Der Mann, der das Blaue vom Himmel versprach
Zur Neuedition eines denkwürdigen Interviews mit Wilhelm Reich aus dem Jahr 1952
Von Bernd Nitzschke
Kurt R. Eissler, Mitbegründer und bis 1985 Sekretär der New Yorker Sigmund Freud Archives, wollte der Nachwelt so viel Wissen wie irgend möglich über Freud hinterlassen. Deshalb interviewte er jeden Zeitzeugen, den er noch erreichen konnte. Das Interview, das er am 18. und 19. Oktober 1952 mit Wilhelm Reich führte, begann er mit diesen Worten: „Dr. Reich, die Frage, die ich Ihnen stellen möchte, ist einfach. […] Ich würde gerne alles erfahren, was Sie über Freud wissen, beobachtet haben, und alles, was Sie über ihn gedacht haben.“ Am zweiten Tag stellte Eissler dann diese letzte Frage: „Denken Sie, dass Freud die Libidotheorie aufgegeben hat?“ Die Antwort war kurz und bündig: „Nein, niemals! Niemals!“
Doch Freud war, nach Reichs Ansicht, nicht weit genug in die Geheimnisse der Natur vorgedrungen. „Verstehen Sie mich? Das, was Freud innerhalb des Organismus Libido nannte, ist auch außerhalb des Organismus eine Realität.“ Den von Freud aufgezeigten Weg habe er, Reich, weiterverfolgt, und so sei es ihm gelungen, nicht nur die „Bioenergie im Organismus“, sondern auch die „Orgonenergie außerhalb“ zu entdecken. „Und die äußere Energie ist blau. Sehen Sie das Blau im Himmel? Das ist mein Werk: Libido als physische, kosmische Realität.“ Und weiter: „Die Libido kann man heutzutage in einem Orgonakkumulator konzentrieren. Man kann sie aus der Luft gewinnen. […] Haben Sie davon gehört?“
Das war aber noch lange nicht alles. Eissler bekam noch mehr zu hören. „Sie wissen, dass ich die Todestriebtheorie getötet habe?“ Freud habe vom Todestrieb gesprochen. Es gehe aber nicht um einen Trieb, sondern um eine den Organismus schädigende Energie. Reich nannte sie „tödliche Orgonenergie“. „Sie ist in der Atmosphäre. Sie lässt sich mit Geräten messen.“
Eissler lieferte die Stichworte und Reich verfiel in einen Monolog nach dem anderen. Endlich hörte ihm jemand geduldig zu und er durfte über das sprechen, was ihn seit Jahrzehnten bedrückte – das Zerwürfnis mit Freud, das er nun aus seiner Sicht ins rechte Licht rücken konnte. Ja, es gab Differenzen, aber aus heutiger Sicht waren die Gemeinsamkeiten doch viel wichtiger. „Ich habe mir das alles jetzt von der Seele geredet.“ Das Interview endete mit Reichs rhetorischer Frage: „Können wir jetzt abschließen?“ Nein, das können wir nicht. Wir müssen das Interview erst noch einmal gründlich durchlesen, um das Doppelportrait zu erkennen, das uns Reich hier vor Augen führt: Freud, der Lehrer und Entdecker, „eine besondere Mischung aus einem fortschrittlichen, freien Geist, aber gleichzeitig würde ich ihn als einen Gentleman-Professor von 1860 definieren“, und Reich, der Schüler und Vollender des begonnenen Werkes, der sich im Kreis um Freud wie ein „Hecht im Karpfenteich“ fühlte.
Gleich zu Beginn des Interviews zeigt Reich auf ein Portraitfoto, das Freuds Schwiegersohn Max Halberstadt aufgenommen hat.
Es trägt die handschriftliche Widmung „Herrn Dr. Wilh[elm] Reich zur freundlichen Erinnerung an Sigm[und] Freud – März 1925.“ An Eissler gewandt fragt Reich: „Was können Sie in diesem Foto erkennen?“ Eissler ist verdutzt und antwortet zögerlich: „Nun, ein wenig.“ Die Leser der deutschen Neuausgabe des Interviews können noch weniger, nämlich gar nichts erkennen, denn das fragliche Foto ist in dem Buch nicht enthalten. Man findet es aber in einem Ende der 1960er Jahre unautorisiert übersetzten Raubdruck, herausgegeben von der „Produktionsgemeinschaft Schrift, Ton und Bild“ (Fantasia Druck, Schloss Dätzingen). Dass das damals möglich war, ist indirekt Reichs Nachlassverwaltern zu danken, die sich über die Anordnung hinwegsetzten, das Interview, wie von den Sigmund Freud Archives vorgesehen, hundert Jahre unter Verschluss zu halten. Sie publizierten den Text 1967 einschließlich des Fotos bei Farrar, Straus and Giroux in New York unter dem Titel „Reich speaks of Freud. Wilhelm Reich discusses his work and relationsship with Sigmund Freud“. Der Untertitel bringt zum Ausdruck, worum es – neben wissenschaftshistorisch interessanten Details, manchen Nebensächlichkeiten und Abschweifungen – tatsächlich geht: um das Leid eines von seinem verehrten Lehrer verstoßenen Schülers. Aus unerfindlichen Gründen wurde dieser Untertitel in der hier besprochenen Neuausgabe aber weggelassen.
Freuds Psychoanalyse sei an sprachliche Äußerungen gebunden, weshalb er „nicht hinter das zweite oder dritte Lebensjahr hinaus [habe] vordringen“ können. Reichs Bemühungen, die Geheimnisse der menschlichen Natur zu entschlüsseln, beruhten hingegen ganz wesentlich auf dem „Lesen von Gefühlsausdrücken“. Da Eissler sich nun aber nicht weiter darüber äußern wollte, welchen Eindruck der auf dem Foto abgebildete Freud auf ihn machte, ergriff Reich die Gelegenheit, ihm Freuds Gemütszustand anhand des Portraitfotos zu verdeutlichen. „Es ist ein sehr trauriger Ausdruck, wahre Verzweiflung, […] wenn ich den Gefühlsausdruck also richtig lese, dann stellt sich die Frage, warum er so verzweifelt war […]?“ Das Gespräch mit Eissler kann man auch als ein Selbstgespräch verstehen, mit dessen Hilfe Reich sich kurz vor seinem Lebensende noch einmal vergewissern wollte. Er starb 1957 mit sechzig Jahren allein und verlassen in einem Gefängnis in Lewisburg (Pennsylvania), in dem er wegen Missachtung eines Gerichtsbeschlusses einsaß, beziehungsweise weil er sich, wie er selbst meinte, nicht gebeugt und – anders als Galileo Galilei – seine Lehre nicht widerrufen hatte.
Wenn Reich über Freud spricht, dann spricht er oft auch über sich selbst. Zum Beispiel so: „Er hat alleine gelebt, einsam.“ (Reich über Freud) – „Ich stehe seit ungefähr 1930 völlig alleine da.“ (Reich über Reich). Eissler fragt nach, ob Reich denn glaube, dass Freud „Schwierigkeiten hatte, sein Alleinsein zu ertragen?“ In der Antwort mischen sich Fremdwahrnehmung (Freud) und Selbsterfahrung (Reich): „Er konnte es nicht ertragen. […] Es ist unerträglich schmerzhaft, gleichzeitig allein und lebendig zu sein. Das ist die Hölle. Ich bin selber da durchgegangen.“ Schließlich sei Freud an Mundhöhlenkrebs erkrankt. Warum? Weil er vieles von dem hinunterschlucken musste, was er sagen wollte, aber nicht sagen konnte. „Nun, das hängt alles zusammen […] mit dem gegenwärtigen Elend der Welt […].“
Ein Jahr bevor Reich das Foto mit der Widmung erhalten hatte, war die Welt noch in Ordnung: Er wurde Leiter des auf seine Initiative hin gegründeten Technischen Seminars der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Er sei „der beste Kopf in der Vereinigung“, habe Freud gegenüber Annie Angel einmal geäußert. Im Verlauf des Interviews nennt Reich dann verschiedene Anlässe und Zeitpunkte, die zum Bruch mit Freud geführt hätten. Ausgangspunkt waren die Fragen „Woher kommt das Leid?“ (so original im Interview) und Was kann man dagegen tun?
„Wie ist es zu erklären, […] dass es 80 Millionen Menschen in Deutschland gab“, die „denken konnten“, sich aber dennoch einem „einzigen Hitler“ unterwarfen? „Oder wie ist es möglich, dass ein einziger Djugashvill [gemeint ist Stalin – B.N.] 800 Millionen Menschen befehlen konnte?“ Sind der Masochismus des Individuums und die Unterwerfungsbereitschaft der Massen auf die Natur – sprich: auf einen Todestrieb – zurückzuführen (Freud) oder ist dafür die Erziehung der Kinder in einer als politische Herrschaftsorganisation konstituierten Kultur verantwortlich (Reich)? (siehe dazu ausführlich Bernd Nitzschke: „Die Wiederkehr eines Verdrängten. Die Neuausgabe von Wilhelm Reichs ‚Massenpsychologie des Faschismus‘ lädt zur wissenschaftshistorischen Rekonstruktion eines epochalen Werkes ein“ – https://literaturkritik.de/reich-massenpsychologie-des-faschismus-die-wiederkehr-eines-verdraengten,27469.html).
Ende 1929 habe in Freuds Wohnung im Beisein mehrerer Psychoanalytiker das entscheidende Gespräch stattgefunden. Freud habe die „KULTUR“ (sic!) um jeden Preis verteidigt, während Reich vehement widersprochen habe. „Ich war derjenige, der unbehaglich in der Kultur war.“ Freuds „direkte Antwort“ sei die Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) gewesen. Freud habe immer wieder gesagt, es sei „nicht unsere Aufgabe, […] die Welt zu retten“, während er, Reich, sich damals unter Berufung auf Freud und Marx politisch engagiert habe. „Und jetzt werden Sie erstaunt sein, was ich Ihnen jetzt sage […]. Ich bin jetzt genau da, wo Freud 1930 war.“
Reich glaubt jetzt nicht mehr daran, die Welt retten zu müssen. Auch hinsichtlich möglicher therapeutischer Erfolge sei er inzwischen „zu den gleichen Schlussfolgerungen“ wie seinerzeit Freud gelangt. „Bei Erwachsenen kann man nichts mehr tun.“ Ein Baum, der krumm gewachsen ist, sei nicht mehr geradezubiegen. „Alles ist sinnlos, außer der Arbeit mit Säuglingen.“ Also zurück zur Natur! Neugeborene Kinder könnten den Prinzipien natürlicher Selbstregulation entsprechend aufwachsen. Dieses Bild der Natur hatte Reich vor Augen, während Freud in ‚der‘ Kultur den einzig möglichen Schutz vor den Schrecken der Natur sah.
Die Lektüre des Protokolls des vor mehr als siebzig Jahren stattgefundenen Gesprächs zwischen Reich und Eissler eröffnet mannigfache Perspektiven. Hardcore-Reichianer können hier noch einmal nachvollziehen, mit Hilfe welcher Argumente Reich die Libidotheorie in den Himmel gehoben hat. Hardcore-Freudianer könnten manche Aussagen Reichs über Freuds Charakter („Er trug sehr viel Verachtung für Menschen in sich“) dazu bewegen, noch einmal etwas kritischer über ihr Idol nachzudenken. Wissenschaftshistorisch interessierte Leser finden in Reichs Erinnerungen neue Hinweise auf die in den 1920er Jahren geführten Debatten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Und das allgemeine Leserpublikum kann nachverfolgen, wie respektvoll zwei prominente Protagonisten der Geschichte der Psychoanalyse, die grundverschiedene Positionen vertraten, einander begegneten konnten.
Wer will, kann auf der Website der Library of Congress einen Teil des Interviews (vom 19. Oktober 1952) als Originalaufzeichnung hören (https://www.loc.gov/item/2023616261/). Zudem ist dort auch das Interview Eisslers mit Wilhelm Reichs erster Ehefrau, Annie Reich, aufzurufen, in dem sie u.a. darüber spricht, welch große Kränkung es für Wilhelm Reich bedeutet habe, dass Freud es ablehnte, ihn 1926 in (Lehr-)Analyse zu nehmen (https://www.loc.gov/item/2023616).
Thomas Harms, einer der Herausgeber der nunmehr autorisierten und vollständigen deutschen Edition des Gesprächs, hat ein Vorwort verfasst, in dem er die Leser über Reichs Leben und Werk sachkundig informiert. Zudem gibt es im Anhang kurze biographische Notizen zu den im Interview erwähnten Personen. Bedauerlicherweise haben es die Herausgeber aber unterlassen, selbst an besonders wichtigen Stellen Kommentare hinzuzufügen, die dem heutigen Stand des Wissens genügen. Ich nenne zwei Beispiele. Als Eissler Reich auffordert, ihm auch „Gerüchte“ mitzuteilen, da sie „für den Historiker unglaublich wichtig“ sein könnten, antwortet Reich, er besitze von Otto Fenichel verfasste „Briefe“, die viel „‚psychoanalytischen Tratsch‘“ enthielten. Er könne ihm Kopien davon überlassen. Die Herausgeber der Neuedition klären den Leser an dieser Stelle jedoch nicht darüber auf, dass es sich dabei um die von Fenichel bis 1945 an die Freudomarxisten verschickten „Rundbriefe“ handelt, die gegebenenfalls verbrannt werden sollten, um nicht einem der linientreuen Vertreter der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (wie Eissler einer war) in die Hände zu fallen. So groß war damals noch die Angst der Linksfreudianer, sie könnten – wie Reich beim Internationalen Psychoanalytischen Kongress 1934 in Luzern – aus der IPV ausgeschlossen werden. Noch gravierender ist allerdings das Versäumnis der Herausgeber, auch schwerwiegende Irrtümer Reichs zu korrigieren. So behauptet Reich an einer Stelle: „[…] ich war niemals Mitglied der Kommunistischen Partei.“ Diese Falschaussage – oder auch nur Erinnerungstäuschung? – mag dem Umstand geschuldet sein, dass das Gespräch mit Eissler in der McCarthy-Ära stattfand, in der die Hatz auf tatsächliche, vermeintliche oder auch nur vormalige Kommunisten in den USA Staatsräson war. Wilhelm Reich wurde 1927 Mitglied der KPÖ und trat im Oktober 1930 bei der Nationalratswahl in Österreich als Kandidat der KPÖ an. Kurz danach übersiedelte er nach Berlin und wurde Mitglied der KPD. Wegen „Herausgabe eines Buches mit konterrevolutionärem Inhalt“ – so die Diktion der KP-Apparatschiks, die damit Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ meinten – wird er Ende 1933 aus der KP ausgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt war Wilhelm Reich bereits auf der Flucht und lebte im Exil in Dänemark. Philip W. Bennett hat Wilhelm Reichs politisches Engagement unlängst noch einmal detailliert rekonstruiert: From Communism to Work Democracy: The Social and Political Life of Wilhelm Reich (Brill 2026).
|
||














