sexueller Bedeutung – wenngleich anders gebraucht – um 1900 belegt ist. 

Miss Decima ist ihrer Zeit allerdings durchaus voraus und die Vorlage bietet immerhin die Möglichkeit, im Bereich des historisch Plausiblen skatologisch kreativ zu werden. Wo der Romantext explizit auf Miss Decimas Unflätigkeiten verweist, taucht zumindest einmal das Wort ‚scheißen‘ auf, um dann im gleichen Absatz aber „shit for brains“ mit „Mist im Kopf“ zu übertragen. Warum es dieser Verzerrung bedarf, wird nicht erklärt. Man mag davon halten, was man will, muss aber doch zur Kenntnis nehmen, dass Montgomery in seiner Anlage der Hauptfigur großen Wert auf diesen Bruch in der Erwartungshaltung legt und damit spielt. Für den deutschsprachigen Krimimarkt wird Miss Decima somit zu einem etwas skurrileren Zerrbild von Miss Sophie aus Dinner for One heruntergedimmt, was sich bereits im klischeebesetzten Englandbild des Titels widerspiegelt. Dazu passt, dass das Buch im Verlagsangebot mit Regionalkrimis verknüpft wird: Wem dieser Titel gefällt, mag vielleicht auch Tod zur Teetied oder die Ermittlungskünste von „Tante Tilli“ und „Oma Emmi“. Auf einer reinen Plot-Ebene ist die deutsche Übertragung dabei durchaus flüssig und gut lesbar. Die Feinheiten gehen aber oftmals unter.

Dabei ist das Original trotz der genretypisch recht eindimensionalen Figurenzeichnung auch sprachlich bemüht, die Edwardianische Zeit in groben Strichen historisch korrekt abzubilden. Im Original heißt es beispielsweise über die versteckten Personalaufgänge des Hauses: „There was a tiny spiral staircase hidden in the cupboard, twisting up like a child’s helter-skelter“. Im Englischen ist ‚helter-skelter‘ ein Wort, das bereits bei William Shakespeare (in Henry IV, Part 2) auftaucht und dann die Jahrmarktsattraktion einer riesigen Spiralrutsche meint, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Neuheit für Erwachsene gedacht ist. Die Beschreibung fügt sich so durchaus in die Vorstellungswelt des Ich-Erzählers um 1910 ein und schafft ein passendes Bild. Der Verweis auf Kinder meint lediglich den notwendigen Bezug auf eine kleinere Version. Wenn sich in der deutschen Übertragung hingegen eine „Kinderrutsche nach oben windet“, ruft das zwar vage die gleiche Idee auf, erinnert hier aber eher an einen Spielplatz oder den Außenbereich eines McDonald’s.

Aus der Wahl des vorbestraften, aber gutherzigen Dieners Stephen Pike als Ich-Erzähler und ‚Watson-Figur‘ ergibt sich für Montgomery ein leicht altertümlicher Grundton, auf dessen Hintergrund die Ausfälligkeiten seiner weiblichen Hauptfigur umso drastischer wirken. So wie der etwas einfältige Sidekick des berühmten Detektivs aus der Baker Street seine Erfüllung in bewundernder Chronistentätigkeit findet, ist Pike ebenfalls angetan von den Fähigkeiten seiner Arbeitgeberin. Dass er als seinen größten Schatz ein Porträtfoto seiner Omi besitzt und beständig rote Ohren bekommt, lässt ihn zudem naiv und leutselig erscheinen. Dennoch kommt ihm im Gegensatz zu seiner körperlich eingeschränkten Ermittlungspartnerin – die er als Variation des armchair detective teilweise sogar herumtragen muss – eine aktive Rolle zu. Beide kommen schließlich aus unterschiedlichen Gründen auf die richtige Lösung. So erscheint Pike ein Stück weit als Komplementärfigur auf Augenhöhe.

Formal orientiert sich der Roman an den klassischen Strukturen des ‚Goldenen Zeitalters‘ des Detektivromans, indem er einen schönen Kriminalfall mit einer bestechend einfachen Auflösung konstruiert, die zum Miträtseln einlädt. Dabei setzt er die charmante Tradition fort, durch Raumskizzen und Personaltableaus einen visuellen Eindruck von Tatort und Verdächtigen zu geben. Neben historischen Details wie ‚Butlerspiegeln‘ und Traditionszitaten, wozu auch das Locked-Room-Mystery gehört, nimmt sich der Text aber nicht zu ernst, da er beständig mit unaufdringlichen Brechungen operiert und einer Gegenwartsperspektive mitlaufen lässt, ohne die Fiktion zu stören. Dass diese Doppelung mitintendiert ist, zeigt sich in einigen wenigen kurzen Kapiteln, wenn ohne inhaltliche Notwendigkeit eine übergeordnete, heterodiegetische Erzählstimme auftaucht, die eine subtile Tiefe hinzufügt.

So entgeht dem ungewöhnlichen Detektivgespann auch nicht, dass ihr Potential mit dem Erstling noch lange nicht ausgeschöpft ist. Die beiden beschließen daher nach ihrem initialen Ermittlungserfolg in London eine Detektivagentur zu gründen. Weil auch Montgomery offenbar Spaß an seinen Figuren findet (was sich etwa in den paratextuellen Briefen Miss Decimas zeigt, die der englischen Waterstones-Taschenbuchausgabe beigefügt sind), haben sich die beiden in der für Oktober angekündigten Fortsetzung in 89 Kensington Gore gegenüber den vornehmen Kensington Gardens eingerichtet. Natürlich hat sich hier ebenfalls eine schlimme Mordsache zugetragen, nach der Pike, wie er sagt, beständig gefragt werde. Was liegt daher näher, als die ganze Geschichte in The Shadows of Kensington Gore von Anfang an zu erzählen? Wenn der Auftaktroman einen Hinweis auf das Kommende gibt, darf man wohl weiterhin ein gut konstruiertes Rätsel vor edwardianischer Kulisse erwarten, das mit kleinen historischen Details und humorvollen Doppelkodierungen aufwartet. Man wird zudem erwarten dürfen, dass sich Miss Decima an ihrem neuen exklusiven Wohnort im Herzen der kulturellen Elite des Britischen Empires so harmonisch in ihre Umgebung einfügt wie ein verfickter Misthaufen auf dem Krocketplatz.

Tatsächlich ist der erste Roman der Serie Ein Fall für Stockingham & Pike „voller britischem Humor“, wie der deutsche Verlags-Blurb zurecht wirbt. Montgomery spielt mit dem Krimigenre, der Sprache und historisch-kulturellen Verweisen, was in der wunderbar überzogenen Gestalt der Obszönitäten spuckenden Adligen kulminiert. Auf dem Weg über den Ärmelkanal ist davon leider manches verloren gegangen. Vor allem der Hauptfigur hat man den Mund gewaschen, so dass der Eindruck entsteht, sie nehme vor allem deshalb beständig ihr Gebiss heraus, um den unangenehmen Seifengeschmack loszuwerden.

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Ross Montgomery: Tee, Tod und die versiegelte Tür. Ein Fall für Stockingham und Pike. Kriminalroman.
Aus dem Englischen von Sabine Thiele.
Piper Verlag, München 2026.
400 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783492066587

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