Zwei Mädchen gegen Japans Männlichkeit
Akira Otani ermächtigt in „Die Yakuza-Prinzessin“ ihre Protagonistinnen zum Gegenangriff
Von Lisette Gebhardt
Geht man nach den anglophonen Kritiken zu Akira Otanis 王谷晶 (*1981; jap. Ȏtani Akira) Die Yakuza-Prinzessin, stellt der Text eine laute Proklamation der queeren Agenda im Milieu der japanischen Mafiosi dar. Zutreffender ist sicher die Feststellung, dass Otani mit Baba Yaga no yoru (2020; engl. The Night of Baba Yaga, 2024) eine mit viel Gewalt getränkte Geschichte zweier Protagonistinnen erzählt, die den Kampf gegen ein vom Machismo geprägtes System aufnehmen. Kompromisslos teilen sie aus, um am Ende frei zu sein.
„Sister-Violence-Action“ und sechs abgeschnittene Penisse
Das von Otani dargebotene Level an Brutalität kann in der Tat als extrem beschrieben werden. Highlight in dieser Hinsicht ist eine dezente Holzschachtel, in der sich sechs nebeneinander drapierte Penisse (unterschiedlicher Größe) befinden – was das Yakuza-Klischee des Fingerabtrennens bei weitem übersteigt. Die Körperteile stammen von unbotmäßigen Mitgliedern der Yakuza-Gang, die sich an der Außenseiterin Yoriko Shindo vergreifen wollten, die der Boss gerade als Leibgardistin für seine Tochter Shoko rekrutiert hat.
Auf der Banderole der Erstausgabe Baba Yaga no yoru präsentiert der Verlag das Werk als kompromisslosen „Sister-Violence-Action (shisutâ baiorensu akushon)“-Roman. Die Autorin folgt mit ihrem Ansatz offenbar filmischen Vorlagen wie der in den 1970ern erschienenen Filmreihe mit Schauspielerin Meiko Kaji (Start: Female Prisoner 701: Scorpion, 1972), die bekannt ist für den blutigen Rachefeldzug der Hauptdarstellerin, der seinerseits Kill Bill (2003/2004) inspirierte oder dem Neo-Noir-Movie John Wick (2014) Vorbild war.
Literarische Pionierarbeit im Hardboiled-Genre hatte allerdings erstaunliche zwei Dekaden vor Otani Akira die immer noch amtierende Präsidentin des japanischen PEN-Clubs, Kirino Natsuo (*1951), geleistet: Miro Murano, eine typische Ermittlerin des harten Stils, ist die erste weibliche Privatdetektivin der japanischen Gegenwartsliteratur und behauptet sich in einer von Männern dominierten Welt. In OUT, einem Thriller, der im damaligen literarischen Establishment heftigen Anstoß erregte, legt Kirino 1998 ein erweitertes blutrünstiges Szenario vor. Die Autorin lässt vier Frauen gemeinsam Männerleichen zerstückeln und in Müllbeuteln entsorgen; ihre Handlungen heben das Gewaltmonopol der patriarchalischen Gesellschaftsordnung auf, erzeugen zumindest zeitweise Solidarität zwischen den Frauen und ermöglichen der stärksten Heldin die Flucht in die Freiheit außerhalb Japans. Auch bei Otani, die nun im Zuge des Zeitgeistwandels keine Animositäten mehr erfuhr, hat die von Frauen ausgeübte Gewalt den Charakter eines befreienden Racheakts – schon auf der dritten Seite geht es in Gestalt der von den Yakuza gefangenen Yoriko Shindo in die Vollen:
Mit dem linken Arm parierte sie den nächsten Schlag und versetzte dem Kerl zugleich mit der metall-verstärkten Schuhspitze einen Tritt zwischen die Beine.
Bodyguard und Prinzessin
Kämpferin Yoriko, die sich zunächst mit Jobs in Shinjuku (u. a. Essensauslieferung) über Wasser hält, wird vom Naiki-Clan entführt und gezwungen, als Leibwächterin und Fahrerin für die zarte Shoko, die „Yakuza-Prinzessin“, zu arbeiten. Zuerst finden beide Charaktere keine gemeinsame Basis, doch die anfängliche gegenseitige Ablehnung weicht allmählich, und man empfindet Respekt voreinander. Als sich ihrer Schutzbefohlenen auf der Straße ein Mann nähert, schlägt sie ihn nieder – in Unkenntnis, dass es Shokos Verlobter Utagawa ist. Besagter Utagawa, ein enger Geschäftsfreund ihres Vaters und ein sadistischer Mörder, der seine Opfer gerne quält (er war es, der die Geschlechtsteile der unglücklichen Yakuza abschnitt), fordert in seiner Wut Wiedergutmachung von den Naikis, was eine Ereignislawine auslöst. Yoriko Shindo rettet Shoko Naiki wortwörtlich aus der Umarmung ihres verderbten Vaters, vor der drohenden völligen Unterwerfung durch Utagawa und aus den Fängen der Organisation. Ihnen bleibt jetzt nur noch ein Leben auf der Flucht, aber doch auch ein Leben, das ihnen selbst gehört.
Fluide Identitäten
Otani definiert das Verhältnis zwischen Bodyguard und „Prinzessin“ nicht eindeutig: Es ist keine eigentliche Freundschaft, auch keine genuine lesbische Romanze. Das enge Band, das Yoriko und Shoko verbindet, besteht aus dem Einverständnis zweier starker Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer Herkunft und ihres weiblichen Geschlechts unterdrückt und durch das Regime einer machthungrigen und niederträchtigen Männerriege entwürdigt wurden.
Im Laufe der Erzählung verändert sich die Beziehung Yoriko Shindo und Shoko Naiki in überraschender Art und Weise – ein Schachzug der Autorin, die auf die einengende Konstruiertheit von Rollenbildern hinweist, ebenso wie sie die Zurichtung der jungen Shoko als „Puppe“ ablehnt, um zu betonen, dass das Mädchen „ein Mensch“ sei. Nach einem Zeitsprung von vierzig Jahren müssen sich die Frauen, deren geheimer Verbleib zufällig durch einen Fernsehbericht öffentlich bekannt wird, erneut Utagawa stellen.
Baba Jaga: Die Botschaft
Am Ende kommt das Motiv zum Tragen, das der japanische Titel vorgibt: Die ideale Existenzform für Außenseiter sei, so meint Yoriko, die Baba Jaga, die Hexe aus der osteuropäischen Überlieferung. Sie schlägt Shoko vor, zusammen „über das Meer“ in die Heimat ihrer Oma zu fahren, um dort in einer „Hütte im Wald“ zu wohnen. Aus dieser Andeutung wäre zu schließen, dass Yoriko Shindo, die im Norden Japans aufwuchs, eine russische Großmutter hatte und somit nicht als „reine“ Japanerin gelten kann. Bereits bei Yorikos erstem Auftritt kommen unter den Yakuza Zweifel auf, ob die muskulöse, große Erscheinung überhaupt eine Frau sei. Shokos körperliche Verwandlung im Alter trägt ebenfalls dazu bei, sie jenseits der gängigen Kategorien wahrzunehmen.
Frauen, in denen ein inneres Feuer lodert, sind zwangsläufig „Monster“ und erscheinen deshalb in einer am männlichen Standard ausgerichteten Gesellschaft als Hexen – in der japanischen Mythologie entsprechen sie den gefürchteten onibaba. Sie passen nicht in die Norm und können nur fernab der Menschen ihre Version von Konvivialität verwirklichen, lautet die Botschaft des Textes. Vier Jahrzehnte nach den 1970er Jahren mit ihrem anarchischen Impetus ereignet sich, wie es das achte Kapitel berichtet, eine Naturkatastrophe – eine „Lawine aus Schlamm und umgeknickten Bäumen“ rollt auf Häscher und Heldinnen zu. Otani nimmt hier offensichtlich auf die für Japan so bedeutsame Zäsur „Fukushima“ Bezug, die, so ließe sich dieses Geschehen interpretieren, ein Vorbote kommender neuer Zeiten im Lande sei. Für die Yakuza war im Übrigen schon zu Beginn der 1990er Jahre mit der staatlichen Implementierung neuer Anti-Mafia-Gesetze die Dämmerung angebrochen.
Ein Roman wie ein explodierender Vulkan
Um den – nebenbei angemerkt gut lesbaren und von Katja Busson übertragenen – Roman umfassend einzuordnen, hilft es, Otanis eigene Kommentare zu lesen. Sie versteht ihr Schreiben als eine Form der Unterhaltung, die sich an diejenigen richtet, denen es gründlich reicht, und erläutert auf der japanischen Verlagswebsite (Originaltext japanisch) weiter:
Ich glaube, Romane zu lesen, bedeutet eine Form der Unterhaltung für niedergeschlagene und frustrierte Menschen. Jeder, der Romane liest, trägt eine Art Magma in sich – rot, schwarz und heißkalt –, mit dem er nicht weiß, wie damit umgehen. Mir ist bewusst, dass das eine sehr pauschale und gewagte Verallgemeinerung ist, aber ich bin wirklich davon überzeugt. Ich schreibe all meine Romane, damit die sie lesen, die dieses Magma in sich tragen und sich in ihren Leben quälen. Speziell in Die Nacht der Baba Jaga habe ich meinem eigenen Magma freien Lauf gelassen.
An anderer Stelle (Dokusha Book Club) hält Otani, die sich längst als Lesbe geoutet hat, fest, nie gezielt „queer“ zu schreiben, denn in ihrer literarischen Welt sei das Schräge die Normalität und ihre Texte nähmen damit ganz natürlich die Richtung hin zum Abweichenden. Einen glorreichen Sieg des Queeren zum Wohle einer besseren Welt schildert das Werk sicher nicht, sondern den primitiven Urinstinkt der Mordlust und die gärende Wut prekärer Individuen, die die nötige Kraft garantieren, einmal mehr gegen Mann und Mammon anzutreten.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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