Macho mit Gefühl

Michael Kleebergs artifizieller Roman „Achilles in Taormina“ zeigt Ernest Hemingway als Mensch

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway wird bisweilen auf Klischees reduziert – Frauenheld, Macho, Abenteurer, Großwildjäger, Lebemann und Alkoholiker. Schriftsteller Michael Kleeberg versucht in seinem ambitionierten und hoch artifiziellen Roman, das Hemingway-Bild etwas zu korrigieren, und begibt sich auf die Suche nach dem weichen Kern in der harten Schale.

Kleeberg hatte zuletzt 2023 mit dem Roman Dämmerung seine erfolgreiche zeitgeschichtliche Trilogie um den selbstzufriedenen Charly (Karlmann) Renn, Erbe eines hanseatischen Autohauses, abgeschlossen.

Mit seinem neuen Roman macht es der 67-jährige Kleeberg seinen Lesern nicht leicht, denn sein Protagonist heißt auch Michael Kleeberg, weist aber eine völlig andere Biografie als sein Schöpfer auf. Ein kunstvolles, doppeltes Versteckspiel in Sachen Autorschaft.

Eher zufällig gerät der Literaturwissenschaftler Dr. Michael Kleeberg auf die Spuren Hemingways. Als junger Mann lernt er eine Geliebte Hemingways kennen, was eine Mischung aus Neugier und detektivischem Spürsinn in ihm entfacht. Jene Mrs. Stanfield ist niemand anderes als Agnes von Kurowsky, die amerikanische Krankenschwester, die Ernest Hemingway nach dessen Verwundung im Ersten Weltkrieg in Italien 1918 behandelt und in die er sich unsterblich verliebt hatte. Der Protagonist gewinnt Stanfields Vertrauen und erhält ihr Tagebuch von 1918 zu lesen. Er fühlt sich „im Herzen des wahren Lebens angekommen“. Der fiktive Kleeberg changiert zwischen Bewunderung und Forscherehrgeiz. Als junger Mann kämpfte er (auf den Spuren Hemingways, der im Spanischen Bürgerkrieg aktiv war) in Nicaragua gegen das Somoza-RegimeEr bleibt später in den USA hängen, heiratet 1988 in eine wohlhabende Familie ein, promoviert und arbeitet dann als Redakteur beim US-Magazin „Atlantic Monthly“.

Ein zeitgenössischer Roman, in dem Hemingway im Zentrum steht, ist keine absolute Novität. Vor sieben Jahren hatte sich Hanns-Josef Ortheil in Der von den Löwen träumte erzählerisch Hemingways Zeit in Venedig gewidmet. Während Ortheil die gängigen Klischees in seinem Werk bediente, geht Kleeberg tiefer und hat nicht weniger als eine doppelte „Seelenarbeit“ im Sinn. Behutsam nähert er sich der Gefühlswelt des Nobelpreisträgers und lässt uns gleichzeitig an der Selbstfindung des fiktiven Kleeberg partizipieren, der sich auch nach Kräften am fragwürdigen Männlichkeitsbild abarbeitet, das den Nobelpreisträger von 1954 zeitlebens begleitete.

Der Roman setzt im Jahr 2024 ein und umkreist retrospektiv fast ein halbes Jahrhundert. Der fiktive Kleeberg, der eifrige Hemingway-Verehrer, begibt sich auf die Spuren seines Vorbilds, reist nach Taormina auf Sizilien (dort waren auch Goethe, Thomas Mann und Oscar Wilde) und trifft später Weggefährten/innen des amerikanischen Autors. Sein Leben lang wird er über Hemingway forschen und schreiben, – allerdings mit eher bescheidener öffentlicher Resonanz. Kurz vor ihrem Tod trifft er auch noch Hemingways Ehefrau Martha Gellhorn, die ihm alles andere als freundlich begegnet, ihn als „Aasforscher“ tituliert, der „immer nur in seinen Scheisshaufen rumwühlen und sie analysieren und dann darüber berichten wird, ob es Verstopfung war oder Dünnschiss.“ Trotzdem gelingt es ihm, Martha Gellhorn ein vermeintliches Geheimnis zu entlocken.

Autor Kleeberg ruft dann auch prominente Stimmen in den argumentativen Zeugenstand. Romancier Hans Fallada (Der eiserne GustavKleiner Mann – was nun?) lässt er sagen: „Erzählen ist Weglassen, Details über Details, Weglassen aller Gefühle. Hemingway spricht nie davon, er spricht nie von Gefühlen. Er zeichnet nur die Striche, die notwendig sind für die Kontur.“

So bleibt am Ende die unerfüllte Liebe zur Krankenschwester in Italien als lebenslanges Trauma zurück. Eine Frau, die ihn verschmähte, bedeutete mehr als nur eine „gefühlte Niederlage“ in der aufregenden Vita Hemingways. Liegen hier in der verletzten Eitelkeit des „Frauenhelds“ und späteren Nobelpreiträgers vielleicht sogar die Wurzeln des späteren, ausschweifenden Lebenswandels? War der Macho sensibler, als er in den meisten Schilderungen dargestellt wird? Dem doppelten Michael Kleeberg müssen wir für diese interessanten Gedankenanstöße dankbar sein. Ein schwieriges, manchmal etwas langatmiges, aber überaus reizvolles Buch, das auch eine unbefangene Zweitlektüre lohnt.

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Michael Kleeberg: Achilles in Taormina.
Penguin Verlag, München 2026.
320 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783328602767

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