Im Mercedes mit Müllermilch in der Mittelkonsole nach St. Moritz
In „1999 Meter über dem Meer“ erzählt Caroline Wahl eine mitreißende Geschichte vom Unterwegssein
Von Anne Amend-Söchting
Caroline Wahl, popkulturelles Phänomen und Shootingstar der aktuellen deutschen Literaturszene, veröffentlicht ihren nunmehr vierten Roman innerhalb von vier Jahren. Dass die Jury des Deutschen Literaturpreises auch diesen verschmäht, dürfte der Autorin nichts mehr ausmachen angesichts eines Erfolgs, der sich nicht nur an Verkaufszahlen ablesen lässt. Die Verfilmung von 22 Bahnen, Schulausgaben des Romans mit Lektüreschlüsseln sowie ein Symposion an der Universität sprechen für die Qualität ihrer Texte.
Im Vergleich der Titel fällt auf, dass nur einer keine Zahl mit sich führt: Die Assistentin. Etwas verhaltener als die anderen gibt sich dieser Roman mit seiner doppelten Erzählstimme, die sich einerseits homodiegetisch an die Protagonistin Charlotte schmiegt und das Geschehen andererseits ab und an heterodiegetisch kommentiert. Mit 1999 Meter über dem Meer, ihrem zweiten Werk mit Primzahl im Titel, kehrt Caroline Wahl zur explosiven Frische der 22 Bahnen und der Windstärke 17 zurück. Die drei „Zahlenromane“ sind durch ihre Hauptfiguren untereinander vernetzt, jedoch nicht als Trilogie konzipiert. Samara, wieder eine icherzählende Protagonistin, ist Idas (Windstärke 17) beste Freundin.
Während Wahls bisherige Buchcover eher unauffällig daherkommen, besticht das neue mit einem optischen Wow-Effekt. Das Motiv aus einem Werbeplakat für die „St. Moritzer Automobilwoche 1930“ wurde in einen lila Schutzumschlag hineinmontiert – ein Lila, das dem Mulberry-Lila entspricht, das Samara bei Qatar Airlines und seinen Flugbegleiterinnen schrecklich findet. Mit ihnen ist sie nach Indonesien, auf Bali, geflogen. Eigentlich wollte sie einen Monat dort sein, aber als ihr noch 22 (!) Tage bleiben, bucht sie ihren Flug nach Deutschland um, weil sie Bali schlichtweg „scheiße“ findet. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei ihren Eltern fährt Samara in ihrem ersten eigenen Auto nach Berlin. Ihr Vater, ein KFZ-Mechaniker, hat ihr einen Mercedes Cabrio SL R 129 geschenkt, Erstzulassung 1999.
In der Werbeagentur, in der sie eine Festanstellung gefunden hat, hält sie es gerade einmal drei Wochen aus, bevor sie in ihrem Cabrio gen Süden reist. Nach drei Tagen Oberstdorf geht es weiter nach St. Moritz, wo Samara in der Wohnung eines flüchtigen Bekannten unterkommt. Seine Kontaktdaten hat sie lediglich als „St. Moritz“ gespeichert. Im Ort kommt sie mit einer Gruppe junger Leute ins Gespräch. Samara, die eine begeisterte und gute Hobbyfotografin ist und ihre Leica immer dabeihat, sagt, nun, dass sie die Kamera mit sich führe, weil sie Kunstfotografin sei. Als solcher bietet man ihr die Gelegenheit, ihre Fotos ganz „random“ bei einem Disco-Event auszustellen. Als dabei „St. Moritz“, mit Klarnamen Fritz, der „ein großer Fisch in der Filmindustrie“ sei, auftaucht, wird die Lage kompliziert. „Fritzi“ verlässt St. Moritz wieder, Samara indessen verlängert ihren Aufenthalt und bereitet intensiv die zweite Ausstellung ihrer Fotos vor, die nun in einer berühmten Galerie stattfinden soll.
Samara erlebt und erzählt gleichzeitig, denn ihre Autorin liebt die Immersion in eine Unmittelbarkeit, deren Tempus nur das Präsens sein kann. Hinzu treten die „wahltypischen“ Einlagen mit direkter Rede, oft witzige dramatische Sequenzen im Narrativen, die isoliert vom Rest des Romans gelesen werden könnten – so etwa ein Dialog mit einem „Typen“ an einer Autobahnraststätte über ein rot aufleuchtendes Lämpchen im Auto. Charakteristika ungefilterter Umgangssprache, Fäkalwörter und Grammatikfehler inklusive („klarkommen auf“, „dieselben Schuhe wie“ für dasselbe Modell), eine Vielzahl von Wiederholungen (gern zuerst als Gedanke, dann in direkter Rede wiederholt) und außerdem die Dopplung eines Wortes als Verstärkung der Aussage (ein relativ neues, inzwischen sehr verbreitetes Phänomen, wie zum Beispiel „Zuhause-Zuhause“ oder „Abschieds-Abschiedskuss“) addieren sich zu einem schlüssigen stilistischen Gesamtkonzept. Ungewöhnliche Vergleiche finden darin ebenso ihren Platz: „Wie ausgehungerte Enten, denen man ein Stück Brot hinwirft“, das heißt völlig „distanzlos“, überfallen die Hostel-Gäste auf Bali ihre Mitbewohner:innen; Berlin ist „wie ein süßes, zerknautschtes ADHS-Kind kurz nach dem Aufwachen“ und in St. Moritz vermehrt sich das Geld wie die Zucchini im Garten von Samaras Mutter. Diese ironisch aufgeladene Bildlichkeit macht Laune und trägt, so wie die Persiflage auf Bali und St. Moritz, sehr zur Attraktivität des Textes bei. Mit Bali, der in den letzten Jahren so gehypten Insel aller Sinnsucher:innen und Yogajunkies, kontrastieren die „Old-Money-Vibes“ der reichen und mitunter schönen Menschen in St. Moritz. Schon allein wegen der Verballhornung des dominierenden Spirits dieser beiden Orte muss man 1999 Meter über dem Meer lieben.
Doch das Satirische allein wäre zu kurz gegriffen. Seine reflexive Brechung – eine „eklige Einstellung“ sei es, die anderen „so angewidert aus der Distanz zu beobachten“ – passt zu Samaras „Dunkelheit“, zu dem, was sie in die Nähe von Ida und Charlotte rückt. Im Gegensatz zu diesen beiden ist bei Samara kaum Reaktives zu diagnostizieren, weder Schuldgefühle wie bei Ida noch Überlastung wie bei Charlotte. Ihre „Dunkelheit“ ist existenziell. Als Leiden an sich selbst und der Welt ist es am ehesten als romantischer Weltschmerz einzuordnen, in eine ganzheitliche Desillusionierung, wie man sie zum Beispiel aus Honoré de Balzacs Verlorenen Illusionen (1844) oder Alfred de Mussets Bekenntnissen eines jungen Zeitgenossen (1836) kennt. Leitmotivisch wandern die „Dunkelheit, die drückt“, „drückende Dunkelheit“ oder „dunkle Phasen“ durch den Text, oftmals verstrickt mit Angst, der „wahnsinnigen Angst vor den dunklen Wolken, die aufziehen“, genauso wie die „Angst davor, dass sie dann da sind“. In St. Moritz äußert sich die Angst darüber hinaus spezifisch als Akrophobie (Höhenangst), als Kollabieren beim Gondelfahren bergauf.
In Samaras Affektwelt verbünden sich Dunkelheit und Angst mit einem „Außenseitergefühl“, von dem sie den Eindruck hat, dass es sich auf Bali „potenzieren würde“, es nahezu „physisch spürbar“ sei, „wie eine Wolke oder eine Glaskugel“, die sie umhülle. Samara bilanziert: „In einer getrübten Glaskugel bin ich gefangen, in der ich schlecht Luft bekomme. Dazu verdammt, nie meinen Beobachterposten zu verlassen“. In St. Moritz wird es etwas besser.
„Melancholie ist ein sehr schönes Gefühl, finde ich“, sagte Caroline Wahl in einem Gespräch mit Elke Heidenreich, das 2024 bei Chrismon erschien. Damit pointiert sie das, was dem Gemütszustand Melancholie seit alters her innewohnt: seine Ambivalenz. Das konkurrierende Miteinander von Hell und Dunkel, von Euphorie und Dysphorie. Samaras liebstes alkoholisches Getränk ist nicht von ungefähr Amaretto Sour, dessen kulinarische Harmonie sich im Zusammenspiel der Gegensätze süß und sauer entfaltet.
Mit Samaras Entscheidung, Richtung Süden davonzufahren, lichtet sich die Dunkelheit. Auf ihrer Reise nimmt sie wechselnde Identitäten an. So zum Beispiel die von Lena, einer Medizinstudentin in Oberstdorf, oder die der Foto-Künstlerin Resa in St. Moritz. Sie führt das Dasein einer jungen Frau in einer Art postpubertärem Moratorium beziehungsweise einer modernen Picara, die von einem kleinen Abenteuer ins nächste stolpert und ihre Kamera benötigt, um sich auf die Wechselfälle ihrer Umgebung einzulassen. Gegenüber Fritzi gesteht sie: „Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich die Welt um mich herum nur durch meine Leica ertragen, begreifen und einfangen könnte“.
Die Lebenswelten, denen sie sich annähert, sind auf den ersten Blick ideologische Gegenpole: Der Suche nach Wahrhaftigem auf Bali steht das Streben nach möglichst kostspieligem Zeitvertreib in St. Moritz gegenüber. Allerdings stellt sich das Bemühen um Authentizität und Sein genauso wie der glitzernde Schein als eine Spielart des Divertissements heraus, dem sich Menschen ergeben, um die Konfrontation mit ihrer Conditio humana zu vermeiden.
Beim ersten Angebot, ihre Fotos auszustellen, möchte sich Samara dem Unauthentischen entziehen. Sie flieht aus St. Moritz, um nach wenigen Stunden, angefüllt mit waghalsigem Autofahren, Angst und Suizidgedanken, zurückzukehren. Obschon sie die Voraussetzungen dafür selbst geschaffen hat, wird Samara ungewollt zur Hochstaplerin, zu exakt dem, so lässt sich folgern, was die Welt in ihrem eitlen Gebaren benötigt. Und es ist vielleicht das, womit sie ein Impostor-Syndrom umgeht. Einfach einmal hochstapeln, um der Angst, als Impostorin entlarvt zu werden, zu entkommen. Als ihr die Chance auf eine zweite Ausstellung in einer berühmten Galerie geboten wird, bereitet sie diese ernsthaft und akribisch unter dem Titel „Dämmerung“ vor. „Fake it till you make it“ – echte Leistung entsteht. Ob sie als solche gewürdigt wird, bleibt offen.
Caroline Wahl lässt ihre realistische, nicht immer hundertprozentig glaubwürdige Protagonistin mit ihrer Melancholie und ihren Ängsten nomaden- und monadenhaft durch ihr Dasein mäandern. All das ist nicht neu, aber mit faszinierenden innovativen Akzenten gespickt. Die Freiheit, unterwegs zu sein, dürfte viele an Jack Kerouacs On the road oder Wolfgang Herrndorfs Tschick erinnern. Wider jegliches Carsharing und/oder Carshaming, das Samara in Berlin auffällt und das von einer gewissen kognitiven Dissonanz zeugt (Porsche Cayenne für die Wochenendausflüge und Lastenfahrrad im Alltag), avanciert das Auto zum Symbol für Individualität und Ungebundenheit. Samara fremdelt erst ein bisschen mit dem Fahren, ist aber schnell völlig enthusiasmiert. Ihr ist es wichtig, ihren eigenen Wagen zu besitzen und zu steuern – ihr „Mercedes-Baby“, wie Caroline Wahl selbst sagen würde.
Beim Lesen des Romans öffnet sich zudem ein breiter Fächer an teils impliziten, teils expliziten Intertexten. Neben den direkt aufgerufenen Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull drängt sich Thomas Manns Zauberberg und die berühmte Schneewanderung im Kapitel sechs des Romans auf. Als Samara allein in einem Gebirgsgewitter unterwegs ist, halluziniert sie, von einem Greifvogel attackiert zu werden, bevor sie an einer Bergstation einschläft und ihr Fritzi zu Hilfe eilt. Beim Wandern befinden sich beide später einmal exakt „1999 Meter über dem Meer“.
In Wahls Romanen berühren sich Reminiszenzen an Trash und Literatur, womit sich Grenzen auflösen und traditionelle Bewertungsnormen an Bedeutung verlieren. Samara etwa schaut TV-Formate vom Bachelor bis hin zu The Last of Us genauso, wie sie Romane von Kaleb Erdmann, Timon Karl Kaleyta, Milan Kundera und Irène Némirovsky liest.
In den Bereich Trash lassen sich ebenfalls Produktplatzierungen einordnen. Caroline Wahl nutzt sie produktiv, wofür „Müllermilch“ in der ganzen Palette ihrer Geschmacksrichtungen ein Paradebeispiel liefert. Samara ist verrückt danach, obwohl die Milch ihr nicht nur wohltut, sondern oft doppelt Bauchschmerzen bereitet. Erstens grummelt der Magen und zweitens belastet es ihr Gewissen, dass man Müllermilch wegen der dubiosen AfD-Freundschaften des Unternehmensinhabers boykottieren müsste. Mit „zwei Trinkpäckchen Emmi Energy Milk Vanilla in der Mittelkonsole“ verabschiedet sie sich schließlich von der Müllermilch.
Während ihrer Bergtouren, während der Vorbereitung ihrer Ausstellung und im Zusammensein mit Fritzi gelingt es Samara, sich gegen ihre Angst zu positionieren. Dabei verschwindet die Angst nicht, denn die „scheinbare Angstlosigkeit“ sei „eine Entscheidung“, die sie täglich treffe.
Mehr noch als in den drei Romanen zuvor überzeugt Caroline Wahl in 1999 Meter über dem Meer mit der Konturierung und Modellierung existenzieller Untiefen, die sie in das Porträt ihrer unsteten Heldin zu integrieren versteht. Samara lebt im Hier und Jetzt. Sie reflektiert sich ebendort mit all ihren Ecken, Kanten und Widersprüchen. Daraus resultiert ein Text, der mit seinem antithetischen Impetus punkten kann: Er ist gehaltvoll und abgründig, gleichzeitig schnodderig und frech. Unterhaltungsliteratur mit Tiefgang eben, die das Zeug hat, zu polarisieren und Debatten zu entzünden. Kurzum: es ist eine große Freude, Caroline Wahl zu lesen, mit ihren Texten Mut und Individualität zu feiern und sich nicht zuletzt mit ihnen einen Weg durch die Absurditäten der Welt zu bahnen, für die Bali und St. Moritz perfekte Sinnbilder sind.
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