Narben der Erinnerung

Pamela Katz' Debütroman "Die Seeräuberin"

Von Eva Magin-PelichRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eva Magin-Pelich

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im 20. Todesjahr der Sängerin und Schauspielerin Lotte Lenyas ist im Aufbau Verlag Berlin ein, wie es im Untertitel heißt, Lotte-Lenya-Roman erschienen. Es ist das Werk der in Berlin und New York lebenden Drehbuchautorin Pamela Katz, die den Fernsehzuschauern vielleicht durch das TV-Spiel "Scheidung auf Rädern" bekannt ist. Mit der "Seeräuberin" wechselte die in New York geborene und aufgewachsene Katz nun das Genre und legt ihren ersten Roman vor. Erwartet den Leser eine Lenya-Biografie in Romanform?

Die Rahmenhandlung der "Seeräuberin" ist schnell wiedergegeben: Im Sommer des Jahres 1950 reist die junge amerikanische Journalistin Alison Ritchie per Schiff nach einjährigem Europaaufenthalt zurück in die Vereinigten Staaten. Sie hat den Auftrag, eine Reportage über das Luxusschiff zu schreiben. Während der sechs Tage dauernden Überfahrt lernt sie eine seltsame alte Frau kennen, die sich als Mutter Lotte Lenyas entpuppt. Ritchie erkennt, "die Schiffsreise mit Lotte Lenyas Mutter könnte der journalistische Coup meines Lebens werden". Doch Johanna Blamauer, Lenyas Mutter, gibt sich störrisch und verstockt. Die Informationen, die Alison ihr entlocken kann, sind spärlich, dafür aber sensationell.

Wer Lenyas Lebensgeschichte nur am Rande in der durch die Sängerin selbst geprägten öffentlichen Fassung kennt, wird sich an manchen Stellen im Roman fragen, warum die Autorin Dinge schreibt, die ein negatives Licht auf die Ehefrau Weills werfen. Doch Pamela Katz ist im Recht: sie hat den Stand der Forschung zusammengefasst und Lücken mit ihren eigenen Überlegungen gefüllt, hat nicht nur die Lenya-eigenen Darstellungen übermittelt. So ist ein Roman entstanden, der ohne die notwendige Länge, die einer Biografieschreibung zukäme, mit dem Leben der Lenya bekannt macht. Entstanden ist aber auch ein Roman über die beiden anderen Frauenfiguren, die Mutter und die Journalistin. Alle drei Frauen kommen mit der wechselnden Erzählperspektive jeweils selbst zu Wort und geben somit etwas von sich preis.

Liest man den Roman auf dieser zweiten Ebene, durchziehen immer wieder Gefühle der Schuld, Einsamkeit und Unsicherheit den Text. Die Reporterin wird von Erinnerungen gequält, sie empfindet sie als "kleinere oder größere Narben [...], die hin und wieder aufplatzen". Ihre Motivation ist anfangs schwer nachvollziehbar, da man ihre Geschichte noch nicht kennt, diese nur in Gedankenfetzen dargestellt wird. Doch bald ist Alison Ritchie keine Fremde mehr und ihr Handeln macht Sinn.

Johanna Blamauer hat sich in ihrem Leben einen Panzer zugelegt, der so hart geworden ist, dass es nicht einmal ihr selbst gelingen will, ihn zu durchbrechen. Liebt oder verachtet sie ihre berühmte Tochter? Es sind kleine Aussagen, die den Mutter-Tochter-Konflikt deutlich machen. Johanna glaubt, dass roter Lippenstift etwas Nuttenhaftes an sich hat: "Du würdest gut daran tun, ihn nicht weiter zu benutzen, wenn ich komme. Und wenn du mich weiter 'Linnerl' zu dir sagen läßt, könnten wir uns vielleicht aneinander gewöhnen." Die Tochter ist zu diesem Zeitpunkt Anfang fünfzig!

Und welches Geheimnis trägt Lenya in sich? Was machte sie zu dem was sie ist? Zwischen den Darstellungen der Mutter und der Tochter liegen Welten. Damit wird der Roman auch zu einem Text über Fremdbilder und Eigenbilder, über die verschiedenen Wahrheiten auf dieser Welt. Die Einschübe, in denen Lenya selbst zu Wort kommt, gehören zu den beeindruckendsten Stellen des Romanes. Auch hier sind es, wie bei der Mutter, die beiläufigen Bemerkungen, die kraftvoll agieren: "ab und zu muß ich zurück in die Hölle, vielleicht um meine Überlebenskräfte zu prüfen, ich verstehe es selber nicht ganz."

"Die Seeräuberin" ist ein Roman, der den Leser in seinen Bann zieht, allerdings nicht in den kurzen und schnell vergänglichen Bann während des Lesens, sondern in den anhaltenden und nachdenklich stimmenden, die Frage stellenden: "Wer war Lotte Lenya wirklich?"

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Pamela Katz: Die Seeräuberin. Ein Lotte-Lenya-Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Oliver Wolfskehl.
Aufbau Verlag, Berlin 2001.
283 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-10: 3351029039

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