Wenn Träume zum Verbrechen werden
Zwischen Kafka und „Minority Report“: Laila Lalamis Roman „Das Dream Hotel“ erzählt von einer Gesellschaft, die im Namen der Sicherheit alles opfert
Von Oliver Pfohlmann
Jemand musste Sara H. verleumdet haben. Denn ohne dass die junge Mutter etwas Böses getan hätte, wird die Hauptfigur von Laila Lalamis neuem Roman eines Morgens verhaftet. Und zwar nach der Rückkehr der Archivarin von einer Konferenz in London, am Flughafen von Los Angeles, wo ihr Mann mit den Kindern auf sie wartet. Eine Beamtin scannt ihre Neuroprothese und winkt Sara aus der Reihe. Es folgt eine kafkaeske Befragung, mit dem Ergebnis: Saras „Risikowert“ ist zu hoch, sie stelle eine Gefahr dar, vor allem für ihren Mann. Weshalb man sie einbehalten müsse, für 21 Tage, bis der Risikowert wieder im grünen Bereich sei.
,Es muss sich um einen Irrtum handeln‘, sagte Sara. / ‚Oh nein, das ist kein Irrtum.‘
‚Aber ich würde niemals –‘ / ‚Der Algorithmus weiß, was Sie vorhaben, bevor es Ihnen selbst klar ist. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Die gesetzlich bestimmte Einbehaltung erfolgt zu Ihrem eigenen Besten. Sie verhindert, dass Sie impulsiv handeln.‘
291 Tage später wartet Sara noch immer auf ihre Entlassung, in einer Einrichtung namens Madison, in der sie und andere Frauen lückenlos überwacht werden. Wer es wagt, das Madison als „Gefängnis“ zu bezeichnen, riskiert eine Verlängerung seines Aufenthalts. Wobei dazu zur Not auch schon die falsche Frisur reicht. Denn die Regeln im Madison sind darauf angelegt, dass es zu immer neuen Verstößen kommt. Schließlich will man die „Einbehaltenen“, wie sie offiziell genannt werden, hier möglichst lange als billige Klickarbeiterinnen ausbeuten: Indem die Internierten digitale Bilddaten auswerten, unterstützen sie unfreiwillig die KI-Systeme der betreibenden Tech-Firma.
Anpassung und Gehorsam scheinen der einzige Weg zurück in die Freiheit zu sein, woran Sara auch ständig erinnert wird, von ihrem Mann ebenso wie von ihrem Vater und ihrem Anwalt. Doch Sara lernt schnell: „Wenn sie im Madison etwas gelernt hat, dann, dass Wohlverhalten im Körper beginnt. Der Trick besteht darin, jedes Aufflackern von Persönlichkeit, jeden Hinweis auf Anderssein zu verbergen. Aus weißen Kuppeln an der Decke sehen die Kameras zu.“
Das Dream Hotel heißt der neue Roman von Laila Lalami. Die 1968 in Marokko geborene US-amerikanische Autorin unterrichtet an der University of California kreatives Schreiben und wurde hierzulande 2019 mit ihrem Roman Die Anderen bekannt; in den USA heimste sie für ihre Werke schon einige Nominierungen etwa für den Booker- oder Pulitzer-Preis ein. Ihre Überwachungsdystopie spielt in einem Amerika der nahen Zukunft, das dem heutigen aber gespenstisch ähnelt, ob man nun an die Verhaftungsorgien durch Trumps Einwanderungsbehörde denkt oder an Palantir, den Hersteller von Überwachungssoftware.
Die literarischen Vorbilder des Romans liegen auf der Hand: Neben Kafka, Dave Eggers’ The Circle oder Jessamine Chans Institut für gute Mütter ist es vor allem Philip K. Dicks Erzählung Minority Report, in der Täter verhaftet werden, noch ehe sie ihre Verbrechen begangen haben. In dieser von Stephen Spielberg verfilmten Erzählung dominierte die Sicht der Behörden – Lalamis Das Dream Hotel wird dagegen fast ausschließlich aus der klaustrophobischen Perspektive der Hauptfigur erzählt.
Und Lalamis Protagonistin lässt die Frage, warum der Algorithmus sie für eine Gefahr hält, nicht mehr los. Alle möglichen Parameter scheinen dabei eine Rolle zu spielen: zum Beispiel ein belangloser Streit mit einem Störenfried auf Facebook. Oder die Erfahrung sexueller Gewalt in ihrer Jugend. Oder ein vorbestrafter Cousin. Alles Daten, die das Gewaltpotenzial der jungen Mutter angeblich erhöhen sollen, jedenfalls statistisch gesehen.
Nicht zuletzt sind es aber Saras Träume, die das „Amt für Risikobewertung“ alarmieren. Aufgezeichnet wurden sie von ihrer Neuroprothese, die Sara zur Verbesserung ihrer Schlafqualität implantieren ließ. Dass das Gerät auch ihre Träume aufzeichnet und weiterleitet, ist übrigens im Roman völlig legal, wie Sara erfährt; es stand ausdrücklich in den Geschäftsbedingungen.
Ob sie denn nicht wisse, dass Träume Fenster ins Unbewusste waren? (…) Sie enthüllten Ängste, Wünsche und kleinlichen Neid ehrlicher, als man es sich im Wachzustand jemals erlauben würde.‘ (…) / ,Na gut, aber sie sind keine Verbrechen.‘ / ,Sie könnten aber zu Verbrechen werden. Genau darum geht es.‘
Die Darstellung von Saras wachsender Verunsicherung über sich selbst gehört zu den Stärken von Lalamis Roman. Bald schon führt sie im Madison ein Traumtagebuch, zur Selbstvergewisserung, grübelt über ihre Ehe oder Erlebnisse in ihrer Kindheit. Doch was ist mit ihrem Mann, glaubt er überhaupt noch an ihre Unschuld? Und wie enttäuscht muss ihr aus Marokko eingewanderter Vater sein, der sie im Umgang mit den Behörden doch stets zu einer „migrantischen Vorsicht“ ermahnt hatte?
Überschritten wird Saras Froschperspektive als von der Außenwelt abgeschnittene Internierte durch ihre Recherchen im Internet und ihr Nachdenken über gesellschaftliche Entwicklungen, aber auch durch Dokumente, die die Autorin zwischen die Kapitel einstreut, zum Beispiel Protokolle des Wachpersonals oder Arztberichte. Und dann gibt es noch recht genau in der Mitte des von Michaela Grabinger in ein gut lesbares Deutsch übersetzten Romans ein überraschendes Kapitel aus der Sicht einer Programmiererin des Sicherheitsunternehmens. Doch so viele Erwartungen zum weiteren Handlungsverlauf gerade dieses Kapitel weckt, es führt ebenso ins Nichts wie Saras Recherchen über eine Jugendfreundin, die sich schon früh für ein Offline-Leben entschieden hatte.
Schade, dass Laila Lalamis 500-Seiten-Roman an einigen erzählerischen Schwächen leidet: vom narrativen Leerlauf gerade in der ersten Hälfte bis zu besagten losen Handlungsfäden. Denn davon abgesehen ist Das Dream Hotel ein ebenso erschreckender wie hellsichtiger Kommentar zu einer Gegenwart, die längst im Hintergrund von undurchsichtigen Algorithmen und KIs bestimmt wird. Und in der am Ende womöglich alles darauf ankommt, ob wir die Geschäftsbedingungen auch wirklich gelesen haben.
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